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SWR1 3vor8

Die eigene Meinung sagen und dabei bleiben - wer das schafft, bekommt hohe Anerkennung. Wenn der Aufrechte allerdings eine andere Meinung hat als die Mehrheit, dann wird er leicht Gutmensch genannt, Sturkopf oder Fanatiker. Und wenn er seinen Glauben an Gott zur Begründung nennt: Dann sagen manche Moralapostel oder religiöser Besserwisser. Damit ist man die unbequemen Mahner los. Auf Sturköpfe und Moralapostel braucht man nicht zu hören.
So ist es anscheinend zu seiner Zeit auch dem Propheten Jeremia gegangen. Mehr als zweieinhalb tausend Jahre ist das her. Im Namen Gottes hat er die soziale Ungerechtigkeit seiner Zeit angeprangert und die religiöse und moralische Unentschlossenheit der Leute. Jeder sucht sich seine Religion und seine moralischen Prinzipien, wie es für ihn nützlich ist, hat er gesagt. Aber die Gebote Gottes, die haben sie vergessen. Und dass es nur einen Gott gibt - das ist ihnen zu unbequem.
Dafür haben die Leute Jeremia beschimpft und verhöhnt. „Des Herrn Wort bringt mir den ganzen Tag nur Spott und Hohn" (Jer 20,8) hat Jeremia damals beklagt. In den evangelischen Gottesdiensten wird heute daran erinnert. Jeremia selbst hat damals aufgeschrieben und in der Bibel kann man nachlesen, wie es ihm gegangen ist: „Alle meine Bekannten warnen mich und warten darauf, dass ich stürze", schreibt er. Aber wenn ich mir vornehme, nicht mehr von dem zu reden, was ich glaube und wie ich deshalb die Vorgänge im Land sehe, dann brennt es in meinem Herzen wie Feuer. Ich muss doch sagen, was ich für richtig halte.
Mich hat es erschreckt, als ich das gelesen habe. Denn ich fürchte, dass es immer so war und heute noch so ist. Ich habe an die Geschwister Scholl gedacht, an Martin Luther King. Im Grunde ging es ja auch Jesus nicht anders. Sie waren überzeugt, dass es die Wahrheit ist, die sie glauben und sagen. Aber viele um sie herum fanden, damit muss man sich nicht abgeben. Deshalb haben sie „Gutmensch" gesagt oder „Moralapostel" oder sogar weg mit ihnen Was wenn es heute auch wieder so ist? Dass wir Warnungen Warner wegschieben, abtun, weil sie uns unbequem sind??
Auch Jeremia damals ist gescheitert. Die Menschen haben nicht auf seine Warnungen gehört. Haben sie beiseite gewischt. Quatsch. Sein Volk ist in den Untergang gerissen worden. Sie hätten auf ihn hören sollen. Hinterher ist man immer klüger. Trotzdem. Jeremia erinnert mich: Wir sollten solche unbequemen Mahner nicht einfach als Moralapostel abqualifizieren. Sondern ihnen zuhören, ihre Anfragen ernst nehmen. Und froh sein, dass Menschen solche Fragen stellen.

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