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SWR1 3vor8

Niemand fängt mit sich selber an. Und keiner hört mit sich selber auf. (Hans-Christoph Askani)
Was das heißen soll? Für mich steckt in diesem Satz, dass ich es nicht in der Hand habe, wie ich geworden bin. Meine Eltern haben mich erzogen und das hat mich geprägt. Manches war bestimmt gut für mich. Anderes hat es mir schwer gemacht, ein fröhlicher Mensch zu werden. Niemand fängt mit sich selber an. Ich auch nicht.
Und keiner hört mit sich selber auf. Meine Kinder sind von dem geprägt, was sie bei uns Eltern erlebt und wie wir sie erzogen haben. Irgendwann werden sie vielleicht sagen: Meine Mutter ist schuld daran, dass ich so geworden bin. So, wie ich auch manchmal denke: Meine Mutter hat mich zu der werden lassen, die ich bin. Oder mein Vater. Oder meine Lehrer. Oder der Nachbar, mit seinen schlimmen Sprüchen. Vielleicht auch die freundliche Nachbarin, die immer ein gutes Wort für mich hatte.
Niemand fängt mit sich selber an und keiner hört mit sich selber auf.
Schon immer haben Menschen damit zu erklären versucht, dass sie sich selbst nicht verstehen. Dass sie womöglich gar nicht verantwortlich sind für das, was sie tun. Bei Paulus, dem berühmtesten Briefschreiber in der Bibel, heißt das so: „Wie ich handle istmir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das,was ich verabscheue."(Rö 7, 15) Heute wird das in den evangelischen Gottesdiensten vorgelesen. Wahrscheinlich hätte auch Paulus aufzählen können, was ihn geprägt hat.
In seinem Brief fragt er sich, ob es einen Ausweg aus diesem Teufelskreis gibt. „Wer wird mich davor bewahren?" fragt Paulus. Und hat anscheinend auch eine Antwort: „Dank sei Gott!" schreibt er, „Er hat es getan!" Er macht mich frei aus dieser Verkettung, bei der aus der Schuld der anderen meine eigene Schuld wird, die ich dann wieder an andere weiterreiche.
Wie gut wäre es, wenn ich das annehmen könnte, was ich mitbekommen habe. Dann muss ich nicht meine Kraft aufbieten, um mich dagegen zu wehren. Dann kann ich das Gute, was andere mir mitgegeben haben, durch mich wirken lassen. Und das Böse kann ich vielleicht verwandeln. Wenn ich begreife, was mir nicht gut getan hat - vielleicht kann ich es dann anders und besser machen?
Paulus schreibt:Gott gibt denen die Möglichkeit, neu anzufangen, die es brauchen und wollen.
„Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz." (Psalm 51, 12) habe ich in der Kinderkirche zu beten gelernt. Als Erwachsene Frau sage ich jetzt dazu: und gib mir die Kraft, mich zu verändern.
Leicht ist es nicht, weiterzukommen mit dem, was mich geprägt hat. Aber vielleicht ist so ein Gebet ein Anfang.

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