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SWR1 3vor8

Allerheiligen
Selig, die ein reines Herz haben!" - „rein", das riecht stark nach Moral. Das mag so riechen, ist aber nicht so. Ein „reines Herz" haben, das hat nichts zu tun mit: reinlich und makellos, mit keusch und moralisch intakt. Wenn Jesus die selig preist, die ein „reines Herz" haben - dann hat das überhaupt nichts zu tun mit irgendeiner muffigen Leib- und Sexualfeindlichkeit. Nein, in den so genannten „Seligpreisungen" der „Bergpredigt" spricht Jesus die Stärke der Menschen an. Davon ist heute - an Allerheiligen - in den katholischen Gottesdiensten zu hören.
Wie ist das mit dem „reinen Herzen" dann gemeint? - So wie ich Jesus verstehe, ist das gemeint: Im Herzen „rein" ist ein Mensch, der unverfälscht ist, ehrlich in der Gesinnung, gut in den Absichten, die aus dem Herzen kommen - wie andererseits die bösen Gedanken auch.
Herzensrein sind Menschen, die mit anderen ohne Hintergedanken umgehen, ohne irgendwelche versteckten Absichten, ohne jemanden rumkriegen zu wollen. Solche Menschen haben eine Ausstrahlung. Wo sie auftauchen, wird es irgendwie hell. Und ich glaube, dass sie auch so richtig von Herzen lachen können.
Das können junge Menschen sein und alte, bekannte und unbekannte Frauen und Männer. Ihnen ist gemeinsam: Sie haben an irgendeinem Punkt in ihrem Leben etwas von der Botschaft Jesu begriffen, ja, wurden ergriffen davon. Haben Ernst damit gemacht und versucht, im Sinne Jesu zu leben. Katholiken und Orthodoxe nennen sie: Heilige. Evangelische sagen: exemplarische Christen. Vorbilder eben: Elisabeth von Thüringen und Franz von Assisi, Edith Stein und Dietrich Bonhoeffer, Mutter Teresa und Frère Roger. Heute ist ihr aller Gedenktag: Allerheiligen. Jemand hat es einmal schön und treffend so gesagt: der beste Kommentar zum Evangelium sind die Heiligen.
Sie sind aber auch ganz normale Menschen, diese Heiligen. Wie wir müssen sie auf staubigen Strassen ihren Weg durchs Leben gehen, ohne Abkürzungen, ohne Schleichpfade. Mit all den Versuchungen und Zweifeln, den Schwierigkeiten, aber auch der Freude am Glauben.
Allerheiligen ist für mich kein Fest der toten Helden, keine Leistungsschau der religiösen Elite. Heilige sind für mich Menschen, die Gott nahe sind und sich bemühen, die Welt etwas menschlicher und freier von Leid zu machen. Solche Menschen brauchen wir dringend. 

Ich wünsche Ihnen einen schönen Feiertag.

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Guten Morgen, ich bin Wolf-Dieter Steinmann von der evangelischen Kirche. Fühlen Sie sich zu Hause in Ihrer Stadt? Ihrem Dorf? Können Sie auch aus vollem Herzen sagen: „Isch komm aus Monnem." Wie ich das vor kurzem in Mannheim gehört habe? Von zwei Jugendlichen. Mir geht das Herz auf, wenn Menschen sich so gut fühlen können. Könnten Sie auch so beherzt sagen? Ich bin aus Lörrach, aus Neresheim, aus Isny?"
Selbstverständlich ist das ja nicht.
Man kann fremd bleiben, weil einen das Leben irgendwo hin geweht hat. Wegen der Arbeit vielleicht. Und man doch nicht wirklich angekommen ist.
Oder das andere das gibt es auch: „Alteingesessene", die in „ihrer" Stadt oder „ihrem" Dorf fremdeln. Weil sich vieles verändert und sie meinen, „das ist nicht mehr meines."
Wie kriegt man es hin, dass man dieses „isch komm aus Monnem" Gefühl entwickelt oder behält an seinem Ort?
Vor 2500 Jahren hat Jeremia dazu Gedanken aufgeschrieben, die ich immer noch sehr bedenkenswert finde. Er hat den Rat gegeben, sich mit der Fremde anzufreunden. Er rät das Menschen, denen es übel ergangen ist: Von heute auf morgen mussten sie weg von zu Hause. Verschleppt als Kriegsbeute. Diesen Entfremdeten schreibt Jeremia einen Brief - und er hofft, sie nehmen ihn an als göttliche Hilfe. Wenn man sich fremd vorkommt im Leben:
Als Erstes rät er: ‚Versucht anzukommen, ganz praktisch.'
Baut Häuser; schreibt er, pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter...
Ich versteh das so: ‚Lebt nicht vorläufig. Sucht eine Zukunft in der neuen Umgebung. Esst ihre Früchte, das bedeutet: Spürt auch, dass diese Fremde euch Gutes gönnt.
Und dann gibt er ihnen noch einen zweiten Ratschlag:
Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn's der fremden Stadt wohl geht, so geht's auch euch wohl.
Ein Riesenschritt, den sie da vollziehen sollen: Innerlich und äußerlich. Sie sollen nicht nur an ihr privates Wohlergehen und Glück denken. Damit sie in der Fremde überwintern können. Nein: „Suchet der Stadt Bestes." Setzt Euch positiv ein für das Wohl der Stadt und der Menschen, die Euch verschleppt haben. Das haben viele als unglaubliche Zumutung von Jeremia empfunden.
Aber ist sein Rat nicht auch bestechend, bis heute?
Ein Wohnort kann auch dadurch „mein Mannheim" oder „mein Isny" werden oder bleiben: Wenn man sich fragt: Was tut diesem Gemeinwesen gut? Was könnte ich geben, damit es ihm gut geht? Wenn man sich nicht raushält. Sondern sich einbringt. Ich glaube, Jeremia meint: Wenn man sich für eine Stadt einsetzt, dann kommt man dort auch ‚zu Hause' an.

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte (an die Exilierten in Babel), (Jer. 29, 1.4-7)

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