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SWR1 3vor8

Jesus über die Ehescheidung (Mk 10,2-16) 

Es ist einer dieser tonnenschweren Sätze, der heute in den katholischen Kirchen zu hören ist: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen." Ein so schöner wie auch knallharter Satz über die Ehe. Ohne ihm seine provokante Härte nehmen zu wollen, ist es schon auch wichtig zu wissen, in welchem Kontext er gesagt wurde. Jesus sollte von den Pharisäern aufs Eis geführt werden mit der Frage, ob ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen dürfe. Natürlich durfte er das. Das Leben zur Zeit Jesu war vollkommen von Männern dominiert. Sie hatten oft mehrere Frauen und sie waren ihr Besitz. Die Männer konnten sie sich nehmen und wegschicken wie sie wollten. Ein sogenannter Scheidebrief hat dieses Verfahren legalisiert, gleichzeitig die Frau auch vor völliger Willkür geschützt. Das wussten die Pharisäer, sie kannten aber auch Jesus und wollten hören, ob er sich mit seiner Botschaft nicht außerhalb der jüdischen Gesetzgebung stellte. Statt sich auf juristische Einzelheiten einzulassen, antwortete Jesus mit einer Frage nach dem Sinn der Ehe. Ob es nicht Gottes Wille sei, dass zwei Menschen, die sich in Liebe verbinden, damit auch binden. Und eben nicht nach Belieben genommen und weggeschickt werden können. Und genau da fiel dieser Satz „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen". Für viele Menschen heute klingt dieser Satz idealistisch oder rigoristisch, wo doch so viele Ehen scheitern. Darum wurde er auch immer wieder relativiert. Zum Beispiel in die Richtung, dass er Jesus vom Evangelisten Markus in den Mund gelegt worden sei und er die Auseinandersetzung der ersten Christen über die Ehescheidung gespiegelt habe. Oder dass Jesus mit diesem Satz verhindern wollte, dass Männer, die ihm nachfolgen wollten sich leichtfertig von ihren Frauen lossagten. Oder auch dass seine Jüngerinnen und Jünger keine Beziehungen unter einander anfingen und ihre Ehefrauen und Ehemänner zu Hause sitzen ließen. Alles interessante Interpretationen eines kompromisslosen, unbequemen Satzes. Aber so wie ich die mir genehmen Sätze Jesu ernst nehme, so will ich auch die sperrigen und schwierigen ernst nehmen. Und da sagt mir dieser Satz wie schön, wie göttlich es ist, wenn zwei Menschen sich lieben. Und wie schützenswert, dass sie beieinander bleiben und einander Beistand sind - ein Leben lang. Andererseits weiß ich von Jesus, dass es ihm immer um das Heil der Menschen ging. Und als Ehemann, der glückliche und gescheiterte Ehen sehr genau kennt, frage ich mich, ob Jesus Menschen, deren Ehen einfach nur noch weh tun, ein Leben lang zusammen zwingen wollte. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass er das wollte. 

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