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SWR1 3vor8

Aufbrechen. Anders leben oder auch woanders. Irgendwie gehört das zu uns Menschen wie die Tatsache, dass wir Beine haben und Phantasie.
Aufbrechen in ein neues Leben. Oft treibt Menschen ja die Not weg. Auch heute noch. Aber es hat auch mit der Kraft der Phantasie zu tun: 'Es muss doch noch was anderes für mich geben.' Aufbrechen. Anscheinend liegt uns Menschen das im Blut. Im Blut und noch mehr im Geist. Aufbrechen ist vor allem Kopfsache. Das sieht man schon beim Urahn aller Aufbrecher und Migranten. Die Bibel erzählt von ihm gleich auf den ersten Seiten. Heute geht es in den evangelischen Kirchen um ihn. Um Abraham, den religiösen Stammvater von Juden, Christen und Muslimen:

Und der HERR sprach zu Abram, steht im 1. Mose 12,
Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

Ich verstehe, was Abraham erlebt, so: Aufbrechen und wegziehen. Das denkt sich ein Mensch nicht bloß selber aus. Es ist etwas, was Gott einem hinhält als Lebenschance. Aufbrechen in ein anderes Leben, darauf bringt Gott den Abraham. Allein wäre er vielleicht im Gewohnten hängen geblieben. Wahrscheinlich hätte er sich allein nicht getraut. Das Vertrauen, dass Gott mit ihm geht auch in ein neues unbekanntes Leben. Das hat ihn aufbrechen lassen.
Und es steckt noch mehr in der Geschichte: Erst wenn Abraham aufbricht, kann sich zeigen, was für ein Potential in ihm steckt. „Von dem Leben nach dem Aufbruch, davon wird Segen ausgehen" verspricht Gott.
Wenn ich mir diese Geschichte durch den Kopf gehen lasse, kommen mir zwei Gedanken:
Der Erste: Irgendwie haben alle Migranten ein bisschen was von Abraham. Brechen auf und suchen ein besseres Leben. Und das ist ihr gutes Recht, von Gott her. Und in denen, die aufbrechen steckt auch Segenspotential für die neue Heimat. Aber ob ihr Segen wirken kann, das hängt auch davon ab, ob wir Einheimischen sie auch wirken lassen.
Und der zweite Gedanke:
Aufbrechen aus dem Gewohnten sollte man immer wieder. Auch wenn man sesshaft ist. Wenn man spürt: So geht es nicht mehr weiter. Wenn das Leben trüb geworden ist oder fest steckt. Aufbrechen beginnt im Kopf. Indem man der Sehnsucht nach Leben wieder Platz lässt. So ein Aufbruch könnte eine Lebensmöglichkeit sein, die Gott mir eröffnet.
Und auf der dann auch sein Segen liegt.

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