Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 3vor8

Warum hängt ein Kreuz in den Kirchen? Warum erinnern wir Christen uns immer wieder ausgerechnet an die Schwäche eines Menschen? Das fragen viele.
Meine Antwort ist: Weil Wegschauen das Elend und das Leid nicht besiegt. Hinschauen dagegen kann helfen. Das habe ich verstanden aus einer alten und ziemlich merkwürdigen Geschichte aus der Bibel, die heute in den evangelischen Gottesdiensten zur Sprache kommt.
Sie handelt noch von der Zeit, als die Israeliten mit Mose unterwegs waren in der Wüste. Irgendwann waren sie so frustriert und enttäuscht, dass sie genug hatten. Sie hatten auf Gott vertraut. Aber das war ein schwerer Fehler gewesen. Jetzt konnte ja jeder sehen, wie er sie im Stich ließ. Anscheinend wollte er mit zermürbten und kraftlosen Versagern wie ihnen nichts zu tun haben. Die Leute schimpften und meckerten. Und dann tauchten auch noch Schlangen auf. Als ob es nicht schon genug Probleme gab. Ein paar ganz Schlaue waren sich sicher: Das ist die Strafe für unser undankbares Gemecker. Da gab Gott selbst dem Mose ein Rat. Mach eine eiserne Schlange, sagt er ihm, und richte sie an einem Pfahl hoch auf. Wer die ansieht, der wird an seinem Schlangenbiss nicht sterben (4. Mose 21, 4-9).
Ich kann mir das nicht so recht vorstellen.. Aber ich verstehe, was die Leute gelernt haben, damals: Man darf vor den Dingen, die einem Angst machen, nicht die Augen verschließen. Man muss ihnen ins Gesicht schauen. Man darf den Kummer und die Sorgen nicht verdrängen. Erst wenn ich sehe: Es ist auch meine Unzufriedenheit, die mich so einsam macht, erst dann kann sich etwas ändern. Auch wenn man selber mit schuldig ist an dem, was passiert. Man darf nicht wegschauen. Erst wenn ich merke: ich habe auch mein Teil Schuld am Scheitern meiner Ehe, dann kann der Streit ein Ende finden. Man muss das Unglück anschauen. Das bringt die Rettung. Wenn man erkennt, was passiert ist. Wenn man merkt, dass man selber auch Verantwortung dafür trägt  - dann bringt einen das Unglück nicht um. Dann lässt Gott einen nicht im Stich. Dann kommt nach dem Unheil auch wieder neues Leben und neue Möglichkeiten.
Ich glaube: So ist das auch mit dem Kreuz. Wir sehen einen Menschen, der elend ist und ganz und gar verlassen. Aber Gott hat diesen da am Kreuz nicht im Stich gelassen. Das Kreuz erinnert deshalb, er ist nicht nur für die Starken da. Im Gegenteil. Er bleibt bei den Schwachen. Er wird auch bei mir in meinem Unglück bleiben. Und irgendwann wird es auch für mich neues Leben und neue Möglichkeiten geben, wie für den Mann am Kreuz.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12770