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SWR1 3vor8

„Blinde sollen sehen, Sehende sollen blind werden." Jesus sagt das im 9. Kapitel des Johannesevangeliums. Gerade hat er einen jungen Mann geheilt, der von Geburt an blind war. Einfach so, ohne dass der ihn darum gebeten hatte. Er ist natürlich sehr einverstanden, dass er jetzt sehen kann, aber es bringt ihn auch in Probleme. Die Pharisäer, die religiösen Autoritäten seiner Zeit, teilen nämlich seine Freude nicht, denn so eine Heilung passt nicht in ihr Weltbild. Noch dazu, wenn sie am Sabbat passiert, an dem man selbst für Heilungszwecke keinen Finger rühren durfte. „Das ist gar nicht der, der früher blind war," mutmaßen sie und befragen ihn und seine Eltern. Aber er ist es - kein Zweifel. „Dann kann das nur ein Sünder sein, der ihn sehend gemacht hat," ist die nächste Vermutung. Der Geheilte widerspricht ihnen nachdenklich: „Wenn dieser Mensch nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiß nichts ausrichten können." Da stoßen sie ihn aus aus ihrer Gemeinschaft, und er findet zum Glauben an Jesus. „Blinde sollen sehen, Sehende sollen blind werden." Hier ist ein Blinder sehend geworden, und die Sehenden sind blind für das Offensichtliche. Dem Blinden wird, ohne dass er bitten muß, das Augenlicht geschenkt. Diese Tatsache lässt ihn weiterfragen. Er gewinnt nicht nur einen klaren Blick, sondern eine innere Einsicht. Bei den Pharisäern ist es das Gegenteil. Für sie war alles glasklar, sie glaubten den Durchblick zu haben. Das Neue, dass hier ein Mann geheilt ist, können sie nur abwehren. Mit ihren gesunden Augen sind sie blind für neue Sichtweisen. Was nicht in ihr religiöses Weltbild passt, dass können sie nicht sehen. Alles sehen, alles wissen, alles klar haben, auf alle Fragen eine Antwort wissen - das kann die Sicht versperren. So bleiben Sehende blind. Auf das Licht warten, sich das Licht schenken lassen, sich mit jedem Schimmer weiter vorwärts tasten, das führt zum Sehen. Die Geschichte von der Heilung des von Geburt an blinden Mannes erzählt, wie ein Mensch zum Glauben kommt. Wenn man das könnte so wie er: neu und unverstellt sehen! Die eingespurten, beschränkten Sichtweisen beiseite lassen und das Leben und die Welt anschauen wie zum ersten Mal. Wahrscheinlich würde ich dann entdecken, dass es mehr gibt und anderes gibt, als ich bisher gesehen habe.

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