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SWR1 3vor8

Lukas 1,26-38
4. Adventssonntag (B) 

„Du wirst ein Kind empfangen, einen Sohn wirst du gebären: dem sollst du den Namen Jesus geben!" - das sagt der Engel Gabriel zu Maria. So steht es im Lukas Evangelium und ist heute, am 4. Adventssonntag, in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Schön, aber was ist daran bemerkenswert? Dass Maria, eine Frau, ihrem Sohn den Namen geben soll - das war damals alles andere als selbstverständlich, das war unerhört. Frauen waren rechtlos in einer Männergesellschaft in Religion und Gesellschaft: das Wort einer Frau galt nichts, ihre gesellschaftliche Rolle war genau festgeschrieben, sie war in allem abhängig. Vor Gott aber haben Frau und Mann die gleiche Würde - das steht in der Bibel. So hat Jesus die Frauen aus ihrer für sie demütigenden Situation befreit. Er hat sie mit seiner frauenfreundlichen Art wissen und spüren lassen, dass sie die gleiche Würde hatten wie die Männer. Darum haben Frauen selbstverständlich zum Kreis um Jesus gehört. Demonstrativ hat er Frauen und Männer auf eine Stufe gestellt. Und genau das war neu und unerhört, für die damalige Zeit revolutionär. - Mit Jesus entstand für die Frauen ein Klima der Freiheit. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Verhalten Jesu gegenüber den Frauen selbst in seinem eigenen Umfeld große Verwirrung ausgelöst hat. Dass auch die Männer um ihn ihre Mühe hatten, das zu kapieren. Es ist so gut wie sicher, dass die Evangelien von Männern geschrieben wurden. Doch gibt es in ihnen vielfältige Hinweise für die frauenfreundliche Einstellung Jesu. Sein Vorbild hatte Folgen: Frauen werden in den Evangelien als eigenständige Personen gesehen und benannt. - Das zeigt sich eben auch darin, dass der Engel Gabriel so ganz selbstverständlich Maria beauftragt, ihrem Sohn den Namen Jesus zu geben. Für mich ist das ein weiterer Appell an meine krisengeschüttelte katholische Kirche: dass sie sich bei ihrem Dialog- und Erneuerungsprozess am Ursprung orientiert - am Verhalten Jesu und seiner frohen und befreienden Botschaft.

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