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SWR1 3vor8

Was einem hilft, kann man sich nicht selber sagen. Zum Beispiel, wenn man unsicher ist, was man denken, was man glauben, wie man sich verhalten soll. Dann ist es unglaublich mühsam, sich selber auszudenken oder zu sagen, was hilft. Da muss ich doch den Verdacht haben, dass ich mir was vormache. Was hilft und mich beruhigt, ist, wenn eine anderer mir sagt, was ich selbst einfach nicht mehr sehen und nicht mehr glauben kann.
„Das Wort, das einem hilft, kann man sich nicht selber sagen." Das sei ein afrikanisches Sprichwort, habe ich bei google recherchiert. Mag sein. Ich kenne es aus der Bibel. „Alles, was in früherer Zeit aufgeschrieben wurde, wurde geschrieben, damit wir daraus lernen. Denn wir sollen die Hoffnung nicht aufgeben". (Rö 15, 4). Heute wird in den evangelischen Gottesdiensten über den Bibelabschnitt aus dem Römerbrief gepredigt, in dem das steht.
Genau dasselbe also, was ich auch aus meiner Erfahrung kenne: die Worte, die helfen, müssen von außen kommen. Von anderen. Von anderswo her. Paulus sagt das von den Worten der Bibel. Die sind dafür aufgeschrieben, damit sie mich heute trösten, mir Mut machen und mir Orientierung geben. Genauso, wie sie ihn getröstet und ihm Mut gemacht haben. Das geht einfach besser und überzeugender mit Worten, die mir jemand sagt oder die jemand für mich geschrieben hat.
Andere haben aufgeschrieben, was sie mit Gott erlebt haben oder was sie von anderen gehört haben. Und das geben sie weiter, damit es wieder anderen hilft. Dann kann ich es versuchen, mir diese Worte zu Herzen nehmen, sie mir aneignen. Dann kann ich versuchen, davon zu leben und damit zu leben. Und ich kann spüren, wie das passiert, wovon Paulus schreibt: Der Trost dieser Worte macht Hoffnung.
Religion ist nämlich nicht bloß Opium fürs Volk, etwas, das Menschen sich ausdenken, damit es ihnen besser geht. Religion ist auch nicht etwas, das die Kirche oder irgendeine Regierung sich ausgedacht haben, damit es die Leute beruhigt sind und sie still halten. Das könnte man meinen, wenn es dieses Buch nicht gäbe, die Bibel. Dieses Buch voller tröstlicher Erfahrungen mit Gott, aufgeschrieben und weitergegeben, damit wir Hoffnung haben. Sie und ich.
Ich denke zum Beispiel an die Worte aus der Weihnachtsgeschichte, jetzt werden viele sie bald wieder hören: „Euch ist heute der Heiland geboren!" Das kann man sich nicht selber sagen. Aber wenn man es hört, dann rührt es einen an. Und auf einmal kann man es glauben: Gott ist für mich da. Das ist so ein Wort, das mir gesagt wird und tröstet und Hoffnung macht. Und das bleibt nicht ohne Wirkung.

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