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SWR1 3vor8

Matthäus 20,1-16a, 25. Sonntag im Jahreskreis  (A)

Da bekommt doch einer, der sich den ganzen Tag in der Hitze abgerackert hat, den gleichen Lohn - wie der, der gerade noch eine Stunde lang gearbeitet hat. Frustriert und voller Wut beklagen sich die Schwerstarbeiter beim Chef: das ist gemein, eine Frechheit, eine himmelschreiende Ungerechtigkeit. Diese Reaktion kann jeder verstehen. - Aber was soll diese Geschichte in dieser Sendung? Nun, Jesus erzählt  diese Geschichte. Sie steht im Matthäus Evangelium und ist heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Aber die passt so gar nicht zu einem anderen Wort von Jesus: „Wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn." (Matthäus 10,10) Diese Geschichte passt auch nicht zu dem, was in Israel damals üblich war: der Lohn muss der Leistung entsprechen. - Wie soll das noch einer verstehen? Dieser Text ist ein Gleichnis. Mit den Gleichnissen hat Jesus etwas Einmaliges geschaffen. Das sind Bilder, Alltagsgeschichten, in denen Gott nicht direkt vorkommt. Aber Jesus macht sie durchsichtig auf Gott hin. Und Gleichnisse sollte man nicht wortwörtlich nehmen, sie nicht einfach „eins zu eins" ins Leben übersetzen. Wenn man das tut, wird man ihrer Botschaft nicht gerecht und endet höchstens bei einem moralischen Zeigefinger. Und der war Jesus völlig fremd. Jedes Gleichnis hat einen „springenden Punkt", den es zu entdecken gilt. Mit dem Begriff „Gerechtigkeit" und unseren Vorstellungen davon werden wir  Gott nicht gerecht. Ich sehe den „springenden Punkt" darin: Jesus will mit dieser provozierenden Geschichte sagen - Gott gibt den Menschen nicht das, was sie nach unseren Vorstellungen von Gerechtigkeit verdienen. Ergibt ihnen das, was sie unverdientermaßen brauchen: Güte, Nachsicht, Mitgefühl. Mich fordert dieses Gleichnis heraus: Traue ich Gott zu, dass er unendlich großzügiger ist in seiner Güte, als ich mir das je vorstellen kann? Dass er mir unbeirrt mit großer Zuneigung entgegenkommt? Ich möchte ein Stück weit so leben und andere daran teilhaben lassen: wie großherzig und mitfühlend, wie heilsam und befreiend glauben im Sinne Jesu sein kann. Seine Botschaft kann überraschen, meine Maßstäbe auf den Kopf stellen und meinem Leben einen oft ungeahnten Wert geben, einen ganz neuen Glanz.

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