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SWR1 3vor8

(Joh. 1, 29-34)

„Niemand wird so gestreichelt wie das Opfer auf dem Weg zur  Schlachtbank". Dieses Zitat des Journalisten Johannes Gross hat mich getroffen. Zwar gibt es heute - Gott sein Dank - keine solch archaischen Rituale mehr, in der Tiere oder gar Menschen getötet werden. Sehr wohl aber sind Menschen, Tiere oder die Natur Opfer menschlichen Fehlverhaltens. Und der Spruch mit dem gestreichelten Opfer bringt das schlechte Gewissen derer auf den Punkt die dafür verantwortlich sind, dass es diese Opfer gibt...
 Vom Lamm Gottes ist heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Gemeint ist damit Jesus als Opferlamm, das die Sünden der Welt hinwegnimmt. Und diese archaische Sprache trifft mich auch wieder.   Weil sie so unzeitgemäß und für Viele so missverständlich und auch missbrauchbar ist. Als ob es um eine blutrünstige Religion gehe beim Christentum, bei der ein Gott seinen Sohn an zwei Holzbalken abschlachten ließe um mit seinen Kreaturen wieder ins Reine zu kommen. Opfer im religiösen Sinn wurden und werden auch missbraucht, wenn sich jemand um des Quälen willens quält oder quälen lässt.
Der christliche Glaube meint aber was ganz anderes. Jesus selbst hat nie von Opfern gesprochen. Unter Opfer versteht er die Fähigkeit zur Hingabe, die Fähigkeit verzichten zu können. Aber freiwillig. Sich lösen zu können, von Dingen, Zeiten, von Menschen. Und das auch auszuhalten. Aber nicht aus Selbstquälerei, sondern für jemand anderen oder einen guten Zweck. Aus dem Wissen, dass es zum Leben gehört  immer wieder zu lassen und los zu lassen, damit sich das Leben weiter entwickeln kann, wandeln kann. Kinder loslassen, eine schöne Arbeit oder eine Lebensphase. Wohl wissend, dass das weh tut, aber zu einem gesunden und reifen Leben gehört.
Das uralte Bild von Christus als dem Opferlamm ist ein so plastisches wie drastisches Bild für die äußerste Hingabe. Für die Fähigkeit zum Wohle Anderer loszulassen und auszuhalten. Es meint ein unschuldiges, wehrloses Wesen das nichts und niemandem Böses will. Das den Schmerz und das Leid der Welt spürt und so tief in sich aufnimmt, dass es gar nicht anders kann als auch die dunklen Seiten des Menschseins aufzunehmen und auszuhalten, bis in seinen Tod hinein. Und mir dadurch zeigt, dass sich Leid, Schmerz und der Tod wandeln, wenn ich sie annehme, sich verwandeln lassen. In Leben, ein Leben das niemals stirbt...

Einen schönen Sonntag wünsch ich Ihnen!

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