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SWR1 3vor8

(zu Lk 17, 5-10; Hab. 1,2-3; 2 Tim 1,6-8)

Ich bin Peter Kottlorz von der Katholischen Kirche. Einen schönen guten Morgen!„Geduld ist die Tugend der Revolutionäre". Dieser Spruch von Rosa Luxemburg kommt mir bei den Texten in den Sinn die heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen werden. Natürlich ist in diesen Texten nicht von Revolution die Rede. Aber von Geduld, vom Glauben und was dieser Glaube bewirken kann. Und es passt auch dass dieser Text heute, am Erntedankfest und am Tag der Deutschen Einheit gelesen werden. Da ist zum Beispiel die Rede vom Propheten Habakuk, der vor 2600 Jahren fast am Verzweifeln ist angesichts der ewigen Ungerechtigkeiten und Gewalt unter den Menschen, und dass da Gott nicht eingreift. Er braucht Mut und Geduld - Langmut braucht er.
Und im Evangelium ist zu hören wie die Apostel ihren Herrn bitten sie im Glauben zu bestärken. Und was sagt er ihnen? „Wenn Euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet Ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: ‚Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden und verpflanz dich ins Meer. Und er würde euch gehorchen!"
Das ist schon ein starkes Bild. Das kleine Senfkorn und der große Maulbeerbaum. Und ihn - das ist der Gipfel - ins Meer verpflanzen. Völlig unmöglich.
Mir gefällt dieses völlig unmögliche Bild. Weil es den Glauben, die Kraft und die Geduld zusammen bringt. So wie in einem Mini-Senfkorn die Kraft, die Potenz eines riesigen Baumes steckt, so steckt im Glauben auch eine Kraft die sich oft erst im Wachsen zeigt. Und am Ende wie ein Wunder erscheint.
Wer hätte zum Beispiel ein paar Jahre vor 1989 gedacht dass die Mauer fallen würde? Und auch noch ohne Blutvergießen?! Das ist für mich das Wunder der Wende. Und es sollte nicht in Vergessenheit geraten welchen Anteil dabei die Christen hatten. Mit ihrem gewaltlosen Widerstand und ihrer unbeugsamen Geduld.
Geduld schafft Wunder... Was natürlich nicht heißen soll die Hände in den Schoß zu legen und naiv Dinge zu erdulden die nicht zu dulden sind. Aber manchmal muss man vielleicht auch warten können, auf den Kairos, den richtigen Zeitpunkt.
Darum verliere ich - trotz allem - auch die Hoffnung für meine Kirche nicht.  Dass auch in ihr irgendwann die Mauern fallen, die sie von so vielen Menschen trennen.
Und vielleicht muss - um nochmal auf Rosa Luxemburg zurück zu kommen - die Revolution in der Katholischen Kirche ja von oben kommen. Und auch da natürlich ohne Gewalt, überraschend und wie ein Wunder...

Einen schönen Sonntag wünsch' ich Ihnen

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