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SWR1 3vor8

Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
Meine Brüder, ....eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus. (Phil 3, 12ff)

Eigentlich ist er ein beneidenswerter Mann: Paulus hat ein Ziel im Leben. Wer ein Ziel hat, macht mehr als Dienst nach Vorschrift. Ein Lebensziel kann immer wieder neue Kraft geben.
Wenn ich merke, dass mir so ein Lebensziel verloren gegangen ist, besteht die Gefahr, dass ich nur noch funktioniere. Und dann wird man schnell müde. Ohne Ziel schleicht sich irgendwann dieses lähmende Gefühl ein, ich lebe nicht mehr, ich werde gelebt. Ich erfülle Aufgaben, die andere mir stellen. Ohne eigenen Kompass werde ich unfrei. ‚Kein Ziel mehr'; ich glaube, das ist ein Alarmzeichen. Dann wird es Zeit, inne zu halten und das Leben neu zu orientieren. Auf ein Ziel zu, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen und abends müde zu sein.
Wie gesagt, Paulus, von dem heute in den evangelischen Kirchen erzählt wird, der hatte ein Ziel. Eigentlich beneidenswert.
Bis er kapiert hat, mein Ziel ist falsch. Auch das soll es heute noch geben: Auf einmal die Erkenntnis: Ich folge einer falschen Lebensspur. Mein Ziel trägt nicht, oder nicht mehr. Paulus Ziel war, die junge Gemeinde der Christen zu bekämpfen, das hat sein Leben mit Sinn erfüllt. Sie waren Konkurrenten im Kampf um religiöse Marktanteile. Um Köpfe und Herzen.

Und dann - wie eine Offenbarung - ich lebe falsch, wenn ich mein Lebensziel darin suche, Menschen zu bekämpfen. Andere klein kriegen zu wollen. Recht haben und siegen ist zu wenig als tragfähiges Lebensziel. Paulus wird klar: Jesus hat nicht gegen Menschen gelebt. Sondern für sie. Das wird auch seine neue Ziellinie. Nicht gegen Menschen, für Menschen. Nicht gegen etwas kämpfen, für etwas. Nicht hassen, wohl wollen in allem was ich tue und lasse, in allem was ich tue. Ein sehr hohes Lebensziel. Man kann es wohl nie ganz erreichen. Aber drunter bleiben, das wäre für Geschöpfe Gottes, die wir nun mal sind, zu wenig, findet Paulus.
Nicht, dass ich dieses Ziel schon ergriffen hätte, schreibt er, oder vollkommen bin; ich jage ihm aber nach, ob ich es wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin.
Paulus hat erkannt - so verstehe ich ihn: Man sollte sein Lebensziel nicht zu klein wählen. Nicht mit zu wenig zufrieden sein. Ein großes Ziel macht frei. Wenn es positiv ist. Mir und anderen Menschen wahrhaft gut tut. Auf Dauer.
Zu diesem großen Ziel hin braucht man viele kleine Etappenziele, in denen es konkret wird. Die sehen bei Ihnen und mir sicher sehr verschieden aus. Aber das Große gibt die Richtung vor.

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