Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 3vor8

Lukas 9,51-62 , 13. Sonntag im Jahreskreis (C) 

Jesus konnte ganz schön unverschämt sein - zumindest auf den ersten Blick. Da sind zwei Männer von Jesus begeistert und wollen mit ihm gehen. Der eine muss aber zuerst noch seinen verstorbenen Vater beerdigen. Den herrscht Jesus an: „Lass die Toten ihre Toten begraben." Der andere will sich noch von seiner Familie verabschieden. Er bekommt von Jesus zu hören: „Wer nochmals zurückblickt, taugt nicht für das Reich Gottes." Das steht im Lukas Evangelium und ist heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Was ist da bloß in Jesus gefahren. Statt sich zu freuen über zwei, die mit ihm gehen wollen, schockiert er sie und verweigert ihnen, was zutiefst menschlich ist und obendrein religiös begründet: den Vater beerdigen und sich von der Familie verabschieden. Wie soll man  diese äußerst  unverständliche Reaktion Jesu verstehen? - Für mich ist das ein Zugang zum Verständnis: Man muss sich vorstellen, wie brisant und dringend die Situation damals war. Jesus und die Seinen sahen sich in einer Zeit, in der sich das Ende von allem angekündigt hatte. Sie erwarteten einen Eingriff Gottes in allernächster Zukunft. Man nennt das in der Theologie: die „Naherwartung" - die Vollendung des Reiches Gottes. Aus der Gegenwart aufbrechen, sich von Gott überraschen lassen - das war das Grundmotiv von Jesu Reden und Wirken. Das war die Grunddynamik seines Lebens. Erst wenn wir diese Dringlichkeit wahrnehmen, verstehen wir, was Jesus gesagt und getan hat. Und so lässt sich dann auch die recht unverständliche Reaktion Jesu gegenüber den zwei Männern etwas besser verstehen. Die Zeit drängt. Sie haben keine Zeit mehr, lange zu überlegen und sich lange zu verabschieden. Aber was geht das mich an? - nach 2000 Jahren Christentumsgeschichte, in der  diese „Naherwartung", diese Vollendung des  Reiches Gottes eben nicht eingetreten ist. Ich glaube, dass ich auch heute an genau demselben Punkt stehe wie die Freundinnen und Freunde Jesu damals. Jesu dringliche Botschaft gilt auch heute und sie gilt mir. Und warum ist das so dringlich? Weil mich sonst zu viele Dinge davon abhalten, die Einladung Jesu sofort anzunehmen, mit ihm zu gehen, sich auf seine Botschaft einzulassen. Christ sein im Sinne Jesu erhebt den Menschen. Ich fühle mich frei und geborgen. Ich darf mich freuen. Und wenn ich Gutes tue, dann soll ich es möglichst gerne tun. Ich sehe in dieser Einladung Jesu eine Liebeserklärung Gottes an mich, an jeden, der sich darauf einlässt. Und das duldet eben auch heute keinen Aufschub.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8553