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SWR1 3vor8

Jesus und die Schlampe - so würde man sie wohl nennen, die öffentliche Sünderin. Sie kommt herein, als Jesus als Gast in besonders frommer Gesellschaft beim Essen ist. Sie geht auf ihn zu, von hinten, ob sie ihn umarmt, schreibt die Bibel nicht, aber dass sie weint, so heftig, dass Jesus nasse Füße bekommt. Sie löst ihr Haar - eindeutig eine erotische Geste - trocknet ihm die Füße mit ihren Haaren, salbt sie dann mit duftendem Öl und küsst ihm auch noch die Füße, wieder und wieder.

So ein Skandal! Die anderen Gäste und der Hausherr sind empört. Wie kann Jesus das nur zulassen? Weiß er denn wirklich nicht, von wem er sich da berühren lässt? Hat er so wenig Menschenkenntnis? Wenn das so ist, dann hat er uns auch nichts über Gott zu sagen.

Jesus spürt, was sie alle denken. Und erzählt eine Geschichte von 2 Männern, die beim selben Gläubiger Schulden haben, der eine viel, der andere wenig. Der Gläubiger erlässt beiden die Schuld - wer von beiden wird ihn mehr lieben? Natürlich der, dem er mehr erlassen hat, antwortet der Gastgeber, der Jesus eingeladen hat. Genau, sagt Jesus, und jetzt schaut euch mal an, wie viel Liebe mir diese Frau gezeigt hat - viel mehr Liebe als ihr Superfrommen und Gerechten. Und dann spricht er auch die Frau an: Geh hin in Frieden, Dein Glaube hat Dir geholfen.

Diese Geschichte steht im Lukasevangelium. Ich finde Jesus hier ganz schön mutig oder vielleicht besser gesagt geradlinig. Er hätte sich von der Frau distanzieren können, dafür sorgen, dass sie rausgeworfen wird. Statt sich zu blamieren und auch seinen Ruf zu gefährden, seinen religiösen Ruf und auch seinen moralischen. Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage Dir, wer Du bist.

Offenbar hat er ein untrügliches Gespür, dass diese Frau ihn liebt und dass sie ihm Vergebung zutraut. Daß sie ihm viel mehr Liebe zutraut als alle frommen Leute drumherum.

Moral ist wichtig, Liebe ist wichtiger - das könnte eine Botschaft der Bibel an dieser Stelle sein. Und damit verbunden: Jesus geht nicht auf Abstand, wenn jemand gesündigt hat. Ihm ist keines Menschen Liebe peinlich.

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