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SWR1 3vor8

 Ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde. (Apg 1,8)

Die Christen glauben an Märchen. Das findet, glaube ich, manch einer, wenn er daran denkt, dass heute in allen christlichen Kirchen an die Himmelfahrt erinnert wird. Dabei war es eigentlich ganz vernünftig, was die ersten Christen erzählt haben, von diesem Tag, nach dem Jesus endgültig nicht mehr bei ihnen war. Seine Jünger haben Jesus bedrängt und gefragt: wann machst du endlich ernst mit der neuen Welt Gottes, hier bei uns, wo wir doch so darauf warten? Wann werden es endlich alle einsehen, dass wir im Recht sind, wenn wir anders leben als die meisten? Wann begreifen die Leute endlich, dass sie abgeben sollen und teilen und auf Gewalt verzichten und denen verzeihen, die Fehler gemacht haben?
Eigentlich eine ganz vernünftige und sehr verständliche Frage. Aber die Fragesteller wurden aus ihren Träumen gerissen. Jesus selbst hat sie zurück auf den Boden der Tatsachen geholt. Darum geht es nicht, hat er ihnen gesagt. Die neue Welt Gottes ist kein Reservat für die, die es gut meinen und alles richtig machen. Auch wenn ihr euch noch so viel Mühe gebt: man kann nicht wie im Himmel leben, solange die Welt drum herum ist, wie sie ist. „Aber", sagt Jesus ihnen: „Aber ihr werdet die Kraft des heiligen Geistes empfangen, ... und werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an das Ende der Erde."
Nicht die kleine heile Welt irgendwo in einem Eckchen der Erde für die Kinder Gottes. Überall, auf der ganzen Welt werden sie leben. Das Leben geht weiter. Die Zeiten werden sich ändern. Man kann nicht einfach stehen bleiben und sagen: Hier bei uns ist sie jetzt, die Welt Gottes. So soll es für immer bleiben. Die Umstände ändern sich. Und die Nachfolger von Jesus, die gehen mit. Leben in der Welt, in ganz verschiedenen Gegenden, in ganz verschiedenen Zeiten. Aber für immer gilt: Ihr werdet meine Zeugen sein. Da, wo ihr lebt. Mitten in der Welt, wie sie ist und noch werden wird. Ihr werdet immer neu herausfinden müssen, wie das geht: im Vertrauen auf Gott zu leben. Und Gottes heiliger Geist wird euch dabei helfen.
Märchenhaft ist das eigentlich nicht, finde ich. Eher ziemlich realistisch.
Und Jesus? Die Bibel sagt: der ist seit damals im Himmel. Er „wurde aufgehoben in den Himmel". Manche Dinge kann man nur mit Bildern beschreiben. Trotzdem sind sie nicht bloß ein Märchen. Jedenfalls gilt seitdem: Kein Christ, keine Kirche kann Jesus für sich allein beanspruchen. Jesus ist im Himmel. Also bei Gott. So kann sich jeder an ihm orientieren.

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(Johannes 14,23-29)

„Trost, ehrlicher Trost ist ein Neffe der Liebe", sagt der Schweizer Autor Stefan Wittlin. Wer wirklich trösten kann, der kann sich einfühlen, mitfühlen mit den Menschen, denen er Halt geben möchte. Darum sind Trost und Liebe enge Verwandte. Das hat wohl auch der Evangelist Johannes gewusst als er die Abschiedsrede Jesu niedergeschrieben hat. Eine Rede in der Jesus seine Jüngerinnen und Jünger wegen seinem bevorstehenden Abschied tröstet. Weil sie ihren geliebten Meister nicht gehen lassen wollten, weil sie es nicht wahrhaben wollten, dass er von ihnen gehen sollte.
Der Evangelist Johannes hat gegen Ende des 1. Jahrhunderts gelebt.   Also rund 70 Jahre nach dem Tod Jesu. Darum hat er als er die Abschiedsrede Jesu geschrieben hat auch die junge Christengemeinde seiner Zeit vor Augen gehabt. Er wollte sie trösten mit den Worten Jesu. Denn diese Gemeinde war verunsichert, weil sie auf die Wiederkehr des Auferstandenen wartete. Er kam aber nicht. Schon 60, 70 Jahre nicht. Die junge Gemeinde war auch verunsichert, weil andere Glaubensrichtungen sie in Frage gestellt und zum Teil auch bekämpft hatten. Und in diese Situation hinein spricht ihnen Johannes Trost zu. Er erinnert sie an Jesus, ermuntert, ermutigt sie mit seinen Worten: „Wenn jemand mich liebt wird er an meinen Worten festhalten", heißt es in diesem Text, der heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen wird. „Mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihnen kommen und bei ihnen wohnen".  Jesus spricht in dieser Abschiedsrede auch vom heiligen Geist, der ihnen beistehen und Mut machen wird, der die Jüngerinnen und Jünger alles lehren und an alles erinnern wird, was er gesagt und getan hat. Damit will er ihnen sagen: ich bin zwar nicht mehr da, aber auch nicht weg. Ich bin da in euren Gedanken und in euren Herzen, wenn ihr euch auf das besinnt, was uns zuinnerst zusammengehalten hat und vor allem, wenn ihr liebt.
Ich finde diese Worte können auch heute ein Trost sein. In Zeiten, in denen die katholische Kirche in ihrer Glaubwürdigkeit erschüttert ist. Sie helfen mir meinen Glauben nicht mit der Kirche gleichzusetzen. Sie helfen mir nichts zu verdrängen, sondern der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Aber auch mich auf das zu konzentrieren, was die einzige Lebensberechtigung der Kirche ist: Ein Glaube, der nichts aber auch gar nichts mit Macht oder mit der Befriedigung eigener Bedürfnisse zu tun hat, sondern von Liebe getragen ist. Der Liebe zu Gott und den Menschen.

 Einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen!

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