Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 3vor8

Johannes 10,27-30 Vierter Sonntag der Osterzeit (C) 

„Wegen seiner Einfalt und  Duldsamkeit wurde das Schaf zu einem Bild des frommen Menschen" - ich dachte, ich sehe nicht recht, aber diesen Satz habe ich in einem Wörterbuch biblischer Bilder und Symbole gelesen. Nun, wo Schafe sind, ist der Hirte nicht weit und auch nicht der Wachhund.
Auf den ersten Blick  scheint das auch eine Stelle aus dem Johannes Evangelium zu bestätigen, die heute in den katholischen Gottesdiensten
gelesen wird.  Danach hat Jesus einmal gesagt: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir."
Kaum ein Bild in der Bibel ist so missdeutet und missverstanden worden wie das Bild von den Schafen und dem guten Hirten. Ich erinnere mich an ein Ölgemälde über dem Bett meiner Großeltern. Jesus weidet eine friedliche Schafherde. Das ist die niedliche Variante.
Man kann ein Bild total falsch verstehen, wenn man es eins zu eins übersetzt: Danach sind die Schafe die Gläubigen, und der Hirte ist Jesus. Machtbewusste Kirchenmänner hat das so gedeutete Bild seit jeher gefallen. Sie verstanden sich dann sogar als „Oberhirten".
Um dieses Bild richtig zu deuten, muss man auf den „springenden Punkt" achten, und der wäre: Wie sich der Hirte  um seine Schafe kümmert -so! sorgt sich Jesus um die Seinen.
Ich verstehe das so: Er sucht mich, wenn ich Gefahr laufe, mich in Abgründe zu verlieren. Er bringt mich zurück, wenn ich ihm davon gelaufen bin. Er verbindet  mich, wenn andere oder auch die Kirche mir seelische Verletzungen zugefügt haben. Er gibt meinem Glauben neue Kraft, wenn er schwach zu werden droht. Wenn ich das zulasse  und  mir   helfen lasse.
Und Jesus macht  auch deutlich, wie er sein „Hirtenamt" versteht. Es geht ihm um jeden einzelnen. Er möchte, dass jede und jeder im Glauben einen Zugang zu Gott findet, nicht vermittelt und oft auch verstellt durch Priester  oder andere religiöse Autoritäten. Jede und jeder darf zu Gott „Abba - lieber Vater" sagen. Nicht mehr ängstlich und unterwürfig brauchen wir Gott begegnen. Der neue Umgangsstil zwischen Gott und den Menschen ist Vertrauen und Liebe. Jesus ermutigt mich, aufzuatmen und aufrecht zu gehen - in Würde und in Freiheit. Das ist für mich Evangelium, Frohe Botschaft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=7994