Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 3vor8

Er will unbedingt den Finger in die Wunde legen, dieser Apostel Thomas. Nach Ostern. Die andern Apostel hatten ihm erzählt: Uns ist Jesus erschienen, der Auferstandene, als Du gerade nicht da warst. Und Thomas sagt etwas ziemlich Skandalöses: „Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meine Finger nicht in die Male der Nägel... lege, glaube ich nicht." Punkt. Thomas will es genau wissen. Und zwar, indem er den Finger in die Wunde legt. Er will sehen und vor allem auch begreifen. Und vielleicht geht es ihm dabei gar nicht nur um den Glauben. Vielleicht ist sein Problem die Frage des Leidens. Und diese Frage ist für ihn durch die Auferstehung Jesu nicht automatisch beantwortet. Schließlich hat Jesus ja unsäglich gelitten, andere Menschen haben vielleicht noch mehr auszuhalten. Soll das alles nichts sein? Wie weggeblasen? Vergessen durch die Auferstehung? Thomas fragt so, für sich selber, und stellvertretend auch für alle, die leiden, die schier zusammenbrechen unter der Last ihrer Leiden. Thomas steht vor dem Auferstandenen und will Antwort auf seine Fragen. Jetzt, bei dieser Begegnung, verlangt er Auskunft über den Skandal, über das fortdauernde himmelschreiende Ärgernis des Leidens. Er will an Jesus die Spuren seiner Leiden sehen. Denn was dort am Kreuz geschehen ist, kann niemand ungeschehen machen, auch Gott nicht. Deshalb will Thomas den Auferstandenen auch als den Gekreuzigten sehen. Da fühle ich mich ihm sehr nahe. Die Frage nach dem Leiden bleibt auch nach Ostern, sie bohrt und nagt, auch wenn ich an die Auferstehung glaube. Und sie hat sicher auch die ganz frühen Christen beschäftigt, sonst stünde die Geschichte von Thomas nicht in der Bibel. Thomas findet offenbar eine Antwort, als er Jesus sieht und als er die Hand in seine Wunden legen darf. In diesem Moment ruft er aus: „Mein Herr und mein Gott!" In dem Jesus, der die Spuren des Leidens am Körper trägt, erkennt Thomas Gott. Da verschlägt es mir fast den Atem.
Der Auferstandene mit den Wunden. Der es zulässt, dass dieser Mensch Thomas die Hand in die Wunde des Leidens legt.
Die Frage warum wir leiden, bleibt trotzdem offen. Aber ich verdanke Thomas eine kostbare Erfahrung: im geschundenen, auferstandenen Jesus hat er Gott erkannt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=8074