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SWR1 3vor8

Heute mit Maria Meesters, Pastoralreferentin in Baden-Baden. Guten Morgen.

Alle sollen sie gerecht sein, Gott soll gerecht sein, der Staat soll gerecht sein und Eltern, Chefs und Lehrer auch. Und keiner ist es, behaupte ich.
Nein, vielleicht auch Gott nicht, zumindest nicht so wie ich mir das oft vorstelle. Dass er jeden gleich behandelt, dass Gutes entsprechend belohnt und Böses entsprechend bestraft wird. Oder ist es etwa gerecht, dass er das Opfer des Abel annimmt und das Opfer des Kain keines Blickes würdigt? Dass er die Israeliten trockenen Fußes durch das Rote Meer ziehen lässt und die Ägypter darin ertrinken müssen? Dass es immer wieder guten Menschen schlecht und Bösen anscheinend gut geht?
Die Bibel redet oft von Gerechtigkeit und ganz unterschiedlich. Wenn davon gesprochen wird, dass Gott gerecht ist, ist oft gleichzeitig von Beziehung die Rede und immer wieder auch von Barmherzigkeit. Gott ist mit den Menschen verbunden und will, dass sie gut mit ihm und miteinander leben. Dazu gehört eine Ordnung, auf die man sich verlassen kann. Aber nicht die Ordnung ist das Höchste, sondern die Beziehung, und die legt es oft nahe, barmherzig zu sein.
Wie in jenem Gleichnis vom Sohn, der sein ganzes Erbe durchgebracht hat, runtergekommen ist und keine Perspektive mehr hat und der so zu Hause auftaucht, nicht mehr als Sohn, sondern mit der Hoffnung, dass er als Tagelöhner zu Hause arbeiten darf. Und der Vater? Er umarmt ihn, nimmt ihn ausdrücklich wieder als Sohn auf und gibt ein Fest. Sein anderer Sohn, der immer anständig gearbeitet hat, beklagt sich dann bitter. Und der Vater antwortet: Du bist doch jeden Tag bei mir.
Mir fällt dabei ein Vater ein, der mir mal gesagt hat: “Uns ist ganz wichtig, dass wir
alle unsere Kinder genau gleich halten.“ Irgendwie läuft es mir dabei kalt den Rücken herunter. Die perfekte Gerechtigkeit – es gibt sie einfach nicht. Und wenn wir sie versuchen, werden wir so paradox es klingt – einander nicht gerecht.
Wenn wir Menschen von Gott verlangen, dass er perfekt gerecht ist, dann leben wir wohl in Leistungsdruck und nicht im Vertrauen. Wenn ich aber so die Beziehungen betrachte, in denen ich lebe – die zu Menschen und die zu Gott, dann glaube ich immer mehr: Was mich leben lässt, ist natürlich die Zuversicht, gerecht behandelt zu werden, aber mindestens so sehr auch das Vertrauen auf Barmherzigkeit. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7899