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SWR1 3vor8

Nehmt euch Gott selbst zum Vorbild; ihr seid doch seine geliebten Kinder!
Eph 5,1


Das Christentum fing an im Prekariat. Bei den Hirten auf dem Feld in Bethlehem zum Beispiel und in einer Flüchtlingsunterkunft.
Daran erinnert auch der Briefabschnitt, der heute in den evangelischen Kirchen gelesen und ausgelegt wird. Ein paar Zeilen, geschrieben an die ersten Christen in Ephesus. Das war eine Hafenstadt, da ging es zu wie heute noch in manchen Stadtteilen von Marseille oder Neapel oder auf der Reeperbahn. Die Menschen schlugen sich irgendwie durch. In so einer Stadt kann nur bestehen, wer sich durchsetzen kann: mit wüsten Reden und rücksichtslosem Verhalten, angeturnt von viel Alkohol. In solchen Verhältnissen, unter kleinen und großen Ganoven, bei Sklaven und Dirnen hatte Paulus gepredigt: Nehmt euch Gott selbst zum Vorbild; ihr seid doch seine geliebten Kinder!
Gottes geliebte Kinder! Die Menschen vom Kiez, die Diebe und Betrüger, die Zuhälter und die Dirnen? Und Paulus sagt ihnen: Ihr müsst nicht so bleiben, wie ihr geworden seid. Niemand darf euch darauf festlegen. Denn Gott tut das auch nicht. Für Gott seid ihr seine geliebten Kinder.
Für die Leute in den prekären Verhältnissen damals, die vielleicht ihre Kinder vernachlässigt haben, bei denen Gewalt an der Tagesordnung war, die bereit waren, vieles zu tun, wenn es nur Geld brachte – für die war das etwas ganz Neues: Ihr seid Gottes geliebte Kinder. Das war für sie die Hoffnung auf ein neues Leben. Raus aus all dem, womit sie sich gegenseitig verletzt haben und entwürdigt. Raus aus dem Dreck.
Deshalb war es sicher gut, dass einer der Nachfolger des Paulus, ein Seelsorger und Gemeindeleiter, diesen Leuten sehr deutlich aufgeschrieben hat, wie sie das anfangen müssen:
„Auf sexuelle Unmoral und Schamlosigkeit jeder Art, aber auch auf Habgier sollt ihr euch nicht einmal mit Worten einlassen, denn das gehört sich nicht für Gottes heiliges Volk. Genauso wenig haben Obszönitäten, gottloses Geschwätz und anzügliche Witze etwas bei euch zu suchen. … Denn über eins müsst ihr euch im Klaren sein: Keiner, der ein unmoralisches Leben führt, sich schamlos verhält oder von Habgier getrieben ist, hat ein Erbe im Reich von Christus und von Gott zu erwarten.“
Anscheinend haben diese drastischen Mahnungen im Laufe der Zeit gewirkt. Heute ist das Christentum eher eine Angelegenheit für die bürgerliche Mittelschicht. Und wer solche Mahnungen liest, der zeigt gern verächtlich mit dem Finger auf andere. Ich frage mich deshalb: Was müsste bei mir anders werden, damit mein Leben neu werden kann? https://www.kirche-im-swr.de/?m=7833