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SWR1 3vor8

Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch… es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes.

Manchmal ärgere ich mich über das, was in der Bibel steht. Weil es mich trifft. Aber anscheinend soll das so sein. So verstehe ich jedenfalls den Predigttext, der heute für die evangelischen Gottesdienste vorgesehen ist.
„Gottes Wort ist lebendig und voller Kraft. Das schärfste beidseitig geschliffene Schwert ist nicht so scharf wie dieses Wort, das Seele und Geist und Mark und Bein durchdringt und sich als Richter unserer geheimsten Wünsche und Gedanken erweist.“ (Hebr. 4, 12)
Ist das Reden vom Glauben an Gott also eine Waffe? Das Evangelium wie ein Schwert, das tötet oder jedenfalls zum Töten aufruft? Solche Hasspredigten gibt es nicht nur bei anderen. Auch im Namen des Christenglaubens sind immer wieder Menschen verfolgt und getötet worden und Kriege entbrannt.
Andererseits: Kann denn das Evangelium bloß „Friede, Freude, Eierkuchen“ sein, jedem gut tun, allen Recht geben und den Menschen nach dem Mund reden? Natürlich tut es mir gut, wenn ich mich bestätigt fühle in dem, was ich denke und wie ich mich verhalte. Aber wenn nicht manchmal einer kritisch nachfragt – wie leicht verrennt man sich dann und merkt es gar nicht? Natürlich, es tut weh, wenn dann jemand sagt: bist du sicher, das das so richtig ist? Manchmal verletzt es mich sogar, weil ich merke: da haben sie mich ertappt, und wie stehe ich jetzt da, vor den anderen und vor mir selbst?! Dann will ich am liebsten nichts hören und finde die Kritik zu scharf, die ich da heraushöre.
Aber wäre es wirklich gut, wenn Christen mit einer süßlichen, klebrigen Soße Konflikte zukleistern und alles zudecken, was eigentlich nicht bleiben kann, wie es ist? In der Bibel wird erzählt, wie die Propheten Israels, allen voran Nathan, den Menschen die Meinung sagen (z.B. 2. Sam. 12). Sie scheuen auch vor Königen nicht zurück. Sie decken auf, wo die Starken sich nehmen, was sie kriegen können, bis den anderen nichts mehr zum Leben bleibt. Mit dem Wort Gottes wollen sie Leben retten – wie mit einem Schwert. Was dazu nötig ist, tut manchmal weh. War es nicht gut, dass Margot Käßmann in ihrer Silvesterpredigt deutlich gesagt hat „in Afghanistan ist nichts in Ordnung“? Ich glaube nicht, dass die Diskussion darüber, was dort nötig und lebensförderlich ist, ohne diese Predigt so engagiert in Gang gekommen wäre.
Von Gott zu reden ist mehr als eine feierliche Verschönerung für Sonn- und Festtage. Von Gott zu reden kann lebendig machen. Aber manchmal tut das weh, wenn wieder Bewegung ins Leben kommt. Trotzdem tut das gut. Denn nur Bewegung hält uns Menschen lebendig. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7656