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SWR1 3vor8

1. Adventssonntag (Lesejahr C)

„Gott ist gerecht, weil er das Gute belohnt und das Böse bestraft, wie es ein jeder verdient.“ – O Gott! Wie grausam! Wo steht so etwas? Es steht in einem früheren Katechismus, in einem Glaubensbuch der katholischen Kirche. Eine solche Gottesvorstellung wollte man uns Älteren im Religions- und Katechismusunterricht noch beibringen. Was für eine rabenschwarze Pädagogik der Angst steckt hinter einem solchen Satz!

Ich möchte nicht daran denken, wie viele Menschen durch solche Botschaften Gott mehr gefürchtet haben, als dass sie ihn geliebt haben. Und wie viele Menschen gestorben sind mit dem entsetzlichen Gefühl, einem strafenden Gott in die Hände zu fallen. Das ist schlimm.

Aber wir kommen auch um solche Fragen nicht herum: Was geschieht mit Verbrechern wie Hitler, Stalin, Saddam Hussein? Sie haben unzählige Menschen gequält und vernichtet. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass sie so vor Gott stehen wie alle andern auch. Müssen sie einmal wie in einem Spiegel erkennen und dies in aller denkbaren Erschütterung, was sie Menschen angetan haben? Menschen, die unter solchen Verbrechern leiden, stellen sich das vielleicht so vor, um nicht zu verzweifeln.

Fragen, die ich letztlich nicht beantworten kann. Ich habe da auch nicht zu richten. Ich möchte aber auch nicht Gefahr laufen, eine Gerechtigkeit in Gott hineinzuprojizieren, wie ich sie mir vorstelle. Und da schwingt mit: vergelten, vielleicht sogar rächen. Doch mit solchen Gerechtigkeitsvorstellungen werden wir Gott nicht gerecht.

Beim Propheten Jesaja steht: „Jahwe, Gott ist unsere Gerechtigkeit“ – davon ist heute am 1. Advent in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Und unter der „Gerechtigkeit Gottes“ versteht Jeremia seine Kraft, seine Macht, die sich in grenzenloser Liebe einmischt zugunsten des Menschen. Gott errettet und befreit aus elenden und unheilen Zuständen – aus Hunger und Krankheit, aus Entbehrung und Verfolgung, aus Schuld.

Die lebensschaffende und lebenserhaltende Kraft Gottes möchte Menschen aufrichten, die am Boden sind; Mut machen, wo alles aussichtslos erscheint; neu ins Leben rufen, wo so manches abgestorben ist. Zu allen Zeiten hat diese Gerechtigkeit Gottes Menschen verändert und geheilt, ihnen Vertrauen und Zuversicht geschenkt – trotz allem, was unbegreiflich ist. Und so möchte ich vertrauen, dass Gott bis zuletzt seiner grenzenlosen Liebe zu uns gerecht wird. Und nicht die Hitlers, Stalins und Husseins gewinnen oder als Stärkere im Gedächtnis bleiben.


Ich wünsche Ihnen einen guten 1. Advent. https://www.kirche-im-swr.de/?m=7238