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SWR1 3vor8

Ich bin zwar evangelisch, aber ich bin den Katholiken sehr dankbar, dass es Fronleichnam gibt. Denn Fronleichnam hat mich 2 Dinge gelehrt und jedes Jahr erinnert mich der Feiertag wieder daran:

1.) Es ist nicht gut, wenn man religiös dumm ist. Es kann sogar gefährlich werden. Und
2.) Die Wahrheit ist auf dem Platz.

Zum ersten: Zur religiösen Dummheit. Jahrhunderte lang war der Fronleichnamstag eine Art Kampftag der Konfessionen. Ich hab das selbst noch miterlebt - als Jugendlicher. Gewusst habe ich wenig und wirklich verstanden noch weniger, was die Katholiken mit ihrer Prozession zeigen wollten. Wie viel es ihnen bedeutet, ihren Glauben so öffentlich zu zeigen. Ich hatte im Kopf, wir Evangelischen sind anders, und wenn die feiern, dann schaffen wir. So war das auf dem Land. Von dem Moment an, wo ich verstanden habe, worum es katholischen Christen an Fronleichnam geht, habe ich mich ein bisschen geschämt für unser Verhalten und für meinen Unverstand. Vielleicht geht es in 30 Jahren zwischen Christen und anderen Religionen ähnlich, wenn wir mehr voneinander verstehen.

2) Das zweite woran mich Fronleichnam erinnert: „Die Wahrheit ist auf dem Platz.“ Das ist zwar eigentlich eine Fußballweisheit, aber so verstehe ich auch die Prozession. Die Hostie, das Zeichen für Jesus Christus, wird hinausgetragen. Was die Christen glauben, wird aus dem Schutz der Kirche auf die Straßen getragen, sogar auf die Felder. In die Öffentlichkeit. Man macht aus seinem gläubigen Herzen keine Mördergrube, sondern zeigt, dafür stehe ich. Diese Stadt kann mit uns rechnen.
Und das ist etwas ganz und gar Ökumenisches: Christentum ist nicht nur Herzenssache. Und nicht nur Privatsache. Der Glaube gehört mitten hinein in den Lebens-Wandel. Ich denke und fühle nicht nur christlich, der Glaube braucht auch Hand und Fuß. Und das reicht vom Kleinsten bis in die große Politik: Wie ich auf dem Sportplatz mit dem Schiedsrichter umgehe, wenn er falsch gepfiffen hat, bis dahin, ob Embryos für die Forschung verbraucht werden dürfen. Wie wir mit unserem Wohlstand umgehen, wenn es für viele knapp wird. Oft ist das mit dem christlichen Lebenswandel nicht so einfach. Manchmal will man und kriegt es doch nicht hin. Aber so ein Feiertag wie Fronleichnam macht Mut, es immer wieder zu probieren. Denn:
„Die Wahrheit ist auf dem Platz.“ https://www.kirche-im-swr.de/?m=6050
Fest der Heiligen Dreifaltigkeit – so heißt dieser Sonntag, der Sonntag nach Pfingsten. Gemeint sind damit nicht Maria und Josef und das Jesuskind. Gemeint ist Gott, genauer: der verrückte Gedanke, dass Gott dreifaltig ist, ein Gott, bestehend aus Vater, Sohn und Heiligem Geist. Gott, der Vater, als Schöpfer, der die Welt und alles erschaffen hat, der Sohn, der ein Mensch war und mit uns gelebt hat, der Heilige Geist, den es auch immer schon gab und der alles belebt und neue Ideen bringt und der uns Gott ahnen lässt, was ja schließlich nicht selbstverständlich ist. Und die drei sind einer. In allen dreien begegnet uns der eine Gott.
Immer wieder haben Theologen versucht, diesen alten Glauben zu erklären, ihn erst einmal selber zu verstehen. Und Künstler haben immer wieder den dreifaltigen Gott dargestellt.
Mich beeindrucken besonders die Bilder mit dem merkwürdigen Namen Gnadenstuhl. Da ist in der Mitte Gott Vater, meistens sitzend, in den Händen hält er vor sich das Kreuz, an dem Jesus hängt, und zwischen dem Kopf des Vaters und dem Kopf Jesu schwebt in Gestalt einer Taube der Hl. Geist. Das ist Gott, müsste man unter diese Bilder schreiben. So ist Gott. Und es ist richtig, ihn in drei Gestalten darzustellen. Das sagt nämlich aus: Gott thront nicht einsam. Zu ihm gehört Gemeinschaft. Zu ihm gehört Beziehung. Offene Beziehung. Drei ist etwas anderes als zwei. Der Dritte ist wie eine ausgestreckte Hand.
Dieses Bild zeigt, was mit dem Glauben an einen dreifaltigen Gott gemeint ist. Es will sagen: Gott ist Beziehung, Gott ist Gemeinschaft. Das ist nicht zusätzlich, sondern es gehört zu ihm. Mir scheint, dass wir diesen alten Glauben zumindest teilweise vergessen haben. Er ist ja auch wirklich schwierig und verrückt. Gott als einer, der nicht zuerst in sich ruht und dann zusätzlich Beziehungen hat. Wir Menschen haben Beziehungen, Gott ist Beziehung. Und wo Beziehung ist, da ist Leben, da ist Wandel, da verändert sich, entwickelt sich etwas. Ich finde es atemberaubend, an diesen Gott zu glauben. https://www.kirche-im-swr.de/?m=6143