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SWR1 3vor8

Sonntag in der Weihnachtsoktav – Fest der Heiligen Familie

Sehnsüchtig warte ich auf den Brief eines geliebten Menschen. Und wieder einmal ist er nicht im Briefkasten. Seit Tagen und Wochen gehe ich dem Briefträger entgegen. Fehlanzeige. Eines Tages winkt er von weitem. Und ich sehe mich schon den lange ersehnten Brief in der Hand halten. Aber es ist ein Schreiben vom Finanzamt. Warten – zwischen Erfüllung und Enttäuschung. Es gibt in der Bibel ein Paar, das lange gewartet hat – die Prophetin Hanna und der Prophet Simeon. Im Tempel in Jerusalem hatten sie unermüdlich darauf gewartet, dass Gott seinem Volk den ersehnten Retter schenken wird. Unerschütterlich hatten sie daran geglaubt, dass Gott seine Zusagen einhält und es hell wird in ihrem Leben. In dieser Hoffnung sind sie alt geworden, sehr alt. Und dann ist ihnen etwas zu gute gekommen. Im alten Israel gab es ein Gesetz. Danach mussten Eltern ihren erstgeborenen Sohn in den Tempel nach Jerusalem bringen und ihn Gott weihen. Auch Maria und Josef bringen ihren Sohn Jesus dorthin. Davon ist heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören. Da kommt es zu einer wunderbaren Begegnung zwischen der Familie Jesu und den beiden Propheten Hanna und Simeon. Simeon hält das Kind Jesus in den Armen, preist Gott und ruft voll Freude aus: „Jetzt kehrt Frieden in mein Leben ein. Heute habe ich das Heil gesehen.“ Hanna und Simeon sind überwältigt, dass sie das noch erleben dürfen. Maria und Josef können nur staunen. So wurde aus der damals üblichen Kulthandlung eine wichtige Begegnung: Hanna und Simeon erkennen, dass dieses Kind Jesus in einzigartiger Weise mit Gott zu tun hat. Die beiden konnten warten, lange und geduldig warten, bis sich ihre Hoffnung erfüllt hat. Schön für Hanna und Simeon. Aber warten können heißt für mich nicht, dass alles wunschgemäß eintrifft, dass alle Sehnsucht gestillt wird, alle Hoffnung sich erfüllt. Und manchmal erkenne ich erst im Nachhinein, warum es gut ist, dass etwas eingetroffen ist oder nicht.Warten können heißt für mich versuchen, auszuhalten, offen zu bleiben für neue Erfahrungen, mich überraschen zu lassen und mir dabei möglichst treu zu bleiben. Nicht dass alles in meinem Sinne gut ausgeht, aber ich hoffe, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht und dass Gott mir gut will. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5143