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SWR1 3vor8

So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise. Und kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit.

Sind Sie ein Lebenskünstler? Jemand also, der aus allem das Beste für sich macht und der deshalb glücklich sein kann, auch im alltäglichen Wahnsinn? Ich jedenfalls wäre gern so eine Lebenskünstlerin. Und heute erinnert mich der Bibelabschnitt, über den in den evangelischen Kirchen gepredigt wird: Diese Lebenskunst, das ist nicht nur eine Begabung, die einer hat oder leider eben nicht hat. Lebenskunst ist – wie jede Kunst – zum größten Teil Handwerk und sorgfältige Arbeit. In der Bibel, im Epheserbrief, schreibt nämlich ein Lehrer der ersten Christen: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise. Und kauft die Zeit aus, denn es ist böse Zeit.“ (Eph 5, 15)
Im ersten Moment klingt das vielleicht nach erhobenem Zeigefinger: „Gib dir Mühe, sei ein anständiger Mensch!“ Aber ich finde, das ist viel mehr ein Plädoyer für die Freiheit. Der biblische Briefschreiber erinnert mich: Es ist nicht wahr, dass ich eigentlich gar nichts machen kann. Es ist nicht wahr, dass nur die anderen in meinem Leben das Sagen haben. Wenn ich finde: „Eigentlich lebe ich gar nicht – ich werde bloß gelebt, ich muss mich ja doch dem anpassen, was andere von mir wollen.“ Das ist nicht wahr. Da mache ich mir was vor, vielleicht aus Bequemlichkeit. Denn selber zu leben ist anstrengend, keine Frage. Sich gehen zu lassen ist bequemer.
Aber: Ich kann mein Leben gestalten. Nicht in allen Bereichen, das ist wahr. Aber: Ich habe Spielraum. Ich muss ihn bloß finden – und vor allem: nutzen! Ich habe es z.B. in der Hand, ob ich morgens atemlos und gehetzt im Büro ankomme – oder einigermaßen in Ruhe, gepflegt und mit klaren Gedanken für den Tag. Ich kann dafür sorgen, dass mein Schreibtisch aufgeräumt ist und mir nicht mit seinem Chaos das Gefühl gibt: das kann ich sowieso nicht schaffen, was da alles auf mich wartet. Ich habe es in der Hand, ob ich am Wochenende wirklich abschalten kann, den Alltag unterbrechen, mich erholen, das Leben genießen mit denen, die ich gern um mich herum habe.
Gerade wenn die Zeiten schwierig sind, sagt dieser Briefschreiber, gerade dann ist es wichtig, sich nicht gehen zu lassen. Gerade dann ist es wichtig, wie man sein Leben führt. Man kann nicht alles ändern, das ist wahr. Aber man kann etwas ändern. Man kann nicht den Idealzustand herbeizaubern – aber man kann es besser machen für sich und für andere. Man kann etwas ändern – gerade in schwierigen Zeiten. Und vielleicht verändert das Leben sich dann - ganz allmählich. Das ist Lebenskunst.
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