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SWR1 3vor8

Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jes 40, 31)

Einfach abheben können wie ein Vogel, los fliegen, immer höher, weit weg von allem, was manchmal so mühsam ist und so deprimierend. Das wäre schön. Manchmal träume ich davon. Ich könnte alles hinter mir lassen. Von hoch oben sehen die Probleme ganz klein aus und unbedeutend. Man hat einen weiten Blick und kann sich in Ruhe einen Landeplatz suchen – irgendwo, wo es anders ist, hell und sonnig und warm. Schön wäre das.
Aber nur ein Traum. Der Gottesmann Jesaja hat deshalb einen anderen Rat für die Situationen, in denen man von allem genug hat. Daran wird heute in den evangelischen Gottesdiensten erinnert. Jesaja rät: „Die auf Gott vertrauen, kriegen neue Kraft, … dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“
Dieser Jesaja hat die mühsamen Seiten des Lebens gut gekannt. Vor allem die Enttäuschungen. Wenn man Hoffnungen gehabt hat, vielleicht weil einer was versprochen hat – und dann wird nichts draus. Man hofft, lässt sich vertrösten, vertröstet sich selbst: gib ihm noch eine Chance, versuch es noch einmal. Und dann wird es wieder nichts und noch einmal nicht und wieder nicht obwohl man immer wieder gehofft und gekämpft und sich bemüht hat. Das macht einen am Ende mürbe. Genau so haben die Menschen um Jesaja herum jahrelang vergeblich gehofft und gewartet, dass ihre Situation besser wird. Und Jesaja empfiehlt ihnen: Gebt nicht auf. Rechnet weiter mit Gottes Hilfe. Beharrlich. Jeden Tag neu. Ich glaube, genau das ist der Punkt: Man kann nicht einfach abheben und die Probleme überspringen. Gott hebt mich nicht einfach drüber und mit einem Mal liegen alle Schwierigkeiten hinter mir. Aber: Gott geht den Weg mit, der vor mir liegt. Jeden Tag. Das hat er versprochen. Daran erinnert Jesaja. Und jeden Tag kann er einem die Kraft geben, die man braucht. Die Leute damals haben sich darauf verlassen und jeden Tag ihr Leben gelebt: Häuser gebaut, ihre Gärten bestellt, ihre Kinder erzogen, ihnen von der Zukunft erzählt, und wie das Leben besser sein könnte. Jeden Tag hat die Kraft gereicht für das, was kam. Jeden Tag waren sie einen Schritt weiter gegangen. Und irgendwann waren sie in der Zukunft angekommen, von der sie geträumt hatten. Und als sie am Ziel waren, da haben sie sich an Jesaja, ihren Propheten erinnert und aufgeschrieben, was er ihnen versprochen hatte: „Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“ Mir macht das Mut, jeden Tag einen Schritt weiter zu gehen. Gut, dass sie es damals aufgeschrieben haben. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3419