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SWR1 3vor8

Menschenwürdige Behandlung – Jesus Sirach 3,2-6.12-14
(Sonntag nach Weihnachten Lesejahr A)

„Die größte Kulturleistung eines Volkes sind die zufriedenen Alten.“ – ein Sprichwort aus Japan. Genau das meint auch ein Text aus dem Buch Jesus Sirach im Alten Testament. Er wird heute in den katholischen Gottesdiensten gelesen: „Wer Vater und Mutter ehrt, wird Freude haben an den eigenen Kindern und lange leben.“ Vater und Mutter ehren heißt nicht: Kinder sollen ihren Eltern gehorchen und brav sein. Was hier gemeint ist, gehört zu den größten sozialen Errungenschaften. Sie sind entstanden aus dem Umgang des Volkes Israel mit seinem Gott. In den meisten antiken Völkern waren die Alten gesellschaftlich abgeschrieben. Und natürlich gab es keine Krankenversicherung oder Altersversorgung. Deshalb war in Israel der älteste Sohn einer Großfamilie moralisch dazu verpflichtet, seinen altgewordenen Eltern einen menschenwürdigen Lebensabend zu ermöglichen. Vater und Mutter ehren – das war eine Revolution. Und das hat an Aktualität nichts eingebüßt. Stichwort: Generationenvertrag. Geht das Miteinander der Generationen verloren? Fühlen sich die Alten einsam und verlassen? Wie gehe ich damit um, wenn mein Vater, meine Mutter pflegebedürftig werden? Ich denke, alle sind sich darin einig, dass bei der absehbaren Bevölkerungsentwicklung und der immer noch hohen Zahl von Arbeitslosen erhebliche Veränderungen notwendig sind. Aber der immer wieder heraufbeschworene „Krieg der Generationen“ gehört ins Reich der Märchen. Die Schlacht um die Torte – bekommen die Jungen oder die Alten das größte Stück? – diese Schlacht findet hierzulande – Gott sei Dank - nicht statt. Darauf verweisen Umfragen und Studien. Viele unterstützen ihre Eltern regelmäßig finanziell und praktisch. Die Älteren machen sich nicht etwa ein schlaues Leben und verprassen das Erbe. Sie sparen für die Jungen. Für interessant und erfreulich halte ich auch das: Die Familie hat einen höheren Stellenwert als vor 50 Jahren. Sie bleibt auch in Zukunft das wichtigste soziale Netz im Alter. Immer mehr an Bedeutung gewinnen aber auch Freundeskreise. Da viele keine Kinder haben, werden verlässliche Netze mit Nichtverwandten immer wichtiger, und zwar generationsübergreifend. Vater und Mutter ehren - vielleicht könnte das heute so heißen: Jedem Menschen steht eine menschenwürdige Behandlung zu, egal wie alt, wie gesund, wie leistungsfähig er ist! https://www.kirche-im-swr.de/?m=2848