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SWR1 3vor8

Ich bin Peter Kottlorz von der Katholischen Kirche. Einen schönen guten Morgen!

„Liebe ist ein Glas das zerbricht, wenn man es zu unsicher oder zu fest anfasst.“
In diesem russischen Sprichwort steckt eine doppelte Wahrheit. Es ist schwierig sich Menschen zu nähern oder gar in eine Liebesbeziehung zu kommen wenn man selbst nicht in sich ist. Wenn man kein Selbstbewusstsein hat. Im doppelten Sinn: Ein Bewusstsein meiner selbst, aus dem Selbstsicherheit und Selbstvertrauen entstehen kann. Sei es in der Erziehung oder auch zwischen erwachsenen Menschen: Groß wie Klein haben ein natürliches Gespür dafür ob jemand echt ist. Und Liebe ohne Echtheit geht nicht.
Deswegen kann man die Liebe auch nicht erzwingen. Das Glas der Liebe zerbricht, wenn man es zu fest anpackt, wie es das russische Sprichwort sagt. Liebe ergibt sich, und Liebe ist eine Haltung, eine Lebenssicht und eine Lebensweise. (Die aus dem Innersten des Menschen kommt. Alle wahrhaft großen Menschen lebten und leben in der Liebe und aus der Liebe.)
In den katholischen Gottesdiensten wird heute ein Text aus dem Johannesevangelium gelesen. In diesem Text geht es um das Vermächtnis Jesu. Dieses Vermächtnis ist so groß wie einfach: „Liebt einander“, sagt Jesus zu seinen Jüngern, „ Wie ich Euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt!“
Das ist so schlicht wie schön. Und wirksam muss es auch gewesen sein. Denn nach dem Urteil antiker Geschichtsschreiber waren sie ganz besondere Leute, diese sogenannten Christen. Weil sie so deutlich anders, so deutlich besser miteinander umgegangen sind. Untereinader, aber auch mit Menschen, die nicht zu ihnen gehört haben. Die Urchristen haben geteilt was sie hatten. Hatte einer mehr, dann gab er denen die weniger hatten. Sie feierten regelmäßig ihr Erinnerungsmahl und sie heilten. Das war ein ganz wesentliches Merkmal der ersten Christen: sie heilten die Menschen. An Leib und Seele. Und das geht am besten oder vielleicht sogar nur, wenn man die Menschen liebt.
Die Menschen lieben, das heißt für mich nicht ihnen um den Hals fallen und sie mit meinen überbordenden Gefühlen bedrängen. Oder blind sein für ihre Boshaftigkeit und Brutalität. Die Menschen lieben heißt für mich: Sie in ihrer Schönheit und Zerbrechlichkeit sehen. Und sie behandeln wie kostbares Glas:
Vorsichtig, respektvoll, mit Neugier und mit Freude. Weil jeder von ihnen ein ganz eigenes wundervolles Gefäß ist, für das Beste das wir haben: das Leben! https://www.kirche-im-swr.de/?m=1283