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04JUN2026
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Heute feiern wir katholisch das Gegenteil, was der Name „Fronleichnam“ zu sagen scheint. „Fron“ klingt nach schwerer „Fronarbeit“. Aber es kommt von Frönen, etwas mit Leidenschaft und sehr gerne tun. Und „Leichnam“ meint in der ganz alten Sprache nicht den toten Leib, sondern den lebendigen. Das Fest ist also nicht tot und schwer, sondern lebendig und freudig. Fronleichnam bringt die Feiernden in Bewegung, zum Beispiel bei der Fronleichnamsprozession.

Auch das Lied zum Feiertag „Gott sei gelobet und gebenedeiet“ lädt zu einer Wanderung ein. Starten wir mit einem Orgelstück zum Lied von Heinrich Scheidemann. Da wandern die Füße des Organisten durch den Choral. Man hört das gut, weil es dann immer in den Tiefen, im Pedalwerk der Orgel, laut und kräftig wird. Vielleicht erkennen Sie ja sogar die Melodie!

 

Musik 1: Heinrich Scheidemann: Choralbearbeitung für Orgel

Gott sei gelobet und gebenedeiet,

der uns selber hat gespeiset

mit seinem Fleische und mit seinem Blute,

das gib uns, Herr Gott, zugute.

Kyrieleison.

Herr, du nahmest menschlichen Leib an,

der von deiner Mutter Maria kam.

Durch dein Fleisch und dein Blut

hilf uns, Herr, aus aller Not.

Kyrieleison.

 

Von der festlichen Orgelmusik führt uns unsere Fronleichnamswanderung jetzt weit zurück, nämlich ins 13. und 14. Jahrhundert. Aber es wird interessant! Damals war die Liturgie vorwiegend lateinisch, auch am Fronleichnamsfest, das Papst Urban IV. im Jahr 1264 für die gesamte Kirche eingeführt hatte. Das Fest erinnert an das Abendmahl Jesu am Gründonnerstag. Im Mittelpunkt steht aber jetzt, mitten im Sommer, nicht die Leidensgeschichte Jesu, sondern die Freude über das Geschenk von Brot und Wein aus Jesu Händen.

 

Musik 2: Kanon instrumental

 

An diesem neuen Feiertag – wir sind immer noch im 14. Jahrhundert - stimmt die Schola gregoriana den vielstrophigen Gesang Lauda Sion salvatorem (Lobe Zion, deinen Hirten) an. Der mittelalterliche Theologe und Kirchenlehrer Thomas von Aquin hat die Worte eigens für das neue Fest gedichtet. Daran gefällt mir, dass der große Theologe nicht nur Bücher mit tausenden von Seiten für die Gelehrten verfasst hat, sondern auch Liedtexte, die bis heute von vielen gesungen werden! Wenn dann noch eine gute Melodie dazukommt, deren Komponist wir leider nicht kennen, dann bringt das die Worte in Schwung, so dass wir mit diesem musikalischen Rückenwind gleich weiterwandern können.

 

Musik 3: Lauda Sion gregorianisch

Er ist uns im Brot gegeben,

Brot, das lebt und spendet Leben,

Brot, das Ewigkeit verheißt,

Brot, mit dem der Herr im Saale

dort beim österlichen Mahle

die zwölf Jünger hat gespeist.

 

Auf der nächsten Etappe unserer frühmorgendlichen Wanderung mit Musik zum Fest Fronleichnam kommt es zu einer schönen Begegnung. Jetzt sind wir schon im 15. Jahrhundert bei einer Fronleichnamsprozession im Schwäbischen. Der Chor, der für den liturgisch-lateinischen Gesang zuständig ist, singt das „Lauda Sion“, wie wir es gerade gehört haben. Zwischen diesen Versen aber stimmen die Schulkinder immer wieder deutschsprachige Strophen an. Sie singen „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, der Titel unseres Liedes zum heutigen Feiertag. Woher wissen wir das? Es steht sehr genau in einer Schulordnung im schwäbischen Crailsheim. Da ist zu lesen: „Es folgt das lobwürdige Fest Fronleichnam, bei welchem das Lauda Sion gesungen wird, zu dem ein volkstümlicher Gesang hinzutritt: Gott sei gelobet und gebenedeiet.“ Etwa so könnte es geklungen haben:

 

Musik 4 und 5:
Schola gregorianisch „Lauda Sion“, dann Kinderchor Borken aus
www.katholisch.de

 

Lateinisch und deutsch sind hier friedlich vereint! Eine solche Eintracht wünsche ich mir bei manchen kirchlichen Auseinandersetzungen heute. Eine versöhnte Verschiedenheit sollte es auch bei den musikalischen Stilen geben. Ob klassisch oder Gospel oder Lobpreis. Und es sollte sie ökumenisch geben, mit der Gastfreundschaft beim Abendmahl, auch und gerade an Fronleichnam. Jesus hat uns doch verheißen, „dass alle eins sind“.  Mich schmerzt es, dass Christen das nicht umsetzen. Aber das Lied zum Feiertag erinnert uns heute daran, dass das anders werden muss.

 

Musik 6 – instrumental wie Musik 2

 

Gehen wir noch einen Schritt weiter auf unserer Liederwanderung. Das Lied „Gott sei gelobet und gebenedeiet“ wird bald in allen Konfessionen gesungen. Warum aber ist Fronleichnam bis heute ein typisch katholisches Fest? Dazu müssen wir  gedanklich in die Reformationszeit wandern. Da begegnet uns Martin Luther in Wittenberg. Er findet es gut, dass das Fronleichnamsfest abgeschafft wird! Denn ihm gefällt es nicht, dass die geweihte Hostie als Leib des Herrn durch die Straßen getragen wird ohne den Wein, der doch das Blut des Herrn ist.

Aber das Lied „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, das will Martin Luther nicht aufgeben. Er nennt es lobend „ein christlich rein und fein Bekenntnis“. Und dann findet der Reformator eine perfekte Lösung für das Lied. Er war ja musikalisch sehr begabt, er konnte singen, die Laute spielen und etwas komponieren. Also formt Martin Luther das alte Fronleichnamslied zu einem neuen Abendmahlslied um, das ganz oft gesungen werden kann. Heute ist das Lied ein musikalischer Baustein für die geeinte Kirche, so wie Jesus sie will. Der Segen Gottes dafür ist schon da!

 

Musik 7: Jonathan R. Brell: Gott sei gelobet und gebenedeiet; Leitung: Klaus-Martin Bresgott

 

Gott geb uns allen seiner Gnade Segen,

dass wir gehn auf seinen Wegen

in rechter Lieb und brüderlicher Treue,

dass uns die Speis nicht gereue. Kyrieleison.

 

Jetzt sind wir auf unserer Lied-Wanderung in der Gegenwart angekommen. Die dritte Strophe ist mein persönliches Motto heute. Da heißt es: „Gott, geb uns allen seiner Gnade Segen, dass wir gehn auf seinen Wegen“. Nachher wird aus dieser fiktiven Wanderung mit unserem Lied zum Feiertag wohl noch eine „echte“ Wanderung. Ich werde an der Fronleichnamsprozession mitlaufen. Und beim Gehen denke ich auch an die vielleicht auch mal schwierigen Wege der nächsten Tage und Wochen. Einen besseren Wunsch als „Gott geb uns allen seiner Gnade Segen“ kann ich mir da kaum vorstellen.

 

Musik 7 – Fortsetzung Jonathan Brell

 

Herr, dein heilger Geist uns nicht verlass,

der uns geb zu halten rechte Maß,

dass dein arm Christenheit

leb in Fried und Einigkeit. Kyrieleison.

 

 

Komponist

unbekannt, Mainz um 1390, Wittenberg 1524

 

Textdichter

Martin Luther nach älteren Vorlagen

 

Musikquellen

 

Musik 1: Heinrich Scheidemann: „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, Choralbearbeitung für Orgel; Interpretin: Julia Brown, M0026985

 

Musik 2/6: Martin Agricola: Kanon über das Lied (instrumental) - M0012415

 

Musik 3: „Lauda Sion“ gregorianisch, Scola gregoriana – BR C5115070109

 

Musik 4: „Lauda Sion“ gregorianisch, Capella antiqua – WDR 6015149104.001.

 

Musik 5: „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, Gottelob-Einspielungen www.katholisch.de

                   https://www.youtube.com/watch?v=7ZCSrCQa-Gs

 

Musik 7: Jonathan R. Brell: „Gott sei gelobet und gebenedeiet“, Athesinus Consort Berlin, Klaus-Martin Bresgott, WDR 6196085115.001.001 (oder CD Luthers Lieder Carus 83.469, LC 3989, Track 15)

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25MAI2026
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Musik 1: „Veni creator spiritus“

„Veni creator spiritus“ – „Komm, Schöpfer Geist!“ Seit über tausend Jahren wird diese Bitte an Pfingsten laut. Ein lateinischer Hymnus, Hrabanus Maurus zugeschrieben – der war in der Mitte des 9. Jahrhunderts Erzbischof von Mainz. Martin Luther hat das Lied dann ins Deutsche übertragen:

Musik 2: „Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist“

„Komm, Gott Schöpfer, Heiliger Geist …“ Aus Gottes schöpferischem Geist entstand einst die Welt. Die Bibel erzählt: „Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“

Das hebräische Wort „ruach“ – Geist – kann auch Wind bedeuten. „ruach elohim“ – der Geist Gottes über dem Wasser; oder ein „Gotteswind“, ein gewaltiger Sturm, der über das Wasser tobt.

An so einen Gottessturm scheint Gustav Mahler gedacht zu haben, als er den alten Hymnus in den Eingangssatz seiner 8. Sinfonie aufgenommen hat:

Musik 3: Gustav Mahler, 8. Sinfonie

Mit Macht schafft Gottes Geist eine ganze Welt – und mitten darin die ersten Menschen. Mit unserem Atem – ebenfalls hebräisch ruach – haben wir bis heute Teil an dieser Herrlichkeit.

Zugleich zeigt gerade der Atem, den wir nach der Bibel von Gott eingehaucht bekommen haben, wie schwach und zerbrechlich wir sind. Wie preisgegeben allen Stürmen unseres Lebens.

„Infirma nostri corporis firmans virtute perpeti – Gib unseren schwachen Körpern die Kraft, auszuharren“: Mit diesen Worten verbindet der Hymnus unsere menschliche Schwäche mit der Kraft Gottes.

Musik 3

Die Schwäche des Menschen ist das eine. Zugleich ist die Finsternis, die seit Urzeiten aller Schöpfung vorausgeht, nie ganz fort. Wir erleben sie als Finsternis der Gewalt, des Leids, der Verzweiflung, der Todesangst. Das Erste, was Gott in der Finsternis erschaffen hat, ist daher das Licht.

Musik 3

„Accende lumen sensibus, infunde amorem cordibus …“
„Entzünde ein Licht in unserem Sinn, in unserem Geist und Verstand.
Gieß Liebe in unser Herz!“

Musik 3

Nicht nur die Welt wird hell erleuchtet am ersten Schöpfungstag; Gott hat von diesem Licht auch einen hellen Schein in unser Herz gegeben. Als Liebe kann es in die Welt leuchten – wenn wir es zulassen.

Das ist für mich der eigentliche Sinn der Schöpfung: Gott schafft den Menschen als Bild Gottes. Gott sucht ein Gegenüber, das ihm antwortet. Der schöpferische Gottessturm, von dem die Bibel erzählt: das ist die Liebe. Mächtige, stürmische, göttliche Liebe. Liebe, die die Welt umarmt und keine Grenzen kennt. Strahlend übersetzt Gustav Mahler dieses Ereignis in Töne und Klangfarben.

Diese Liebe verändert die Welt: „Weit treibe den Feind von uns – hostem repellas longius! Und gib uns Frieden – pacem!“

Musik 3

So beschreibt Mahlers Musik unsere Welt: in brutaler Unruhe, mit schrillen Dissonanzen, Schreien angesichts der Feinde.

In derselben Unruhe und Verstörtheit erklingt nun die Bitte um den Frieden. Der Frieden ist nicht an einem anderen Ort – der Krieg ist der Ort, wo Frieden werden soll. Frieden ist, wenn die Waffen wirklich schweigen, die Feinde keine Feinde mehr sind. Wenn Gottes Liebe die ganze Welt erfüllt, alles in allem ist.

Das ist wahrer Friede. Komm, Schöpfer Geist – schaffe diesen Frieden in unserer Welt!

Im 8. Psalm heißt es: „Aus dem Mund der jungen Kinder und Säuglinge hast du eine Macht zugerichtet um deiner Feinde willen“: Deshalb sind es Kinder, die in Mahlers Hymnus das Gloria, den großen Lobgesang eröffnen. Wir dürfen einstimmen: „Ehre sei Gott in der Höhe!“

Musik 3

Einen gesegneten Pfingstmontag wünscht Ihnen Christian Hartung aus Kirchberg im Hunsrück von der evangelischen Kirche!

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Musikangaben:

Titel / Lied: Veni creator spiritus (Gustav Mahler, 8. Symphonie)
Komponist:
T: Hrabanus Maurus (9. Jh.); Martin Luther (1524; EG 126)
M: Kempten um 1000; Gustav Mahler

Musikquellen

  • Musik 1: Veni, creator spiritus Hymnus zum Heiligen Geist; Asperges me - Lateinische Gesänge der Liturgie; Unbekannt; Unbekannt; Wasserfaller, Thomas; Schola der Stiftsmusik St. Peter Salzburg; Kircher, Armin
  • Musik 2: Komm, Gott Schöpfer, heiliger Geist (Strophe 1, 4, 6, 7) (Auszug); Luthers Lieder; N. N.; N. N.; Schneider, Arno; Bresgott, Klaus-Martin; Athesinus
  • Musik 3: Sinfonie Nr. 8 Es-Dur für 8 Vokalsolisten, 2 gemischte Chöre, Knabenchor und Orchester; Gustav Mahler - 8. Sinfonie; Mahler, Gustav; Goethe, Johann Wolfgang von; hr-Sinfonieorchester; Järvi, Paavo
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14MAI2026
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„Was steht ihr da und seht in den Himmel?“ Das müssen sich die Jünger Jesu am Himmelfahrtstag fragen lassen. In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Jesus auf einer Wolke verschwindet. Ratlos und fassungslos blicken die Jünger ihm hinterher. Noch einmal müssen sie ihr Verhältnis zu Jesus völlig neu justieren. Dabei hatten sie sich gerade erst an die Begegnungen mit dem Auferstandenen gewöhnt. Aber auch diese Zeit ist nun unwiederbringlich vorbei. Was sollen sie jetzt tun? Was dürfen sie hoffen?

Eins wird ihnen gleich unmissverständlich klargemacht: Sich an Jesus zu orientieren, heißt nicht, die Wolken zu betrachten. Der Himmel, in den Jesus zurückkehrt, das Himmelreich, das er verheißen hat, das ist kein Ort, sondern eine Art zu leben.

Joan Baez Strophe 1

Den Himmel im Blick zu haben, bedeutet Hoffnung! Hoffnung auf Gottes neue Welt. In einem Lied, das eine erstaunliche Geschichte hat, wird diese Haltung für mich hörbar und spürbar: We shall overcome

Joan Baez, Strophe 1

Wir werden alles überwinden, eines Tages. Gott wird uns hindurchhelfen, eines Tages. Ja, tief in meinem Herzen glaube ich fest, dass wir eines Tages alles überwinden werden…

Ein Lied, das von einer tiefen christlichen Hoffnung auf Erlösung geprägt ist. Und gleichzeitig ein Lied, das im 20. Jahrhundert ein Schlüsselsong des politischen Protests weltweit geworden ist.

Das Lied, wie wir es heute kennen, hat weitverzweigte Wurzeln. Die Melodie lehnt sich an eine sizilianische Volksweise an: O Sanctissima – ein Marienlied. Europäische Auswanderer brachten es in die USA. In Deutschland wurde die sizilianische Melodie durch ein anderes Lied berühmt:

O du fröhliche, Violine und Orgel

Ja, genau: O du fröhliche! – wenn man es weiß, kann man die Ähnlichkeit der Tonfolge in We shall overcome sogar heraushören…

In den USA hörten afro-amerikanische Sklaven die Melodie von O Sanctissima von ihren Unterdrückern. Sie nahmen sie auf, wandelten sie ab – und hatten dazu bald ihren eigenen Text:

No more auction block for me – sangen diejenigen, die misshandelt und wie Vieh gekauft und verkauft wurden: Ich werde nie mehr auf dem Block stehen müssen und mich bei einer Sklavenauktion zur Schau stellen lassen.

No more driver’s lash for me – keine Peitsche mehr für mich. Konkreter kann man die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht ausdrücken.

Charlie Haden, Klavier

Um 1900 schrieb der Methodistenpfarrer Charles Albert Tindley, selbst Sohn eines Sklaven, schließlich den Gospelsong I will overcome some day – ich werde überwinden. Das Lied handelt vom inneren Kampf jedes Christen gegen die Macht des Bösen in der Welt.

Sein Text war sicher einigen der Arbeiterinnen bekannt, die im Winter 1945 in South Carolina die Arbeit niederlegten. Ein fünf Monate andauernder Arbeitskampf für bessere Löhne gegen die American Tobacco Company begann. Überwiegend schwarze Frauen streikten dort, aber es gab auch große Solidarität von weißen Amerikanern. Um der Kälte zu trotzen, wurde gesungen – und die Streikenden, die aus unterschiedlichen Traditionen kamen, mischten No more auction block mit der Melodie von O Sanctissima und Textelementen von I will overcome zu einem kraftvollen Streiklied: We shall overcome!

Es würde zur wichtigsten Hymne der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung – hier gleich zu hören in einer Live-Aufnahme von Pete Seeger aus dem Jahr 1963, in der er zur Solidarität mit den Demonstrierenden in den Südstaaten aufruft – denn auch zwanzig Jahre später konnte von Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weißen noch keine Rede sein …

Pete Seeger

Es braucht Menschen, die etwas tun – dann wird dieses Lied wahr, sagt Pete Seeger. Dann werden wir Hand in Hand gehen.

Überall wurde von da an mit diesem Lied für eine gerechtere Welt gestritten: Bei Demonstrationen gegen die Apartheid in Südafrika wurde es gesungen – und auch von der Unabhängigkeitsbewegung in Bangladesch. In den achtziger Jahren ging man in Westdeutschland damit gegen das atomare Wettrüsten auf die Straße – und in der DDR gegen das SED-Regime.

Manche haben das Lied bewusst als Christinnen und Christen gesungen – andere die Sehnsucht, die in seinen Zeilen steckt, für sich übernommen. Und die Hoffnung auf das Himmelreich, die das Lied ursprünglich in sich trägt, hat allen Mut gemacht. Die Geschichte von We shall overcome zeigt: Die christliche Hoffnung auf den Himmel muss keine Vertröstung aufs Jenseits sein. Sie ist eine Kraft, die das Hier und Heute verändern kann. Eine Kraft, die fast physisch spürbar wird, wenn Louis Amstrong davon singt….

Louis Armstrong

Wir haben keine Angst – heute.
Ja, ich glaube: Wer darauf vertraut, dass eine Zukunft in Frieden und in Gerechtigkeit möglich ist, ja eines Tages bestimmt kommen wird, verliert die Angst. Erst recht, weil diese Verheißung über das eigene Leben hinausweist.

Auch wenn ich nicht mehr unter euch lebe, das ist die Botschaft von Jesus am Himmelfahrtstag, auch dann wird sich das Himmelreich weiter ausbreiten. Und ihr werdet Teil davon sein. Im Leben und im Tod.

Das feiern wir heute: Ja, tief in meinem Herzen glaube ich fest, dass wir eines Tages alles überwinden werden…

Louis Armstrong

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06APR2026
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Musik:

  1. Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit!

Schon sinkt die Welt in Nacht und Dunkelheit.

Geh nicht vorüber, kehre bei uns ein.

Sei unser Gast und teile Brot und Wein.

 

Endlich gibt es ein Lied zur Emmausgeschichte im katholischen Gesangbuch. Für mich ist die Episode mit den beiden Freunden, die gemeinsam unterwegs sind, die schönste Ostererzählung des Neuen Testaments. Weil sie so behutsam mit dem Glauben an Jesus umgeht. Und weil sie mit einer Frage endet: Brannte uns nicht das Herz in der Brust ...? Die Frage, ob ich von Jesus berührt werde, ist existentiell für mich. Und mit ihr verbunden, dass ich balancieren muss zwischen Ungewissheit und Hoffnung. Deshalb ist der Satz mein Leitwort seit der Priesterweihe, so etwas wie mein persönliches theologisches Motto.

 

Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit heißt das Lied, das im Gotteslob die Nummer 325 trägt. Es bewahrt die Zurückhaltung, die der Evangelist Lukas in seine Ostergeschichte gelegt hat, und es transportiert die Sehnsucht, mit der Kleopas und sein Freund unterwegs sind. Peter Gerloff, der die Verse verfasst hat, versteht es eindringlich, sich in die Stimmung der beiden Jünger hinein zu versetzen. Mehr noch: Er überträgt sie auf uns, in unsere Zeit. Ostern - das ist zwar ein historisches Ereignis vor 2000 Jahren; trotzdem bleibt es keinem Menschen erspart, den Weg dorthin selbst zu gehen - durch die Zeit, auch in Nacht und Dunkelheit - die Erfahrungen des persönlichen Karfreitags eingeschlossen. Ich weiß, wie oft ich darum gebetet habe, dass ich dabei nicht allein bin: dass es immer Menschen an meiner Seite gibt, einen Freund wie Kleopas. Und dass Jesus mit mir geht, auch wenn ich ihn nicht bemerke, dass er bei mir einkehrt.

 

Musik:

  1. Weit war der Weg. Wir flohen fort vom Kreuz.

Doch du, Verlorner, führtest uns bereits.

Brennt nicht in uns ein Feuer, wenn du sprichst?

Zeige dich, wenn du nun das Brot uns brichst.

 

Der Tonsatz des Liedes greift die sehnsuchtsvolle Stimmung wunderbar auf. Sie nimmt im Verlauf der Strophen noch zu, sie entfaltet sich regelrecht. Und ich ertappe mich dabei, dass mir genau dieser melancholische Ton, die leicht traurige Musik besonders wohl tut. Vielleicht bin ich dann zu mir selber am ehrlichsten: wenn ich die Fragen meines Daseins anschaue, die Ungewissheiten, meine Ängste. Und trotzdem nicht zu verzweifeln brauche.

 

Die Jünger von Emmaus machen eine tiefe Glaubenserfahrung. In ihrem Kopf hat sich das Bild festgesetzt, wie Jesus am Kreuz hängt. Damit verbinden sie das Aus all ihrer Sehnsucht nach Leben und Glück. Bis sie merken: Dieses Bild ist nicht das Ende. Das Geheimnis Gottes ist größer. Und sie dürfen daran teilnehmen. Wie ein Aha-Erlebnis setzt sich diese Erfahrung in ihnen fest. Sie begleitet sie bis in den eigenen Tod. Sie – und wenn wir wollen – auch uns.

                                                                                                                                                        

Musik:                                                                                                          

Weihe uns ganz in dein Geheimnis ein.

Lass uns dich sehn im letzten Abendschein.

Herr, deine Herrlichkeit erkennen wir:

Lebend und sterbend bleiben wir in dir.

 

Quellen:                     

  1. Chor der Kath. Hochschule für Kirchenmusik der Diözese Rottenburg-Stuttgart:
    Bleibe bei uns, du Wandrer durch die Zeit

Privataufnahme für den Autor dieser Sendung vom 29.04.2014

Entstehungsart: sonstige Produktion
Leitung: Prof. Jan Schumacher

T: Peter Gerloff

            M: William Henry Monk (1861)

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03APR2026
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Musik: Colors of Bach, Intro

Es gibt Melodien, die gehen mir nicht aus dem Kopf. Für mich gehört diese dazu. Sie ist traurig und tröstlich zugleich.

Musik: Colors of Bach, Choral

„O, Haupt voll Blut und Wunden“. Ein Lied, das mir zu Herzen geht. Und unter die Haut. Kein Wunder, war es doch, bevor es zu einem Kirchenchoral wurde, ein Liebeslied.
Heute, am Karfreitag, erzählt es von einer Liebe, die mit dem Tod nicht zu Ende war. Die weitergeht. Es erzählt von einem Schmerzensweg, den einer alleine gegangen ist. Und es erklingt heute für alle, die auf ihrem Schmerzensweg unterwegs sind.

Musik: J.S.B. Matthäuspassion

O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
O Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron’...

In der Geschichte des Jesus von Nazareth, von dessen Passion in diesem Choral die Rede ist, gehören Liebe und Tod untrennbar zusammen. Seine grenzenlose Liebe zu den Menschen. Und sein Verzicht, mit Gewalt zu reagieren, wo seine Liebe nicht erwidert wird. Unvergessen darum seine Geschichte am heutigen Karfreitag. Von einem, der ausgebrochen ist aus der tödlichen Spirale von Schlag und Gegenschlag. Von Gewalt und Gegengewalt.

O Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr’ und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
Gegrüßet sei’st du mir!

Erzählt wird eine Passionsgeschichte. Passion, das heißt aber nicht: Verklärung des Todes. Sondern: Leidenschaft für das Leben. In einer Welt, die seit je von der Macht und den Mitteln der Mächtigen fasziniert ist.

Jenseits aller Verklärung beschreibt der Dichter des Liedes, Paul Gerhard, die Brutalität einer Kreuzigung. Schreibt von „Blut und Wunden“, von „Schmerzen und Hohn“, von Schimpf und Schande. Und eben auch davon, wozu Menschen fähig sind, wenn sie das Kommando dazu bekommen.

Musik: Colors of Bach, Choral

Du edles Angesichte,
davor sonst schrickt und scheut
das große Weltgewichte,
wie bist du so bespeit,
wie bist du so erbleichet!
Wer hat dein Augenlicht,
dem sonst kein Licht nicht gleichet,
so schändlich zugericht’?

Wohin das führt, wenn die Würde des Menschen mit Füssen getreten wird, wird hier beschrieben! Paul Gerhardt findet während des Dreißigjährigen Krieges Worte für Grausamkeiten, die keine Vergangenheit zu kennen scheinen. Weil sie so bedrängend aktuell sind.

Aber es geht in diesem Choral nicht nur um Passion, sondern auch um Compassion. Um Mitleiden. Wer einstimmt in diese Melodie, bleibt nicht unbeteiligt am Rande des Geschehens stehen. Sondern identifiziert sich mit dem Leid des Opfers.

Musik: Colors of Bach, Choral

Ich will hier bei dir stehen,
Verachte mich doch nicht!
Von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht.
Wenn dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.

Der Weg des Friedenskönigs Jesus von Nazareth endet nicht zufällig am Kreuz. Es scheint voll innerer Notwendigkeit, dass der, der den Frieden bringt, ja ihn verkörpert, dass genau der zwischen alle Stühle gerät. Und zerrieben wird zwischen den Fronten.
Johann Sebastian Bach meint, dass ihm dieses Schicksal schon in die Wiege gelegt ist. Und bringt das auch musikalisch zum Ausdruck. Kunstvoll und beziehungsreich lässt er den alten Passionschoral schon in seinem Weihnachtsoratorium erklingen.

Musik: J.S.B. Weihnachtsoratorium

Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn' ich dir,
o aller Welt Verlangen,
o meiner Seelen Zier?

Ich finde, ganz gleich ob zur Weihnachtszeit oder zur Passionszeit, kann einen dieser Choral durchs Leben begleiten. Und das ist wohl der Grund, warum er - weit über die Barockzeit hinaus - Menschen immer wieder angerührt hat.
In der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung des letzten Jahrhunderts hat das Lied neue Aktualität gewonnen. Und wieder daran erinnert, dass Menschen nicht gemacht sind, einander zu Feinden zu werden.  
Darum zum Schluss die Version des Trios Peter, Paul and Mary. Bei ihnen heißt es: „Alle Menschen sind Brüder und Schwestern. Die Ängste meines Bruders sind auch meine Ängste. Und seine Tränen sind auch meine Tränen – egal ob gelb, weiß oder braun.“

Ein altes Liebeslied, in dem ich spüre, dass in ihm die Leidenschaft für ein anderes, ein mitmenschliches Leben brennt.

Musik: Peter, Paul, Mary  

My brothers are all others forever hand in hand
Where chimes the bell of freedom there is my native land
My brother′s fears are my fears yellow white or brown
My brother's tears are my tears the whole wide world around.
Let every voice be thunder, let every heart beat strong
Until all tyrants perish our work shall not be done
Let not our memories fail us the lost year shall be found
Let slavery′s chains be broken the whole wide world around

Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihnen Klaus Nagorni aus Karlsruhe von der evangelischen Kirche

***

Colors of Bach, Befiel du deine Wege, Variation, Arr. For Violon & String Quintet
Matthäus-Passion BWV 244, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart
Weihnachtsoratorium, BWV 248, Gächinger Kantorei, Bach-Collegium Stuttgart
See what tomorrow brings. Peter, Paul and Mary, “Because all men are brothers”

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44191
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25DEZ2025
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Was wäre Weihnachten ohne seine Lieder? Ich hoffe, Sie haben gestern schon ganz viele gesungen oder gehört und haben es immer noch nicht satt, denn ich möchte Ihnen gerne ein paar vorstellen. Dabei greife ich gleich mal in die Vollen und beginne mit dem Weihnachtslied, das mir jedes Jahr zuverlässig einen Gänsehautmoment beschert. Und zwar immer im Heiligabendgottesdienst ganz zum Schluss, nach dem Segen. Da bleibt nämlich die ganze Gemeinde noch stehen und singt auswendig alle drei Strophen von „O du fröhliche“. Und wenn sich in der dritten Strophe an der Orgel der Zimbelstern zu drehen beginnt und sein Glöckchengebimmel über den Gemeindegesang auszuckert, dann … möcht‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön!
Kommen Sie, ich schenke Ihnen so einen Moment:

O du fröhliche, o du selige,
gnadenbringende Weihnachtszeit!
Himmlische Heere jauchzen dir Ehre:
Freue, freue dich, O Christenheit!

Neben „O du fröhliche“ gibt es im evangelischen Gesangbuch noch viele Weihnachtsliederstrophen, die mit dem Buchtstaben „o“ beginnen. Denn an Weihnachten gibt es so viel zu staunen und zu bewundern. Kein Wunder also, dass bei so vielen Os das Ganze auch mal schnell ins Kitschige kippt. Aber am anderen Ende des O-Lauts liegt die Klage, wohnt das Seufzen:  O weh! Oje! Haben Sie gewusst, dass dieser Stoßseufzer ein Mini-Gebet ist? Das Je in O Je steht für Jesus. Er wird angefleht.
Es geht aber auch ausführlicher, wie in diesem Adventslied: 

O Heiland, reiß die Himmel auf,
herab, herab, vom Himmel lauf!
Reiß ab vom Himmel Tor und Tür,
reiß ab, wo Schloss und Riegel für!
O Gott, ein' Tau vom Himmel gieß;

im Tau herab, o Heiland, fließ.
Ihr Wolken, brecht, und regnet aus
den König über Jakobs Haus.
O Erd', schlag aus, schlag aus, o Erd',
dass Berg und Tal grün alles werd'.
O Erd', herfür dies Blümlein bring,
O Heiland, aus der Erden spring.

Die große Sehnsucht, die dieses Lied in die Welt hinausruft, wird an Weihnachten gestillt. Es kommt der Heiland, der König. Maria bringt ihn zur Welt.

Nun ist eine Geburt eine schmerzhafte Angelegenheit. Und wer Schmerzen hat, schreit sie mit einem langen Aaaa hinaus. Das A ist der Schmerzenslaut. In einem Geburtsvorbereitungskurs lernt man deshalb heute Atemübungen für den Moment, wenn einen die Wehe überrollt. Trainiert, den Schmerz der einsetzenden Wehen zu veratmen, tief hinein in den Unterleib. A E I O U. Die fünf Vokale haben ihren Sitz nämlich in verschiedenen Körperregionen. Tief im Unterleib sitzt das U. Das O dagegen nimmt die Mitte des Körpers ein. Dort kommt Deine Kraft her. Und mit dem O setzt das Staunen ein. Mit dem O wächst das überwältigende Gefühl für das Wunder eines neuen Lebens. Und manchmal beginnt es ganz leise:

O Jesulein zart, dein Kripplein ist hart,
o Jesulein zart, wie liegst du so hart!
Ach schlaf, ach tu dein Äuglein zu,
schlaf und gib uns die ewige Ruh'!
O Jesulein zart, wie liegst du so hart.

Auch in der biblischen Weihnachtsgeschichte finden sich einige O-Töne. Nicht verbürgt, aber gut vorstellbar ist das lautstarke „Boah!“ der Hirten, denen mitten in der Nacht ein Engel Unglaubliches zu sagen hat: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ Und weiter heißt es: „Alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ Und im Jubel dieses Engelchors explodiert das schlichte O in eine nicht enden wollende Lobkaskade:

Gloria in excelsis Deo

Die Hirten finden dann alles so vor, wie der Engel es ihnen gesagt hat: Maria, Josef, das Kind in der Krippe. Aber das Wichtigste passiert danach: Sie behalten es nicht für sich. Sie wollen den Moment nicht nur für sich festhalten, um für immer in ihm zu verweilen. Nein, sie kehren wieder um, preisen und loben Gott für alles, was sie gehört und gesehen haben. Gott sei Dank, denn sonst hätten wir ja nie davon erfahren:

Nun singet und seid froh,
jauchzt alle und sagt so:
Unser Herzens Wonne
liegt in der Krippen bloß
und leuchtet wie die Sonne
In seiner Mutter Schoß.
|: Du bist A und O. :|

A und O. Alpha und Omega. Erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets. In

dieser Sprache hat Lukas sein Evangelium aufgeschrieben. Auf Deutsch müssten wir also eigentlich sagen: Du bist A und Zett. Aber ich bleibe heute lieber beim A und beim O. Und wünsche Ihnen frooohe Weihnachten!

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Musikangaben:

O du fröhliche
Text: Heinrich Holzschuh (1829)
Musik: Sizilianische Volksweise (vor 1788)
Aufnahme: Chor der Stiftsmusik St. Peter Salzburg: M0454888

O Heiland, reiß die Himmel auf
Text: Friedrich Spee (1622)
Musik: Köln 1638
Aufnahme: Daniel Behle und Oliver Schnyder Trio: M0563283(AMS)

O Jesulein zart
Text: Verfasser unbekannt
Musik: Wiegenlied aus dem 17. Jahrhundert
Aufnahme: Niniwe Vocal Art: M0316527(AMS)

Gloria
Text: Otto Abel (1954) nach einer franz. Melodie aus dem 18. Jahrhundert
Musik: Frankreich 18. Jahrhundert
Aufnahme: Windsbacher Knabenchor: M0407611

Nun singet und seid froh
Text: Hannover 1646 nach dem Lat.-Dt. „In dulci iubilo“ aus dem 14. Jahrhundert
Musik: 14. Jahrhundert, Wittenberg 1529
Aufnahme: Allegria: M0280324(AMS)

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01NOV2025
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Steiger:  Heute am katholischen Fest Allerheiligen mit Pfarrer Thomas Steiger aus Tübingen und mit Professor Dr. Jens Maschmann, dem leitenden ärztlichen Direktor am Universitätsklinikum Tübingen. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für das Gespräch.

Maschmann: Sehr gerne.

Steiger: Bei Allerheiligen denkt man ja zunächst mal: das ist ein sehr katholisches Fest. Das haben Sie wahrscheinlich auch gedacht. Warum will denn der Pfarrer Steiger da mit mir drüber sprechen? Ich bin doch gar nicht katholisch. Aber für mich ist das gar nicht so weit hergeholt, weil das Allerheiligenfest eben gerade kein Fest ist, wo es um einen speziellen Heiligen im römischen Heiligenkalender geht, sondern allgemein darum, dass in jedem Menschen etwas Heiliges ist. Herr Maschmann, ist Ihnen auch etwas heilig, und ich meine das jetzt eben nicht nur so im begrenzt religiösen, sondern eher im umfassenden Sinn.

Maschmann: Ja, tatsächlich. Also jetzt, wo Sie es so noch mal hergeleitet haben, kann ich sagen - auch wenn sich das vielleicht total trivial anhört -  aber das Schwimmtraining mit meinen Triathlonkumpels freitagabends um 20 Uhr, das ist mir als Termin wirklich wichtig, um nicht zu sagen heilig, weil das ein schöner Abschluss der Woche ist.

Steiger: Und hat es auch was mit den Menschen zu tun, mit denen sie zusammen schwimmen?

Maschmann: Ja, natürlich. Also das ist mehrdimensional und eben die Personengruppe, die sich da trifft. Neue Leute kommen auch immer mal wieder  dazu, aber auch langjährig, jahrzehntelang vertraute Personen. Und das ist einfach eine schöne Geschichte. Und auch der Umstand, dass man sich immer noch ärgern darf, dass man nicht mehr so schnell schwimmt wie  früher. Aber sagen muss:  solange das mein einziges Problem oder in dem Moment mein einziges Problem ist, dann ist die Welt doch noch ganz schön in Ordnung.

Steiger: Wir denken wahrscheinlich schon bei dem Begriff „heilig“ auch an Dinge, die wir nicht sehen können, also die sich unserem menschlichen Zugriff ein Stück weit entziehen. Können Sie damit auch was anfangen, mit dieser Vorstellung, dass das Heilige etwas ist, das wir jetzt nicht genau definieren, genau bestimmen können?

 

Maschmann: Na ja, es sind  ja oft auch Begebenheiten, die einem widerfahren, wo man denkt: warum ist die Person jetzt so? Oder warum ist der Umstand so, wie er ist? Ist das ein Zufall? Ist das mehr, was dahinter steckt? Oft sieht man es ja auch erst retrospektiv, wie bedeutsam so eine Begebenheit dann auch mal gewesen ist. Und von daher kann ich mit dem schon was anfangen, wenn Sie sagen, da gibt es mehr als das, was man vielleicht auf den ersten Blick sieht.

Steiger: Allerheiligen ist ja so was wie ein Sammelfest. Alle Menschen, die auf der Welt waren und etwas Heiliges gezeigt haben, auch die, von denen wir die Namen gar nicht kennen, werden da zusammengefasst, geehrt oder gefeiert. Kennen Sie in Ihrem Leben oder aus Ihrer Lebensgeschichte auch Menschen, die so eine Assoziation bei Ihnen ausgelöst haben? Der oder die ist vielleicht so was wie ein Heiliger?

Maschmann: Also ehrlich gesprochen: nein. Aber ich glaube, das liegt auch daran, dass der Begriff „heilig“  für mich dann doch eher in dieser sakralen Definition so ist, wo man denkt: okay, also bevor man eine Person dieses Attribut „heilig“ gibt, das muss dann schon was Besonderes sein.

Steiger: Also es (das Allerheiligenfest) steht schon ein bisschen auf dem Sockel. Auf das Allerheiligenfest folgt gleich morgen dann das Allerseelenfest, wo vor allem an den Tod erinnert wird. Gibt es Menschen, die bei Ihnen einen besonderen Platz in ihrem Herzen, in ihrer Erinnerung haben, an die sie denken, wenn sie an den Tod denken?

Maschmann: Ja, also ich sage mal diejenigen, die aus der Familie eben schon gehen mussten oder durften. Also meine Oma väterlicherseits, die ist fast 102 Jahre alt geworden und hat…..

Steiger: Wahrscheinlich irgendwann mal gesagt: jetzt würde ich auch…. Könnte ich… wäre ich bereit…der liebe Gott soll….

Maschmann: Genau. Und so ging es bei der anderen Oma, die 96 geworden ist, auch. Und auch beim anderen Opa, auch 96 geworden. Also das sind so drei, die mich einfach aufgrund des Umstandes, dass sie so alt geworden sind, also mich meiner Lebtag begleitet haben. Und auf der anderen Seite ist mein Vater aber sehr früh verstorben, mit 59. Und das sind eigentlich so die Personen, die, wenn es ums Sterben geht, dann eine Rolle spielen. Und das hört sich vielleicht ein bisschen komisch an bei der Aufzählung, aber wir hatten mal zwölf 1/2 Jahre einen Labrador, eine Labradorhündin und die ist jetzt auch schon fünf Jahre tot. Aber die spielt immer noch für die Familie eine Rolle - für meine Frau und unsere Kinder.

Steiger: Da kommen sie jetzt bei mir gerade an den Richtigen. Ich hatte bis Mai auch zwei Hunde. Einer ist gestorben, mit 13 Jahren - begraben bei mir im Garten. Und ich kann das sehr, sehr gut nachempfinden, dass das schwierig ist, manchmal immer noch weh tut, weil der Kuno – so hieß meiner - zu meiner Familie dazugehört hat und  zu mir. Und auch was meinen Vater angeht, da scheint es ja doch Parallelen zu geben, die man gar nicht erwartet. Der starb auch schnell -  mit 72 älter als Ihr Vater - aber innerhalb von vier Wochen an einem Pankreaskarzinom. Das war wahrscheinlich das Todesereignis, das mich in meinem Leben am meisten erschüttert hat. Trotzdem gehört der Tod zum Leben und es ist eigentlich eine Banalität, das zu wissen. Und gleichzeitig ist es mit das Schwerste, das ein Mensch bewältigen muss. In einem Krankenhaus und in so einem großen wie das Uniklinikum Tübingen sterben täglich Menschen. Herr Maschmann, was ist Ihnen wichtig, wenn Sie mit einem Menschen zu tun haben, der im Sterben liegt, oder wenn Sie davon erfahren? Als ärztlicher Direktor ist man nicht ganz so nah dran an den unmittelbaren Situationen, aber trotzdem wissen Sie, was das bedeutet…

Maschmann: Ja, also für mich persönlich, aber auch für uns im Klinikum ist eigentlich immer maßgeblich, dass man eine Atmosphäre schafft, die ein Stück weit eben auch anders ist als das, was ansonsten den hektischen Klinikalltag kennzeichnet -  nämlich: Ruhe. Im Sinne von auch Stille. Nicht mehr überall piepst irgendwas. Und Zeit. Das sind eigentlich die zwei Faktoren, die eigentlich klar angemessen sind oder angemessen wären. Aber manchmal ganz schön schwer herzustellen und zu vereinbaren sind, damit es einen würdigen Rahmen bekommt.

Steiger: Immer wenn es an die Grenzen des Lebens geht, berühren sich ja Medizin und Religion. Ich weiß, dass es in Tübingen eine Klinikseelsorge gibt und dass Sie mit denen natürlich auch zusammenarbeiten. Sehen Sie auch Möglichkeiten oder einen Bedarf, wo die Seelsorge und die Medizin enger zusammenarbeiten müssten?

Maschmann: Dass es das gibt, die Klinikseelsorge und dass sie auch, so wie ich finde, immer noch gut bestückt ist. Hier in Tübingen hat das eine große Bedeutung, auch für die Patientinnen und Patienten. Das kam immer wieder raus und auch fürs Personal, das in so Situationen jemand noch mit dazukommt, der dieses Spirituelle abdeckt. Was sonst zu kurz käme.

Steiger: Und auch einen Raum schafft, wo die Begrenztheit des menschlichen Lebens aufgefangen werden kann und wo man sagt: okay, das ist aber nun eben mal so! Ich habe noch eine abschließende Frage oder ein abschließendes Thema, das ich gerne ansprechen möchte, Herr Maschmann. Sie und ich, wir werden beide nicht heiliggesprochen. Aller Voraussicht nach. Und tauchen dann später auch mal nicht im Heiligenkalender auf, im strengen Sinn. Aber trotzdem, das ist meine Überzeugung, lebt in Ihnen und in mir auch etwas von Gott. So sehe ich das als Christ. Was ist denn Ihrer Meinung nach, wenn Sie mal auf die Weltlage, unsere gesellschaftliche Situation heute schauen, besonders wichtig, dass das, was wir jetzt so ein bisschen umkreist haben mit dem Thema heilig, nicht verloren geht.

Maschmann: Zuversicht ist da meine klare Antwort. Unser Trauspruch fällt mir da gerade ein. Ich hoffe, ich kriege den einigermaßen zusammen. „Und siehe, ich bin bei dir alle Tage. Sei getrost und unverzagt.“ Bei aller Schwierigkeit, die das einem abverlangt, macht es schon einen Unterschied, ob man jetzt selber immer mit  Stirnrunzeln daherkommt und tiefe Sorgenfalten im Gesicht hat. Oder ob man zumindest noch ein bisschen Optimismus ausstrahlt, wissend, dass es nicht einfach ist. Aber das ist es so oder so nicht.

Steiger: Und es bleibt sicher nicht ohne Wirkung. Ich war heute im Gespräch mit Professor Dr. Jens Maschmann, dem leitenden ärztlichen Direktor des Universitätsklinikums Tübingen. Wir beide wünschen Ihnen einen schönen Feiertag heute!

Maschmann: Jawohl, wünsche ich allen Zuhörerinnen und Zuhörern. Vielen Dank.

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19JUN2025
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Fronleichnam ist ein wirklich prächtiges Kirchenfest. Über Nacht sind von gestern auf heute mit Hilfe vieler fleißiger Hände kunstvoll arrangierte Blumenteppiche entstanden. Sie schmücken nun Plätze und Straßen. Die katholische Kirche bietet heute alles auf, was sie an Personal und an Material zu bieten hat: festlich gewandete Priester, Ministranten, Erstkommunionkinder, dazu Fahnen, Baldachine und funkelnde Monstranzen. In diesen prunkvollen Schaugefäßen verbirgt sich der eher unscheinbare Kern des ganzen Spektakels: ein dünnes, etwa münzgroß gepresstes Stück Brot aus Weizenmehl: die Hostie. In der Vorstellung der Gläubigen ist das der Leib Christi, das Geheimnis des Glaubens.

Anselm Schubert ist Professor für Kirchengeschichte in Erlangen. Und Protestant mit rheinländischen Wurzeln. Mit ihm spreche ich über das, was man in einer Fronleichnamsprozession nicht sieht: über die Bedeutung der Eucharistie oder, wie wir Protestanten sagen: über das Abendmahl: 

Also man feiert die Stiftung der Kirche und der Sakramente durch Jesus von Nazareth in seinem letzten Abendmahl und tut das in einer für Protestanten manchmal etwas gewöhnungsbedürftigen, sehr nach außen getragenen, sehr hierarchischen, manchmal auch etwas hieratischen Art und Weise.

Hieratisch: Geheimnisvoll, aber auch sperrig kommt katholischen wie evangelischen Christinnen und Christen heute vieles vor, was mit dem Abendmahl oder mit der Eucharistie zu tun hat, und was sich im Lauf der Jahrhunderte um dieses Sakrament angelagert hat. Anselm Schubert nähert sich dem Thema deshalb von einer ganz anderen Seite: Er hat eine kulinarische Geschichte des Abendmahls geschrieben. Und geht darin - gut protestantisch – zuerst einmal zurück zu den Ursprüngen:

Was die biblischen Zeugnisse angeht, steht am Anfang ein Pessach-Mahl, das Jesus in der Nacht vor seinem Tod mit seinen Jüngern feiert. Es lag für die alte Kirche nahe, den Sakramentengebrauch, wie man ihn hatte, sozusagen auf ein identitätsstiftendes erstes Ereignis, das auf Jesus zurückgeht, zurückzuführen. Man traf sich in allen Religionen des hellenistischen Mittelmeerraums regelmäßig zu Gemeinschaftsmahlen: zehn bis zwölf Leute, die gemeinsam gegessen, getrunken haben und dann gebetet haben. Und die Gemeinschaftsmahle werden, so die Vermutung heute, auch für die frühen Christen die völlig selbstverständliche Form von gemeinschaftlichem Gottesdienst gewesen sein.

Zehn bis zwölf Leute: Das ist ungefähr die Gruppengröße, mit der zusammen man noch sinnvoll ein Gespräch führen kann. Alle um einen Tisch. Und so halten Essen und Trinken nicht nur Leib und Seele, sondern auch eine Gemeinschaft zusammen. Erst die immer größer werdende Zahl der Gläubigen hat schließlich andere Versammlungsorte und andere Liturgien erforderlich gemacht. Und die erstarkende Macht der Institution Kirche strebt nach Kontrolle. Die Theologie zieht mit:

Das, was Jesus ursprünglich gefeiert hat, ist ein Dankopfer. Deswegen heißt es auch eucharistia. Das ist das Dankopfer. Man dankt Gott für etwas Bestimmtes, aber mit der Entwicklung der christlichen Theologie tritt immer deutlicher in den Vordergrund, dass Christus selbst das Dankopfer ist. Christus ist das Opfer, das Gott gebracht hat, um die Welt mit sich zu versöhnen. Und insofern tritt sozusagen nicht mehr das vom Feiernden benutzte Element, sondern der Feiernde selbst, Christus, in den Vordergrund.

Und so entwickelt sich das ursprüngliche Gemeinschaftsmahl zu einer heiligen Handlung, in der sich alles auf zwei Elemente konzentriert, die eine tiefe Bedeutung in sich tragen: Brot und Wein. Es geht nicht mehr einfach nur um den Verzehr von Speisen. Aus dem gemeinsamen Mahl wird ein „Gott essen“. So lautet der bewusst provokant formulierte Titel von Anselm Schuberts Abendmahlsbuch:

Im Prinzip ist es die unmittelbare Begegnung mit Gott während eines Aktes des Essens und Trinkens. Ob sie Gott selbst essen oder ob ihnen Gott begegnet, während sie essen, das ist jetzt sozusagen eine individuelle und kontrovers theologische und konfessionsgeschichtlich unterschiedliche Interpretationsweise. Aber am Ende läuft es darauf hinaus.

Was genau es mit dem Abendmahl auf sich hat, und wie man es richtig verstehen kann, das ist Jahrhunderte lang ein Spaltpilz, der die Christus-Gläubigen trennt. Nicht nur in Katholische und Evangelische, auch im Protestantismus geht es im 16. Jahrhundert zwischen Lutheranern und Reformierten hoch her. Für die einen vollzieht sich in der Feier des Abendmahls ein nicht zu begreifendes Erleben intensiver Gottesnähe, anderen geht dieses Sich-Gott-Einverleiben entschieden zu weit. Und wo steht das Christentum heute? Gibt es in Abendmahlsfragen einen kleinsten gemeinsamen Nenner? Oder sogar einen allen Unterschieden zum Trotz gemeinsamen inneren Kern?

Ich habe den Eindruck, dass die meisten Christinnen und Christen zum Abendmahl gehen und das Mahl genießen, das Abendmahl nehmen, weil sie die Gemeinschaft erfahren wollen, die das Abendmahl ursprünglich auch ausmacht. Wenn Christus sagt, man soll das Abendmahl feiern miteinander, sagt er: Das ist mein Leib. Und er meint damit ursprünglich nicht das Stück Brot, auf das er gezeigt hat, sondern er meint die Kirche selbst, und das gemeinsame Essen stiftet die Einheit Christi als Kirche. Und ich glaube, das ist eine Interpretation, die sowohl gut biblisch ist als auch tatsächlich dem Verständnis der meisten Leute heute entspricht.

Anselm Schubert hat viel Neues entdeckt und gelernt, als er den westeuropäischen Kontext einmal hinter sich gelassen und sich auf eine kulinarische Weltreise begeben hat. Dabei war schnell klar: In vielen Gegenden der Welt scheitert die Umsetzung einer Abendmahlsfeier mit Brot und Wein schon an dem Umstand, dass Weizen oder andere Getreidesorten gar nicht angebaut werden und Grundnahrungsmittel der mitteleuropäischen Kulturen dort unbekannt sind. Andernorts ist der Genuss von Alkohol verboten, aufgrund einer mehrheitlich islamischen Bevölkerung oder in Teilen der afrikanischen Christenheit. 

Und in diesen Kirchen werden andere Getränke benutzt als Wein, und das naheliegendste wäre Wasser. Aber da Wasser auch nicht immer in diesen Ländern unter Umständen zu haben ist, so dass es sauber genug ist, dass man es teilen würde, gibt es tatsächlich Kirchen, die auf industriell gefertigte Softdrinks zurückgreifen, denn die sind in einer hygienischen Dose verpackt, und im Prinzip spricht ja nichts dagegen, Abendmahl auch mit Johannisbeerschorle zu feiern, wenn denn nichts anderes da ist.

Not macht erfinderisch. Und kreativ. Und begegnet theorielastigen Denkgebäuden oft mit einer erfrischend bodenständigen Widerständigkeit in der Praxis. Die Bedeutung des Abendmahls für die weltweite Christenheit hat durch diesen freien Umgang mit Form und Inhalt offensichtlich keinen Schaden genommen.

Im Prinzip ist es ja vollkommen richtig, dass die christliche Botschaft sich auch verändert, je nachdem, wohin sie in die Welt kommt. Das ist eine Entdeckung, die die christlichen Kirchen ja von Anbeginn gemacht haben. Dass man das Christentum nicht in der Form verbreiten kann, wie es im ersten Jahrhundert in Palästina gelebt worden ist, sondern es wandelt sich mit den Völkern, mit den Zivilisationen, mit den Kulturen, mit den Städten, mit jedem einzelnen, der es aufnimmt, in oftmals unerwartetem und sehr vielfältigem Maße.

Besonders angetan hat es mir ein Beispiel aus dem pazifischen Raum. Dort ist es zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Erbe der christlichen Missionare gekommen, die eben auch als Eroberer ins Land gekommen sind. Weizen und Alkohol werden als unerwünschte Zutaten der Kolonialzeit abgelehnt.

Und so gibt es eben etwa im pazifischen Bereich Kirchen, die mit Kokosnuss das Abendmahl feiern, weil sie sagen, das ist eigentlich das, was für Europäer Brot und Wein ist, die Grundnahrungsmittel einer ganzen Kultur. Das ist bei uns die Kokosnuss, also nutzen wir eine Kokosnuss.

Der Ausflug in die Weltkirche und ihren selbstbewussten Umgang mit Traditionen hat mich einen gelassenen Blick auf die konfessionelle Landschaft bei uns in Deutschland gelehrt. Wenn gleich die Fronleichnamsprozessionen beginnen und die Monstranzen glitzern, wünsche ich den katholischen Geschwistern, dass sie in ihrem Glauben an das, was die Seele nährt, gestärkt werden. Und Anselm Schubert gibt uns zum Schluss noch ein Bekenntnis und einen Wunsch mit auf den Weg: 

Ich bin froh, dass es das Abendmahl gibt und bin sicher, dass es das noch lange geben wird. Und ich würde mich freuen, wenn wir noch erleben würden, dass sich neue Abendmahlsformen entwickeln, die das, wie ich finde, ja sehr positive Erbe auch des sakramentalen Abendmahles verbinden lernen mit einem offeneren sozialen Zugang zum Gemeinschaftsmahl. 

 

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09JUN2025
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Malu Dreyer copyright: Staatskanzlei Rheinland-Pfalz

C.H.: Ich bin Christopher Hoffmann von der katholischen Kirche. Meine Gesprächspartnerin heute am Pfingstmontag ist Malu Dreyer. Ich freue mich sehr, dass Sie da sind!

  1. D.: Guten Morgen Herr Hoffmann, ich freue mich auch.

C.H.: Elf Jahre waren Sie Ministerin für Soziales, Arbeit und Familie und ab 2013 dann weitere elf Jahre Ministerpräsidentin - beides in Rheinland-Pfalz. Als Politikerin haben Sie ihre Ämter mit viel Tatkraft und Freude ausgeführt, trotz der Erkrankung Multiple Sklerose, die schon 1995 bei Ihnen diagnostiziert wurde. Es ist eine Erkrankung des zentralen Nervensystems und wie sich diese Krankheit konkret äußert ist ganz individuell, deshalb nennt man sie auch die „Krankheit der 1000 Gesichter“. Sie sind immer offen mit ihrer Situation umgegangen und  haben vielen Menschen weit über Rheinland-Pfalz hinaus Mut gemacht. Nun feiern wir heute an Pfingsten das Fest des Heiligen Geistes und eine der sieben Geistesgaben ist die Gabe der Stärke. Was hat Sie im Leben stark gemacht, Frau Dreyer?  

M.D.: Das waren ganz sicher ganz unterschiedliche Dinge. Zum einen natürlich mein Mann, meine Familie, die immer sehr, sehr bestärkend waren und mich unterstützend und mir auch immer Zuversicht und Hoffnung gegeben haben. Sicher auch, dass ich die Dinge tat, die ich mit sehr großer Leidenschaft getan habe und dementsprechend ja auch immer ein Feedback da war. Also selbst in schwierigen Zeiten gab auch mein Amt, das was ich tat, dieses Einsetzen für eine gerechte, solidarische Gesellschaft, mir sehr viel Kraft und der Glaube hat mir auch immer sehr viel Kraft gegeben.

C.H.: Ja, Sie haben mal in einem Interview gesagt: „Das was mich die Krankheit gelehrt hat ist auch Gottvertrauen.“

M.D.: Also für mich ist es so, dass Gott immer da ist, auch in Situationen, die sehr schwer sind. Und wenn man eine Diagnose erhält wie Multiple Sklerose, aber es gilt glaub ich für alle Schicksalsschläge oder schwere Erkrankungen – dann verliert man ja erst mal den Boden komplett unter den Füßen und man hat auch wenig Orientierung. Und das ist ein sehr schönes Gefühl zu wissen: Auch wenn man sich völlig verloren fühlt und vor allem die Gewissheiten des Lebens verliert, die Unbeschwertheit im Leben verliert, dass da einer ist oder etwas ist, was viel größer ist, viel umfassender ist, dass eben Gott da ist. Und mit der Diagnose ist das auch sehr stark noch mal zum Tragen gekommen, weil das auch eine Zeit war in der ich nicht wusste: Wohin mit mir eignetlich? Und: Wie geht das Leben weiter?

 C.H.: Ich stell mir das jetzt auch schwer vor - diese Unsicherheit- wenn man ja sagt es ist die „Krankheit mit den tausend Gesichtern“-dann weiss man ja nicht: Welches Gesicht zeigt sie in meinem Fall?

M.D.: Ja, das ist sicher etwas, wenn man eine Diagnose bekommt mit einer chronischen Erkrankung, die so unkalkulierbar ist wie die MS es ist, etwas was am Allerschwierigsten ist in dem Moment. Weil es gibt ganz viele Menschen, die ich heute kenne, die sehr gut mit der Erkrankung umgehen können, die auch ganz normal ihr Leben leben, aber es gibt auch viele Menschen, die wirklich sehr, sehr schwer krank werden oder geworden sind  und das weiß man im Moment der Diagnose nicht, sondern man muss  einen eigenen Weg finden, wie man mit dieser Erkrankung umgeht und wie man das Beste daraus macht und dann auch wieder eine neue Stärke gewinnt. Dazu gehört ja ganz viel – man muss trauern, man darf auch wütend sein, diese berühmten Fragen, die zu nichts führen: „Warum ich? Warum jetzt?“ auch das ist alles legitim und richtig in einem solchen Moment, viel weinen, viel der Wut auch Ausdruck geben- und irgendwann – ich zumindest kam an einen Punkt – ich nenn es immer so: Wo ich den Schalter umlege und sage: Ok, es nutzt nichts gegen die Krankheit anzukämpfen- ich muss die Krankheit annehmen. Es ist etwas, was in meinem Leben so ist und mit dem Annehmen beginnt der Weg in die Zuversicht neu – und dann ist es schön, wenn man ein gläubiger Mensch ist, und auch gute Menschen um sich herum hat, die einem helfen diesen positiven Weg zu beschreiten.

C.H.: Ganz interessanter Punkt, den Sie gerade angesprochen haben: auch Hilfe anzunehmen. Was ja nicht leicht ist. Was Sie aber auch selbst lernen mussten. Sie haben mal in einem Interview gesagt: „Es war total entlastend als ich den Punkt erreicht hatte den Rollstuhl zu akzeptieren und dann wurde ich mobiler…“

M.D.: Ja, als junge Frau bin ich ja so ein bisschen aufgewachsen im Sinne von: „Malu unkaputtbar“. Also ich habe alle möglichen Sportarten gemacht, ich war sehr mobil und es war für mich sehr schwer annehmbar, dass ich plötzlich eine Erkrankung hatte, die mir das alles genommen hat oder sehr viel davon genommen hat. Und deshalb habe ich lange damit gekämpft, einfach trotzdem ohne Unterstützungsleistungen alles hinzukriegen, was irgendwie geht – da gehörten dann auch so Dinge dazu, dass ich dann mit meinem damaligen Partner irgendwohin gewandert bin und es war eigentlich völlig klar, dass ich überhaupt nicht mehr zurückkommen kann und dann musste man wirklich durch das Tal der Tränen, um wieder zurückzukommen.  Und es war dann viel, viel später mit meinem jetzigen Mann, dass wir auf Lanzarote waren und ich konnte wirklich nicht mehr weit laufen und an der Rezeption des Hotels lag ein Zettel rum, da konnte man alles leihen vom Tauchsieder bis zum Rollstuhl und mein Mann sagte: „Hier kennt uns keiner, sollen wir das nicht mal ausprobieren?“ Ich war damals schon Ministerin. Und dann haben wir das ausprobiert und mein Mann ist mit mir wirklich quer durch Lanzarote mit diesem Rollstuhl bergauf, bergab und das war so ein tolles Erlebnis für mich, wieder die Freiheit zu haben mich über 100 Meter hinweg bewegen zu können und dann habe ich damals erkannt: Hilfsmittel sind etwas sehr, sehr Hilfreiches und Gutes. Auch für die Angehörigen übrigens.

C.H.: Der Heilige Geist wir ja auch oft als „Tröstergeist“ bezeichnet. Gibt es eine Bibelstelle, die Ihnen besonders am Herzen liegt, die Ihnen Trost spendet?

M.D.: Für mich ist dieser Psalm 91 immer total wichtig, weil er irgendwie auch zu dieser Krankheit passt. Es heißt ja: „Er befiehlt seinen Engeln dich zu behüten auf all deinen Wegen – sie tragen dich auf Händen, damit dein Fuß nicht an einen Stein stößt“. Und diese Stelle hat mich immer unheimlich berührt. Die Menschen die MS haben oder eine ähnliche Erkrankung, wissen: Es ist wirklich schwer durch eine Fußgängerzone zu gehen und nicht an einen Stein zu stoßen, der einen selbst ins Stolpern bringt – also das hatte immer so eine doppelte Botschaft an mich, dieser Psalm –aber tatsächlich ist es dieser behütende Gott, dieser sorgende Gott, der tatsächlich dann auch eine große Rolle spielt. 

C.H.: Das ist ihr Gottesbild?

M.D.: Das ist mein Gottesbild, der Gott der Liebe, natürlich auch. Und vor allem aber niemals der strafende Gott, sondern immer der barmherzige, der sorgende Gott. Und darum geht es ja schon auch glaube ich im Leben eines Christen, einer Christin, trotz aller Probleme, Sorgen mit großer Zuversicht und Hoffnung nach vorne zu gehen und im Vertrauen auf Gott wirklich auch zu wissen: Man kann sehr viel bewegen.

C.H.: Ich finde das ist ja auch was, was Sie immer ausgezeichnet hat: Dieser Optimismus, diese Zuversicht: „Die Zukunft ist meine Freundin.“ Das ist so der Satz, der mit Ihnen ganz klar in Verbindung steht. Jetzt leben wir in einer Zeit, wo die Menschen sehr viele Sorgen haben, wo auf der Welt viele Krisen sind. Wie gelingt es Ihnen da die Zuversicht zu behalten?

M.D.: Ich glaube eines der Schlüssel überhaupt wieder mehr Optimismus in die Gesellschaft zu bringen ist, dass wir verlernt haben das Gelingen, das Gute zu sehen. Unserer Gesellschaft schadet das sehr, wir müssen denke ich wir zurück an den Punkt, wo wir über das Gelingen sprechen. Und der zweite Punkt ist: Ich glaube wirklich an die Kraft der Vielen. Wenn wir uns zusammentun, können wir auch in der Gesellschaft ganz viel bewegen. Ich glaube auch an das kollektive Gebet, da lächeln ja viele drüber, aber das ist tatsächlich etwas, wovon ich überzeugt bin, dass es auch eine Kraft hat in sich.“

C.H.: Pfingsten gilt ja auch als Geburtstag der Kirche. Aktuell gibt es eine Debatte darüber, ob sich Kirche auch zu politischen Fragen äußern sollte – wie stehen Sie dazu?

M.D.: Kirche muss sich zu politischen Fragen äußern. Warum? Weil aus meiner Sicht die christliche Botschaft eine total politische Botschaft ist. Für Liebe und Nächstenliebe, für Solidarität sorgen - für mich ist das miteinander wirklich verwoben und verbunden. Und es wäre so schade und die Welt wäre ein ganzes Stück auch politisch ärmer, wenn Kirche und Christinnen und Christen sich nicht politisch äußern würden. Wir brauchen auch da die Kraft der Kirche im positivsten Sinne. Das ist nicht parteipolitisch, es ist politisch.

C.H.: Gibt es einen Moment oder eine Situation wo Sie sagen: Ich glaube da hat der Heilige Geist in meinem Leben gewirkt?

M.D.: Pfingsten ist für mich so ein schönes, freudiges, ermutigendes Fest -weil dieser Geist steht für mich wirklich für diese Kraft gebende Energie. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass dieser Geist, dass diese Energie auch in der Gegenwart da ist. Viele haben mich ja oft gefragt im Amt: „Was gibt dir eigentlich Kraft und Zuversicht?“ Und ich kann das wirklich: Mich mal fünf Minuten auf mich besinnen und diese Kraft und diese Energie auch echt spüren. Und da geht es mir dann so ein bisschen wie den Jüngern an Pfingsten, dass ich dann plötzlich so eine Klarheit habe und so eine Zuversicht in mir verspüre und das hat ganz viel glaub ich mit dieser göttlichen Energie zu tun.

C.H.: Ganz, ganz herzlichen Dank Frau Dreyer für das Gespräch.

M.D.: Ich danke Ihnen und schöne Pfingsten auch an die Zuhörer und Zuhörerinnen.

C.H.: Das war die Sendung Zum Feiertag auf SWR Kultur und auch ich wünsche Ihnen noch einen schönen Pfingstmontag. Christopher Hoffmann, Koblenz von der katholischen Kirche.

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29MAI2025
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Ich spreche heute am Fest Christi Himmelfahrt mit Prof. Dr. Thomas Hieke. Er unterrichtet hier an der Universität in Mainz die Exegese des Alten Testaments. Und, lieber Herr Hieke, wir wollen sprechen heute über den Himmel. Eine erste Frage: Wenn ich die Bibel aufschlage, dann sehe ich gleich im ersten Satz im Alten Testament das Wort Himmel, nämlich: „Gott erschuf Himmel und Erde“. Von welchem Himmel spricht der Autor da eigentlich?

 

Mit Himmel und Erde, da meint die Bibel in ihrem ersten Vers die ganze Welt. Das gibt es öfter in der Bibel, dass zwei Begriffe oder zwei Pole für eine größere Gesamtheit stehen, Tag und Nacht. Das ist die ganze Zeit. Meer und Land, das ist alles, auch das, was dazwischen ist, das Wattenmeer, der Strand. Die Kombination Himmel und Erde, die steht für das, was wir heute Welt oder Kosmos nennen. Und diese Art von Himmel, die müssten wir mit Sky im Englischen übersetzen, nicht mit Heaven. ein von Gott gemachtes Gewölbe, nicht mehr ein Haus voller Gottheiten, wie es etwa in Babylonien der Fall war, oder eine Himmelsgöttin wie im alten Ägypten, die sich über den Erdgott wölbt.

 

Wenn ich die Bibel durchblättere, dann finde ich gleich am Beginn im ersten Satz den Himmel. Und ich finde ihn im vorletzten Kapitel der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, wo davon die Rede ist, dass ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen werden. Das klingt ja so ein wenig so, als ob der Himmel so etwas wie eine Klammer ist, die die Bibel umgreift.

 

Das ist eine wunderbare Beobachtung. Also die Bibel beginnt mit der Erschaffung von Himmel und Erde. Dann kündigt das Alte Testament im 65. Kapitel im Buch Jesaja einen neuen Himmel und eine neue Erde an, und das greift die Offenbarung des Johannes auf, diese Zukunftshoffnung einer erneuerten Welt. Und so ergibt sich dieser Rahmen um eine Bibel, Aber es geht da weniger um den Himmel speziell, sondern mehr um einen komplett erneuerten Kosmos.

 

Wenn wir die die Himmelfahrtstexte lesen, dann steht dort, wie der Engel zu den Jüngern sagt: „Was schaut ihr da zum Himmel empor?“ Gibt es für die Bibel doch so etwas wie einen Ort des Himmels

 

Der Engel weist ja eigentlich schon mit seinem Satz darauf hin: Schaut nicht da nach oben. da ist Gott nicht, da ist Jesus nicht. Wenn jemand stirbt, dann verlässt er diese Welt mit Raum und Zeit. und ist dann sofort - in Anführungszeichen - bei Gott. Aber auch das Wort sofort hat ja auch wieder eine zeitliche Dimension, ist insofern auch wieder völlig unangebracht.

 

Das Fest heißt ja auch Jesu Aufnahme in den Himmel. Kurz gesagt: Was meinen Christinnen und Christen eigentlich, wenn sie von der Aufnahme in den Himmel sprechen?

 

Die frühen Christinnen und Christen, die standen ja vor dem Problem, dass sie einerseits fest davon überzeugt waren, dass dieser Jesus, den sie noch aus dem irdischen Leben kannten, lebt, aber dass dieser Jesus andererseits nicht mehr zu sehen, zu hören, zu greifen ist. Und das kleidet man dann in die Worte, dass Jesus zum Vater, zu Gott gegangen ist. Also diese raumzeitliche Welt verlassen hat. Himmel ist in diesem Sinne die andere Welt Gottes, die wir uns kaum vorstellen können.

 

Wenn man sich die Geschichte anschaut, dann entsteht das, was wir heute Kirche nennen, ja erst nach Tod und Himmelfahrt Jesu. Kann man sagen, dass die Himmelfahrt Jesu gewissermaßen eine Voraussetzung dafür war, dass es Kirche heute gibt?

 

Das kann man so sagen, denn Kirche ist ein Provisorium, ein Zwischenzustand auf der Erde. Innerhalb dieser raumzeitlichen Welt und gebunden an diese Welt. Wenn nämlich Jesus noch da wäre, also auf Erden sichtbar und hörbar wäre, dann gäbe es keine Kirche, denn dann würden ja alle sofort auf Jesus hören. Und Christi Himmelfahrt ist in dem Sinne dann eben das Hinübergehen des auferstandenen Jesus in diese Welt Gottes. Und dann wird es nötig, dass jemand anderer stellvertretend die Barmherzigkeit Gottes weiter verkündet. Denn das, was Jesus verkündet hat, ist ja so wichtig, dass die Sache Jesu weitergehen muss. wenn es das nicht gäbe, dann gäbe es keine Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes, keine Verkündigung einer Hoffnung auf eine bessere Welt. Und diese Aufgabe, die Barmherzigkeit Gottes zu verkünden, macht die Kirche so lange, bis Jesus am Ende der Zeiten wiederkommt.

 

Wenn wir diesen Satz sagen: Der Papa ist jetzt im Himmel, der Opa ist im Himmel, die Schwester ist im Himmel. Was meinen wir eigentlich damit, wenn wir das sagen?

 

Nun, wenn ein geliebter Mensch stirbt, dann ist es tröstlich und wichtig zu sagen, dass dieser Mensch nicht einfach weg ist und verfault oder verbrannt wird. Das ist so furchtbar. Wir glauben als Christinnen und Christen, dass unsere Verstorbenen bei Gott sind und damit außerhalb dieser raumzeitlichen Welt. Und dazu kann man Himmel sagen. Man muss halt wissen, was man darunter versteht. Nicht das Blaue da oben mit den Wolken oder das, wo nachts dann die Sterne. Aber es ist noch mal eine andere Welt und vielleicht hilft mir da auch noch ein ganz gutes Wort aus dem Buch der Weisheit. Da heißt es im ersten Vers des dritten Kapitels „Die Seelen der Gerechten sind in Gottes Hand“. Und das ist doch ein sehr tröstlicher Gedanke, der mir selbst auch viel weitergeholfen hat in meinen Trauerfällen, die ich auch erlebt habe. In Gottes Hand sein, in Abrahams Schoss sein, im Himmel sein. Das sind alles Worte, die uns trösten wollen und uns die Botschaft vermitteln wollen: Der geliebte Mensch, den wir verloren haben, er lebt weiter.

 

Wenn man sich Studien anschaut zu religiösen Überzeugungen der Deutschen, dann fällt ja auf, dass der Glaube an eine Auferstehung, der Glaube an ein anderes Leben bei Gott, wie immer man sich das vorstellt, dass das schwindet. Wird der Himmel am Ende überflüssig, entbehrlich?

 

Diese Ansicht liegt vielleicht daran, dass viele Menschen heute das meiste in ihrem Leben schon erreicht haben, was sie sich wünschen und vorstellen. Ich möchte an all die erinnern, die eben das nicht erreicht haben, die zu kurz gekommen sind, weil sie zu früh an einer Krankheit gestorben sind. Was ist mit denen? Was ist mit den zahllosen Opfern von Terror und Krieg, die aus dem Leben gerissen werden? Soll da auch der Tod das letzte Wort haben? Haben die einfach Pech gehabt, weil sie es halt zu früh erwischt hat? Das klingt sehr herzlos, ist es auch. Ich tue mich auch manchmal schwer, mir das vorzustellen. Diese Welt Gottes, außerhalb von Raum und Zeit. Aber wenn ich dann probiere, diesen Glauben aufzugeben, dann falle ich in eine so tiefe Verzweiflung. Das möchte ich gar nicht. Denn sonst hätten wir in der Gesamtbilanz tatsächlich ein erhebliches Gerechtigkeitsdefizit, was dann die Macht Gottes, die Liebe und Barmherzigkeit Gottes, aber auch die Gerechtigkeit Gottes erheblich in Frage stellen würde.

 

Das klingt wie die oft kritisierte Vertröstung auf ein besseres Jenseits.

 

Ich finde, dass die christliche Religion darauf eine sehr gute Antwort gibt, die tragfähig ist, Die mich jetzt nicht einfach nur vertröstet auf ein Irgendwann-später, sondern die mir jetzt hier Halt und Kraft gibt, weil ich sage: All das, was ich hier an Gutem tue, wird irgendwie seinen Wert behalten. Und das, was mir hier fehlt, das wird mir in irgendeiner Weise dann auch ergänzt werden. Und bei allen anderen, wo ich das auch sehe, wo Gerechtigkeit nicht aufgeht, wo Liebe nicht aufgeht, das wird irgendwann einmal vollendet werden.

 

Das heißt, es geht letztlich um Ausgleich.

Ja, das wollen wir ja alle irgendwo. Das ist ja ein Grundbedürfnis des Menschen. Das entwickeln Kinder schon im Kleinkindalter, im Kindergarten, dass sie Gerechtigkeit wollen.

 

Herr Hieke, ein letztes noch: Wenn es den Himmel nicht gäbe, was würde uns da fehlen?

 

Die Hoffnung! Der Glaube, dass da eben noch mehr ist. Dass da ein Gott ist, der es gut mit uns meint. Die Liebe zu den Menschen, die gestorben sind und weg sind. Das ginge ja alles verloren. Am meisten ginge die Hoffnung verloren, die Hoffnung auf eine Vollendung des Lebens, auf ein Wiedersehen.

 

Ich danke Ihnen für Ihre Zeit, Herr Hieke.

 

Gerne.

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