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27JUL2026
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Wenn ich aus unserem Küchenfenster schaue, sehe ich Obstbäume, dahinter frisch abgeerntete Kornfelder und: eine Kuhweide. Wenn ich Glück habe, kann ich beobachten, wenn die Tiere aus dem Stall auf die Weide kommen. Dann sehe ich manchmal den großen, schweren Milchkühen dabei zu, wie sie, kaum sind sie draußen, ausgelassen über das Grün springen. So viel Beweglichkeit traut man ihnen gar nicht zu.

Ich sehe den Kühen zu und werde nachdenklich. Die Kuhweide gibt es nämlich noch nicht lange. Früher waren die Kühe – wie fast alle Nutztiere bei uns – immer im Stall. Und an vielen Orten sind die Ställe immer größer geworden. Immer mehr Milch und Fleisch, immer mehr Eier werden produziert und gegessen. Die Frage ist: Wie soll das weiter gehen – ohne Quälerei und Leid für die Tiere?

Wir Menschen tragen Verantwortung für die Tiere – das ist schon in der Bibel eindeutig festgehalten: Ein gerechter Mensch sorgt für das Wohl seiner Tiere, stellt das Buch der Sprüche klar. Sie einfach bloß kaltherzig auszunutzen, das tun nur die Frevler.

Vielen Landwirten ist das Wohl ihrer Tiere wichtig. Die Kuhweide vor meinem Fenster zeigt das: Der Biobetrieb hat umgestellt, so dass die Kühe jetzt draußen grasen können. Das war mit Mühe und Investitionen verbunden. Und auch die Tiere, die nur den Stall kannten, mussten erst einmal lernen, dass man Gras, das am Boden wächst, tatsächlich fressen kann. Inzwischen aber freut sich die Landwirtsfamilie mit den Kühen über die neue Bewegungsfreiheit.

Der Biobetrieb kann so wirtschaften – auch, weil Menschen bereit sind, für Biomilch einen höheren Preis zu zahlen. Und ich denke, das müsste jetzt weiter gehen. Dass wir gemeinsam nach Wegen suchen, damit die Preise für unsere Lebensmittel gerechter werden. Und sich alle leisten können einzukaufen – ohne Quälerei für die Tiere oder Schäden an der Natur. An dem Thema sollten wir gemeinsam dranbleiben – in der Landwirtschaft, in der Politik. Oder auch ich  bei mir selbst, wenn ich mit meinem Einkaufszettel in der Hand überlege, was ich einkaufen soll.

Ein gerechter Mensch sorgt für das Wohl seiner Tiere, heißt es in der Bibel. Wenn ich Milch, Eier oder Fleisch kaufe, dann schaue ich zumindest nach der Haltungsform und sehe daran, ob die Tiere wenigstens einigermaßen faire Lebensbedingungen hatten.

Gott, du hilfst Menschen und Tieren, heißt es in Psalm 36. Und wir sollten unseren Teil dazu beitragen. Wenn ich die Kühe sehe, die sich vor unserem Küchenfenster an ihrem Auslauf freuen, denke ich: Das ist nur fair.

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25JUL2026
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Ich habe ein Jahr in Wien studiert. Vierzig Jahre ist das jetzt her, und die Stadt hat sich seitdem gewaltig verändert. Zum Positiven. Was für eine Großstadt keineswegs selbstverständlich ist. Wien ist moderner geworden, vielfältiger, auch toleranter und weltoffener, irgendwie auch „schöner“.

Was ich besonders bemerkenswert finde: Wien ist eine Stadt, die für ihre Bewohner etwas tut. Das war schon in den achtziger Jahren während meines Studienjahres unübersehbar und mein Eindruck hat sich noch verstärkt, als ich im Mai dort war. Sozialen Wohnungsbau gab es in Wien schon vor hundert Jahren. Exemplarisch steht dafür der Karl-Marx-Hof in Heiligenstadt, der so etwas wie das Pionierprojekt dafür ist: 1930 fertig gestellt; eine freundlich gestaltete Wohnhausanlage, mit über einem Kilometer Länge die größte ihrer Art auf der ganzen Welt. Großzügige Grünflächen drumherum, die für Frischluft sorgen und die Sommerhitze eindämmen, und dafür gemacht, dass die Bewohner zusammenkommen können. Wie modern das ist! Auch aktuell wird in Wien überall gebaut und für bezahlbaren Wohnraum Werbung gemacht. Eine Wohnung zu haben ist ein Menschenrecht, aber vielerorts kaum bezahlbar. In Wien schon.

Dann der Verkehr. Wien verfügt über eines der besten und dichtesten öffentlichen Verkehrsnetze weltweit. Ich bin jedes Mal fasziniert, wie schnell und bequem ich in der Stadt unterwegs bin und alle Ziele erreichen kann. Auch in Wien fahren viele Autos, klar. Aber wer will, kann sich auch mit der U-Bahn oder der Bim, wie die Straßenbahn hier heißt, umweltfreundlich fortbewegen. Und wer es sich nicht leisten kann, bekommt eine stattliche Unterstützung.

Wien ist auch eine saubere Stadt. Während bei mir in Tübingen die Abfalleimer immer mehr abgebaut werden, findet man die dort an jeder Ecke. Und unübersehbar gibt’s viele Angestellte bei der Stadtreinigung, die täglich unterwegs sind.

Es gibt noch weit mehr, was auffällt: Kostenlose Freizeiteinrichtungen, überall Parkanlagen mitten in der Stadt, an allen Hydranten kann man Trinkwasser entnehmen oder sich erfrischen. Und einmal im Monat gibt es freien Eintritt in die Museen.

Für mich ist – ohne übertreiben zu wollen – so etwas wie praktizierte Nächstenliebe. Ich weiß schon, dass das alles Geld kostet, und dass die Geldbeutel unserer Kommunen leer sind. Trotzdem bleibt es immer von neuem eine Entscheidung, wofür Steuergelder ausgegeben werden. In Wien haben die Bewohner etwas davon. Und das finde ich nur richtig.

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24JUL2026
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In Deutschland lebt jedes fünfte Kind in Armut. Nicht so in Armut, wie Kinder in manchen Ländern Afrikas. Aber auch bei uns fehlt Kindern, was sie zu einem normalen Leben brauchen. „Relative Armut“ nennt man das in der Fachsprache. Das bedeutet, sie leben in einer Familie, deren Einkommen deutlich unter dem Durchschnitt liegt. Sie können deshalb nicht wie andere am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Was dem Gleichheitsgrundsatz widerspricht, der bei uns gilt und in vielen Gesetzen festgeschrieben ist.

Die Ursachen für Kinderarmut sind eigentlich gut erforscht, weshalb ich sie hier aufzählen kann. Kinder sind ärmer dran, wenn die Eltern getrennt und alleinerziehend sind; wenn ihre Familie nach Deutschland geflohen ist; wenn die Eltern keinen höheren Bildungsabschluss haben; wenn sie mehr als drei Geschwister haben; wenn die Eltern keine dauerhafte Arbeit finden.

Das entscheidende Problem dabei ist: Es ändert sich wenig daran, obwohl diese Faktoren seit vielen Jahren bekannt sind. Die Zahl der armen Kinder ist sogar noch gestiegen. In einem Land, das so wohlhabend ist wie unseres, halte ich das für einen Skandal. Und gleichzeitig ist mir klar: In einer Situation, wo die Kassen leer sind und die sozialen Hilfen eingeschränkt werden, wird das nicht besser werden. Weil die Politik andere Schwerpunkte setzt.

Trotzdem kann man helfen, die Folgen der Armut von Kindern zu mildern. Jede und jeder kann das. Ich brauche dazu vor allem ein Gespür, wo diese Armut ist. Manchmal sieht man sie nicht, oder sie wird bewusst versteckt. Schließlich will kein Kind oder Jugendlicher auffallen und als arm wahrgenommen werden. Weil es peinlich ist. Ich habe Jahre lang an einer Schule unterrichtet, an der vor allem sogenannte „Gutsituierte“ sind. Aber eben nicht nur. Einzelne haben kein eigenes Tablet zur Verfügung, während die anderen damit ihr gesamtes Schulmaterial verwalten. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Also müssen alle die Geräte nehmen, die von der Schule bereitgestellt werden. Auf die Studienfahrt nach Paris können sie nicht mit. Der Förderverein der Schule kann dezent helfen, wenn er es nur weiß. Und ich bin angesprochen worden, wenn alle Mitschülerinnen weg waren, ob ich mit meinen Kontakten helfen kann, eine kleine Wohnung zu finden. Wer genauer hinschaut und die eigenen Möglichkeiten prüft, kann oft helfen, damit Armut keine traurigen Folgen hat.

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23JUL2026
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Das Wort Heimat galt lange Zeit als verpönt. Das hatte mit den Nachwirkungen der Nazi-Zeit zu tun, wo „Heimat“ für einen übertriebenen Nationalstolz und völkisches Bewusstsein vereinnahmt wurde. Dabei ist Heimat doch etwas ganz Elementares. Was mir sehr bewusst wurde, als ich vor wenigen Tagen einen alten Herrn beerdigt habe. Er hatte seine Trauerfeier und alles drumherum gut vorbereitet und wiederholt dazu auch mit mir gesprochen. Die Urne kam ins Grab der Familie in einem kleinen Ort, wo er aufgewachsen ist und dem er zeitlebens verbunden blieb. Ich stelle mir vor, dass er oft die Landschaft vor seinem inneren Auge hatte, die seinen Blick geprägt hat, die Luft, deren Geruch er kannte. Und noch viel mehr: die Menschen, die seinen Dialekt gesprochen haben, die Volkslieder, die er auswendig singen konnte. Heimat gibt Sicherheit, ist wie ein Fundament, auf dem wir stehen, nach dem wir nicht erst suchen müssen. Aus diesen Gründen ist der Begriff „Heimat“ eines der Identifikationsmerkmale des Südwestrundfunks. Was dort gesendet wird, soll den Hörerinnen und Hörern ein Gefühl von Heimat vermitteln. „Da sind wir daheim“ – lautet ein Slogan im SWR.

Was ist dann aber mit dem, was mir fremd vorkommt, was ich nicht kenne, dem Neuen? Es gibt so etwas wie die Kehrseite der Heimatverbundenheit. Womöglich führt sie sogar zum eigentlichen Kern. Die Liebe zur Heimat sollte nicht exklusiv bleiben. Sondern anderen das Gefühl geben, dass auch sie willkommen sind, dass sie hier ankommen dürfen. Heimat schließt andere nicht aus, sondern lädt sie ein. Und auch das war ein Markenzeichen des heimatverbundenen alten Herrn: Er hatte eine einfühlsame und wertschätzende Art. Wer andere wertschätzt, sie lässt, wie sie sind, ja, wer Fremden mit Rat und Tat zur Seite steht, der schafft Heimat, die über Blut und Boden hinausgeht.

Womit wir bei einer Dimension des Begriffs Heimat wären, die jetzt noch fehlt. Die religiöse. Als gläubiger Mensch wusste der alte Herr, dass die geografische Heimat nicht die entscheidende ist. Es ist eine andere. Die, von der Paulus sagt, sie sei im Himmel[1]. Wir sind nicht nur Materie und Körper, wir sind auch Geist und Seele. Und es hilft, wenn wir auch mit dieser Welt rechnen. Der alte Herr hat daran geglaubt, dass er bei Gott seine ewige Heimat findet. Es tut gut zu sehen, dass das geht.

[1] Philipperbrief 3,20

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22JUL2026
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Zu meiner Priesterweihe 1995 habe ich Geschenke bekommen. Eines davon halte ich besonders in Ehren. Es ist ein Kunstdruck mit folgender Botschaft: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“ Das ist eine steile These, eine strenge Behauptung. Weil sie absolut ist und ausschließlich, weil sie kein Ausweichen erlaubt und keine Alternative anbietet. Entweder die Kirche ist für die Menschen da, unterstützt sie in ihren Fragen und Nöten – oder sie verliert ihre Daseinsberechtigung. Weil sie andernfalls eine von den Institutionen ist, die viel Geld verschlingen, aber keinen Nutzen bringen. Ohne zu dienen, verliert die Kirche aber auch den Auftrag, den Jesus selbst tief in ihrem Inneren verankert wissen wollte. Er kommt immer wieder darauf zu sprechen, was die Frauen und Männer auszeichnen soll, die in seinem Sinne leben. Er sagt dann Sätze wie: Der Menschensohn – also er – ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.“[1]

Als er vor seinem Tod denen die Füße wäscht, die beim Letzten Abendmahl mit ihm zusammen sind, zeigt er damit, wie er den Dienst meint, von dem er immer wieder gesprochen hat: sich klein machen, dem Schmutz der Erde nicht aus dem Weg gehen, sich nicht für etwas Besseres halten, mit den eigenen Händen Gutes tun.

„Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“ Es ist aufschlussreich zu wissen, von wem der Satz stammt. Jacques Gaillot war 13 Jahre lang Bischof im französischen Évreux. Bis ihn Papst Johannes Paul II. 1995 abgesetzt hat. Gaillot war zu oft aufgefallen, weil er sich für eine menschenfreundliche Einwanderungspolitik engagiert, öffentlich die Nutzung von Kondomen im Kampf gegen HIV propagiert und für die Priesterweihe verheirateter Männer ausgesprochen hatte. Als er dann auch noch als Aktivist in der Friedenspolitik auftrat, war offenbar das Maß voll und die französische Regierung wurde im Vatikan vorstellig. Gaillot musste gehen. Zu seinem Abschiedsgottesdienst in Évreux reisten 50.000 Katholiken aus ganz Frankreich in Bussen und Sonderzügen an.

Die Menschen haben offenbar verstanden, wie das mit dem Dienen gemeint ist. Sich in vielen Einzelfällen für Menschen einzusetzen, die in einer schwierigen Lage sind. Und im gesellschaftlichen Kontext den Mund aufzumachen, wo es in Kriegen und an Ländergrenzen menschenverachtend zugeht. Dort trifft Gaillots Ausspruch den Nagel auf den Kopf: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“

[1] Markusevangelium 10,45

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21JUL2026
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An einem Laternenpfahl in Tübingen hängt eine kleine Tafel mit folgender Aufschrift: „Privatschild. Nicht lesen.“ Ich musste zweimal hinschauen und hab herzhaft in mich hineingelacht. Was für ein Schelm, der das aufgehängt hat. Im öffentlichen Raum gibt es keine privaten Schilder. Außerdem ist es automatisch immer schon zu spät, um nicht zu lesen, dass man nicht lesen soll.

Bei diesem Witz-Schild muss ich an etwas denken, das ich schon oft beobachtet habe: Es gibt viele Schilder in Deutschland, mit vielen Verboten. Ich finde, es sind zu viele und oft sind sie unnötig. Es gibt eine richtige Verbots-Kultur, mit der immer mehr geregelt werden soll: in welchem Umkreis einer Bushaltestelle das Rauchen nicht gestattet ist, wo man warten muss, um im Restaurant platziert zu werden, es gibt Bekleidungsordnungen, und Schilder, die genau erklären, in welchem Bereich das Parken in der Stunde eins dreißig und wo es – zehn Meter weiter – zwei Euro zwanzig kostet.

Manches ist verständlich, anderes regelrecht absurd. Was wohl damit zusammenhängt, dass viele nicht mehr wissen, was richtig und falsch ist. Offenbar haben die Vertreter des Staates mit den eigenen Bürgern zu oft schlechte Erfahrungen gemacht. Sonst bräuchte es viele Schilder nicht. Wo es andere belästigt, raucht man nicht. Im Restaurant vertraut man der Übersicht des Kellners, der einen platziert, wo es am besten passt. In einer Kirche sind Verbots-Schilder, die einen auf die Würde des Gotteshauses aufmerksam machen, besonders schwierig. Schließlich sollte man sich dort willkommen fühlen.

„Privatschild. Nicht lesen.“ Als ich das Schild zum zweiten Mal sah, kam mir noch ein weiterer Gedanke; einer, der mit Jesus zu tun hat. Denn Jesus waren zu viele Verbote ein Dorn im Auge. In seinem jüdischen Glauben gab es eine Unzahl davon. Und er geriet immer wieder in Konflikt, weil er sich aus einem klaren Grund an manche nicht halten wollte. Nämlich immer dann, wenn sie den Menschen entmündigen oder ihn unterdrücken. Sprichwörtlich ist ein Satz von Jesus geworden: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat“[1]. Es gibt für ihn eine klare Priorität. Bestimmungen und Verbote müssen einen Sinn ergeben, der dem Menschen nützt, ihm hilft gut zu leben, ihn entlastet – nicht umgekehrt. Und auf einmal hat so ein unscheinbares witziges Schild sogar etwas mit dem christlichen Glauben zu tun.

[1] Markusevangelium 2,27

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20JUL2026
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Vor 82 Jahren hat Schenk Graf von Stauffenberg ein Attentat auf Hitler versucht und ist damit gescheitert. Der 20. Juli steht seither in Deutschland für den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Und leider ist das ein aktuelles Thema, weil es in den letzten Jahren immer mehr geworden sind, die wieder ähnlich denken. Das ist von mir nicht einfach daher gesagt, sondern durch harte Fakten untermauert[1]: Rund 60.000 Personen haben sich in Deutschland in gesichert rechtsextremen Gruppierungen organisiert. Ein Viertel davon wird als gewaltbereit eingestuft. Letztes Jahr gab es über 1.300 Körperverletzungen. Bei allem ist die Tendenz steigend, und es sind zunehmend minderjährige Anhänger, die sich in den sozialen Medien rasch radikalisieren und gut vernetzen.

Wenn ich feststelle, dass Menschen verachtet werden, weil sie nicht in Deutschland geboren sind, dass jüdische Menschen wegen ihrer Religion bedroht werden, dass Männer zusammengeschlagen werden, weil sie Händchen halten – dann kann ich als Christ dazu nicht schweigen. Dann ist Widerstand angezeigt. Nein, kein Tyrannenmord wie bei Stauffenberg. Aber doch klare Kante gegen die, die unsere freiheitliche Rechtsordnung ablehnen, die Menschen in unterschiedliche Klassen einteilen und Jagd auf sie machen. Das ist für mich als Christ völlig inakzeptabel. Vor Gott gibt es nur Menschen. Alle sind gleich, weil sie Menschen sind. Wer Menschen nach äußeren Gesichtspunkten, nach Hautfarbe, Herkunft, sexueller Orientierung, politischer Meinung, Religion beurteilt, stellt dieses christliche Prinzip auf den Kopf. 

So weit sollte es nie wieder kommen. Dass es die Anfänge davon gibt, ist ein gefährliches Alarmsignal. Deshalb ist es wichtig und möglich, dem etwas entgegenzusetzen. Klar, wer ein Verbrechen begeht, muss bestraft werden. Aber mindestens genauso wichtig ist es, die Enttäuschten zu integrieren, kein Feindbild aufzubauen. In den Schulen und überall, wo junge Menschen zusammen sind, braucht es ein Klima, das signalisiert, und Aktionen, die zeigen, wie wertvoll unsere Demokratie und eine offene Gesellschaft sind. Und bei den Lehrern und Trainern im Sport, bei Pfarrern und Abgeordneten eine Haltung, die sich deutlich gegen Menschenfeindlichkeit abgrenzt. Eine Haltung, die Widerstand leistet, wo Menschen andere zu Feinden erklären.

[1]https://mediendienst-integration.de/extremismus/rechtsextremismus/wie-viele-rechtsextreme-gibt-es-in-deutschland/

https://www.verfassungsschutz.de/DE/themen/rechtsextremismus/zahlen-und-fakten/zahlen-und-fakten_node.html

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18JUL2026
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Auf die Tage in Erfurt habe ich mich riesig gefreut. Einmal im Jahr bin ich dort auf einer Fortbildung. Ich treffe Kolleginnen und Kollegen, wir tauschen uns aus und diskutieren, worauf es in unserem Beruf wirklich ankommt. Jedes Jahr genieße ich das sehr. Außerdem ist es schön in Erfurt. Wir wohnen dann mitten in der Stadt im ehemaligen Augustinerkloster. Genau dort, wo vor 500 Jahren Martin Luther gelebt hat.

Damals ist er noch ein einfacher Mönch gewesen. Und auch er hat sich mit seinen Mitbrüdern ausgetauscht. Hat gefragt und diskutiert, wie er es Gott recht machen könnte: Worauf es wirklich ankommt, um gut und gerecht zu leben. Martin Luther hat aber auch viel allein vor sich hingebrütet. In der Bibel gelesen und nachgedacht. Und schließlich hat er festgestellt: Ich kann es Gott nicht recht machen. Deshalb macht Gott es recht – für mich. Und mit einem Mal ist er frei gewesen von jedem Leistungsdruck und hat damit eine riesige Erneuerungsbewegung in der Kirche ausgelöst.

Apropos brüten: Als ich dieses Jahr in Erfurt bin, herrscht in meiner Zelle im vierten Stock eine Affenhitze. Kein Ventilator, keine Klimaanlage, nur zwei winzig kleine Fensterchen, die keinen Durchzug reinlassen. In den Tagungsräumen dasselbe; deshalb machen wir es wie bei der Fußball-WM: alle zwanzig Minuten eine Trinkpause. Am zweiten Abend allerdings beschließe ich mit meiner Zimmernachbarin Steffi, dass wir uns diesmal zum Schlafen in die Kirche legen werden.

Zuerst ist das als Scherz gedacht, aber dann stehen wir doch wie zwei Teenagerinnen, die nachts ins Freibad einsteigen wollen, um kurz vor Mitternacht an der Kirchentür. Leider ist sie zu, und wir müssen die Nacht doch in unseren Zellen verbringen. Aber wenigstens tagsüber ist sie offen. Und auch hier bei uns haben viele Kirchen ihre Pforten geöffnet: Für alle, die vor der Sommerhitze nirgends hinfliehen können. Manche Gemeinden geben kostenlos Wasser aus oder stellen sogar Tische und Bänke auf, damit Leute im Kirchenschiff ihre Mittagspause verbringen und ihr Vesper essen können. Bestimmt sind auch Leute dabei, die schon lange nicht mehr in einem Kirchengebäude gewesen sind. Ich wünsche mir, dass sie dort auf freundliche Menschen stoßen. Und ganz ohne zu brüten vielleicht auch auf den Gott, den der junge Martin Luther damals für sich entdeckt hat. Von dem es heißt: „Er führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er ist die Quelle des Lebens.“

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17JUL2026
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In meiner alten Heimat ist die Leiterin des Kindergartens in den Ruhestand verabschiedet worden: Nach 46 Dienstjahren in derselben Einrichtung! Auch meine drei Jungs sind bei ihr in der Gruppe gewesen. Der Elternbeirat hatte Kinder und Eltern aus allen Generationen ausfindig gemacht und sie zum Abschiedsgottesdienst eingeladen.

Gerne bin ich hingefahren. Die Kirche ist brechend voll. Ich bin spät dran und bekomme gerade noch einen Sitzplatz in der letzten Bank. Vom Singspiel zur biblischen Geschichte von Noahs Arche bekomme ich deshalb nicht allzu viel mit. Aber so schlimm ist das nicht. Denn vieles ist noch genauso wie vor einem Viertel Jahrhundert, als meine Jungs hier mitgemacht haben. Das Kind, das den Noah spielt, hämmert laut, damit sein Schiff, die Arche, bald fertig wird, denn es droht eine große Flutkatastrophe. Die meisten Kinder sind als Tiere verkleidet, und auch das Lied, das sie singen, kenne ich noch: „Kommt geschwind, kommt geschwind, eh die große Flut beginnt. Kommt herein, kommt herein, steigt in Noahs Arche ein.“ Elefanten und Frösche, Schafe und Hamster, Bären und Tiger tummeln sich auf den Stufen. „Und Noah lädt sie alle ein; kommt in das Schiff herein!“

Zwischen den Liedern habe ich viel Zeit, um meine Gedanken schweifen zu lassen. Was mir im Rückblick neben all den schönen Erinnerungen wohl am wichtigsten war: Die Erziehungspartnerschaft mit den Erzieherinnen. Sie sind damals die ersten gewesen, die außerhalb der eigenen Familie einen Blick für meine Kinder hatten. Einen zugewandten und professionellen Blick. Und ich habe als Mutter im Austausch mit ihnen unglaublich viel gelernt: Zum Beispiel, dass es nicht gut ist, wenn mein fünfjähriger Sohn täglich die Nachrichten schaut, auch wenn ich ihn zu einem weltoffenen und verantwortungsvollen Menschen erziehen möchte. Aber die für Erwachsene gemachten Nachrichten konnte er noch gar nicht wirklich verkraften. Heute diskutieren Eltern mit Lehrern über eine angemessene Nutzung von Social-Media. Und wissen die Expertise der Pädagogen hoffentlich genauso zu schätzen wie ich damals. Beim Abschiedsgottesdienst In der Kirche schweben inzwischen viele bunte Ballons und bilden zusammen einen großen Regenbogen. In der Bibel steht er für Gottes Zusage, die Welt, in der wir leben, für uns und unsere Kinder zu erhalten. Und die ganze Kirche singt jetzt für die scheidende Erzieherin: „Applaus, Applaus für deine Art, uns zu begleiten. Hör niemals damit auf …“ Ich singe dankbar und aus vollem Herzen mit.

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16JUL2026
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„Wer schön sein will, muss leiden!“ Das hat schon meine Oma immer gesagt; und in ihrem Gefolge meine Mutter, wenn ich früher in viel zu engen Hosen, viel zu hohen Schuhen oder in einem für die herrschenden Temperaturen viel zu warmen oder viel zu kühlen Outfit das Haus verlassen habe. Ich war da ziemlich hart im Nehmen, und ja, manches Mal habe ich gelitten, gefroren, geblutet und die Zähne zusammengebissen. Weil ich gut aussehen wollte – und zwar ganz nach meinen eigenen Vorstellungen!

Mein Bruder hat den Spruch selbstverständlich nie zu hören gekriegt; damals war klar, dass Jungs nicht so viel auf ihr Äußeres geben. Das scheint sich inzwischen radikal geändert zu haben. Looksmaxxing heißt ein neuer Trend, der gerade vor allem junge Männer erfasst. Auf TikTok, Youtube und anderen Kanälen: Haufenweise Tipps für männerspezifische Pflegeprodukte und jede Menge Foren, in denen sich die User austauschen über das effektivste Bauch Beine Po-Training.

Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden. Aber manch einer geht dabei noch viel weiter. Und zwar mit der Faust oder mit dem Hammer ins Gesicht, um sich die Wangenknochen oder die Kieferpartie zu zertrümmern. Am Ende sollen die radikalen Maßnahmen zu markanteren Gesichtszügen verhelfen. Und den Mann attraktiver machen. Wer schön sein will, muss leiden?

Ich habe mir etliche dieser Videos bewusst angesehen. Und da hat einer in vollem Ernst diesen alten Oma-Spruch zitiert. Ich bin richtig erschrocken. Leiden bis hin zur Selbstzerstörung, um schön zu sein. Aber warum? Um die Liebe und Zuneigung von anderen zu gewinnen? Das ist doch verrückt! Ich bin im Gegenteil davon überzeugt: Wer schön sein will, egal ob Mann oder Frau, muss nicht leiden, sondern lieben. Und zwar zunächst einmal sich selbst. Leicht gesagt, ich weiß. Aber mit sich selbst liebevoll und gnädig umzugehen, ist eine absolut lohnenswerte Übung. Mir hilft dabei ein kleines Gebet. Täglich morgens, mittags und abends zu sprechen: „Lass mich dankbar sein, Gott, dass Du mich so gemacht hast wie ich bin. Und dass Du mir die Fähigkeit gegeben hast, freundlich mit mir umzugehen.“ Also, Männer, legt den Hammer aus der Hand! Und Frauen, lasst die Sprüche von Schönheit, die aus Leiden kommt. Übt es ein, Euch mit Gottes Augen anzusehen. Und Ihr werdet sehen: Ihr werdet schöner von Tag zu Tag!

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