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Heute darf ich Jakob taufen. Es ist ein traumhaft schöner Tag. Auch weil es heute nicht mehr selbstverständlich ist, dass Eltern ihr Kind taufen lassen. Wir sind um die dreißig Leute, die mitfeiern, und ich beginne den Gottesdienst draußen vor der Kirche. Ich begrüße alle, spreche das erste Gebet, um gleich unterbrochen zu werden.
Direkt vor mir stehen drei Mädchen. Die Schwester des Täuflings und ihre Freundinnen. Mit großen Augen schauen sie zu mir hoch und nur Zuhören ist scheinbar zu langweilig. Als ich im Gebet sage: „...öffne Jakob die Tür, durch die auch wir durch die Taufe eingetreten sind…“ Komme ich gar nicht weiter, weil die erste schon ganz laut fragt: „Welche Tür?“. Ich halte kurz inne. Zeige auf die Eingangstür der Kirche und sage: „Genau die Tür hier, durch die wir gleich reingehen.“ Alle schmunzeln. Als es am Ende des Gebets heißt: „…durch Christus, unseren Bruder und Herrn…“ fragt die Schwester des Täuflings ganz laut: „Wessen Bruder ist das?“. Die Mutter greift ein und sagt halblaut: „Das ist nächste Woche ne super Frage für Deine Relilehrerin.“
Ich sag es mal so: Es kam im Laufe der Taufe noch die eine oder andere Frage auf. Und ich hab mich an der ein oder anderen Stelle ertappt und ein wenig dumm gefühlt, weil ich die Fragen gar nicht so einfach beantworten konnte.
Und gleichzeitig habe ich etwas Schönes gelernt: Kinder stellen unerwartete, aber auch ganz wunderbare Fragen. Sie haben ein untrügliches Gespür für die Worthülsen, die ich als Pfarrer zu oft und zu selbstverständlich benutze.
In der Bibel wird erzählt, wie Jesus mit vielen Leuten unterwegs war. Einmal war ein Kind dabei und er hat gesagt: „Werdet, wie so ein Kind.“ Ich denke, er hat gemeint: Verlernt nicht Fragen zu stellen und hinterfragt auch das, was ihr so selbstverständlich sagt.
Ich habe gelernt: Bei einer Taufe muss nicht alles klar sein, alles klug erklärt werden, was Glaube bedeutet und was Kirche. Nein, die Taufe ist ein erster Schritt. Ich finde es richtig, wenn da Fragen gestellt werden. Auch, wenn ich dadurch ein bisschen herausgefordert werde. Glauben bedeutet nicht, alles zu wissen, sondern neugierig zu bleiben und Fragen zu stellen. Eben, wie ein Kind.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44734Ein Fünfzehnjähriger ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Ich war bei der Beerdigung, weil ich seine Eltern gut kenne. Es war schlimm. Die verzweifelten Eltern zu sehen. Die vielen jungen Leute. Aus dem Musikverein, in dem er gespielt hat, aus seiner Berufsschule, aus seinem Freundeskreis. Alle waren sprachlos, traurig und viele haben geweint. Ich auch.
Zwei Dinge sind mir dabei wieder neu aufgegangen:
Zum einen, wie wichtig Gemeinschaft ist. Gerade in einer solchen Situation, in der ich mich so hilflos fühle. Aber Gemeinschaft fällt nicht vom Himmel. Ich war selbst als Jugendlicher beim Jugendrotkreuz, habe in der Blaskapelle mitgespielt und war Ministrant in der Kirchengemeinde. Ich habe dort im Laufe der Zeit erfahren, dass es Menschen gibt, die mir wohlgesonnen sind, mit manchen bin ich bis heute befreundet. Sie stehen mir bei, wenn etwas Schlimmes passiert.
Und zweitens: An Gott zu glauben, kann hilfreich sein. Der Pfarrer hat am Beginn der Beerdigung gesagt, dass er nicht weiß, warum der junge Mann diesen Unfall hatte. Dass es darauf keine Antwort gibt, warum Gott solche Dinge zulässt. Aber dass gläubige Menschen glauben und hoffen, dass Gott das nicht egal ist. Dass er mitleidet, mitgeht und auch, dass wir uns eines Tages alle wiedersehen werden. Ich glaube das auch.
Mit dem Glauben verhält es sich genauso, wie mit der Gemeinschaft. Der fällt auch nicht vom Himmel. Ich muss ihn genauso erfahren und einüben. Indem ich jeden Abend vor dem zu Bett gehen bete oder sonntags im Gottesdienst bin. Gott ist nicht irgendwo weit weg. Manchmal glaube ich, dass ich ihn spüre. In einem Moment der inneren Ruhe, wenn ich bete. In einem Wort oder Lied, das mich im Gottesdienst berührt oder auch manchmal einfach nur im Rauschen der Blätter, wenn ich spazieren gehe. Ich kann es nur schwer beschreiben. Aber ich habe dann eine Ahnung, dass Gott da ist. Und diese Ahnung ist in den vergangenen Jahren stärker geworden. Es ist, wie mit einem guten Freund, mit dem ich Zeit verbringe. Man lernt sich besser kennen.
Bei dieser Beerdigung habe ich beides erlebt. Wie Gemeinschaft und Glaube helfen, die allgemeine Sprachlosigkeit auszuhalten. Und, wie gut es tut, wenn wir uns in schweren Zeiten nicht allein lassen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44733„Alle Menschen lieben Seifenblasen.“ Das hat neulich eine Studentin zu mir gesagt. Ich musste schmunzeln, weil ich gleich Seifenblasen vor meinem inneren Auge hatte. Sie hat mir dann erzählt, dass sie immer ein kleines Röhrchen Seifenblasen dabei hat. Wenn zum Beispiel bei einer Sitzung eine Diskussion schwierig ist, dann kommt es zum Einsatz. „Danach war es meistens besser.“, sagte sie. „Auch wenn die Situation vorhin vielleicht gerade blöd war, dann haben zumindest einige kurz gelächelt.“.
Was für eine tolle Idee. Und ich kann mir gut vorstellen, dass das wirklich funktioniert. Wenn Seifenblasen so leicht und bunt durch die Luft schweben. Die Situation ist bestimmt nachher noch dieselbe. Die Menschen auch. Aber im besten Fall hat sich die Atmosphäre ein wenig geändert.
Stellen Sie sich mal vor: Sie stehen am Bahngleis. Es kommt eine Durchsage, dass Ihr Zug 20 Minuten verspätet ist. Sie stehen dort, stöhnen vielleicht, motzen, zücken Ihr Handy. Und dann sehen Sie plötzlich, wie eine Wolke Seifenblasen an Ihnen vorbeizieht. Müssen Sie da nicht automatisch hinschauen, schmunzeln und schauen, wo die herkommen. Natürlich kommt der Zug deswegen nicht früher. Aber durch das Genervtsein auf die Bahn auch nicht.
Ich glaube, wir brauchen mehr Seifenblasen in unserem Leben. Mehr Momente, die uns den Ärger, der manchmal in uns hochkommt, vergessen lassen. Etwas, wie Seifenblasen lässt mich kurz in die Luft und in die Weite schauen, staunen und lächeln. Die bunten schwebenden Kugeln sind geradezu ein Gegenmodell zur kahlen Härte eines Bahnhofs.
Als Theologe würde ich sagen: Seifenblasen sind so, wie ein bisschen Frohbotschaft für zwischendurch. Ok, es ist gewagt meinen Glauben mit Seifenblasen zu vergleichen. Ich hoffe, er platzt nicht so leicht. Trotzdem gibt es eine Gemeinsamkeit. Wie Jesus mit Menschen umgangen ist, was er von Gott erzählt hat, dass er gestorben und auferstanden ist. Diese große Geschichte… lässt mich auch immer wieder staunen, in die Weite schauen und manchmal auch lächeln. Gerade wenn etwas schwierig ist. Wenn ich wahnsinnig gestresst bin oder einen Streit hatte und mich über jemanden geärgert habe. Da habe ich durch biblische „Geschichten“ und meinen Glauben immer wieder Seifenblasenmomente erlebt. Danach war nicht alles gut. Aber für einen Moment besser und mein Herz weiter.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44732Ich feiere jeden Sonntagabend in Tübingen Gottesdienst mit den Studierenden. Eine sehr bunt gemischte Gemeinde kommt da zusammen. Natürlich Studenten, auch internationale. Aber auch ältere Menschen aus der Kirchengemeinde und noch andere. Für manche ist diese Vielfalt allerdings herausfordernd.
Ein Student, eher dem links-grünen Milieu zuzuordnen, hat einmal zu mir gesagt. Er findet es irritierend, dass Menschen aus Studentenverbindungen mit ihrer Farbe, also mit dem Band quer über der Brust, in die Kirche kommen. „Können wir das bitte verbieten, dass die so in unseren Gottesdienst kommen? Die bilden eine eigene Gemeinschaft im Gottesdienst. Das stört mich.“ Ich habe ihm darauf geantwortet: „Ich verstehe Dich. Aber das können wir nicht so einfach verbieten, denn wir haben auch andere, die als Gruppen erkenntlich da sind. Soll ich nun den Klosterschwestern verbieten, dass sie in Ihrer Klostertracht in den Gottesdienst kommen?“
Ich habe verstanden, dass es dem Studenten nicht nur um dieses Band auf der Brust ging, sondern auch und vor allem um eine generelle Antipathie. Deswegen habe ich ihm auch noch gesagt: „Du weißt: So, wie Du mit deinem bunten, flatternden Hemd und deinen Birkenstocks aussiehst, ärgerst Du die von der Verbindung genauso.“
Wir haben dann noch ein ganz Weile darüber gesprochen. Dass wir eben mit allen Menschen Gottesdienst feiern, die da sonntags zu uns kommen. Nicht nur mit denen, die uns passen oder die wir uns raussuchen. Wie wichtig es ist, dass ein Gottesdienst eine öffentliche Feier ist und jeder einfach kommen kann.
Ja, das führt dazu, dass da ein sehr unterschiedlicher Haufen von Menschen sonntags zusammenkommt. Aber auch dazu, dass es diese unterschiedlichen Menschen, zumindest für diese Stunde, zusammen in einem Raum aushalten müssen. Gemeinsam beten, singen, zuhören. Jetzt keine politische Diskussion führen, sondern den christlichen Glauben als gemeinsame Basis wahrnehmen. Und ich glaube, genau das ist eben auch ein unverzichtbarer Schritt in Richtung Demokratie. Den anderen anders sein zu lassen. Wer es eine Stunde in der Woche miteinander aushält, gewöhnt sich hoffentlich auch aneinander. Entwickelt ein Wir-Gefühl. Nickt sich vielleicht nächstes Mal auf der Straße zu oder spricht sogar miteinander. Die Gemeinschaft im Gottesdienst kann ein erster Schritt und genau deshalb demokratiefördernd sein.
Heute ist der 4. Juli. Und die USA feiern zum 250. Mal ihren „Independence Day“, ihren Unabhängigkeitstag.
Ich finde, wir haben gute Gründe, ein bisschen mitzufeiern. Denn in der Unabhängigkeitserklärung von damals steht ein Satz, der bis heute nachwirkt, auch bei uns. Sinngemäß lautet der:
„Alle Menschen sind von Natur aus gleich erschaffen und besitzen unveräußerliche Rechte: vor allem auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück.“
Leben, Freiheit, Streben nach Glück: Worte, die grundlegend sind für die Menschenrechte, wie wir sie heute kennen. Und die eine große Sehnsucht von uns Menschen auf den Punkt bringen: Frei zu sein. Das eigene Leben gestalten können. Nicht unterdrückt werden. Nicht von anderen abhängig sein.
Trotzdem frage ich mich manchmal, ob Freiheit nicht doch etwas anderes ist – oder ob nicht zumindest noch etwas fehlt.
Denn oft fühle ich mich gar nicht unfrei, weil mir jemand etwas verbietet. Sondern weil mich Sorgen festhalten. Weil ich Angst habe, Fehler zu machen. Die Wahrheit ist: Aus eigener Kraft komme ich da niemals heraus. Und gerate immer in irgendwelche Zwänge und Abhängigkeiten.
In der Bibel gibt es eine Stelle, an der spricht Jesus genau das aus. Zumindest ich verstehe ihn so, wenn er sagt:
„Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“
Wir Menschen sollen die Wahrheit erkennen: Dass wir wir uns zwar frei entfalten dürfen, aber gleichzeitig auch immer abhängig sind, und uns aus eigener Kraft niemals ganz frei machen können. Dass wir das aber auch gar nicht müssen. Denn jeder Mensch ist von Gott geschaffen und gewollt – frei geschaffen, auch von der eigenen Leistungsfähigkeit. Das glaube ich als Christin.
Ich denke, Freiheit kommt ohne diese Wahrheit nicht aus: dass kein Mensch erst etwas leisten muss, um wertvoll zu sein. Und genau diese Wahrheit macht frei.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44710Simeon – so heißt ein Mann aus der Bibel. Und diesen Simeon habe ich für mich gerade ganz neu entdeckt.
Simeon tut allerdings nicht viel. Die Bibel erzählt nicht von irgendwelchen besonderen Taten oder Leistungen, die er vielleicht erbracht hat. Auch nicht, was er von Beruf gewesen ist, ob er verheiratet war, Kinder hatte… Nichts davon.
Simeon tut nicht viel. Aber er lebt in bewegten Zeiten. Und erlebt, wie sich im Laufe der Jahre so ziemlich alles um ihn herum verändert hat. Er hat wahrscheinlich erlebt, wie das römische Großreich seine Heimat erobert und zu einer römischen Provinz gemacht hat. Wie sich die ganze Gesellschaft dadurch verändert hat. Wie fremde Menschen mit fremden Religionen und Göttern sich in Jerusalem breit gemacht habe. Es kann nicht leicht gewesen sein zuzusehen, wie die römischen Besatzer Steuern erhoben haben und die Freiheit der Menschen eingeschränkt haben.
Was Simeon darüber gedacht haben mag? Auch davon ist in der Bibel nichts zu lesen. Nur, dass er in Jerusalem gelebt hat. Und dort jeden Tag am Tempel Gottes gewesen ist. Jeden Tag – unverbrüchlich und treu – in der nähe seines Gottes.
Wahrscheinlich ist er darüber alt geworden – aber niemals verzagt oder hoffnungslos. Er hat einfach niemals daran gezweifelt, dass Gott für sein Volk da ist, und einen Retter schicken wird, um es zu erlösen.
Das macht Simeon für mich zu etwas so besonderem: Dass er sich durch die Umbrüche und die schier unlösbaren Sorgen und Probleme seiner Zeit nicht verunsichern lässt. Sondern zuversichtlich bleibt, treu und geduldig, egal, wie lange es dauert.
Und dann geschieht es: Simeon sieht ein junges Paar – Maria und Josef – wie sie ihren Sohn zum Tempel bringen um ihn dort vorzustellen. Er hält sie an, sieht diesen Jungen und strahlt:
„Herr, nun kann ich in Frieden sterben.“ „Denn meinen Augen haben den Retter gesehen, wie du es mir versprochen hast.
Simeon kann in Frieden sterben. – Wer kann das schon von sich sagen. Er hat solange gewartet, niemals gezweifelt – Da reicht es ihm jetzt, ein Kind zu sehen. Um zu vertrauen, dass Gott da ist und es bleibt – immer.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44709Irgendwann ist es doch unausweichlich gewesen: Mein altes Smartphon war kaputt und ich musste mir ein neues kaufen.
Und als ich das neue in Betrieb genommen habe, da hat es mir erst einmal jeden Morgen ein automatisches Briefing verpasst. Und irgendwelche vorinstallierten Apps haben mir erklärt, wie ich ein besserer Mensch werden kann.
Ich soll mehr Schritte gehen. Mehr Wasser trinken. Früher aufstehen. Dankbarer sein. Weniger Bildschirmzeit haben. Mehr schlafen. Mehr Sport machen. Gesünder essen. Und natürlich regelmäßig meditieren.
Ich habe eine ganze Weile gebraucht, bis ich diese automatischen Meldungen und Tipps abgestellt hatte. Ich bin nämlich schon mehr als bedient mit den Selbstoptimierungs-Ratschlägen, die mir Social Media ständig zuspielt.
Selbstoptimierung ist überall. In Podcasts. In Zeitschriften. In sozialen Medien. Überall Menschen, die um fünf Uhr morgens joggen, von irgendwelchen Super-Foods leben und dabei offenbar noch Zeit haben, das Portfolio für ihre Finanzplanung zu organisieren.
Ich finde das übertrieben – kämpfe aber gleihzeitig mit meinem Gewissen. Denn: sollte ich das nicht doch auch machen? Und bin ich in Wahrheit nicht einfach nur zu faul, um mich ordentlich um mich selbst zu kümmern?
Ich könnte besser sein, gesünder, chicker… Das wäre doch eigentlich schön.
Außer, der Versuch artet in Stress aus: mich zu einer besseren Version meiner selbst zu machen. Ich will kein schlechtes Gewissen haben, weil ich vielleicht nicht alles raushole, was möglich ist, um gesund und vor allem leistungsfähig zu bleiben.
Wir werden alle älter. Wir machen Fehler. Wir scheitern. Wir sind manchmal müde, unkonzentriert oder einfach nur durchschnittlich. Wir sind alles Menschen.
Oder mit den Worten meines christlichen Glaubens gesagt: Wir sind alle von Gott geschaffen. Und von ihm geliebt und angenommen – auch in einer nicht optimierten Version.
Ich denke, das ist die große Stärke, die mein Glaube mir eröffnet: Eben nicht ständig zu fragen: „Wie kann ich noch besser werden?“
Sondern: Wie kann ich am besten der Mensch sein, den Gott sich vorgestellt hat?
„Werde, der du bist“ habe ich mal irgendwo gelesen. Ein guter Rat – auch, wenn das eine Fitnessuhr vermutlich anders sehen würde.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44708Vor einiger Zeit habe ich einen Termin vergessen. Genauer gesagt dachte ich, er wäre erst am nächsten Tag. Und kann mir das im Nachhinein einfach nicht erklären.
Na ja, der Tag ist schon von Anfang an nicht gut gelaufen. Schon morgens – und das das hat mich scheinbar aus dem Tritt gebracht.
Die Psychologie kann mittlerweile recht gut erklären, wie solche Aussetzer zustande kommen: Und zwar immer dann, wenn die ursprünglichen Pläne und Routinen im Kopf in Konflikt geraten – mit etwas Unvorhergesehenem: Wenn z.B. das Auto nicht anspringt und man viel später loskommt.
Und so kann es passieren: Mein Tag ist unerwartet stressig – und in meinem Kopf verschiebt sich meine Erinnerung ans richtige Datum.
Mir ist es heute so wichtig, davon zu sprechen, weil das eigentlich ganz normal ist und auch erklärlich. Weil es wirklich jedem passieren kann.
Es ist mir gerade passiert mit meinem Termin. Einem Freund ist es passiert, und er hat vergessen, seine Einkaufstaschen in den Kofferraum zu laden. Zu Hause angekommen konnte er das gar nicht fassen.
Und vor kurzem ist es einer Mutter passiert: sie dachte, sie hätte ihr Kind schon zur Kita gebracht – und hat es im Auto in der Hitze vergessen.
Mir ist es heute so wichtig, davon zu sprechen, weil das so gut wie jedem passieren könnte. „Forgotten-Baby-Syndrom“ nennt die Forschung dieses Phänomen, das „Vergessene Kind Syndrom. Wenn der eigene Kopf in Stress gerät und man sich an Dinge erinnert, die so gar nicht passiert sind.
Ich möchte heute mithelfen dieses Phänomen noch bekannter zu machen: Mich hat nämlich erschreckt, wie hart viele Leute auf diesen Fall reagiert haben: Ich habe so viele Post gelesen auf Social Media, die einfach nur urteilen, verurteilen und gar nicht begreifen, dass das wirklich ein Unfall gewesen ist.
Ob Eltern, denen so etwas widerfährt, sich jemals davon erholen können? Sich selbst vergeben könen? Ich kann mir das kaum vorstellen – aber ich hoffe und wünsche es ihnen. Und möchte heute mithelfen, dass wenigstens andere nicht leichtfertig ein Urteil über sie fällen.
Menschen sind fehlbar – auch gute Menschen, auch liebevolle Menschen voller Fürsorge. Trotz allen guten Willens bleiben wir Menschen. Und es passieren uns Dinge, die wir im nachhinein nicht erklären können.
Es steht nun mal nicht in unserer Macht, alles im Leben zu kontrollieren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44707Ab und zu bekomme ich auch kritische Rückmeldung zu meiner Arbeit und meinen Beiträgen hier fürs Radio. Und höre immer wieder auch den Satz: „Gott ist eine Erfindung!“ Soll heißen: Einen Gott gibt es gar nicht, und die Vorstellung von ihm ist einfach nur menschengemacht. Und ich solle das endlich ernst nehmen: dass es besser wäre, wenn wir alle die Vorstellung von Gott aufgeben würden.
Ich nehme das ernst, aber: je länger ich darüber nachdenke – dass Gott eine Erfindung sei - desto mehr Fragen wirft dieser Satz für mich auf. (Und es ist keineswegs ausgemacht, dass es ihn deshalb nicht geben würde.)
Denn erst einmal stammen ja alle Erfindungen aus einem menschlichen Gehirn. Und sind erst mal nur ein Gedanke gewesen: Irgendjemand hat das Rad erfunden. Jemand hat die Brille erfunden. Das Telefon. Das Internet. Aber wenn ich sage: „Das Rad ist eine Erfindung des Menschen“, dann meine ich damit ja nicht, dass Räder deshalb nicht wirklich existieren.
Eine Erfindung ist zunächst einmal die menschliche Antwort auf das, was wir entdeckt oder verstanden haben. Menschen wollten sich zum Beispiel schon immer leichter fortbewegen können: Und so ist die Idee entstanden und haben sie das Rad erfunden.
Vielleicht gilt dieses Prinzip ja auch bei Gott.
Menschen versuchen schon immer, ihre Erfahrungen mit dem Leben in Worte zu fassen. Um besser klar zu kommen mit ihrer Erfahrung von Schönheit und Staunen. Von Schuld und Vergebung. Trauer, Angst, Trost. Von Hoffnung gegen alle Hoffnung. Und sie haben dafür Bilder und Geschichten gefunden. Man könnte auch sagen: erfunden: Gebete. Lieder. Rituale. Und eben auch eine bestimmte, menschliche Vorstellung von „Gott“.
Wie sollte es auch anders sein? Wir Menschen können doch nur mit menschlichen Worten sprechen. Und nur mit Bildern, die unser Kopf auch fassen kann. Und ein Bild ist eben das von Gott.
Ob es ihn tatsächlich gibt: so wie in meiner Vorstellung, ganz anders oder eben doch gar nicht: Die einen glauben an Gott – andere eben nicht. Aber der Satz „Gott ist eine Erfindung“ beendet die Diskussion noch lange nicht.
Für mich ist er eher der Anfang der Diskussion. Denn wenn die Vorstellung von Gott menschengemacht ist, dann stellt sich ja gleich die nächste Frage: Warum tun Menschen das seit Jahrtausenden immer wieder? Und welche Wirklichkeit versuchen sie damit zu beschreiben?
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44706Ein guter Freund von mir hat sich neulich selbst beschrieben. Und hat gemeint, er sei „unbelehrbar zuversichts-süchtig“.
„Zuversichts-süchtig“ – ich musste lachen: Klingt im ersten Moment nach etwas, das er dringend loswerden sollte. Aber genau so kenne ich ihn tatsächlich: fast wie ein Junkie süchtig danach, in allem auch das Gutes zu sehen. Oder wenigstens eine Möglichkeit, eine Chance… Sei es bei privaten Problemen, in der Politik, angesichts der Klimakatastrophe oder des gesellschaftlichen Wandels: mein Freund spricht immer auch von Hoffnung. Und bleibt zuversichtlich, dass sich eine neue Tür auftun wird, eine neue Möglichkeit, von der wir vielleicht einfach noch nichts wissen…
Ich bin da anders – leider. Ich neige dazu, Schwarz zu sehen. Wenn ich Nachrichten sehe, und ich nirgends irgendwelche Anzeichen entdecken kann für eine Besserung der Lage… Dann muss ich aufpassen, dass ich nicht innerlich aufgebe. Innerlich kapituliere ich dann. Und am liebsten würde ich gar nicht mehr hinsehen. Zum Glück habe ich aber auch diesen guten Freund, den zuversichts-süchtigen. Zuversicht kann nämlich abfärben. Und damit hat er mich schon öfter davor bewahrt, in Pessimismus zu versinken.
Mein Freund ist Christ, und seine unverbrüchliche Zuversicht Ausdruck seines Glaubens und seiner ganzen Lebenshaltung: so lebendig, wie ich es selten bei jemandem gesehen habe. Er lässt sich richtig tragen von der Gewissheit, dass bei Gott immer eine neue Tür aufgehen kann, eine neue Möglichkeit, über die wir Menschen nicht bestimmen können. Er ist aber nicht naiv und redet Probleme auch nicht schön. Ganz im Gegenteil: Er hat einen sehr realistischen Blick auf die Dinge und schaut am Leid von Menschen und an Ungerechtigkeiten nicht vorbei. Und ich denke, er schafft das, WEIL er zuversichts-süchtig ist. Weil er sich getragen weiß: schafft er es hinzuschauen - und nicht an seinen Mitmenschen vorbei.
Und deshalb auch nicht an mir vorbei, gerade dann, wenn ich wieder mal alles schwarz sehe und innerlich fast kapituliere. Allein geht mir mein Gottvertrauen manchmal verloren. Aber nicht, mit einem Zuversichts-Süchtigen zusammen. Die färbt nämlich ab auf mich.
Süchtig bin ich zwar noch nicht. Aber ein kleiner Kick ab und an, den spüre ich schon …
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