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„Vorfreude ist die schönste Freude; und: Sie ist typisch deutsch.“ So behauptet es ein Text, den wir im Spanischunterricht gelesen haben. Wir haben ja sogar ein eigenes Wort dafür, das sich offenbar in andere Sprachen kaum übersetzen lässt. Vorfreude. Mir war gar nicht bewusst, dass es so etwas ganz Eigenes ist. Aber tatsächlich: Dieses kleine Wort trägt eine erstaunliche Kraft in sich. Vorfreude ist wie ein Licht, das schon brennt, bevor der Tag anbricht. Sie ist ein Vorgeschmack auf das Gute, das kommen kann – nicht garantiert, aber erhofft.
Ich erlebe oft, wie Menschen aufblühen, wenn sie etwas haben, worauf sie sich freuen können: ein Besuch, ein Fest, ein freier Tag, ein Wiedersehen. Ich finde: Manchmal ist die Vorfreude sogar schöner als das Ereignis selbst. Nicht, weil das Ereignis mich enttäuscht, sondern weil die Vorfreude mich innerlich weitet. Sie lässt mich träumen, hoffen, planen. Sie macht das Herz leicht.
Und vielleicht ist das gerade in Zeiten wichtig, in denen vieles schwer wirkt. Vorfreude ist kein billiger Trost. Sie ist ein stiller Widerstand gegen die Sorge. Ein leises „Trotzdem“. Ein Vertrauen darauf, dass das Leben mehr bereithält als das, was gerade ist.
In der Bibel heißt es: „Freut euch auf Gott; er wird euch geben, was euer Herz begehrt.“ (Psalm 37,4) Das ist keine Garantie für erfüllte Wünsche. Aber es ist eine Einladung, das Herz offen zu halten. Gott schenkt uns, dass wir uns freuen dürfen – auch im Voraus.
Ich denke mir: Vielleicht ist Vorfreude gar nicht nur typisch deutsch. Vielleicht ist sie typisch menschlich, ein kleines Stück Himmel im Alltag.
Ich wünsche Ihnen heute Abend genau das: Einen Gedanken, der Sie in Vorfreude lächeln lässt. Einen Plan, der Ihnen Kraft gibt. Und eine Vorfreude, die Sie durch die Nacht trägt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44642Manchmal erzählt mir meine Freundin Ute von ihren Nächten. Eigentlich müsste sie schlafen, tief und fest, damit der nächste Tag gelingt. Aber oft ist sie nach zwei Stunden wieder wach. Dann liegt sie im Dunkeln, und ihre Gedanken drehen sich wie ein Karussell, das nicht anhalten will.
Ute liegt wach und fragt sich, wie lange sie ihren anspruchsvollen Alltag noch schafft. Wie lange ihre Kraft reicht. Und wenn sie über dieser Sorge endlich einschläft, dann ist es wieder so eine Nacht, aus der sie nicht ausgeruht aufwacht.
Sie weiß genau, was das bedeutet: Am Morgen wird sie sich fühlen, als hätte sie Steine geschleppt. Und der Morgen beginnt früh. Um halb fünf klingelt der Wecker. Dann muss sie ihren behinderten Sohn wecken, ihn anziehen, versorgen, bis der Schulbus um halb acht kommt. Drei Stunden voller Fürsorge, bevor der Tag überhaupt begonnen hat.
Ich glaube, viele kennen solche Nächte. Nächte, in denen Sorgen größer werden als am Tag. In denen es nicht nur draußen dunkel ist, sondern auch innen.
In der Bibel steht ein Satz, der mich in solchen Momenten begleitet: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, Gott, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“ (Psalm 4,9)
Das ist kein Zauberspruch. Die Sorgen verschwinden nicht einfach, wenn ich ihn mir aufsage. Aber dieser Satz erinnert mich daran: Ich bin nicht allein wach. Da ist einer, der mit mir durch die Nacht geht. Einer, der meine Müdigkeit sieht und meine Grenzen kennt. Einer, der mir Kraft schenkt — nicht für die ganze Woche, aber für den nächsten Schritt.
Ute sagt manchmal: „Weißt du, ich halte durch, weil ich weiß, dass ich getragen werde.“
Und vielleicht ist das der leise Trost, der uns durch die Nacht bringt: Dass wir nicht alles alleine schaffen müssen. Dass Gott unsere Müdigkeit ernst nimmt. Und dass jeder neue Morgen ein kleines Wunder ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44641Manchmal begegnet mir ein Satz, der mich nicht mehr loslässt. Neulich war es einer aus der britischen Krimikomödie Glennkill. In dem Film sprechen Schafe über den Tod. Und das schlauste Schaf erklärt den anderen: „Schafe werden zu Wolken.“
Als ich das gehört habe, musste ich lächeln. Und gleichzeitig hat mich dieser Satz berührt. Denn er ist so schlicht und voller Trost. Eine kleine Herzenspoesie.
In einem Psalmlied heißt es über Gott: „deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen." (Ps 36,6)
In der Bibel stehen Wolken oft für Gottes Gegenwart, seinen Schutz. Sie dienen als Schleier, der das göttliche Geheimnis verhüllt, aber auch als Wegweiser und Zeichen der Hoffnung.
„Schafe werden zu Wolken.“ Vielleicht ist das genau die Art, wie wir manchmal über den Tod sprechen dürfen: behutsam, ohne große Worte, ohne schwere Theorien. Einfach mit einem Bild, das die Seele nicht überfordert.
Wolken sind da, und wir können sie doch nicht festhalten. Sie verändern sich, ziehen weiter, leuchten im Abendlicht. Und manchmal, wenn wir in den Himmel schauen, glauben wir, in einer Wolke ein Gesicht zu erkennen. Ein Schäfchen oder ein Lächeln.
Ich glaube nicht, dass Menschen zu Wolken werden. Aber ich glaube, dass etwas von ihnen bleibt: ihre Liebe, ihre Geschichten, ihre Spuren in unserem Leben. Und manchmal fühlt es sich an, als würde etwas davon über uns schweben wie eine helle, leichte Wolke.
In dem Film Glennkill ist genau das der tiefere Kern dieses Satzes: Dass wir nicht verloren gehen. Dass wir aufgehoben sind. Dass wir weiterwirken – zart, aber spürbar.
Die Schafe in dem Film verstehen schließlich, dass es komplizierter ist mit dem Tod. Aber im Schlussbild gibt es eine Wolkenformation, die an einen ihrer Kameraden erinnert.
Und wenn Sie heute Abend in den Himmel blicken, vielleicht entdecken Sie dort eine Wolke, die Sie an jemanden erinnert. Und vielleicht tut dieser Gedanke gut.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44640„Der Wein erfreut des Menschen Herz…“ In einem Lied in der Bibel (Ps 104, 15a) jubelt der Sänger darüber, dass Gott den Wein geschaffen hat, damit die Menschen ihre Freude daran haben. Wenn ich in diesen Tagen hier in Rheinhessen durch die Weinberge gehe, spüre ich etwas, das viele Winzerinnen und Winzer umtreibt und ihnen das Herz schwermacht: eine Mischung aus Sorge, Erschöpfung und der Frage, wie es weitergehen soll mit dem Weinbau. Die letzten Jahre haben Spuren hinterlassen. Wetterextreme, wirtschaftlicher Druck, steigende Kosten – all das lastet auf den Bauern und Winzern, die mit der Natur arbeiten und zugleich von ihr abhängig sind. Ich habe von der evangelischen Kirche deshalb einen besonderen Auftrag bekommen, den es bisher so nicht gegeben hat: Ich bin nun Winzerseelsorgerin.
Denn viele in der Landwirtschaft tragen viel und klagen wenig. Sie stehen früh auf, arbeiten bis spät, halten Familienbetriebe am Laufen, die oft über Generationen gewachsen sind. Und manchmal ist die Seele müde, lange bevor man es sich selbst eingesteht.
Mit der Winzerseelsorge setzt die Kirche ein Zeichen: Wir sehen euch. Wir nehmen wahr, wie es euch geht. Ihr seid nicht allein.
Manchmal entsteht ein gutes Gespräch einfach am Rand des Weinbergs. Manchmal am Küchentisch. Manchmal am Telefon. Und manchmal hilft es einfach, dass jemand zuhört und sagt: „Ich merke, das ist gerade viel für dich.“
Ich glaube: Gott ist genau dort zu finden – mitten im Alltag, zwischen Rebstöcken und Regentagen, im ehrlichen Wort und im geteilten Schweigen. Und vielleicht ist das die tiefste Hoffnung, die ich auf diesen Dienst setze: dass Menschen spüren, wie kostbar sie sind. Nicht wegen dem, was sie leisten, sondern weil ihr Leben zählt.
Genau das wünsche ich Ihnen auch: wenn Sie nachdenken über komplizierte Wege, vielleicht bei einem Spaziergang durch Weinberge oder Felder: Dass Sie in allem, was Sie bewegt, einen Menschen haben, der da ist und zuhört. Der Ihnen von Gottes Segen erzählt und sagt: „Ich sehe dich.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44639Ein Gottesdienst zur Silberhochzeit sollte es werden. Vor 25 Jahren haben Kerstin und Martin standesamtlich geheiratet – eine kirchliche Trauung war damals nicht möglich. Jetzt wollten sie das nachholen: mit Musik, mit Gästen, einem festlichen Einzug in die Kirche. Ein prächtiges Orgelstück sollte den Raum füllen wie ein Echo ihrer Liebe, die sie seit 25 Jahren trägt.
Doch dann ist alles anders gekommen. Kerstin ist schwer krank geworden. Ganz plötzlich. Die beiden ahnen: Bis zur Silberhochzeit im September bleibt keine Zeit mehr. Für ein großes Fest fehlt die Kraft – und eigentlich steht den beiden auch nicht so recht der Sinn danach.
Jetzt sitzen sie bei mir am Tisch. Keine Pläne mehr, keine Gästeliste. Nur eine leise Frage: „Können wir trotzdem gesegnet werden? Einfach wir zwei – jetzt, wo wir es brauchen.“
Ich spüre den Mut in ihrer Frage und das Wissen: Die wichtigsten Momente lassen sich nicht planen. Manchmal sind sie kleiner, stiller – und gerade darin kostbar und heilig.
Während wir reden, merke ich: Die Liebe der beiden braucht keinen großen Rahmen. Sie hat 25 Jahre lang gehalten – durch gute Tage und durch schwere. Sie ist gewachsen, gereift, tiefer geworden. Und jetzt, in der Zeit der Krankheit, zeigt sie ihre größte Stärke.
Wir überlegen, was ihnen guttut. Kein Orgelpräludium, das den Raum füllt. Sondern ein kurzer Moment, der das Herz erfüllt. Vielleicht im Wohnzimmer. Nur mit einem Satz aus der Bibel:
„Bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens, und in deinem Licht sehen wir das Licht.“ (Psalm 36,10) Diesen Psalmvers haben die beiden sich ursprünglich für die Trauansprache ausgesucht. Jetzt wird er für sie vor allem zum Trost. Zur Zusage: Gott geht mit – auch wenn Wege sich ändern oder Pläne zerbrechen.
So wird es ein anderer Gottesdienst werden. Ein kleiner. Ein stiller. Und trotzdem ein kostbarer. Einer, der nicht auf die Silberhochzeit wartet, sondern das Heute segnet. Das Jetzt. Diesen Augenblick im Licht Gottes.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44638Winfried Kretschmann hat etwas über die Kirche gesagt, das mich überrascht hat. Ich war mit dabei, auf einer Tagung, bei der es um die Zukunft der Kirchen gegangen ist. Eine Aussage ist mir gleich hängengeblieben, weil die Perspektive des ehemaligen Ministerpräsidenten ungewöhnlich ist: Er sagt: „Die Kirchen sind diejenigen Gemeinschaften, die sich am allerwenigsten Sorgen um die Zukunft machen müssten. Auferstehung, Wiederkunft, Himmelreich – wenn das keine Verheißung für die Zukunft ist."
Im Grunde genommen hat Kretschmann natürlich recht. Keine andere Institution hat so eine radikale Botschaft für die Zukunft. Und gleichzeitig sieht die Gegenwart ja gerade ganz anders aus. Jedes Jahr verlassen Hundertausende die Kirche und das wird voraussichtlich so weitergehen. Ich frage mich deshalb eher: Braucht eine immer säkularer werdende Gesellschaft den Glauben und kirchliche Gemeinschaft vielleicht gar nicht mehr?
„Oh doch“, meint Winfried Kretschmann. Er ist ja selbst aktiver Katholik – und er weiß, wovon er redet. Denn er ist vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten – und dann wieder eingetreten. Winfried Kretschmann findet deshalb noch lange nicht alles gut in der Kirche. Zum Beispiel, dass die katholische Kirche Frauen von Ämtern ausschließt. Und er prophezeit, dass sie das nicht durchhalten wird. Das denke ich auch und kann mich da gut anschließen. Auch bei dem Punkt, wenn er sagt: „Ich wünsche mir eine Kirche, die streitet.“ Damit meint er, dass Christinnen und Christen immer wieder neu und wirklich ernsthaft durchdenken sollen: Was ist jetzt eigentlich gerade wichtig? Wo läuft was schief, bei der Kirche selbst aber auch in der Gesellschaft? Wo muss die Kirche sich einsetzen und für wen?
Winfried Kretschmann hält die Kirchen für relevant. Das so klar aus dem Mund eines Politikers zu hören, finde ich bemerkenswert. Und das stärkt den zehntausenden Menschen im Land den Rücken, die sich engagieren. Zurecht. Er begründet auch weshalb: „Die Kirche begleitet dich dein Leben lang. Da wirst du getauft bis zur Beerdigung. Und ihm geht es da keinesfalls nur um kirchliche Rituale: Er formuliert es so: „Die kommen auch dann, wenn andere einen Bogen um dich machen, wenn du krank bist, wenn du behindert bist, wenn du irgendwie aus dem Rahmen fällst, wenn du arm bist. Das ist eine unglaubliche Ressource.“
Am Ende der Tagung appelliert Kretschmann an jede Christin, an jeden Christ, sich wichtig zu nehmen. Nicht persönlich, aber eben als Christ. „Das braucht die Gesellschaft“, sagt er. Solche Worte machen mir Mut. Und ich hoffe, dass Winfried Kretschmann recht behält: Dass Kirche und Glauben eine Zukunft haben. Es wäre wichtig. Für alle.
Einmal im Jahr wird mein Lieblingscafé zu einer Kirche. Denn dann feiern wir dort Gottesdienst. Zwischen Café-Tischen und Tresen, Goldrand-Geschirr und Blumen, die in alte Saucieren gesteckt sind. Mit „wir“ meine ich eine Gruppe Frauen aus der Kirchengemeinde, die alles vorbereiten und dazu noch 30, 40 Leute. Manche von ihnen kennen wir gut, andere kommen sonst eher nicht sonntags in die Kirche.
Ich mag diesen Café-Gottesdienst. Weil ich gerade da, an solchen ganz normalen Alltagsorten, etwas von Gott ahnen kann. Ich finde, wir kommen dort dem nahe, wozu Jesus einst seine Jünger eingeladen – mehr noch – aufgefordert hat: „Setzt Euch zusammen, und teilt. Essen und Trinken und Gemeinschaft; vor allem aber ein Stück von Eurem Leben. Wo ihr das tut, da bin ich dabei.“
Bei unserem Café-Gottesdienst passiert genau das: Wir sitzen zusammen an Tischen, mit Freunden und mit Fremden. Wir singen und beten, eine Band macht richtig gute Musik, wir hören biblische Impulse. Anschließend gibt’s Pizza für alle.
Beim letzten Gottesdienst haben wir ein großes Plakat in die Mitte auf jeden Tisch gelegt. Darauf stand die Frage: Was macht Dich lebendig, was erfüllt Dich? Die Plakate waren am Ende vollgeschrieben – mit den unterschiedlichsten Antworten. Zum Beispiel: „Lebendig macht mich der Espresso nach einem Power-Nap, das Schnurren meiner Katze, wenn ich im Regen spaziere. Oder: Mich erfüllt, wenn ich bei einem guten Gespräch mich selbst spüre. Ich fühle mich lebendig, wenn ich im Meer schwimme. Oder wenn ich Glockenklang höre. Wenn ich so sein kann, wie ich bin.“
An den einzelnen Tischen haben wir über unsere Gedanken gesprochen. Und wir haben Dinge voneinander erfahren, die überraschend tief gehen. Was beschäftigt meine Tischnachbarn, welche Sehnsucht bewegt sie? Etwas von sich preiszugeben, braucht manchmal ein bisschen Mut; aber wenn wir miteinander so ehrlich sind, dann schafft das Verbindung. Und stärkt und tut einfach gut.
Nach dem Segen ist unser Gottesdienst-Abend im Café noch nicht zu Ende, wer mag, der bleibt. Dann packen wir zur Pizza die Liederbücher aus und singen mit der Band Schlager und Rockmusik, bis wir müde werden. Für mich ist dieser Teil mindestens genauso schön wie der eigentliche Gottesdienst.
Da fühle ich mich lebendig: weil ich Gott im Café ahnen kann, mitten in dieser besonderen Atmosphäre, mitten unter Leuten, die sich freuen, dass wir zusammen sind. So stell ich mir Kirche vor. So einfach. Am Café-Tisch, zwischen Pizza, Segen und Adriano Celentano. Ich glaube, Gott hat da Platz, wo wir ihm einen freihalten.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44597Zu meiner Schulzeit war der 17. Juni ein Feiertag. Da hatten wir frei. Und anders als so manche Freundin wusste ich weshalb. Weil dieser Gedenktag in unserer Familie immer Thema war. Meine Mutter weiß noch gut, was in diesen Tagen um den 17. Juni 1953 passiert ist, und sie hat uns immer wieder erzählt: „Wir sind gerade noch rechtzeitig rausgekommen.“
Vor über 70 Jahren hat etwa eine Million Menschen in der damaligen DDR für ihre Freiheit und gegen das SED-Regime protestiert. Erfolglos. Die sowjetische Armee hat eingegriffen und den Volksaufstand brutal niedergeschlagen. Etliche sind damals getötet worden, über 10.000 Menschen festgenommen.
Am Tag des Aufstands ist meine Mutter zehn Jahre alt. Sie lebt seit wenigen Wochen mit ihren beiden Geschwistern und ihrer Mutter in einem sogenannten Durchgangslager in West-Berlin. Meine Oma hat es mit ihren drei Kindern geschafft, kurz vor dem 17. Juni in die amerikanische Zone zu fliehen. Sie haben alles zurückgelassen in ihrem Dorf in der Odermark und sind nur mit dem geflohen, was sie am Körper getragen haben: Kleidung in drei Schichten, Pässe und ein wenig Geld, versteckt in Strümpfen und Unterwäsche. Kein Koffer, keine Tasche, nichts. Damit niemand Verdacht schöpft. Denn „Republikflucht“, wie man das damals nannte, wurde mit Gefängnis bestraft. Gut ein Jahr später hat die Familie dann im Schwäbischen eine neue Heimat gefunden.
Meine Oma habe ich leider nie richtig kennengelernt, ich war noch sehr klein, als sie gestorben ist. Aber trotzdem bin ich mir sicher: Wenn ich sie heute nach dem Grund für die Flucht fragen könnte, hätte sie gesagt: „Ich wollte eine bessere Zukunft für meine Kinder; und in einem Land leben, in dem wir als Christen nicht beobachtet und verhört werden, weil wir Gottesdienst feiern.“ Und dann hätte sie vermutlich weiter erklärt: „Wir möchten uns frei bewegen und reden dürfen. Meine Kinder sollen in eine Schule gehen, in der sie freiheitlich und demokratisch erzogen werden.“
Meine Mutter ist jetzt über 80, und erzählt noch heute von dieser Flucht und von den ersten Jahren in der neuen Heimat. Auch davon, dass ein Mädchen in der Schule gesagt hat: „Neben so einer vom Lager will ich nicht sitzen“ und sie weggeschubst hat. Und dass sie später die einzige aus der Klasse war, die nicht beim Klassenausflug dabei war. Dafür war kein Geld da. Das alles hat sie nie vergessen.
Gerade deshalb: Ich bin meiner Oma sehr dankbar. Für ihren Mut. Dafür, dass sie ihre Kinder genommen hat und gegangen ist. Dass ich deshalb hier aufwachsen durfte – in Freiheit, in Demokratie, und ohne Angst. Das war damals keine Selbstverständlichkeit, und das ist es auch heute nicht.
Daniel redet nicht. Er schweigt – freiwillig, seit fast genau einem Jahr. Und das hat einen Grund: Daniel Beerstecher ist Künstler aus Stuttgart und er möchte mit diesem Projekt auf zwei Dinge aufmerksam machen: Zum einen: Auf die Kraft der Stille in einer lauten Welt. Und: wie wichtig es ist zuzuhören. Gerade heute, wo Menschen einander manchmal lieber beschimpfen, anstatt miteinander zu reden.
Daniel findet: „Zuhören – echtes, aufmerksames Zuhören – ist eines der größten Geschenke, die wir einander machen können.“
Ich habe Daniel einen Tag lang auf seiner Tour durch Deutschland begleitet. Denn er schweigt nicht zuhause, sondern ist unterwegs. Fast am Ende seines Schweigejahres angekommen hat er mittlerweile mehr als 3000 Kilometer in den Beinen – Manchmal übernachtet er draußen im Zelt, manchmal in Klöstern, manchmal bei Freunden oder Bekannten. Und manchmal sitzt er in Städten auf Plätzen und hat ein Schild neben sich platziert auf dem steht: „Ich höre zu.“ Und jeder der mag, kann sich zu ihm setzen und erzählen.
Mit Daniel unterwegs zu sein, ist eine eindrückliche Erfahrung: Wir laufen fast 20 Kilometer zusammen im Schwarzwald; auch ich schweige die meiste Zeit. Das fällt mir anfangs echt schwer, weil ich gewohnt bin, sofort Dinge zu kommentieren, die ich wahrnehme. Immer mal wieder machen wir kurz Pause und Daniel reicht mir seinen Wanderstock – der wird dann zum „Redestab“. Ich darf also reden, wenn ich mag. Das tue ich. Und erzähle, was mir grad durch den Kopf geht, oder von Fragen, die mich schon länger beschäftigen. Manchmal stellt Daniel mir auf seiner Schreibtafel Rückfragen oder schreibt kurze Kommentare. Zum Beispiel: „Sehnst Du Dich manchmal nach Stille im Kopf?“ und weiter: „Vielleicht musst Du erst die Stille finden, um Antworten zu erhalten.“
Was ich in diesen Stunden mit Daniel lerne: zwei Menschen müssen nicht ständig miteinander reden, um sich auszutauschen. Wir beide kommunizieren trotzdem intensiv miteinander. Daniels schriftliche Reaktionen sind sehr präzise. Wohl deshalb, weil er sehr genau zuhört und wahrnimmt, wie es mir geht. Worüber ich mir Gedanken mache. Und das spüre ich, weil er ganz da ist, total aufmerksam, mir in die Augen schaut.
Am Ende des Tages hab ich nicht nur einiges erzählt – sondern auch den Klang von Vogelgezwitscher im Kopf, den Duft etlicher Blumen in der Nase und den Geschmack so einiger Wildkräuter auf der Zunge. Ohne Worte hat Daniel mich unterwegs dazu angeleitet, immer mal wieder innezuhalten. Wach zu sein für das, was mir grad auf dem Weg begegnet und nicht in meinen eigenen Gedanken hängen zu bleiben.
Als ich am Abend aus dem Schwarzwald zurückfahre, bleibt das Autoradio dieses Mal aus. Die Stille in meinem Kopf, die tut mir richtig gut.
1974 – da haben wir unseren ersten Fernseher gekauft! Einen kleinen, tragbaren Kasten. Mein Vater erzählt das immer mal wieder. Und es gibt natürlich einen Grund, weshalb er sich so genau an das Jahr erinnert: 1974 war Fußball-WM in Deutschland. Und das war für ihn der Anlass, einen Fernseher zu kaufen. „Wir wollten das miterleben“, erzählt er, „das war damals ein Riesenereignis“.
Ob die WM 2026 auch ein Riesenereignis wird? Die Welt ist natürlich eine ganz andere als 1974 Deutschland Weltmeister geworden ist. Sport und Politik sind heute nicht mehr voneinander zu trennen, so wünschenswert das vielleicht wäre, weil es manches einfacher machen würde. Aber schon die Beziehung zwischen den drei Gastgeberländern macht das unmöglich: USA, Mexiko, Kanada – da liegt gerade ziemlich viel Spannung drin: Die USA drohen Mexiko mit militärischen Angriffen gegen die Drogenkartelle und bauen weiter an der Mauer zum Nachbarland. Kanada wird mit Zöllen belegt und behandelt, als wäre das Land ein Feind und kein Nachbar. Drei Länder, ein Fest – so war es mal gedacht. Dahinter steht ein großes Fragezeichen.
Ich werde trotzdem viel und gern Fußball schauen in diesen Wochen. Weil Fußball für mich mit einem positiven Lebensgefühl verbunden ist – weil ich das selbst viele Jahre genau so erlebt habe. Ich war lange als Fußball-Mama mit meiner kickenden Tochter auf Plätzen im ganzen Land unterwegs. Jede Menge Samstage, jede Menge Kilometer, jede Menge Schlammschlachten und Berge von verschwitzten Trikots für die Waschmaschine. Und immer war’s gleichzeitig toll: Ich hab so viele Leute kennengelernt, wir haben angefeuert, uns gemeinsam geärgert, wenn’s nicht gut gelaufen ist. Und in der Halbzeit bei ner Roten Wurst oder nem Kaffee philosophiert und mit fußballerischem Halbwissen Aufstellung und Taktik analysiert. Bei Wind und Wetter. Und gleichzeitig kann ich mich nicht erinnern, dass es wichtig gewesen wäre, welchen Job diese oder jene Eltern hatten, wie man sich politisch positioniert oder ob irgend jemand was mit Gott anfangen konnte. Der Sport hat uns verbunden. Und sonst erst mal nichts.
Ich wünsche mir, dass die Menschen in den USA durch die WM wieder näher zusammenrücken. Dass sie feiern, mit Freunden und Fremden, und vielleicht Kraft schöpfen, gegen Trumps menschenverachtende Politik gemeinsam aufzustehen. Dass weiterwirkt, was im Stadion passiert: Menschen sind trotz aller sportlicher Rivalität friedlich zusammen unterwegs. Egal woher sie kommen, wie sie aussehen und was sie sonst so denken.
Mein Vater hat das erste das Deutschland-Spiel gestern zuhause vor dem Fernseher angeschaut, wie damals 1974. Ich hab mich dazugesetzt. Und es ging einfach nur um Fußball, sonst nichts.
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