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Jerusalem zur Zeit der ersten Christen: Am großen Tempel Gottes herrscht reges Treiben, wie jeden Tag. Denn da trifft man sich: zu den Gebetszeiten, um Geschäfte abzuschließen, Neuigkeiten auszutauschen. Und an den Zugängen und Toren zum Tempel, da sitzen die Bettler und die Armen und hoffen auf ein Almosen, auf ein paar Münzen zum Leben.
So die Szenerie – der Hintergrund, vor der die Bibel die folgende Geschichte entfaltet: Jeden Tag wird einer der Bettler an seinen „Stammplatz“ getragen - an eins der Tore zum Tempel – weil er lahm ist. Von Kindheit an hat er keine Kraft in den Beinen und Füßen, kann also nicht laufen, nicht arbeiten, nicht leben, wie die anderen. Und als an diesem Tag Petrus und Johannes – zwei der Jünger von Jesus – auf dem Weg zum Nachmittagsgebet bei ihm vorbeikommen, da bitter er natürlich auch sie um ein Almosen. Die beiden bleiben auch stehen. Aber dann sagt Petrus zu dem Lahmen: „Sieh uns an.“ Der macht das, sieht sie erwartungsvoll an in der Hoffnung auf etwas Geld. Aber Petrus sagt. „Gold und Silber habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und greift den Mann bei seiner rechten Hand, zieht in hoch und stellt ihn auf seine Füße. Und – endlich tragen sie ihn. Der Mann kann gehen, laufen… er springt sogar umher – und lobt und dankt Gott von ganzem Herzen.
Eine Erzählung der Bibel, aus dem dritten Kapitel der Apostelgeschichte. Als Kind in der Kinderkirche war ich von solchen Geschichten immer ganz begeistert! Wenn ein Wunder passiert. Und hier sind es sogar nur die Freunde von Jesus, die das Wunder bewirken - gar nicht Jesus selbst. Jesus – der ist ja sowieso etwas Besonderes. Aber seine Freunde, seine Jünger – die sind ja fast so wie ich: einfach ganz normale Menschen.
Als Kind war ich begeistert. Heute – da bin ich eher nüchtern geworden. Es ist immer noch eine schöne Geschichte für mich, und trotzdem – wenn ich ehrlich bin – höre ich sie mir lieber nicht mehr an.
Weil ich mittlerweile - als Gemeindepfarrerin, aber auch privat: als Freundin, Kollegin, Tochter – so viele Krankheiten gesehen habe. Und mir so sehr ein Wunder gewünscht hätte… Ich versuche, genau wie Johannes und Petrus Namen Jesu Christi von Nazareth zu leben. Aber – ich kann keine Wunder bewirken. Und die beiden da aus der Bibel die sind eben doch ganz anders als ich.
Geht Ihnen das vielleicht auch so, liebe Hörerinnen und Hörer? Oder ist es für Sie ganz anders? Und wie ist es den Christen in früheren Zeiten gegangen? Denn auch die allerersten Christen konnten ganz bestimmt auch nicht alle – einfach so – ein Wunder bewirken. Und trotzdem ist die Geschichte ein Teil der Bibel geblieben. Und ist den Christen immer wichtig gewesen.
Deshalb noch einmal genauer: Was genau passiert da eigentlich?
Zuerst einmal: Petrus und Johannes bleiben bei dem Bettler stehen. Geben ihm nicht im Vorbeigehen ein paar Münzen in die Hand, wie das sonst wahrscheinlich üblich wäre. Und Petrus ist es wichtig, dass der Mann, der da sitzt, ihn ansieht – dass sie sich beide ins Gesicht blicken. Wirklich einander sehen. Und dann sagt Petrus zu dem Mann: „Was ich habe, das gebe ich dir.“
Und ich, als ich diesen Satz begreife, wünsche mir immer noch, dass ich Wunder bewirken könnte. Aber diese Gabe „habe“ ich nun mal nicht. Petrus und Johannes in der Geschichte haben sie. Ich – habe vielleicht etwas anderes. Eine andere Gabe, die ich im Namen Jesu Christi weiter geben kann: Vielleicht tatsächlich Geld, für jemanden, der in Not ist. Oder die Zeit, die ich mir als Pfarrerin und Seelsorgerin nehmen darf, um jemandem zuzuhören. Für ihn da zu sein. Mit guten Worten – auch etwas, das ich „habe“.
Und was ich habe, das möchte ich geben – wo jemand darum bittet oder es gut brauchen kann. Wunder bewirke ich damit keine. Aber– im Namen Jesu Christi – etwas bewirke ich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42867Es gibt Situationen im Leben, da hat man nicht in der Hand, was man zu Essen bekommt.
So ging es mir vor ein paar Jahren auf dem Franziskusweg. Dass ist ein Pilgerweg, der durch die Toskana und Umbrien führt. An Orten vorbei, wo der heilige Franziskus gelebt hat oder zumindest mal vorbeigekommen ist. Ich war alleine unterwegs. Jeden Tag. Und abends habe ich meistens einfach in einem Kloster am Weg gefragt, ob ich übernachten kann. Manchmal durfte ich dort auch mitessen.
An einem Abend klingelte ich an so einem Kloster. Ich war nach dem langen Tag und den vielen Kilometern ziemlich müde und auch ziemlich hungrig. Eine freundliche Schwester öffnet mir die Tür, heißt mich gleich willkommen und zeigt mir einen Schlafplatz. Sie sagt dann, dass es in einer halben Stunde Abendessen geben würde. Ich sei herzlich eingeladen. Großartig. Was für ein Glück! Ich muss also nicht mehr los und im Ort noch etwas zu essen suchen.
Als ich in den Speisesaalkomme sehe ich, dass außer den Schwestern noch einige andere Gäste da sind. Jemand erzählt mir, dass sie zur Familie einer der Schwestern gehören und zu Besuch sind. Dann ist es kurz still, wir beteten, setzen uns und es wird aufgetischt. Mir wird zuerst ein Teller gebracht.
Wir beginnen zu essen und als ich um mich blicke, fällt mir plötzlich auf: Wir haben nicht alle das Gleiche bekommen. Nur ich habe Fleisch auf dem Teller.
Das war mir peinlich. Ich, der gerade erst gekommen war, der keinen hier kannte, weder zu dieser Gemeinschaft noch zu jemandes Familie gehörte. Ich, der so schlecht italienisch spricht, dass er mit niemandem wirklich reden kann und gerade ich habe mein Essen als erster bekommen und dazu auch das Beste.
Die Situation hat mich ganz schön zum Nachdenken gebracht und ich habe mich gefragt:
Würde ich das tun? Würde ich nicht viel eher den Gästen, die ich gut kenne, die mir nahe stehen, das beste Essen geben? Die mich loben, wie gut es wieder ist. Von denen ich weiß, dass ich nächstes Mal bei Ihnen auch etwas Gutes aufgetischt bekomme.
Aber an diesem Abend bekam ich das beste Essen. Der Fremde. Den man wahrscheinlich nie wieder sehen wird.
An diesem Abend habe ich begriffen, was Gastfreundschaft bedeutet.
Ich spreche heute in den SWR4-Sonntagsgedanken über Gastfreundschaft, über Einladungen zum Essen und wie man mit Fremden umgeht.
Um all das geht es auch in vielen biblischen Geschichten. Ums Essen sowieso. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass es in fast jedem Gottesdienst Brot und Wein gibt. In Erinnerung daran, wie Jesus mit Menschen vor zweitausend Jahren gegessen hat und wie zugewandt und gastfreundlich er gewesen ist.
Einmal sagt Jesus: wenn man eingeladen ist, soll man sich nicht auf die besten Plätze oben am Tisch setzen, sondern auf die untersten, damit man im besten Fall gebeten wird, aufzurücken. Nicht umgekehrt.
Und er sagt weiter: Wenn man selber der Gastgeber ist, soll man eben nicht nur die einladen, die man kennt. Die eigene Familie und die engsten Freunde. Sondern auch die, denen es guttut, weil sie nie eingeladen werden, und gerade die, die sich sonst nicht eingeladen fühlen.
Das erinnert mich an ein Trauergespräch mit einer Frau. Sie hatte ihren Mann verloren, er war kurz vor Weihnachten gestorben. Sie hat mir erzählt, dass es ihr eigentlich gut tun würde an Heiligabend in den Gottesdienst zu gehen und dann hat sie gesagt: „Aber ich gehöre zu den Leuten, die sie ja nicht so mögen, Herr Pfarrer.“ Ich war kurz geschockt, weil ich wirklich nicht wusste , warum sie das dachte. Ich hab sie dann gefragt, wie sie darauf kommt. Ihre Antwort war: „Weil ich zu den Menschen gehöre, die das ganze Jahre über nicht in die Kirche gehen.“
Ich sagte ihr, dass das völliger Nonsens sei. Sie ist im Gottesdienst willkommen, egal, ob sie jeden Sonntag da ist oder nur einmal im Jahr. Das macht keinen Unterschied.
In Gottesdiensten werden ja keine bonuspunkte vergeben, wie beim Einkaufen.
Trotzdem hat mich dieses Gespräch nachdenklich gemacht. Denn es muss ja einen Grund geben, weshalb die Frau glaubt, dass sie nicht willkommen ist.
Ich frage mich deshalb: Wie kann das gehen, dass Menschen sich willkommen fühlen? Und die Antwort ist für mich ganz klar: Nur durch andere Menschen.
Dass es ganz einfach gelingen kann, das habe ich von Frau Keinath gelernt, einer älteren Dame in meiner früheren Gemeinde. Frau Keinath war eine herzensgute Frau. Immer lächelnd. Mit einem zauberhaften französischen Akzent.
Sie hatte immer sofort bemerkt, wenn jemand neues im Gottesdienst aufgetaucht ist und hat diejenigen nachher angesprochen. Ganz unaufgeregt. Hat einfach gefragt, woher sie kommen und was sie hergeführt hat. Und dann immer gesagt: „Es ist so schön, dass Sie da sind.“
Ich glaube Frau Keinath hatte begriffen, was Jesus damals den Menschen gesagt und vorgelebt hat. Was Gastfreundschaft bedeutet. Da reicht manchmal ein Lächeln und eine freundliche Frage, damit ein Mensch das Gefühl hat: Ich bin hier willkommen. Auch wenn er nur ein einziges Mal zu Gast war.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42809Im Konfirmandenunterricht habe ich die Zehn Gebote durchgenommen. Im Alten Testament wird erzählt, dass Gott selbst sie in Stein gemeißelt und dem Mose übergeben hat. Ein Zeichen für ihre Autorität und Würde. Und für ihre ewige Gültigkeit.
Ich habe erklärt, dass die ersten drei Gebote die Beziehung zwischen Gott und den Menschen betreffen, und die Gebote vier bis zehn die Beziehung der Menschen untereinander regeln. Anschließend habe ich den Konfis die Aufgabe gestellt, die Zehn Gebote in eine eigene Reihenfolge zu bringen. Auf Platz eins soll das Gebot stehen, das ihnen am wichtigsten erscheint. Dann das zweit- und drittwichtigste und so weiter, bis auf den hinteren Plätzen die Gebote landen, die ihrer Meinung nach nicht ganz so wichtig sind.
Fast immer dreht sich dabei die Reihenfolge komplett um. Gott rutscht nach hinten und der Mensch nach vorn. Und fast immer gewinnt mit großem Abstand das Gebot, das in der biblischen Zählung an fünfter Stelle steht: Du sollst nicht töten! In der Diskussion stellt sich heraus, dass viele Konfis dabei nicht nur an die Todesstrafe oder an Militäreinsätze denken, sondern der Meinung sind, dass auch Tiere und andere Lebensformen auf der Erde geschützt werden sollen. Sie ernähren sich vegetarisch oder vegan, sind dabei oft erstaunlich konsequent und bringen mit ihren Ernährungsgewohnheiten den Speisezettel zuhause ganz schön durcheinander.
Du sollst nicht töten! Ja, mit Blick in eine Welt, in der Kriege das gegenseitige Töten scheinbar wieder unvermeidlich erscheinen lassen, ist das ganz bestimmt ein wichtiges Gebot. Andererseits denke ich: Es ist auch leicht, ein Gebot auf Platz eins zu setzen, das mich - und ich denke auch meine Konfis - im Alltag nicht wirklich betrifft. Denn ich habe noch nie einen Menschen getötet und komme hoffentlich auch nie in die Lage. Mit dem Töten von Menschen oder Tieren habe ich einfach nichts zu tun.
Was dagegen in den anderen Geboten angesprochen wird, ist meinem Alltag viel näher: Du sollst über andere keine Lügen verbreiten, nicht stehlen, nicht die Ehe brechen, nicht vor Neid platzen. Auch darüber spreche ich mit den Konfis. Sie fragen mich, wer eigentlich Schaden daran nimmt, wenn sie bei Rossmann oder dm mal einen Nagellack mitgehen lassen, sie leben in Familienmodellen, in denen Mütter oder Väter auch Beziehungen mit anderen Männern und Frauen haben und sie wissen ganz genau, wie schwer manche Mitschüler es haben, die sich zum Beispiel keine hippen Markenklamotten leisten können, und welchen Schaden Neid, Missgunst und Verachtung anrichten können. Braucht es da nicht noch viel mehr Regeln und Gebote, um mit dem komplizierten Leben zurechtzukommen?
Die Frage, welches denn nun das wichtigste Gebot sei, ist auch Jesus einmal gestellt worden. Überraschenderweise hat er keines aus der Liste der Zehn Gebote genannt, sondern eine Art Zusammenfassung zitiert. Und die geht so: „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit aller deiner Kraft. Das andere ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Es ist kein anderes Gebot größer als dies.“ Jesus hat also die drei Gebote, die von Gott und den Menschen handeln, zu einem zusammengefasst: Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit aller deiner Kraft.“ Und dann hat er die sieben Gebote, die das zwischenmenschliche Leben betreffen, auch in einem zusammengefasst: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Aus zehn mach zwei. Oder eins im Doppelpack. Aber, frage ich die Konfis, was ist denn jetzt abgesehen von Zahlen und Nummerierungen der eigentliche Clou an dem, wie Jesus die Zehn Gebote interpretiert? Es ist anscheinend so einfach, dass die Konfis eine ganze Weile herumrätseln, bis eine es entdeckt: Es ist die Liebe! Genauer gesagt die Tätigkeit: lieben. Die ist in den Zehn Geboten nicht vorgekommen. Da sollte Gott gefürchtet, Vater und Mutter geehrt, der Feiertag geheiligt werden. Da war alles Mögliche verboten. Du sollst dies und jenes nicht tun. Aber was der Mensch aktiv tun könnte, das war nicht formuliert. Noch einmal Jesus im O-Ton: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Von da an sprudeln die Konfis nur so von Ideen, wie das gehen könnte: anderen Menschen mit Respekt begegnen. Tiere als Mitgeschöpfe behandeln, sich einschalten, wenn jemand gemobbt wird, dem neuen Freund der Mutter eine Chance geben, am eigenen Selbstwertgefühl arbeiten. Und wie liebt man Gott? wage ich nachzufragen. Na, indem man das alles eben macht, sagt eine. Dann wären die beiden Gebote am Ende doch eins? Gottesliebe und Nächstenliebe zwei Seiten einer Medaille? Mit dieser Frage habe ich die Konfis in die Sommerferien entlassen. Und hoffe, dass die kommenden Wochen viele Möglichkeiten bieten, es herauszufinden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42768Wenn es brennt
Die letzten Tage waren eine einzige Hitzewelle. Bei uns war das für die meisten gerade noch erträglich. Im Süden Europas aber stieg das Thermometer auf über 40 Grad. Eine Konsequenz: Mit der Hitze steigt die Feuergefahr. Egal ob Frankreich, Südspanien, Portugal oder Griechenland: überall Feuersbrünste. So groß sind die Feuer, dass sie sogar vom Weltraum aus zu erkennen sind.
Feuer ist wichtig. Als der Mensch lernt, mit dem Feuer umzugehen, ist das ein riesiger Sprung in der Evolution. Feuer sind, so merkwürdig das vielleicht auch klingt, gut für die Natur. Waldbrände zum Beispiel verjüngen den Wald. Da verbrennen vor allem Gräser und Sträucher, die Altbäume bleiben aber unangetastet. Mammutbäume können ihre Samen erst nach einem Waldbrand verstreuen. Dann gibt’s nämlich genug Platz, damit junge Bäume wachsen können.
Feuer ist aber auch gefährlich. Brände bedrohen Tiere und Menschen. Ganze Städte werden ein Raub der Flammen. Und der Klimawandel verschärft die Waldbrände. Dürreperioden verlängern die Feuersaison.
Seit Urzeiten lebt der Mensch mit dem Feuer, lebt von ihm und bekämpft es. Da erstaunt es nur wenig, dass viele Redewendungen vom Feuer handeln. Jemand spielt mit dem Feuer. Jemand brennt für etwas. Eine Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Sich die Finger verbrennen.
Im biblischen Sprachgebrauch steht das Feuer für die Gegenwart Gottes. Gott zeigt sich in einem brennenden Dornbusch, der aber nicht verbrennt, zeigt sich in einer Feuersäule, die den Menschen den Weg weist. Glaubende sind Feuer und Flamme für die Glaubensbotschaft. Können nicht anders, als sie weiterzugeben. Und so andere anzustecken. Aber Achtung: Der Glaube kann auch zerstörerische Gestalt annehmen. Wenn im Namen des Glaubens alles niedergebrannt wird, was nicht zu den eigenen Überzeugungen passt. Feuer ist vielgesichtig. Auch im Glauben.
Feuer und Flamme
Feuer ist gefährlich – aber auch nützlich und gut. Auch der Glaube kennt dieses ambivalente Gesicht des Feuers. Darum geht es heute in den Sonntagsgedanken in SWR 4.
Ich glaube an einen feurigen Gott. Feuer und Flamme für den Menschen. Kann auch mal explodieren bei Ungerechtigkeit und Ausgrenzung. Viele biblische Texte erzählen von diesem Gott, der für die Menschen brennt.
Trotzdem irritiert es, wenn Jesus sagt: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen.“ (Lk 12,49) Das klingt nach Gewalt. Nach zerstörerischem Feuer. Und in der Tat. Die biblischen Erzählungen zeichnen Jesus als einen Mann, der sich nicht mit halben Sachen zufrieden gibt. Der eine klare Botschaft hat: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15) Wer sich auf Jesus einlässt, der muss sich entscheiden. Für Umkehr, für einen Glauben an eine gute Botschaft. Die buchstabiert Jesus so aus: Jeder Mensch zählt, ist geliebt, ist wichtig. Niemand darf ausgegrenzt werden. Menschen sollen für den Menschen da sein. Selbstbezogenheit überwinden. Sich nicht so aufblasen. Mal einen Schritt zurücktreten. Dafür sorgen, dass es dem anderen und mir, dass es allen gut geht. Und dafür auch eintreten. Auch wenn andere davon nichts hören wollen.
Das ist eine ziemlich zündende Botschaft. Gerade heute. Wo wieder vermehrt Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihres Einkommens, ihres Geschlechts ausgegrenzt werden. Wo zu oft zwischen »Uns« und »denen« unterschieden wird.
Jesus selbst hofft, dass sich andere von seiner menschenfreundlichen Botschaft anstecken lassen. Will Feuer werfen, damit andere Funken fangen. Und er stirbt schließlich, weil er nicht von dem abrücken will, was in ihm brennt: Die Liebe zum Menschen, die Hoffnung auf einen Gott, der Feuer und Flamme für den Menschen ist.
Das Feuer, das Jesus auf die Erde werfen will, davon erzählt etwa die Pfingstgeschichte eindrucksvoll. Da scheint es, so wird erzählt, als würden Feuerzungen auf Menschen niederfallen. Und sie stark machen, für ihren Glauben durchs Feuer zu gehen: Für den Glauben, dass Gott sich in jedem Menschen zeigt. Und dass jeder Mensch auch so behandelt werden sollte, als wäre er Gott.
Lk 12,49–53
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen! Ich muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist. Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung. Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei; der Vater wird gegen den Sohn stehen und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter, und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42784Ich bin kein Prophet. Ich weiß nicht, was kommen wird. Umso aufmerksamer höre ich Propheten zu, wenn ich welchen begegne. Propheten – das sind Leute, die etwas gesehen haben. Die etwas jetzt schon wissen. Die tiefere Einsicht haben. Den größeren Weitblick.
Solche Leute gibt es auch heute. Gar nicht so wenige. Wenn alles gut geht, dann werden sie auch gehört, zum Beispiel auf einem Rundfunksender oder in einer Zeitung. Prophet auf Sendung! Jetzt!
Vor 2500 Jahren gab es noch kein Radio. Aber auch da waren Propheten auf Sendung. Direkt von Gott ausgesandt und mit einer Botschaft losgeschickt.
Ein Prophet – Jesaja hieß er – hat damals seine Heimatstadt Jerusalem betrachtet: den Berg, auf dem Gottes Tempel stand. Gottes Haus in der Mitte der Stadt: Da konnte doch nichts mehr schiefgehen! Aber Jesaja hat Unheil und Verderben gesehen. Ungerechtigkeit und Korruption. Und dann einen großen Krieg.
Doch da gehen die Wolken über dem Tempel auf. Und der Prophet sieht noch viel mehr, er sieht weit über Unheil und Krieg hinaus: Der Berg, auf dem Gottes Haus steht – der wird größer sein als alle anderen Berge. Er wird sie alle überragen. Kein Krieg und kein Erdbeben können ihm etwas anhaben.
Und Jesaja sieht Menschen, unzählige Menschen. Von allen Seiten strömen sie auf den Berg mit Gottes Haus zu. Aber sie haben nicht Krieg im Sinn. Nein, sie wollen lernen. Sie wollen wissen, welche Wege Gott den Menschen zeigt. Wege zum Frieden, zum Glück, zu Gerechtigkeit. Wege dorthin, wo alles heil wird, wo alles endlich gut wird.
Jesaja sieht, wie Gott selbst den Streit schlichtet. Streit zwischen Völkern, zwischen mächtigen Staaten. Und dann bringen die Völker ihre Schwerter. Die schmieden sie zu Pflugscharen um. Und aus den Eisenspitzen ihrer Lanzen machen sie Winzermesser. Die Schwerter werden jetzt nicht mehr gebraucht! Kein einziges Volk braucht mehr Waffen. Niemand lernt mehr, wie Krieg geht.
Mein Gott, was für Bilder! Tröstend und voller Hoffnung – von Gott für sein Volk. Verkündet von seinem Propheten. Aber vielleicht sind sie doch zu großartig, diese Bilder? Ich fürchte, Jesajas Zeitgenossen konnten damit erstmal nicht viel anfangen. Sie wollten ihm nicht glauben. Jedenfalls nicht gleich. Später haben sie es dann doch aufgeschrieben. Und jetzt steht es seit über 2000 Jahren in der Bibel.
Vielleicht stimmt es ja doch, was die Propheten gesehen haben? Viele Menschen haben darauf gehofft. Zu den unterschiedlichsten Zeiten. Und ändert sich nicht schon etwas, wenn man darauf hofft? Fest daran glaubt? Auch heute?
Ja, ich weiß: Es klingt wie ein Märchen. Aber ich weiß auch: Wenn das Herz so voller Glauben und Hoffnung ist, dann kann sich etwas ändern. Ich weiß von Menschen, die so ein Herz haben. Ein Herz voller Glauben und Hoffnung. Voller Sehnsucht, dass die Menschen endlich den Weg zum Frieden finden. Oft leben solche Menschen dort, wo es am schlimmsten ist. Wo gar keine Hoffnung ist. Wo niemand an etwas anderes glaubt als an Hass und Gewalt.
Die Propheten in der Bibel, die haben in solchen schlimmen Zeiten gelebt. Und trotzdem die Hoffnung nicht aufgegeben. Dass die Welt nicht bleiben muss, wie sie ist. Dass Gott sich nicht einfach abfindet mit dem Unheil. Dem Unfrieden und Hass, der Gemeinheit.
Und sie haben auch den Weg gesehen, den Gott dorthin zeigt. „Gottes Weisung“ – in ihrer Sprache: „Tora“. So heißt bei den Juden der wichtigste Teil der Bibel. Das sind die ersten fünf Bücher, auch in meiner christlichen Bibel. Da drin stehen die Zehn Gebote. Zehn – und noch viel mehr. 613 insgesamt. Die sind wie ein Kompass. Ein Kompass, mit dem man sich auf den Weg machen kann. Und das, was man nicht gleich versteht – über das muss man einfach immer wieder nachdenken. Und mit anderen darüber sprechen. Lernen. Ein ganzes Leben lang.
Damit kann man wirklich nie aufhören. Und nicht aufhören, auf wirklichen Frieden zu hoffen. Frieden, der mehr ist als eine Pause zwischen zwei Kriegen. Ja, das klingt wie ein Märchen. Aber wer diese Vision, dieses Prophetenbild einmal im Herzen hat, der vergisst das nicht mehr.
Und wenn Ihnen das Bild zu groß ist – dann gibt es eine ganz einfache Lösung: Machen Sie es kleiner. So dass es in Ihren Alltag passt. So wie man einen 200-Euroschein in Kleingeld wechselt, damit man damit bezahlen kann. Nehmen Sie dieses Kleingeld in Ihren Alltag: ein Lächeln, ein freundliches Wort, eine hilfreiche Hand. Denken Sie nicht, das nützt ja doch nichts! Wenn wir das alle üben, jeden Tag, dann fängt die Welt an, sich zu verändern – und so zu werden, wie der Prophet sie gesehen hat. Gott ist da, mitten unter uns. Und wo Gott ist, da ist jetzt schon Frieden.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42687Mal wieder die innere Stimme hören …
… heute mit Pastoralreferent Thomas Macherauch. Guten Morgen.
Es sind Ferien – und ich stehe im Stau. Na prima. Eigentlich wollten wir mit der Familie wegfahren und was erleben. Dann das: 14 Kilometer Stau. Nichts geht mehr.
Wir sitzen im Auto und sind ganz schön sauer! Für abends haben wir einen Tisch reserviert; uns erwartet ein leckeres Essen. Aber das wird wohl nichts werden. Schade! Auch die anderen Autofahrer sind frustriert. Einige regen sich auf, fuchteln rum und steigen aus dem Auto.
Es dauert eine Weile, aber was dann passiert, ist eigentlich genial: viele Leute entspannen sich. Einige trinken Kaffee aus Thermoskannen, gehen aufeinander zu und unterhalten sich. So ein Stau hat auch Gutes. Ich muss ent-schleunigen, langsam machen und anhalten. Ich brauche nicht mehr auf den Verkehr achten und habe Zeit für anderes. Das nutzen auch wir: Wir wenden uns einander zu und erzählen uns von dem, was gerade los ist, was uns beschäftigt und aus den letzten Wochen nachhängt. Das tut gut und befreit innerlich. Bei mir tauchen Bilder, Namen, Gesichter auf – einige hatte ich schon fast vergessen.
Im Alltag geht es bei mir auch oft zu wie auf der Autobahn: ich rase von einem Termin zum nächsten; ich funktioniere; immer mehr in immer kürzerer Zeit. Kommt dann endlich der Urlaub, bin ich auch da versucht, mir die freien Tage vollzupacken mit allem Möglichen. Dabei ist es so wichtig, einfach mal runter von der Straße zu fahren und frische Luft zu schnappen, spazieren zu gehen, sich auf die Liege zu fläzen und ein wenig unverplante Zeit zu genießen! Das zeigt mir dieser Stau.
Ich muss ja nicht gleich ganz auf Null runterbremsen. Aber zumindest langsamer machen, damit die Seele nachkommen kann. Was auf mich einprasselt, muss ich verarbeiten, sonst wird es schnell zu viel und ich bin gestresst. Ich brauche Zeit, um auf meine innere Stimme zu hören. Denn was mein Bauch sagt, ist wichtig! Er berät mich oft, wenn ich mich entscheiden muss: ob ich rechts oder links abbiege, den grünen oder den blauen Vorhang kaufe, mich auf eine Person einlasse oder nicht. Nur wenn ich in mich gehe, weiß ich, was ich mir wünsche und wonach ich mich sehne. Ich kann meinem Bauchgefühl folgen und bin zufriedener. Und das merken dann auch andere.
Es braucht Auszeiten übrigens auch, damit ich mal ganz grundsätzlich meine Position prüfen kann: Woran orientiere ich mich eigentlich? Was ist mir wichtig? Welchen Schildern folge ich, wenn ich auf der Straße meines Lebens unterwegs bin?
Mich lässt da nicht los, was mir aufgefallen ist, als mein Chef neulich seine Stelle gewechselt hat.
Was wirklich zählt …
Es ist wichtig, immer wieder mal langsam zu machen und durchzuschnaufen – nicht nur in den Ferien. In meinen Sonntagsgedanken habe ich behauptet, dass das auch sinnvoll ist, um sich zu orientieren und zu fragen, was im Leben eigentlich zählt.
Vor zwei Wochen haben wir den Dekan von Bruchsal verabschiedet. In den Grußworten wurde er viel gelobt: Er habe Menschen vernetzt, zusammengeführt und sie ernst genommen. Er sei ihnen auf Augenhöhe begegnet, war großzügig und vielen ein Freund. Und er habe sie spüren lassen, wie sehr er in allem, was er tut, auf Gott vertraut. Das habe viele inspiriert.
Der Dekan hatte auch die Verwaltung gut im Griff. Aber kein Redner hat erwähnt, wie viele Gebäude er saniert oder wie viele Rücklagen er gebildet hat! Das fand ich interessant. Es ging nur darum, was er den Leuten bedeutet hat.
Wer möchte ich sein? Was ist mir wichtig? Darum geht es auch in den Bibeltexten, die heute in katholischen Gottesdiensten gelesen werden. Sie erzählen von einem Mann, der große Scheunen baut, um seinen Reichtum zu sichern. Doch was hat er davon? Am Ende kann er nichts mitnehmen; ein Totenhemd hat keine Taschen.
Reichtum ist mehr als Besitz. Reichtum schließt auch die Gaben mit ein, die jede und jeder hat. Die Bibelstelle fragt also auch danach, wie ich mit diesen Schätzen umgehe: Schließe ich sie weg und kreise um mich selber? Oder entfalte ich meine Gaben und tue etwas dafür, mich und andere zu bereichern, also reich zu machen mit dem, was man nicht kaufen und besitzen kann?
Das klingt abstrakt. Es gibt ein Lied, das diese Gedanken konkret macht; es heißt: „Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde“. In dem Lied geht es darum, dass Gott am Ende nicht fragen wird: „Was hast du gespart und besessen? Seine Frage wird lauten: Was hast du geschenkt und geteilt, wem hast du genützt und gedient, was hast du für andere gewagt und bewirkt, wen hast du gewärmt und geliebt?“ Damit lässt sich doch was anfangen.
Ich glaube, am Ende zählt vor allem das, was zwischen Menschen passiert. Nicht der Besitz. Natürlich darf ich genießen, was ich zum Leben habe. Aber für mich ist es noch wichtiger, dabei auch die anderen im Blick zu haben; etwas dafür zu tun, dass das Miteinander gelingt. Ich glaube, zusammen sind wir besser dran als alleine. So wie in dem Stau, von dem ich erzählt habe: zwar ist uns ein leckeres Abendessen flöten gegangen; aber wir haben unsere Snacks geteilt, miteinander gesprochen und uns aufgemuntert, wenn einer den Koller gekriegt hat. Das war doch viel wertvoller! Es ist mir bis heute hängen geblieben.
Vielleicht sind Sie gerade zuhause, unterwegs in den Urlaub oder stehen im Stau und machen sich wie ich so Ihre Stau-Gedanken. Wie auch immer: ich wünsche Ihnen genügend Pausen, in denen Sie Ihren Weg durchs Leben genießen und die Seele nachkommen lassen können. Und ich wünsche Ihnen Zeiten, in denen Sie sich vergewissern können, ob Sie so unterwegs sind, wie Sie auch wirklich unterwegs sein wollen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42685Es gibt so viele kleine Wunder im Alltag. Viele davon sind schnell wieder vergessen. Dabei würde es wirklich helfen, wenn wir sie uns merken und aufschreiben. Für Tage, wenn wir mutlos sind. Vielleicht auch, um andere zu ermutigen oder ihnen ebenfalls Hoffnung zu schenken, wenn es mal nicht so läuft.
So ein Alltagswunder habe ich aufgeschrieben, nachdem ich meine Mutter besucht habe. Meine Mutter ist schon sehr alt und braucht etwas Unterstützung. Sie kann kaum mehr laufen und auch nicht mehr raus aus ihren vier Wänden. Sie fühlt sich deshalb oft einsam, auch ein bisschen vergessen. Ihre frühere Welt verschwindet so langsam und manchmal ist sie ganz auf die Hilfe anderer zurückgeworfen, was ihr überhaupt nicht gefällt. Sie kämpft auch mit wunden Stellen vom vielen Sitzen und Liegen.
Beim Besuch sagte sie diesmal. „Eigentlich hatte ich einen ganz schlechten Tag. Die Frau von der Diakonie war heute viel früher da als sonst. Es musste diesmal auch schnell gehen. Aber gegen Mittag hat sich ein Pflaster gelöst und die wunde Stelle hat geschmerzt. Ich habe es einfach nicht hinbekommen.
Mir war zum Heulen“, sagte sie, und: „Da habe ich gebetet. „O Jesus, hilf mir – irgendwie.“ Nur wenige Minuten später läutete es. Wer kann das sein, so kurz vor Mittag? Es war eine andere Frau von der Diakonie, die offensichtlich nicht wusste, dass der heutige Besuch schon am Morgen war. Eventuell eine falsche Planung?
Nein, eine Gebetserhörung, sagte meine Mutter. Hilfe zum richtigen Zeitpunkt – der Tag war gerettet.
Ja, es sind oft so kleine Dinge, die dem Tag eine gute Wendung geben, nicht nur bei meiner Mutter. Ihr hat es aber den Glauben gestärkt und einmal mehr Mut gemacht. „Da passt noch ein anderer auf mich auf. Jesus sieht mich.“ hat sie gesagt.
Und ich habe ihr gerne zugestimmt. Ja, Jesus sieht mich. Er sieht meine Mutter, die sich oft einsam fühlt, er sieht mich, der auch immer wieder Hilfe bei den kleineren und größeren Herausforderungen braucht, gerade auch mit den Eltern. Und Jesus sieht auch Sie und das, womit Sie sich herumplagen müssen. Jesus sieht es. Und er will auch Ihnen helfen und Sie ermutigen. Er ist uns allen so nahe, nur ein Gebet entfernt.
Jesus hat gesagt (Matthäus 11,28): Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Jesus ruft nicht in erster Linie die besonders Starken und Erfolgreichen zu sich, die ihren Alltag scheinbar locker meistern. Er spricht die an, denen nicht alles so leicht von der Hand geht, die jeden Tag neu auch mit Hindernissen und Schwierigkeiten, vielleicht sogar mit Schmerzen, schweren Gedanken oder Einsamkeit zu kämpfen haben. Wie meine Mutter.
Im Alter wird man automatisch einsamer. Viele der alten Freunde sind nicht mehr da, andere können nicht mehr so einfach einen Besuch machen oder telefonieren. Auch der bisherige Alltag, in dem man sich so gut ausgekannt hat, verschwindet mehr und mehr. Weil sich das Umfeld rasant ändert. Die Nachbarn, die Läden, die technischen Geräte und vieles mehr.
Ein Freund von mir hat es so ausgedrückt: „Du blickst einfach plötzlich nicht mehr ganz durch. Du findest keine Erklärung. Du verstehst auch deine eigenen Gefühle nicht mehr. Die bisherigen Lösungen gehen nicht mehr. Du fühlst dich ohnmächtig und klein, weißt nicht mehr, was du tun sollst.“
Dieser Freund sagt: Genau das ist gut so: Denn jetzt öffne sich der Raum für Neues und plötzlich werden wieder Überraschungen möglich.
Vielleicht auch ein neuer Blick auf das, was Gott bewirkt. In meiner kleinen Welt und mitten in meinen Alltag hinein. Du siehst plötzlich vieles anders. Du spürst, dass es jetzt etwas anderes braucht. Eventuell sogar einen tiefgreifenden Wandel im eigenen Leben. Und es entsteht etwas Neues.
Oder anders ausgedrückt: Erst wenn ich nicht mehr wie gewohnt das Meiste selbst lösen kann, mich sogar manchmal hilflos und ausgeliefert erlebe, sehe ich die kleinen Wunder, die jeden Tag geschehen.
Ich weiß, dass das nicht jeder gut findet und zustimmen kann. Dass es vielleicht sogar zynisch klingt. Aber ich erlebe, dass solche Erlebnisse von Ohnmacht viele Menschen tatsächlich öffnen, ihnen eine neue Orientierung und ganz andere Glaubenserfahrungen ermöglichen.
Jesus sagt dazu: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Ich muss nicht mehr der Starke sein, kann nach einer anderen Hand greifen. Ich darf loslassen, mir helfen lassen. Ich freue mich darüber, dass Gott mir einen anderen Blick auf das Leben ermöglicht. Mich führt, mir hilft.
Und Ihnen wünsche ich viele kleine Wunder, die Gottes Nähe deutlich und Mut machen, und heute einen gesegneten Sonntag.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42607Was macht einen Gastgeber zum perfekten Gastgeber? Die SWR-Reihe Lecker aufs Land spürt dem ein klein wenig nach. Sechs Frauen, laden sich darin jeweils gegenseitig nach Hause ein. Kredenzen den anderen ein mehrgängiges Menü, das sie sich ausgedacht, selbst zubereitet und schön angerichtet haben. Jede möchte für die fünf anderen eine möglichst gute Gastgeberin sein. Möchte, dass die anderen sich bei ihr wohlfühlen. Schwer vorstellbar also, dass eine von ihnen sich nur hinsetzt und plaudert, während Ehemann oder Schwester in der Küche rotieren. Genauso schwer vorstellbar aber auch, dass sie den ganzen Abend nur in der Küche stehen und die Gäste sich selbst überlassen. Es braucht die Balance aus beidem. Ein guter Gastgeber oder eine gute Gastgeberin zu sein, das kann schon anstrengend sein, aber auch wunderschön.
Was eine gute Gastgeberin ausmacht, darum geht es vordergründig auch in einer biblischen Geschichte, die heute Morgen in den katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Da ist Jesus zu Gast bei zwei Schwestern. Maria und Marta. Die drei kennen sich und natürlich wollen die beiden Frauen ihm gute Gastgeberinnen sein. Während Marta sich in der Küche abrackert und alles unternimmt, um ihren Gast perfekt zu bewirten, setzt sich Maria zu ihm und hört seinen Geschichten zu. Irgendwann wird es Marta zu bunt. Sie beklagt sich bei Jesus über ihre Schwester, die sie die ganze Arbeit allein machen lässt. Er möge ihr doch bitte mal klarmachen, dass sie in der Küche mithelfen soll. Seine Antwort wirkt wie ein Schlag ins Gesicht: „Du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eins ist nötig. Deine Schwester Maria hat den guten Teil gewählt.“ In meiner Phantasie habe ich mir oft vorgestellt, wie die fleißige Marta nun verletzt und wütend alles hinschmeißt und geht. Bloß, davon erzählt die Bibel nichts. Die Antwort Jesu steht wie der sprichwörtliche Elefant im Raum. Sie irritiert bis heute.
Was hat man Jahrhunderte lang nicht alles aus dieser Geschichte herausgelesen. Dass das Geistliche für einen Christen oder eine Christin das Entscheidende sei. Viel wertvoller jedenfalls als tatkräftiges Anpacken. Dass Bibelstudium und Gebet eben wichtiger seien als körperliche Arbeit und Plackerei.
Sogar in manchen Klöstern hat man früher Unterschiede gemacht. Zwischen Mönchen, die Geistliche waren und damit vermeintlich etwas Besseres. Und jenen Brüdern, die mit ihrer täglichen Arbeit in Küche, Garten oder Werkstatt das Kloster am Laufen hielten. Aber, steckt es nicht drin in diesen Sätzen, die Jesus der fleißigen Marta da entgegenhält?
Maria und Marta. Zwei Frauen in der Bibel. Zwei, die sich mühen gute Gastgeberinnen zu sein. Für Jesus, der bei ihnen zu Gast ist. Jede auf ihre Weise. Aber sind es auch zwei Lebensentwürfe zwischen einem vergeistigten Leben und einem, das von harter körperlicher Arbeit geprägt ist?
Manche Episode kann ich oft im Nachhinein besser verstehen, wenn ich die ganze Geschichte kenne. Zum Beispiel bei der Bekannten, die ich in der Stadt treffe und mich wundere, warum sie mir so schroff und schlecht gelaunt vorkommt. Erst später erfahre ich von ihren familiären Problemen, die sie gerade belasten. Oder bei dem Kollegen, der seit kurzem ernster und verschlossener ist als sonst. Anders jedenfalls, als ich ihn kenne. Erst als ich erfahre, dass sein Vater gestorben ist, ahne ich, was mit ihm los ist. Und so ist es auch mit manchen Geschichten in der Bibel. Ich verstehe sie manchmal besser vom Ende her. Wenn ich weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist. Etwa wenn ich mir klar mache, dass Jesus ja schon mit Anfang Dreißig gewaltsam ums Leben gekommen ist. Dass die Zeit also sehr begrenzt war, die er mit seinen Begleitern hier auf Erden verbringen konnte. Zeit, in der er das weitergeben konnte, was ihm so wichtig war. In Begegnungen, im Austausch, in der Nähe zu Menschen. Betrachte ich die Geschichte aus dieser Perspektive, dann hat Maria, die ihm aufmerksam zuhört, die begrenzte Zeit mit ihm tatsächlich besser genutzt. Der Verfasser des Evangeliums wusste das. Und womöglich war es etwas, das er uns mit der Geschichte sagen wollte.
Einer meiner Professoren an der Universität hat oft vom „Horizont befristeter Zeit“ gesprochen, vor dem wir alle leben. Ob wir nun an Gott glauben oder nicht. Das gilt für die Erde als Ganze, aber besonders für jedes einzelne Leben. Wenn mir klar wird, dass meine Zeit begrenzt ist, dann macht sie das wertvoll. Dann muss ich überlegen, wie und mit wem ich Zeit verbringe.
Die alten griechischen Philosophen kannten den Begriff des „Kairos“. Des richtigen Zeitpunkts, den man ergreifen sollte, wenn man ihm begegnet. Vielleicht kommt er so schnell nicht wieder. Im ungünstigsten Fall sogar nie mehr. Manchmal kann er darin bestehen, ein wunderbares Essen zu zaubern, mit dem ich andere und mich selbst glücklich mache. Ein anderes Mal aber auch, die Arbeit stehen und liegen zu lassen und mich ganz diesem einen Menschen zu widmen, der jetzt da ist. Denn wer weiß, wann wir uns wiedersehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42586Danke fürs Zuhören! Das hat jetzt richtig gutgetan!
Das habe ich gehört, als ich beim letzten Einkauf eine Bekannte auf dem Parkplatz getroffen habe. Ich war in Eile, wollte schnell die Tiefkühlsachen verstauen. – Und dann hatten wir doch ein Gespräch. Am Ende hat sie sich für die kurze Unterhaltung bedankt. Und ich war sehr froh, dass ich mir die Zeit genommen habe.
Das war nur eine Kleinigkeit, aber mit großer Auswirkung. Und umgekehrt habe ich es auch schon erlebt: Jemand hat mir was Kleines geschenkt und das ist mir inzwischen richtig lieb und wichtig geworden!
Auch Jesus erzählt in der Bibel von etwas Kleinem, das zu etwas Großem wird. Ein winziges Senfkorn wächst zu einem Baum heran. Jesus nutzt dieses Bild, um zu zeigen, wie Gottes Reich funktioniert. Er erzählt, dass ein Mann auf einem Feld ein Senfkorn sät. Das Senfkorn ist das kleinste aller Samenkörner. Doch wenn daraus der Baum wächst, bietet er den Tieren Schutz und Heimat.
Wie es damals üblich, nutzt Jesus Beispiele aus dem alltäglichen Leben der Menschen. Hier ist es die Landwirtschaft und der Ackerbau. Und dabei spricht Jesus vom Himmelreich, also von Gottes Reich. Das ist nicht unbedingt der Himmel „irgendwo“ ganz weit oben. Nein, es ist der Bereich in dem Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, regiert.
Mit dem Senfkorn als Beispiel erzählt Jesus, wie Gott handelt. – Nämlich ganz anders, als wir es oft erwarten. Gott tritt nicht unbedingt laut und gewaltig auf. Oft erlebe ich ihn im Alltag als unscheinbar und leicht übersehbar. Wenn ich mit ehrlichem Interesse gefragt werde: „Wie geht es dir wirklich?“ Und ich dann ehrlich antworten darf. Da entsteht Vertrauen und ich erfahre Gott im echten Interesse und in der Nähe. Wenn jemand mir die Türe aufhält oder ein Fremder mich anlächelt: Da begegnet Gott mir in kleinen Gesten, die Großes bewirken. Wenn ich ein einfaches leises Gebet spreche und plötzlich Frieden spüre: Da begegnet Gott mir in der Stille.
Jesus erzählt, dass Gott oft im Verborgenen handelt. Und das Gottes Reich klein beginnt – so klein, dass es leicht übersehen werden kann. Doch es wächst. Ebenso wie aus einem kleinen Samen einmal ein großer Baum wird.
Gottes Reich beginnt bereits hier auf der Erde. Überall dort, wo Menschen miteinander unterwegs sind und sich liebevoll begegnen, da ist Gottes Reich. Wo sich Freunde gegenseitig in Sorgen und Ängsten unterstützen. Wo Menschen sich schon im Kleinen für den Frieden einsetzen, weil sie sich gegenseitig vergeben – da ist Gottes Reich.
In diesen scheinbaren Kleinigkeiten ist Gott selbst zu finden, in diesen Momenten wächst sein Himmelreich.
Und auch für Jesus sind gerade die Unscheinbaren wichtig. Jesus hat immer die Menschen gesehen, die von allen anderen übersehen wurden: Eine Ausländerin, die zur größten Mittagshitze allein am Brunnen nach Wasser sucht. Jesus setzt sich zu ihr, um mit ihr zu reden. Ein Mann und Betrüger, der von allen anderen verachtet wird. Zachäus ist wortwörtlich viel zu klein, dass man ihn wahrnehmen und sehen kann. Deshalb steigt er auf einen Baum und Jesus lädt sich prompt zu ihm nach Hause ein. Es ist ihm egal, dass er bei einem Schwindler und Halsabschneider zum Mittagessen ist. Jesus sieht einfach sein festgefahrenes Leben und er möchte ihm helfen.
Jesus war immer ganz nahe an denen dran, mit denen sonst niemand etwas zu tun haben wollte. Er hat sich bewusst mit den Leuten umgeben, von denen er wusste, dass es Gerede mit sich bringt. In diesen Momenten im Leben von Jesus zeigt sich die Bedeutung des Kleinen.
Jesus hat auch große Wunder getan, die Menschen erschreckt, überrascht oder riesig gefreut haben. Doch ebenso hat der das Leben von Einzelnen durch kleine Momente komplett auf den Kopf gestellt. Er hat sich konsequent denen zugewandt, die von der übrigen Gesellschaft ausgestoßen waren. Jesus hat den Menschen seine besondere Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt, die von allen anderen schlecht behandelt wurden.
Gottes „Senfkornprinzip“ zeigt mir, dass das Kleine eine große Kraft hat! Und das macht mir an schwachen Tagen Mut und an starken Tagen beflügelt es mich.
Ich erlebe ganz oft Phasen, wo ich mich klein, unbedeutend und nutzlos fühle. Dann denke ich an Gottes „Senfkornprinzip“. Das erinnert mich, dass er das Kleine und wenig Gesehene sehr gut gebrauchen kann. Denn in Gottes Reich entsteht aus etwas Winzigem was ganz Großes.“ Die Kategorien „unwichtig“ oder „unbegabt“ gibt es bei ihm nicht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42515Ein Hund wird von zwei anderen Hunden totgebissen. Ein kleiner Hund von zwei großen. Sie sind ihm in jeder Hinsicht überlegen. Es dauert nur ein paar Augenblicke, er hat keine Chance. Der kleine Hund gehört einem Mann, den ich ganz gut kenne und der mir davon erzählt. Er ist sehr traurig, immer noch ein Stück weit fassungslos. Denn er war dabei, musste das mit ansehen und konnte dann nur noch feststellen, dass sein Kleiner tot ist. Furchtbar! Ich habe selbst Hunde und kann mich deshalb einigermaßen in ihn einfühlen. Obwohl: vorstellen will ich mir das lieber nicht.
Was ist da passiert? Und weshalb? Einen Grund scheint es nicht gegeben zu haben, dass da plötzlich so eine Aggression entsteht. Und überhaupt: Totbeißen? Ich weiß schon, dass Hunde auch mal härter zur Sache gehen. Mein Kuno ließ sich die Butter nicht vom Brot nehmen, wenn ein anderer ihn angeknurrt hat. Aber ich war immer dabei und konnte verhindern, dass je Schlimmeres passiert wäre. Was schließlich meine Aufgabe als Hundehalter ist. Und was offenbar bei meinem Bekannten nicht der Fall war.
Für mich stellt sich die Frage aber noch grundsätzlicher: Was passiert denn da überhaupt, wenn ein Geschöpf auf ein anderes losgeht? Weshalb ist das so? Im weitesten Sinn hat das wohl etwas mit dem Überlebenstrieb zu tun, der zu unserer Welt gehört. Und offenbar gehört es so auch zu Gottes Plan mit der Welt, die er geschaffen hat. Wenn’s drum geht, Nahrung zu beschaffen, und die knapp ist, überlebt der Stärkere. Fortpflanzen darf sich das Alpha-Männchen mit dem Alpha-Weibchen. Die anderen haben erstmal das Nachsehen.
So weit, so klar. Aber jetzt kommt’s: Warum ist es bei uns Menschen oft genauso? Obwohl wir doch einen Verstand haben und nicht nur von unseren Trieben gesteuert werden; einen Verstand, der uns hilft, Gut und Böse zu unterscheiden. Obwohl unser Gewissen sich regt, wenn wir sehen, dass einem anderen Leid zugefügt wird. Obwohl Christen und andere wissen, dass es falsch, ja verboten ist, zuerst und nur an sich selbst zu denken. Geschweige denn zu töten.
Der Mensch ist ein Vernunft-Wesen. Aber wie weit es damit her ist, das sehen wir, wenn wir in die Ukraine schauen, wo ein Großer – Russland – einen Kleinen totzubeißen versucht. Wenn ich sehe, wo überall Menschen Gewalt angetan wird; wenn eine Regierung auf die eigenen Leute losgeht; oder wenn ich daran denke, wie wenig es uns kümmert, dass wir das Klima der Erde blind zerstören, … dann muss ich mich schon fragen, ob wir den Verstand verloren haben.
Das zu erkennen, ist bitter und es tut mir weh. Aber es nicht alles. Der Mensch ist mehr, er kann anders.
Es ist erschreckend, wie wenig sich der Mensch manchmal vom Tier unterscheidet. Manchmal frage ich mich sogar, ob Tiere alles in allem nicht freundlicher und friedlicher miteinander umgehen als wir. Aber dann gibt es da eben auch anderes. Gottlob!
Als mein Bekannter mir von der tödlichen Beißattacke gegen seinen Hund erzählt, bleibt er nicht dabeistehen. Er erzählt mir auch davon, wie freundlich die Menschen waren, mit denen er dann in diesem Zusammenhang zu tun hatte. Eine Passantin bietet ihm sofort Hilfe an und zeigt großes Mitgefühl. Die Tierärztin, die den Tod feststellt, gibt seiner Frau und ihm im Anschluss ein eigenes Zimmer, damit sie in Ruhe weinen und Abschied nehmen können. Und sie stellt den Kontakt zum Tierkrematorium her, weil das Ganze auf einer Auslandsreise passiert ist, und sie die sterblichen Überreste ja nur so mit nach Hause nehmen können. Es ist nicht zu überhören, wie gut das alles tut, gerade in so einer Situation. Wie sehr es tröstet, wenn Menschen das tun, was wir normalerweise mit dem Attribut „menschlich“ verbinden: auf andere achtzugeben, sie zu unterstützen, sich zu sorgen, zu helfen.
Es mag schon sein, dass in manchen Menschen vom guten Kern, der in ihnen angelegt ist, nicht mehr viel übrigbleibt. Und trotzdem gibt es sogar im schlimmsten Unglück fast immer auch Gutes. Es ist mir wichtig, das herauszustellen. Gerade in Zeiten, die wir als schwierig erleben. Es ist mir auch deshalb wichtig, weil das ein Charakterzug ist, der von Jesus in den Evangelien überliefert ist. Ich fasse es schlicht so zusammen: Jesus glaubt an das Gute im Menschen. Daran hält er sogar fest, als er zwischen zwei Verbrechern am Kreuz hängt. Er sieht die Chance, dass sogar daraus noch etwas Gutes werden kann. Wenn der Mensch will, dann kann er.
Es scheint mir wichtiger denn je zu sein, das Gute nicht zu übersehen und dem, was böse, gar tödlich ist, das Positive entgegenzuhalten. Ich weiß von etlichen Freunden, dass sie keine Nachrichten mehr anschauen und in der Zeitung die schlimmen Meldungen überblättern. Ich halte es gerade noch aus. Aber für meine Seelenhygiene ist dann auch wichtig, dass ich mir Bilder von dem einpräge, was ich an Gutem erlebe. Daran halte ich mich fest, um nicht niedergeschlagen oder gar verzweifelt zu sein. Ich trage das Bild in mir, wie sehr mein Hund sich freut, wenn ich heimkomme. Das Bild von der Tochter, die sich geduldig um ihre Mutter kümmert, weil sie nicht mehr alles versteht. Das Bild von dem Straßenbahnfahrer (aus Karlsruhe), der sofort anhält und hilft, als er sieht, wie ein Auto neben den Gleisen in den Graben fährt.
Ich glaube auch an das Gute im Menschen. Und ich weiß, dass ich wach bleiben muss, um es nicht zu übersehen.
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