« Zeige Beiträge 41 bis 50 von 6092 »
Na, wie geht‘s? Gut, und selbst? Auch gut. Es ist schon fast so etwas wie eine Grußformel, so oft kann man diesen kleinen Wortwechsel hören. Den ganzen Tag.
Schön, wenn‘s mir wirklich gut geht. Und wenn nicht, dann sag ich trotzdem schnell ‚danke, gut‘ und kleb damit quasi ein kleines Pflaster auf all die Kratzer, die zeigen würden, wo‘s mir gerade nicht so gut geht. Geht ja keinen was an. Das haben wir mitbekommen, sozusagen als genetisches Überlebensprogramm. Bloß keine Schwäche zeigen, und schon gar keine Wunden. Sonst kann ich nicht mithalten, mit dem, was von mir erwartet wird. Und so zeige ich Stärke, manchmal auch da, wo ich sie gar nicht wirklich habe.
„Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Das hat der Philosoph Adorno gesagt. Schwach sein dürfen und doch geliebt, akzeptiert, respektiert – ohne Angst haben zu müssen, überhebliche Schadenfreude auf mich zu ziehen. Wie schön wäre das doch!
Vor ein paar Jahren habe ich mal erlebt, wie so was gehen kann. Es war auf dem Katholikentag in Stuttgart, in einer eher kleinen Veranstaltung. Da waren nicht nur Katholiken angesprochen, sondern Männer und Frauen aus ganz verschiedenen Kirchen und christlichen Gemeinschaften. Das Thema dieses ökumenischen Gesprächs hieß: Einander die eigenen Schätze zeigen – und die eigenen Wunden. Es war das erste Mal, dass ich so etwas erlebt habe: Katholiken, Protestanten, Orthodoxe, neuapostolische Christen……, alle haben einander zugehört und dabei erfahren, was in anderen Kirchen gut läuft (vielleicht besser als in der eigenen) – und ebenso, worunter die Brüder und Schwestern dort auch leiden. Nicht besserwisserisch, nicht schadenfroh, nicht überheblich. Und der Tenor war: Wie berührend das ist – und wie befreiend: nicht so tun zu müssen, wie wenn alles bestens wäre, sondern auch das zu zeigen, was weh tut, was nicht oder nur schwer gelingt.
Das war eine richtige Sternstunde, des Zuhörens, des Mitfühlens, des gegenseitigen Respekts. Wie schön wäre das doch, wenn wir solche Erfahrungen auch öfter mal in gesellschaftlichen Debatten machen könnten: Schwäche zeigen dürfen, „ohne Stärke zu provozieren.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44658Wenn man mit anderen wandern geht, dann gibt es in der Gruppe immer welche, die ein Fernglas mitnehmen. Das sind oft die, die auch als erste auf dem Gipfel stehen oder auf dem Aussichtsturm und die Umgebung erkunden. Und dann gibt‘s manchmal auch die anderen, die eine Lupe im Rucksack haben. Das sind die, auf die die auf dem Turm meistens warten müssen, weil sie sich unterwegs mit Käfern oder winzigen Blüten beschäftigen. Zu denen gehöre auch ich, ich bin auch fasziniert von allem Kleinen. Von dem, was so winzig ist, dass man‘s mit bloßem Auge kaum sieht. Wenn ich eine Raupe über die Straße kriechen sehe, oder eine Fruchtfliege mit ihren winzigen Beinchen über den Tisch krabbeln, dann denk ich: So klein, so winzig, und doch: alles dran.
Deshalb finde ich es auch so genial, dass kluge Forscher im 17. Jahrhundert nicht nur das Fernrohr erfunden haben, sondern auch: das Mikroskop. Um auch das ganz Kleine sichtbar zu machen. Ohne das Mikroskop blieben uns sage und schreibe 90 Prozent der Lebewesen auf der Erde verborgen.
Als ich das gelesen habe, dachte ich: Da bin ich ja in bester Gesellschaft mit meiner Vorliebe fürs Kleine. Der Schöpfer selbst scheint seine Freude daran zu haben. Wie schön, dass er seine Kraft nicht nur in astronomische Weiten legt, in imposante Berge oder tonnenschwere Tiergiganten. Sondern auch in Ameisen, in primitive Einzeller, in Nanostrukturen, die wir eben erst anfangen zu erforschen.
Das bringt mich auf einen kühnen Gedanken: Wenn Gott in seiner Schöpfung das Kleine so wichtig ist, dann ist ihm vielleicht auch sonst nichts zu klein, zu unbedeutend, zu banal. „Nachher brauche ich einen Parkplatz, Gott, du weißt, ich kann nicht rückwärts einparken....“ Kann, darf, soll ich Gott mit so was kommen? Oder fühlt er sich vielleicht gar nicht belästigt, sondern liebt auch hier das Kleine, Unbedeutende, Banale? Ich weiß es nicht, aber ich merke, ich werde immer unbefangener, auch meinen Alltag Gott anzuvertrauen, ihm quasi wie ein Kind alles ins Ohr zu flüstern.
Und oft erlebe ich dann, dass sich Situationen entspannen, weil ich gelassener werde. Und Probleme, die mir Angst gemacht haben, lassen sich leichter lösen. Und dann, dann lobe ich Gott – für seine Größe. Für die Größe, dass ihm nichts zu klein ist.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44657Demnächst feiere ich mit meiner Gemeinde wieder einen Gottesdienst in Form eines Waldspaziergangs. Wir gehen gemeinsam ein Stück, bleiben stehen, hören einen Psalm, meditieren einen Bibelvers, tauschen uns aus und lassen die Natur auf uns wirken.
Bei einem der letzten Waldspaziergänge haben wir die Baumwurzeln in den Blick genommen. Manche weit verzweigt und stabil. Andere trocken und freiliegend.
Was sofort ins Auge fällt: die Wurzeln verankert den Baum. Sie geben Stabilität und versorgen ihn mit Nährstoffen. Je nährstoffreicher der Boden, desto kräftiger kann der Baum wachsen. Auch wenn die Baumkronen zuerst in den Blick fallen, mich faszinieren die Wurzeln.
Über Wurzeln schreibt auch Paulus im Brief an die Epheser. Er wünscht ihnen, dass sie „in der Liebe verwurzelt und fest auf ihr gegründet“ sind. So wie ein Baum Nährstoffe aus dem Boden zieht, um leben und wachsen zu können, so brauchen auch wir Menschen Nahrung für die Seele.Und im Wald stehend haben wir über die Fragen nachgedacht:
Worin sind wir verwurzelt? Auf welchem Boden stehen wir? Was nährt uns?
Leistungsdruck, Erwartungen, Erfolg, Zustimmung anderer? Nachrichten, Social Media, ständige Vergleiche?
Paulus empfiehlt etwas anderes: verwurzelt sein in Liebe. In Jesu Liebe. Ein Baum zieht seine Kraft aus dem Boden, in dem er verwurzelt ist. Davon lebt er. Vielleicht gilt das auch für uns Menschen.
Was ich täglich aufnehme, prägt wie ich denke und was ich fühle. Angst. Druck. Erwartungen. Oder eben Liebe. Paulus schreibt: „Seid in der Liebe verwurzelt.“
Denn woraus ich meine Kraft ziehe, das formt mein Leben. Und vielleicht lohnt es sich deshalb heute einmal innezuhalten und mich zu fragen: Was nährt mich eigentlich? Worin habe ich meine Wurzeln gegraben?
Beim nächsten Waldspaziergang werde ich vermutlich wieder auf die Baumwurzeln achten. Auf das Unsichtbare, das den Baum trägt und wachsen lässt. Und vielleicht ist das eine gute Erinnerung auch für mich: Darauf zu achten, womit ich meine Seele nähre. Denn das, worin ich verwurzelt bin, prägt mein Leben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44630Ich sitze in der Achterbahn. Die Bügel sind verschlossen, die Musik spannungsgeladen, die Lichter blinken. Das Adrenalin schießt durch meinen Körper. Die Sekunden dehnen sich aus. Gleich geht’s los.
Und dann: Start. Von Null auf Hundert in Zweieinhalb Sekunden, hinein in Loopings, Drehungen und Schrauben. Für Zwei Minuten Zwanzig bin ich geflutet mit Euphorie. Alles andere rückt in den Hintergrund und ich genieße die Fahrt.
Die Fahrt endet leider immer viel zu schnell. Doch egal, ob ich davor gestresst war oder was mich sonst so beschäftigt hat: in diesen Momenten nach der Achterbahnfahrt bin ich glücklich. Ich lächle ganz von selbst. Fühle mich wie berauscht.Diese Zwei Minuten Zwanzig Adrenalinrausch, diese kurze und intensive Zeit, die haben was mit mir gemacht. Ich gehe nicht so raus, wie ich reingegangen bin. Diese Zwei Minuten Zwanzig hinterlassen Spuren.
Gott zu begegnen ist für mich manchmal wie eine Achterbahnfahrt. Von 0 auf 100 habe ich das Gefühl: Gott ist da. Gottes Gegenwart ist genauso wenig kontrollierbar, wie es eine Achterbahnfahrt ist. Aber intensiv.
Für diese ausgedehnten Minuten und Sekunden, in denen ich so intensiv Gott spüre, tritt Anderes zurück. Gedanken verstummen. Sorgen werden leise. Solche Momente lassen sich schwer festhalten. Sie dauern oft nicht lange. Manchmal ist es ein Lied oder ein Satz, der mich mitten ins Herz trifft.
Vielleicht sind Gottesbegegnungen oft genau so: kurz, intensiv und kaum in Worte zu fassen. Und doch reicht so eine kurze Erfahrung, um etwas in mir zu verändern. Ich gehe nie so raus, wie ich reingegangen bin. Ich habe mehr Hoffnung. Mehr Vertrauen. Und das bleibende Gefühl, dass Gott mit mir geht.
Und manchmal bleibt nach einer Gottesbegegnung ein Lächeln in meinem Gesicht. So, wie ich nach dem Achterbahnfahren gar nicht anders kann, als zu lächeln.
Die Achterbahnfahrt dauert nur Zwei Minuten Zwanzig, das Gefühl danach bleibt länger. Vielleicht ist das bei Gottesbegegnungen ähnlich. Sie lassen sich nicht festhalten, nicht planen und auch nicht erzwingen. Aber manchmal berühren sie mich für einen Augenblick so tief, dass etwas davon bleibt. Hoffnung, Vertrauen. Oder einfach das Gefühl: Gott ist bei mir.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44629Kennen Sie solche Orte? Man kommt durch die Tür und irgendwas ist anders. Der Alltagslärm wird leiser und die Gedanken sortieren sich neu. So einen „anderen Raum“ zu gestalten, das war die Idee, als meine Gemeinde vor dreizehn Jahren ihr neues Kirchengebäude baute.
Räume für Besinnung und Spiritualität sollte es haben, ebenso Räume für Begegnung. Soweit so normal. Doch was das Haus wirklich zu etwas Besonderem und Andersartigen macht, das sind die Lehmwände. Denn meine Kirche ist aus Lehm gestampft.
Es ist ein ungewöhnlicher Raum: Schicht um Schicht türmen sich die Lehmschichten sieben Meter zwanzig in die Höhe, bis sie auf die Oberlichter des Dachs treffen.
Je nach Tages- und Jahreszeit fällt das Licht anders auf die Wände und lässt sie ganz unterschiedlich wirken. Mal gräulich und schroff. Mal erdig und warm.
Viele Menschen meiner Gemeinde haben an ihrer Kirche mitgebaut. Sie haben Lehm gestampft, geschleppt, geschraubt und geplant.
Die Wände erzählen von den vielen unterschiedlichen Hände, die sie geformt haben. Kein Teil dieser Wand sieht exakt aus wie ein anderer. Die Lehmwand ist individuell und vielfältig.Und trotzdem ist etwas Gemeinsames entstanden. Ein Raum, in dem wir uns Sonntag um Sonntag versammeln, um Gottesdienst zu feiern.
Wenn ich dort sitze, denke ich manchmal, dass diese Wände auch etwas über Gemeinschaft erzählen.
Kein Teil der Lehmwand gleicht exakt dem anderen. Jede Schicht hat ihre eigene Farbe und ihre eigene Struktur. Manche Stellen sind glatt, andere rau. Hier und da sind kleine Steine sichtbar. An anderes Stellen ist etwas Lehm herausgerieselt. Und gerade das macht ihren Reiz aus.
Vielleicht ist es das, was Gemeinschaften wie eine Gemeinde ausmacht. Menschen sind unterschiedlich. Sie bringen verschiedene Begabungen, Erfahrungen und Sichtweisen mit. Nicht alles ist gleichmäßig und perfekt.
Und doch entsteht etwas Gemeinsames. Ein Raum des Glaubens. Ein Ort, an dem Menschen miteinander Gott suchen, beten, feiern und einander tragen.
Die Lehmwand erinnert mich daran, dass Gemeinschaft nicht dort entsteht, wo alle gleich sind. Sondern dort, wo unterschiedliche Menschen sich zusammenfügen lassen – so wie die vielen Schichten unserer Wand.
Viele Menschen haben unser Kirchengebäude gebaut und bilden in ihrer Unterschiedlichkeit eine Gemeinschaft. Und manchmal entsteht gerade aus dem, was verschieden ist, etwas, das trägt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44628Eigentlich war die Woche komplett durchgeplant. Der Kalender war voller Termine und die Liste der Aufgaben war lang. Ich dachte: Volle Woche, aber wird schon irgendwie werden. Und dann kam die Vollbremsung.
Ein Anruf mit einer Nachricht, die mich vollkommen erschüttert hat. Alles, was ich kurz vorher für diese Woche noch im Kopf hatte, schob sich in den Hintergrund. Und schnell wurde mir klar: So professionell ich sein möchte und so sehr ich meinen ursprünglichen Wochenplan weiterverfolgen will – es geht gerade nicht. Ich brauche Zeit.
Es gibt solche Momente. Eigentlich müsste noch so viel erledigt werden. Fristen laufen und Menschen verlassen sich auf mich. Und trotzdem gibt es Ausnahmesituationen, in denen ich nicht mehr einfach das durchziehen kann, was ursprünglich geplant war.
Natürlich kann ich vieles aushalten. Ich kann sonntags auf der Kanzel stehen, obwohl ich eine miese Woche hatte und schlecht geschlafen habe. Ich kann den Sorgen anderer zuhören, obwohl mich eigene Sorgen beschäftigen. Ich weiß, dass ich auch unter Belastung funktioniere. Das ist eine wichtige Fähigkeit. Aber sie hat Grenzen.
Lange Zeit fiel es mir schwer diese Grenze wahrzunehmen und für mich zu sorgen. Wer belastbar ist, zieht eben durch. Wer stark ist, macht weiter. Inzwischen versuche ich das anders zu leben. Ich bin ein Mensch. Und Menschen haben Grenzen. Es tut gut, sie wahrzunehmen und ernst zu nehmen. Und zwar rechtzeitig. Bevor ich nicht mehr kann.
Der Apostel Paulus ist mir da ein Vorbild. Er hat selbst erlebt, dass seine Kräfte begrenzt sind. Und er hört von Gott einen Satz: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9)
Gottes Kraft zeigt sich nicht erst dann, wenn ich alles im Griff habe. Sie zeigt sich oft gerade dort, wo ich merke, dass ich jenseits meiner Grenzen bin. Das therapiert meinen Gedanken, immer stark sein zu müssen und alles alleine schaffen zu müssen.
Ich wünsche mir und allen, die Vollbremsungen erleben den Mut, Grenzen ernst zu nehmen. Und das Vertrauen, dass Gottes Kraft nicht nur dort wirkt, wo ich stark bin. Sondern manchmal gerade da, wo ich es nicht bin.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44627Ich staune immer wieder über Jesus. Diese Hoffnung möchte ich haben! Hoffnung für die Welt, Hoffnung für alle Menschen und jeden einzelnen Menschen. Er gibt uns einfach nicht auf!
Jesus ist als Sohn Gottes mit der Hoffnung in die Welt gekommen, die Menschen zu verändern. Weil er wusste: Das könnte was werden! Das traut er uns Menschen zu, dass wir mit Gott, also gut leben können. Er hat sein Leben gegeben, damit das möglich ist.
Ich will mir da gern eine Scheibe abschneiden. Ich bin manchmal am Rand der Resignation. Erbstreitigkeiten machen ganze Familien kaputt, weil keiner nachgeben kann. Am Arbeitsplatz wird boshaft gelästert, bis die Angegriffenen weggemobbt sind. Und gleichzeitig fühlen sich alle doch moralisch so überlegen… Und ich bin da nicht immer eine Ausnahme.
Und Jesus? Er traut uns Menschen zu, dass wir uns verändern lassen. Auch heute noch. Er sagt: „Das könnte was werden!“ Was lässt ihn hoffen? Seine Liebe. Diese Liebe ist ausdauernd. Sie gibt nicht auf. Alles erträgt sie, in allen Umständen vertraut sie, alles hofft sie und alles hält sie aus (1.Korinther 13).
Was Jesus mit Hoffnung gefüllt hat, war seine Liebe. Wenn ich Menschen und die Welt aufgebe, wenn ich also keine Hoffnung habe: Könnte es sein, dass ich einfach mehr Liebe brauche?
Ist es so einfach? Wer liebt, kann hoffen. Doch es ist eigentlich sogar noch besser: Wer geliebt ist, kann hoffen. Ich glaube, genau das ist der Punkt. Weil Jesus, weil Gott mich liebt, traut er mir zu, dass ich selbst auch liebe, und, dass ich selbst auch Hoffnung habe. Ich komme in diesen Kreislauf der Liebe und der Hoffnung hinein. Weil ich geliebt bin! Gott hat bereits, so heißt es, durch seinen Lebensatem die Liebe in unsere Herzen ausgegossen (Römer 5,5).
Bin ich naiv? Vielleicht – ein bisschen. Aber was sonst soll unsere Hoffnung sein? Ich will nicht, dass alles so bleibt, wie es ist. Ich möchte gern mehr Mitmenschlichkeit, ich möchte gern mehr Verzichtbereitschaft bei denen, die etwas haben. Ich möchte gern mehr Lebensqualität bei denen, die leiden und hungern und gequält werden. Ich möchte gern weniger sinnloses Sterben und mehr sinnstiftendes Leben. Ist das naiv? Aber was sonst soll unsere Hoffnung sein?
Gott hat durch seinen Lebensatem die Liebe in unsere Herzen ausgegossen. Und die Liebe ist ausdauernd. Sie gibt nicht auf. Alles erträgt sie, in allen Umständen vertraut sie, alles hofft sie und alles hält sie aus. So könnte es was werden mit uns Menschen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44593„Kein Herz, das liebt, bleibt unversehrt.“ Der Satz des Liedermachers Martin Buchholz begleitet mich, seit ich ihn das erste Mal gehört habe. Man darf sich und anderen zwar „Liebe ohne Leiden“ wünschen, aber realistisch ist das nicht.
Kein Herz, das liebt, bleibt unversehrt. Liebe hat etwas Bittersüßes. Das gilt für jede Form von Liebe, die Liebe zu Eltern, Geschwistern, Kindern und Enkeln – oder die Liebe zum Partner und zur Partnerin. Das gilt auch in Freundschaften ohne sexuelle Anziehung. Kein Herz, das liebt, bleibt unversehrt.
Manchmal leidet man einfach mit: beim verlorenen Wettkampf eines Kindes, dem Männerschnupfen des Partners oder dem Scheitern einer Beziehung einer Freundin. Kein Herz, das liebt, bleibt unversehrt.
Manchmal leidet man auch aneinander. Die Frau zum Beispiel, die mir erzählt, dass sie während eines Urlaubs bei einem Juwelier eine so wunderschöne Kette im Schaufenster gesehen hat. Natürlich hat sie ihrem Mann das Stück gezeigt! Und als am Ende des Urlaubs tatsächlich die Urlaubskasse immer noch gut gefüllt war, hat sie „so in den Raum“ gesagt, er könne ja noch „etwas Schönes“ kaufen. Das hat er gern gemacht. Er hatte da schon etwas im Auge – und kam mit einem Auspuff für sein Auto zurück… Kein Herz, das liebt, bleibt unversehrt.
Man sorgt sich, man sorgt füreinander, man sorgt sich, dass man den anderen verliert. Weil Liebe auch bedeutet, dass der andere ein Teil von mir wird und ist. Es ist wie ein umgekehrter Phantomschmerz. Man fühlt den Verlust, bevor man ihn erlebt hat. Kein Herz, das liebt, bleibt unversehrt.
Und leider ist es wahr. Unsere Lieben verlassen uns. Irgendwann wird das wahr. Es gibt sie so selten, die Liebe ohne Leiden.
Ich bin so froh, dass ich weiß, dass mein Gott das kennt.
Er kennt das Mitleiden, er kennt die Enttäuschungen und er kennt auch den Trennungsschmerz. Sein Sohn starb am Kreuz! Was für ein Zeichen seiner Liebe, dass er auch das mit mir teilt.
Wenn ich denke: „Warum lässt er das zu?“, dann setzt er sich zu mir auf meine Klagebank und sagt: „Ich bin an deiner Seite!“
Martin Buchholz findet Worte:
Am Ende bleibt: ich hab geliebt. Ich weiß nicht, was es Bessres gibt. Kein Herz, das liebt, bleibt unversehrt. Tut manchmal weh. Das ist es wert.
Am Ende bleibt: Wir sind geliebt. Ich weiß nicht, was es Größres gibt. Gott schaut uns an. Ich hab‘s gesehn. Ich glaub daran und werd es nie verstehn.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44592Vor wenigen Wochen saß ich am Sterbebett eines Freundes und früheren Kollegen. Ich hatte ihn in der langen Zeit seines Leidens seelsorgerlich begleitet. Wenige Stunden nach meinem letzten Besuch ist er „heimgegangen“, wie wir als Gläubige gerne sagen. Angekommen dort, wo wir hergekommen sind: aus der Liebe Gottes. Daran möchte ich glauben, auch wenn ich immer wieder Gott bitten muss: „Hilf meinem Unglauben!“
Schwer atmend hatte mich mein Freund erkannt und wahrgenommen und stammelte einige Sätze, ehe er wieder völlig erschöpft in seinen unruhigen Schlaf versank. Vieles hat ihn offensichtlich in seinen letzten Stunden umgetrieben. Ständig bewegte er mit geschlossenen Augen seine Lippen, als hätte er noch so viel zu erläutern, zu erklären und richtig zu stellen. Mir schien, als ob da sein ganzes Leben wie in einem Film noch einmal an ihm vorüberzog. Immer wieder versuchte ich, ihm in wenigen Worten und Gesten in wachen Augenblicken Mut zuzufächeln und ihm zu spiegeln, wie glaubwürdig und überzeugend sein Leben war, und wie vielen Menschen er als Seelsorger beigestanden hat.
Die längste Zeit aber hielt ich einfach nur seine Hand und saß leise betend neben ihm, reflektierte ein wenig unsere lange Freundschaft. Und dachte auch an alle Widerwärtigkeiten und Konflikte, die wir gemeinsam aushalten mussten. Vor allem aber sah ich mich auch mit meinem eigenen Tod konfrontiert, dem ich immer noch so gerne ausweiche. Der aber kommt für uns alle: un-ausweichlich.
Mit dem „Vater unser“ und dem Krankensegen habe ich mich von meinem sterbenden Freund verabschiedet und bin eigentlich getröstet gegangen. Auf der langen Heimfahrt kam mir der Satz aus dem Römerbrief in den Sinn: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: Ob wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (14,8).
Das heißt: Ob im begrenzten „Diesseits“, in dem ich noch lebe oder im ewigen „Jenseits“, wohin mir mein Freund nun vorausgegangen ist – wir sind und bleiben hier wie dort dem Herrn verbunden.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44559Jeden Tag kommt Elisabeth auf den Friedhof Schönenberg. Sie besucht das Grab ihres Mannes. „Nun ist er erlöst", sagt sie, „er hat viel leiden müssen." Gedanklich nimmt sie ihre drei Kinder und die neun Enkel dorthin mit. Sie sind alle schon erwachsen. Und sie sind umhüllt von der Liebe ihrer Mutter und Großmutter.
Diese Liebe wuchs in der langen Ehe. Der berühmte Tübinger Philosoph Ernst Bloch redet „von der großen Schifffahrt, die Ehe sein kann und die" – so schreibt er – „mit dem Alter nicht aufhört, nicht einmal mit dem einseitigen Tod." 1)
Solche Liebe strömt weiter und hüllt alle Menschen ein, die Elisabeth in ihrem Herzen mit hierher nimmt.
Nachdem sie am Grab war, geht sie die wenigen Schritte zur Kirche. Dort ist ihre stille Einkehr immer auch eine Zeit, um ein Dankgebet zu sprechen und um Gott zu sagen, was sie bewegt, bedrängt, bedrückt: Großmuttergebete eben.
Ich hörte mal einen Vortrag eines Arztes, der sinngemäß sagte: Wir Ärzte wissen auch oft nicht, was wirklich heilt und hilft. Sind es unsere Maßnahmen, die Medikamente und verordneten Heilmittel oder – die Gebete der Großmutter?
Ich selbst habe immer wieder gesehen: Hinter solchen Gebeten steht ja ein gelebter Glaube, der geprägt ist von Liebe, Vertrauen und Hingabe. Da wo Hände gefaltet werden, wurden sie zuvor geöffnet: Haben fürs tägliche Wohl gesorgt, gekocht und gewaschen, Tränen und Nasen getrocknet und fürsorglich das getan, was guttut.
Elisabeth kann nicht mehr alles alleine bewältigen. (Keiner von uns kann das). Aber sie kann alles, was ansteht, mit Gott besprechen und sich und ihre Lieben IHM anvertrauen. Das gibt ihr Kraft und – es tut auch denen gut, für die gebetet wird.
----------------
1) Ernst Bloch: „Das Prinzip Hoffnung“, Erster Band, Frankfurt am Main 1973 (st W 3), S. 381 f
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44558


