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07SEP2025
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Am Sonntagmorgen hat sich ein Bettler direkt vor die Kirchentür gesetzt. Es ist kurz vor zehn, und er weiß, dass hier gleich jede Menge gut Gläubige vorbeikommen. Menschen, die daran glauben, dass Gottesliebe und Nächstenliebe zusammengehören wie die zwei Seiten einer Münze. Wie zur Erinnerung daran hat der Mann einen Plastikbecher mit ein paar Münzen neben sich auf die Stufen gestellt. Ich sehe die Leute, die zum Gottesdienst kommen und ihre unterschiedlichen Strategien, mit dem Überraschungsgast umgehen. Einer holt sein Portemonnaie heraus und schüttet einfach die Abteilung mit den Münzen in den Becher. Andere übersehen den Mann geflissentlich, drücken sich innerlich und äußerlich an ihm vorbei. Eine Frau spricht ihn an, lädt ihn ein, doch mit hineinzukommen und gerne auch anschließend zum Kirchkaffee noch zu bleiben. Ohne Erfolg. Dann wird die Tür geschlossen. Drinnen beginnt nun der Gottesdienst. Und da wird heute über einen biblischen Text aus der Apostelgeschichte gepredigt, in dem sich genau so eine Szene abspielt: Ein Bettler sitzt in Jerusalem vor der Tür zum Tempel. Er ist gelähmt und wird dort täglich hingebracht, um sich ein paar Münzen für seinen Lebensunterhalt zu erbetteln. Und die Leute, die an ihm vorbeimüssen, um in den Tempel zu kommen, verhalten sich genau wie ihre späteren Nachfahren; da hat sich in 2000 Jahren nicht viel verändert. Aber dann kommen Petrus und Johannes vorbei. Und Petrus sagt zu dem Bettler: „Silber und Gold habe ich nicht, was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und plötzlich spürt der Mann tatsächlich Kraft in seinen Beinen, rappelt sich auf und kann auf eigenen Füßen stehen, sogar hüpfen, tanzen und springen. Und in der Tat: Wer braucht da noch Silber und Gold, wenn er ein ganz neues Leben zugeworfen bekommt?  Es lohnt sich also, genau hinzusehen, was einer wirklich braucht und gut zu überlegen, was ich alles im Säckel habe. Petrus und Johannes haben es erfahren: Der Glaube an Jesus Christus ist eine große Schatzkiste, die ungeahnte Möglichkeiten birgt. Und vielleicht geht da am Ende noch viel mehr als gedacht.

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31AUG2025
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„Tu Gutes – und sprich darüber!“ So lautet eine Redewendung, die auch in kirchlichen Kreisen gern verwendet wird. Was ja so viel bedeutet wie: „Geh hausieren mit dem, was du kannst. Prahle ruhig ein bisschen, wenn Dir etwas gelungen ist, damit es die anderen auch mitkriegen. Du brauchst dich nicht zu verstecken.“ Ich verstehe schon, warum das so ist. Es gibt zu viel Schlimmes und Falsches auf unserer Welt. Die schlechten Nachrichten finden von allein ihren Weg in die Öffentlichkeit. Da ist es um so wichtiger, dass auch das Gute hinausposaunt wird.

Aber dann wundere ich mich auch, dass diese Einstellung so selbstverständlich dort ihren Platz hat, wo die Maßstäbe Jesu gelten sollen. Der sagt nämlich geradewegs das Gegenteil. Wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir her, wie es die Heuchler (…) tun, um von den Leuten gelobt zu werden! (…)  Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut[1]. So steht es in der Bergpredigt. Der Evangelist Matthäus hat dort das Wesentliche zusammengefasst, worauf es Jesus ankommt. Ich verstehe es als eine Anweisung, demütig zu sein. Wer zu stolz darauf ist, was er selbst erreicht oder geleistet hat, dem steigt das gern zu Kopf. Dann wird er nicht selten für die anderen ungenießbar. Weil er sich für etwas Besseres hält, weil er sich etwas einbildet auf seine Leistung, weil er beginnt, sich zu überschätzen und auf andere herabschaut. In der alten Liste der Todsünden steht der dazu gehörende Charakterfehler an erster Stelle: Hochmut, Eitelkeit, Stolz.

Insofern ist es schon bemerkenswert, dass gerade unter Christen das Sprichwort so auf den Kopf gestellt wird. Es hieß ja bei Jesus so: „Tu Gutes – und sprich nicht darüber!“ Wer heute den katholischen Gottesdienst mitfeiert, hört weitere Bibeltexte, die sich genau damit beschäftigen: mit der Demut. Dass es nicht klug ist, sich selbst auf ein Podest zu stellen. Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden[2], sagt Jesus. Und bei Jesus Sirach im Alten Testament klingt das Ganze noch drastischer: Je größer du bist, umso mehr demütige dich, und du wirst vor dem Herrn Gnade finden![3] Hier bekommen wir dann auch die Begründung mitgeliefert. Wer sich darin sonnt, ein guter Mensch zu sein, verliert die Bodenhaftung. Und wer zu sehr nach oben strebt, verliert den Respekt vor Gott. Und das führt fast immer in den Untergang.

 

[1] Matthäus 6,2f.

[2] Lukas 14,11

[3] Jesus Sirach 3,18

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24AUG2025
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Wenn ich mit anderen in einer Diskussion stecke – über Politik, übers Reisen, über Glaube und Religion und wenn wir dann so richtig fest stecken, dann fällt manchmal ein Satz, der bringt mich jedes Mal auf die Palme: „Ja ja“ heißt es dann „wahrscheinlich haben wir irgendwie beide Recht. Es gibt eben nicht nur eine Wahrheit.“

Oder es kommt irgendwann dieser Spruch: „Lassen wir die Meinung des anderen stehen.“ Was mich an solchen Sätzen stört – die Diskussion geht dann meistens niemals weiter. Stattdessen stehen wir nebeneinander da – jeder für sich. Jeder mit seiner persönlichen Wahrheit. Und bleiben mit der allein.

Die Menschen zur Zeit Jesu haben auch viel diskutiert: Über Gottes Gebote, sein Wort und was es fürs eigene Leben bedeutet. Jesus selbst auch, und einmal, in Jerusalem, da hat ihn ein Schriftgelehrter folgende Frage gestellt: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“ Die Antwort von Jesus: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, mit all deinem Verstand und mit all deiner Kraft. Das zweite ist: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Mit dieser Antwort hat Jesus seinem Diskussionspartner aus dem Herzen gesprochen. Und sie waren sich einig: Ein anderes, größeres Gebot als diese gibt es nicht.

Über diese Wahrheit gibt’s für die beiden nichts weiter zu diskutieren. Und ich denke, wenn man sie ernst nimmt, dann sind diese Gebote auch eine gute Grundlage fürs Diskutieren überhaupt.

Gott, der Herr ist einer. Es ist eine Wahrheit und nicht mehrere nebeneinander. Ich könnte auch sagen: Es gibt ein „Richtig“ und ein „Falsch“. Und wenn ich in einer Diskussion stecke, dann sollte ich mit Herz, Seele und Verstand danach suchen. Und zwar gemeinsam mit meinen Mitmenschen. Mit meinem Nächsten, den ich lieben soll wie mich selbst. Ich sollte deshalb mein Ego beiseitelegen. Nicht Recht haben wollen, um zu glänzen. Nicht glauben, ich hätte die eine, einzig richtige Wahrheit schon. Ich muss bereit sein, gemeinsam mit anderen um sie ringen, zu diskutieren, zu fragen und sie zu suchen.

Natürlich braucht es dabei manchmal auch eine Pause. In der ich und mein Gegenüber einander stehen lassen können. Und einander zugestehen, dass wir beide recht haben könnten – jedenfalls teilweise. Aber dann sollte die Suche nach Lösungen, nach Antworten, nach einem gemeinsamen Weg auch wieder weiter gehen.

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17AUG2025
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Meine erste Arbeitsstelle, eine ländliche Kirchengemeinde in der Westpfalz, bestand aus mehreren kleinen Ortschaften. Einer dieser Orte war bis vor wenigen Jahrzehnten quasi zweigeteilt. Der eine Ortsteil katholisch, der andere protestantisch geprägt. Dazwischen eine unsichtbare Grenze. Man pflegte Kontakte, heiratete aber nicht zwischen den Ortsteilen. Die Menschen waren sich in freundlicher Abgrenzung verbunden.

Die Erinnerung daran klingt fast wie ein Kommentar zu einem Text, der heute in den Katholischen Kirchen gelesen wird: Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen, sagt Jesus da zu seinen Zuhörern. Nein, sage ich euch, sondern Spaltung. (Lk 12,51) Tatsächlich haben die Christen das im Lauf der Jahrhunderte ziemlich wörtlich genommen. Unzählige Kirchen und Konfessionen sind entstanden. Haben miteinander gestritten und sich in vergangenen Zeiten sogar blutig bekämpft. Und doch sind alle hervorgegangen aus der einen Botschaft dieses Jesus aus Nazareth.

Allerdings hat Jesus auch ganz anderes gesagt. Dass wir unsere Feinde lieben sollen. Denen Gutes tun, die uns hassen. Das krasse Gegenteil also von Unfrieden und Spaltung. Doch wer ihm folgen will, der soll es dann klar und entschieden tun. Ohne halbgare Kompromisse. Er selbst ist damals angeeckt, hat sich Feinde gemacht, seine Klarheit am Ende sogar mit dem Leben bezahlt. Auch deshalb gilt er vielen noch heute als Leitbild für ihr Leben. Klar und entschieden sein und auch so leben! Dass sowas zu Konflikten führt, zu Unruhe und Spaltung, ist kaum verwunderlich.

In den letzten Wochen ist heftig darüber diskutiert worden, wie politisch Kirche sein darf. Ausgelöst durch eine Äußerung der Bundestagspräsidentin. Ob die Kirche sich nicht eher ums Fromme kümmern solle. Sich raushalten aus politischen Diskussionen. Wenn ich Jesus ernstnehme, dann können Christinnen und Christen aber gar nicht anders als politisch sein. Dann nämlich, wenn sie klar und entschieden zu den Werten stehen, die Jesus gelehrt und vorgelebt hat. Dass jeder Mensch eine Würde hat, die unteilbar ist. Dass Hass, Hetze und Niedertracht keinen Platz haben sollen unter Menschen. Dass uns Natur und Schöpfung anvertraut worden sind und nicht zum Plündern überlassen. Mit parteipolitischem Hickhack hat das nichts zu tun.

Nun sind aber auch Christen nur Menschen und keineswegs immer einig. Davon erzählt schon die Bibel. Es wird deshalb weiter gestritten werden, auch in den Kirchen. Weil die Bibel nicht einfach eine Gebrauchsanleitung ist. Weil Menschen sie deuten und sich darüber streiten, wie sie zu verstehen ist. Schlimm ist das nicht, solange es in der gegenseitigen Achtung geschieht, die Jesus einst vorgelebt hat.

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10AUG2025
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Ich sitze mit einer Freundin auf einer Bank auf dem Spielplatz. Wir unterhalten uns und beobachten dabei ihre Kinder im Sandkasten, die friedlich spielen. Bis, ja, bis ein Kind eine Hand voll Sand nimmt und dem anderen Kind den Sand in die Augen wirft. Und das andere daraufhin dem Sandwerfer seine Schippe auf den Kopf haut. Das Geschrei ist groß – auf beiden Seiten - und das war es dann mit dem friedlichen Nachmittag.

Was den Geschwistern im Sandkasten schon schwerfällt: Den Frieden wieder herzustellen - wie schwer ist das erst bei Konflikten zwischen Nationen. Wenn Schlag und Gegenschlag sich gegenseitig hochschaukeln, wenn die Spirale der Gewalt sich immer weiter dreht. Wer hat angefangen? Wer ist im Recht? Wer kann einlenken und aufhören?

Der Prophet Jesaja hatte im achten Jahrhundert vor Christus einen Traum: Alle  Völker werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Kein Volk wird mehr gegen das andere das Schwert erheben und sie werden nicht mehr lernen Krieg zu führen. (Jesaja 2,4)

Aber der Prophet Jesaja weiß auch, dass sein Traum nicht schnell in Erfüllung gehen wird.  Er sagt: „Es wird zur letzten Zeit sein.“ (Jesaja 2,2)  Erst das Ende der Welt wird von Gottes Frieden bestimmt sein. Denn Jesaja sieht ganz realistisch, wie die Welt zu seiner Zeit ausgesehen hat. Nämlich ganz und gar nicht friedlich. Und auch ich  muss wohl zur Kenntnis nehmen, dass bis zu diesem großen Gottesfrieden am Ende, Frieden oft ein schöner Traum bleibt.

Aber Jesaja hat nicht nur geträumt.  „Ihr könnt etwas für den Frieden tun“, sagt er, „und zwar jetzt und nicht erst irgendwann.“ Er gibt uns einen Rat, wie wir uns heute verhalten können, damit wir zum Frieden beitragen: „Kommt, sagt er, lasst uns wandeln im Licht Gottes!“ (Jesaja 5,5)

Das heißt für mich: Ich hoffe auf den großen Frieden Gottes am Ende der Welt und tue bis dahin alles, was in meiner Kraft steht, um Gottes Licht in der Welt leuchten zu lassen:  Ich bringe meinen Kindern schon im Sandkasten bei,  nicht sofort draufzuhauen, wenn sie Sand in die Augen geworfen bekommen. Ich überlege gemeinsam mit meinen Kindern, wo Gewaltspiralen ihren Anfang nehmen und wie wir sie durchbrechen können. Ich übe mit ihnen die Kunst der Verhandlung, und bringe die Einsicht ins Gespräch, dass die scheinbar einfachsten Lösungen nicht immer die besten sind. Und ich versuche, ihnen ein gutes Vorbild zu sein.

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03AUG2025
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Ich gehöre zum Team Sicherheit. Das heißt, ich mag es organisiert, durchdacht und abgesichert. Ich mache gern Pläne und schreibe to-do-Listen, und auch mein Vorratsschrank ist gut bestückt. Nudeln, Tomatensauce, Kaffee – von allem mehr als eine Packung.

Damit bin ich nicht allein. Beim Vorräte anlegen, waren Menschen schon immer erfinderisch. Keramiktöpfe hat man genutzt, um Brot, Kartoffeln oder Zwiebeln zu lagern. Andere Lebensmittel wurden eingelegt, gepökelt, eingekocht oder getrocknet. Und Scheunen wurden gebaut. Große Lagerräume für Heu und Getreide. Wer Vorräte hat, fühlt sich sicher.

In das Team Sicherheit gehört auch der Kornbauer, von dem heute in katholischen Gottesdiensten zu hören ist. Seine Ernte verspricht gut zu werden, und er plant, größere Scheunen zu bauen, um die Ernte unterzubringen. Er hofft, dass er sich dann endlich zurücklehnen und ausruhen kann. Denn er sagt sich: „Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich!“ (Lk 12,19) Doch genau das geht schief. In dem Gleichnis, das Jesus erzählt, kommt an dieser Stelle Gott zu Wort und sagt zu dem Kornbauern: „Du Narr. Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, das du angehäuft hast?“ (Lk 12,20)

Als ich das Gleichnis das erste Mal gehört habe, wusste ich nicht so recht, was ich damit anfangen soll, und ich habe mich gefragt: Was soll denn daran verkehrt sein, Vorräte anzulegen? Doch dann habe ich verstanden: es geht weniger um die Vorräte selbst als darum, welchen Stellenwert ich ihnen einräume. Der Kornbauer möchte Vorräte anhäufen, weil er sich nach einem sorglosen Leben sehnt. Aber damit muss er das erfüllte Leben auf später verschieben, weil er ja noch damit beschäftigt ist, Scheunen zu bauen und die Vorräte zu lagern.

Und das macht die Seele nicht reich. Sie funktioniert anders als meine Vorratshaltung. Die Seele braucht Seelenpflege. Und die geht nicht auf Vorrat, sondern immer nur jetzt. Indem ich aufmerksam bin für das, was jetzt gerade um mich ist. Der Seele tut es gut, wenn sie nicht abgekapselt wird oder – um im Bild des Kornbauern zu bleiben – in einer Scheune lagert, sondern wenn sie sich verbinden kann: mit der Sonne oder dem Wind um mich herum. Mit Musik. Mit den Menschen, mit denen ich zusammenlebe oder arbeite. Die, mit denen ich befreundet bin, aber auch mit denen, denen ich zufällig begegne. Das tut der Seele gut. Und ich merke: damit ist sie auch mit Gott verbunden.

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27JUL2025
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Kennen Sie diesen fiesen Schmerz, wenn man sich den Zehen anschlägt? An einem Stein oder einer Tür? Ich liebe es ja, im Sommer Sandalen zu tragen. Aber dann war ich letztens mal wieder eilig unterwegs, habe ein Hindernis auf meinem Weg übersehen – und dann konnte man mich tanzen sehen vor Schmerz. Und genau so SOLL sich das anfühlen –wenn man Jesus von Nazareth begegnet. So nachzulesen in der Bibel im ersten Petrus-Brief. Da heißt es:

Er ist ein Stein, an dem man Anstoß nimmt,
und ein Fels, über den man stolpert. (1 Petr.2, 8a Basisbibel)

Ich lese das, erinnere mich an den Schmerz im Zeh von neulich und frage mich: Wann bin ich das letzte Mal so schmerzhaft über Jesus gestolpert? Wo hat er mir wie ein Stein im Weg gelegen und hat meine eigenen Pläne behindert? Und ich muss zugeben: Mir fällt dazu kaum etwas ein.

Das gibt mir wirklich zu denken. Klar versuche ich, gut christlich zu leben. Aber – alles in allem gehe ich doch arg angepasst durchs Leben: Konflikten gehe ich aus dem Weg. Und wenn ich bei irgendeiner Diskussion – über Politik oder sonst irgendwas - einmal anderer Meinung bin, als meine unmittelbare Umgebung – dann bin ich meistens lieber still. Die anderen werden’s schon wissen.

Dabei lautet eine Regel von Jesus: Redet Klartext. Sagt ja oder nein. Verzichtet auf Wörter wie ziemlich, meistens oder vielleicht …  Mogelt nicht rum. Sondern seid ehrlich – zu euch selbst und zu anderen. Auch, wenn die anderen sich daran stoßen – wie mit dem großen Zeh gegen einen Stein, der im Weg ist.

Über einen Stein zu stolpern und sich zu stoßen, ist eben nicht nur schlecht. Jedenfalls, wenn ich nicht einfach nur „Aua“ schreie und weiterlaufe. Wenn ich mich ausbremsen lasse. Meinen Weg überdenke. Meine Meinung, meine Ziele und Interessen wieder mehr hinterfrage. Und mich inFrage stellen lasse – von diesem Jesus aus Nazareth. Von dem es in der Bibel heißt: 

Er ist der lebendige Stein, der von den Menschen verworfen wurde. Aber bei Gott ist er erwählt und kostbar. (1 Petr.2, 4 Basisbibel)

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20JUL2025
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Manche Paare wünschen sich sehnlichst ein Kind und können dennoch keines bekommen. Wenn es dabei Schwierigkeiten gibt oder gar nicht klappt, suchen Paare immer wieder auch Hilfe bei einem Pfarrer wie mir. Weil das sehr existenzielle Erfahrungen sind:

*Tilmann und Tanja probieren es immer wieder; endlich wird Tanja schwanger - und verliert jedes Mal das Baby während der Schwangerschaft.
*Almut und Felix haben schon ein Kind; das zweite kommt auf die Welt, stirbt aber unmittelbar nach der Geburt.
*Peter und Michaela holen sich Hilfe in einer Kinderwunschpraxis. Bei den Untersuchungen während der Schwangerschaft stellt der Arzt einen Herzfehler fest, der auf ein genetisches Problem schließen lässt. Sie entscheiden sich trotzdem für ihr Kind und kämpfen seither.
*Stefan und Monika wissen, dass sie keine Kinder haben werden. Sie bemühen sich jahrelang um eine Adoption. Aber auch die bleibt ihnen verwehrt.

Das sind alles Paare, die ich begleitet habe. Ihre Namen habe ich geändert. Sie haben mir ihr Leid geklagt, haben geweint und mit Gott gehadert. Wir haben darüber gesprochen, wie ungerecht das ist, dass es anderen sofort und wiederholt glückt, ein Kind zu haben; und wie wenig es hilft, an dieser Ungerechtigkeit hängenzubleiben, weil es eben auch zum Menschsein gehört, dass Pläne scheitern. Es gibt kein Recht auf ein Kind. Das ist hart, aber wahr.

Im Bibeltext, der an diesem Sonntag in den katholischen Gottesdiensten gelesen wird, geht es auch um Kinderlosigkeit. Sara, Abrahams Frau, wird einfach nicht schwanger. Wo das doch so wichtig wäre – für sie und ihren Mann. Weil sie einen Stammhalter brauchen. Und nach langer Zeit auch kriegen. Sie haben am Ende das Glück, das anderen oft verwehrt bleibt.

Interessant ist, dass Abraham Gott nicht ständig seine Not vorträgt, obwohl er ein gläubiger Mensch ist. Es ist anzunehmen, dass er Gott in jedem Fall und jeder Lebenslage mehr zutraut als allem, was Menschen möglich ist. Er scheint mit großem Gottvertrauen unterwegs zu sein und bereit, sein Leben so anzunehmen, wie es eben verläuft – auch was den Kinderwunsch angeht. Er hofft zwar, dass Gott ihm noch einen Sohn schenkt. Aber er versteift sich nicht darauf, dass es unbedingt klappen muss. Er überlässt es Gott. Und das lässt ihn nicht verzweifeln.

Abraham und Sara hatten am Ende Glück. Gott verspricht ihm: In einem Jahr komme ich wieder zu dir. Siehe, dann wird deine Frau Sara einen Sohn haben[1]. Und so war es. Aber selbst wenn es nicht so gekommen wäre, hätte ihm sein Vertrauen geholfen, dass Gott es trotzdem recht macht. Auch wenn er Gottes Plan nicht begreift. Wie es jedem von uns helfen kann, nicht zu zerbrechen, wenn das Leben anders läuft, als wir es uns wünschen.

 

[1] Genesis 18,10a

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13JUL2025
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Bilder von einer Demonstration: Aufgebrache Demonstranten auf der einen, Polizisten auf der anderen Seite. Dazwischen eine unsichtbare Frontlinie. Eine Demonstrantin hat auf einmal Blumen in der Hand. Sie überlegt kurz und streckt sie einem der Polizisten hin. Unsicher, was da wohl dahintersteckt, schaut der Polizist die Blume an, aber dann nimmt er sie und seine Gesichtszüge entspannen sich ein wenig.

„Werdet barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“ – das sagt Jesus zu seinen Jüngerinnen und Jüngern im Lukasevangelium, und darüber  wird heute in vielen evangelischen Gottesdienste gepredigt.

Barmherzigkeit – wenn ich dieses Wort erklären soll, finde ich das oft gar nicht so einfach. „Sich von der Not seines Gegenübers anrühren lassen“ – habe ich als Erklärung gefunden  und finde, das passt. Am besten erklären aber oft kleine Geschichten und Bilder solche großen Worte. Wie die Szene mit der Demonstrantin und dem Polizisten. Die Demonstrantin lässt sich davon anrühren, dass der Polizist, der nicht nur als Gegner wahrgenommen werden will. Die Blume, das Symbol der Barmherzigkeit.

„Werdet barmherzig!“ – das Tolle an diesem Bibelvers ist, dass er nichts Unmögliches verlangt. Im „werden“ ist ja enthalten, dass wir nicht schon einfach barmherzig sind. Wie werden wir barmherzig? Ein Beispiel:

In Situationen, in denen ich Menschen gerne erst einmal abstempeln möchte, weil ich es unfreundlich oder sogar unerhört finde, was sie tun – in solchen Situationen versuche ich, auf die Not zu schauen, die dieser Mensch vielleicht hat. Manchmal gelingt mir das, wenn ich unfreundliche Kommentare im Internet lese, über die ich mich im ersten Moment total aufrege. Dann versuche ich zu überlegen, was die Not hinter dieser Pöbelei sein könnte und antworte mit ein paar überraschend freundlichen Worten. Oft passiert dadurch nichts. Aber tatsächlich kam es auch schon vor, dass es dann eine überrascht-freundliche Reaktion zurückgegeben hat. Weil Menschen nicht mit Barmherzigkeit rechnen. Weil Barmherzigkeit auch hier die Fronten aufbrechen kann. Weil der Pöbler gemerkt hat, dass da ja doch auch Menschen hinter den Kommentaren stecken.

Werdet barmherzig. In der Bibel ist das Paradebeispiel dafür der Samariter, der einen zusammengeschlagenen Mann am Wegrand findet, und Erste Hilfe leistet und ihn versorgt. Es muss ja gar nicht immer eine so große Heldengeschichte sein. Manchmal reicht eine unerwartet liebe Geste, eine Blume, eine überraschend freundliche Antwort. Nicht weltbewegend – aber barmherzig.

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06JUL2025
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Sie ist die heiligste Stadt der Welt, steht im Schnittpunkt von drei bedeutenden Weltreligionen: Jerusalem. Fast 800-mal taucht ihr Name in der Bibel auf. Im Alten wie im Neuen Testament. Kriege wurden um sie geführt. Sie wurde verwüstet und wieder aufgebaut. Jesus ist vor ihren Mauern am Kreuz gestorben und der christlichen Überlieferung nach dort auferstanden. Nach islamischer Tradition hat der Prophet Mohammed von dem Felsen im gleichnamigen Felsendom seine Himmelsreise angetreten. Sie war die Stadt der großen jüdischen Könige David und Salomo. Und sie war der Sehnsuchtsort der ins babylonische Exil verbannten Israeliten. Im 6. Jahrhundert vor Christus war das. Als das Exil dann endlich zu Ende geht, die Verschleppten nach Jerusalem zurückkehren dürfen, macht sich dennoch Frust unter ihnen breit. So viel ist zerstört, so vieles hat sich verändert. Ein Prophet, dessen Worte wir im biblischen Buch Jesaja finden, versucht, sie aufzurichten. Er stimmt einen Lobgesang auf Jerusalem an. Und von Gott richtet er ihnen diese Botschaft aus: Siehe, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und die Herrlichkeit der Nationen wie einen rauschenden Bach … In Jerusalem findet ihr Trost.

In den katholischen Gottesdiensten sind diese Worte heute zu hören. 2500 Jahre sind sie alt. Angesichts der Realitäten im Heiligen Land und auch in Jerusalem könnte man glatt wehmütig werden. Darüber, wie alt diese Sehnsucht nach Frieden schon ist und wie wenig sie sich erfüllt hat. Bis heute. Es scheint fast, als ob der Prophet da irgendwelchen Träumen nachhängt. Oder sich schlicht geirrt hat. Vielleicht aber will er den Zurückgekehrten ja auch nur Mut machen. Will ihnen sagen: Ich weiß um eure Sehnsucht nach Frieden und ich sage euch, Gott selbst hat sie auch. Gott möchte Frieden, für Jerusalem und für alle Völker. Und es liegt an den Menschen, dass sie ihn nicht halten können.

Darum möchte ich gern schließen mit Worten meines früheren Kollegen Stephan Wahl, der seit einigen Jahren als Deutscher in Jerusalem lebt und auch bleiben will: Die Ignoranz der Welt ist entsetzlich. … Mir bleibt nur, an alle Opfer zu denken. Für sie und ihre Familien zu beten und weiter - so weit wie möglich - nicht still zu sein, wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird. Und die so unrealistisch erscheinende Hoffnung auf Frieden für dieses Unheilig-Heilige Land nicht aufzugeben. Trotz allem, trotz allem, trotz allem.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42473
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