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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Endlich Freitag! Noch ein paar Stunden, bis wir den Alltagsstress hinter uns lassen können und das Wochenende beginnt: Ausschlafen, Sport treiben, das Auto reparieren, Freunde oder Verwandte besuchen, zum Gottesdienst gehen... – Ach nein, das wohl eher doch nicht, oder? Es ist aus der Mode gekommen, am Sonntagmorgen zum Gottesdienst zu gehen. Früher als Kind, da sind viele noch in den Kindergottesdienst gegangen und haben noch ziemlich naiv an Gott geglaubt. Aber das ist lange her.
Schade eigentlich. Denn es kann eine Menge ausmachen, wenn ich mein Leben einmal aus Gottes Perspektive betrachte. Wichtiges wird wieder wichtig, und anderes, das sich nur grell und lautstark in den Vordergrund gedrängt hat, verliert an Bedeutung. Ich gewinne Abstand zu meinen Projekten und Erfolgen, die mich auf Trab halten. Aber auch die Sorgen und Probleme, die mir die Kehle zuschnüren, werden zurecht gerückt. Im Psalm 23 gibt es eine wunderschöne Aussage, die mich immer wieder fasziniert: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein.“ – Was für ein entspanntes Bild, und was für ein Luxus: Feiern und sich von Gott verwöhnen lassen, während draußen die Probleme warten. – Aber belügt sich da jemand nicht selbst?
Ich habe es gerade anders herum erlebt. Was ist denn die Lüge, die mich kaputt macht? Es ist die Behauptung, dass ich allein mit den Herausforderungen des Lebens klarkommen muss. Dass mich keiner sieht und mir keiner hilft. Dass ich permanent wachsam sein muss, damit mein Leben nicht aus dem Ruder läuft oder ich von meinen Konkurrenten überholt werde.
Ich bin überzeugt, dass es einen Gott gibt, der mit mir unterwegs ist und der nun kommt und sagt: „Komm setz dich her zu mir. Iss und trink erst mal, und erzähl, was dich umtreibt. Was erwartet dich denn nächste Woche? Was beschäftigt dich denn, dass du so unruhig bist? Was treibt dich an – und was lähmt dich? Muss das denn alles sein? Ist das denn wirklich so entscheidend? Nimmst du das nicht vielleicht verzerrt und überzogen wahr? – Vergiss nicht, dass du nicht allein unterwegs bist. Ich bin bei dir. Jeden Tag, jede Situation. Und ich bin nur ein Gebet weit weg von dir.“
Man kann das naiv finden, wenn man es nur von außen betrachtet. Wenn man es aber erlebt, dann will man das nicht mehr missen. Und man denkt: Wie gut, dass bald wieder Sonntag ist und ich mit Gott zusammen feiern kann.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Vor kurzem hatte ich eine Frau zu beerdigen, die mit Anfang 40 an Krebs gestorben war. Unheilbarer Hirntumor. Viele Angehörige, Freunde und Nachbarn waren gekommen um Abschied zu nehmen und um das schlimme Leiden und den grauenvollen Tod zu verarbeiten. Ganz schnell sitzt Gott in solchen Situationen auf der Anklagebank. Wie konnte Gott das zulassen – wenn es ihn überhaupt gibt? Sind solche Katastrophen nicht der beste Beweis, dass der Glaube nichts als eine fromme Illusion ist? Und manchmal sagen Menschen es auch ganz offen: „Ja früher habe ich auch geglaubt, aber inzwischen habe ich das Leben mit seinen brutalen Seiten kennengelernt. Und da habe ich nichts von einem liebenden Gott entdeckt. Im Gegenteil“.
Auf der anderen Seite sind es manchmal gerade solche schlimmen und bedrohlichen Erfahrungen die uns an unseren Kinderglauben erinnern und die Sehnsucht in uns wecken: Ach könnte ich doch noch mal so kindlich wie früher an Gott glauben. Meine Frau und ich jedenfalls haben Gottes Hilfe und Nähe gerade in so einem Tief besonders intensiv gespürt. Als wir vor drei Jahren unseren Sohn im Alter von nur 28 Jahren verloren haben, haben wir mit Trauer, Ohnmacht und Wut gekämpft. Aber gleichzeitig haben wir erlebt, wie sich Gott mitten im Chaos gezeigt hat und unseren Blick nach vorne gerichtet hat.
Uns haben damals Worte aus Psalm 23 sehr geholfen. Er beginnt mit dem Bekenntnis: „Der Herr ist mein Hirte.“ Einige Verse später heißt es dann: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ Mit dem finsteren Tal ist das Tal der Todesschatten gemeint. Es geht um extreme Erfahrungen, Situationen, die mein Leben bedrohen und aus denen ich allein nicht mehr herauskomme. David beschreibt in Bildern aus seinem Beruf, dass er Gott dabei in doppelter Weise erlebt hat. Was mit „Stecken“ so harmlos klingt, ist in Wahrheit der Knüppel, mit dem der Hirte feindliche Tiere abwehrt. Es geht also um Gottes Hilfe und Schutz. Der Stab hingegen dient dazu, die Schafe zu leiten, sie zu berühren und sie spüren zu lassen, in welche Richtung sie weiterlaufen sollen. Oder allgemeiner gesagt, die Zuversicht, dass es irgendwo und irgendwie weiter geht. Mit Gottes Hilfe.
Es war eine schwere Zeit, die wir damals durchgemacht haben. Und doch war es auch eine gute Erfahrung, Gott mitten in diesem „finsteren Tal“, wie David es nennt, nahe zu sein.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es war erstaunlich, wie viele Familien mit ihren Kindern gekommen waren. Ich weiß nicht, wer aufgeregter war: die Erstklässler die sich stolz mit ihren Schulranzen und der Schultüte abschleppten. Oder die Eltern, für die ja ebenfalls ein neuer Lebensabschnitt begann. Meine Frau und ich waren als Großeltern eingeladen und konnten unsere Kinder und unsere Enkelin bei diesem wichtigen Schritt begleiten. So saßen wir alle nun erwartungsvoll im Einschulungsgottesdienst in einer benachbarten Kirche, bevor die eigentliche Feier in der Schule stattfand. Die Kinder waren voller Erwartung und freuten sich, nun zu den Großen zu gehören. Aber die Väter und Mütter und auch wir Großeltern können uns noch gut an die eigene Schulzeit erinnern und wissen, dass es auch manche Tränen geben wird wegen schlechter Noten oder den Gemeinheiten anderer Kinder.
Vielleicht war das auch der Grund, warum so viele es als gut empfanden, diesen Lebensabschnitt mit einem Gottesdienst zu beginnen. Ich habe es immer wieder erlebt, dass mit der Geburt der eigenen Kinder auch das Interesse an Gott zurückkehrt. Man fühlt sich so hilflos, so überfordert mit der Aufgabe, diesem kleinen Wesen das Überleben in der Welt beizubringen. Und vielleicht gibt es auch schöne Erinnerungen an den eigenen Kinderglauben? „Ja, früher bin ich auch zum Kindergottesdienst gegangen“, sagen mir manche. „Ich kenne die biblischen Geschichten, und im Kindergarten meiner Tochter sind sie mir auf einmal wieder begegnet“.
Aber es geht nicht nur um Nostalgie oder ein nettes Fest zum Beginn der Schule. Es geht um Gottes Zusage, dass wir unsere Kinder nicht allein durchs Leben bringen müssen. Der Hirte und spätere König David schreibt in seinem Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte. Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“ Er hat die Erfahrung gemacht, dass Gott sich konkret in sein Leben einmischt. Manchmal so, dass Gott in aussichtslos erscheinende Situationen eingegriffen hat. Ein andermal, indem Gott ihm Mut und Tatkraft gegeben hat, zu denen er von sich aus nie in der Lage gewesen wäre. Aber auch Haltelinien und Stoppsignale gehörten zu Gottes Führung. David hat sich nicht weggeduckt, sondern hat immer wieder Gottes Rat und Kritik angenommen.
Ist das nicht eine wunderbare Möglichkeit, wenn man in unserer Welt der tausend Chancen und Gefahren Gott um Begleitung und Bewahrung bitten kann? Für uns selbst, aber auch für unsere Kinder und Enkel. „Führung“ nennt David das. Daher kann er sagen: „Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen.“ Ich finde das klasse.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Es gibt sie tatsächlich noch: Hirten die im grünem Parka mit Schäferhund und Schafherde unterwegs sind. Im Urlaub bin ich einer solchen Idylle beim Fahrradfahren begegnet. Auch wenn der Landrover inzwischen an die Stelle des Hirtenkarrens getreten ist, war es doch ein Bild wie aus einer anderen Welt. Unwillkürlich musste ich an den Psalm 23 denken – vermutlich das bekannteste Hirtengedicht der Literaturgeschichte. David schreibt darin: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele.“
Erquicken - Das ist ziemlich altertümliches Deutsch. Aber auch wenn die Sprache nicht mehr in unsere Zeit zu passen scheint, ist die Sache doch hoch aktuell. Wir sagen heute vielleicht: Abstand gewinnen, Auftanken neuen Mut fassen. Wenn man viel Zeit hat wie ein Hirte, kann man seinen Gedanken freien Lauf lassen. Wir diskutieren dann mit uns selbst und setzen uns mit Freund und Feind auseinander. Solche Zeiten sind eine gute Gelegenheit, Gott einzubeziehen und aus den Gedanken ein Gebet zu machen. Beten – das ist auch so eine altmodische Angelegenheit. Oder? „Ja früher, als ich noch ein Kind war, habe ich auch gebetet“, höre ich manchmal. Wieso nur früher? Heute als Erwachsene haben wir doch auch unsere Themen und Anlässe, die uns zu schaffen machen und über die wir mit Gott reden sollten.
Ich will Ihnen ein wenig von mir selbst erzählen. Manchmal mache ich einen langen Spaziergang, um mit Gott zu reden. Es ist ein Stückchen von dieser Hirtenidylle, die ich mir dann gönne. Ich rede innerlich mit Gott über alles was mich umtreibt. Über die verschiedenen Fäden meines Lebens, die sich mitunter zu einem wirren Knäuel verschlungen haben. Über meine Träume, Erwartungen und Hoffnungen. Über meinen Frust, meine Verletzungen und das Unrecht, das man mir angetan hat. Über Ängste, Sorgen und die Trauer über den Tod meines Sohnes. Und gar nicht so selten passiert es dann, dass Gott sich zu Wort meldet. „Es denkt in mir“, sage ich gerne, um diese Erfahrung zu beschreiben. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Streit mit jemandem. Keine Frage, dass ich im Recht war und mir das nicht bieten lassen konnte. Aber hier im Gespräch mit Gott, keimte plötzlich ein „Ja aber“ auf. Ich begann zu verstehen, warum der andere so massiv reagierte hatte. Und am Ende des Tages war ich in der Lage, meinen Anteil zu benennen und mich zu entschuldigen. – Grüne Aue, frisches Wasser. Erquickung für die Seele. – Gut beschrieben David! Genauso erlebe ich es auch, wenn ich das Gespräch mit Gott suche und ihm eine Chance gebe, sich einzumischen und zu Wort zu melden.

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Irgendwann wurde es einfach Zeit, auch das alte Kinderzimmer zu renovieren. Dabei habe ich nicht schlecht gestaunt. Sie waren tatsächlich noch alle da: der alte verwaschene Lieblingsteddy, die Blechdose mit den zerkratzten Spielzeugautos, die Kinderbibel – und sogar ein paar alte Schulhefte. Und mit ihnen waren auch die Erinnerungen an früher wieder da: an das Spielen mit den Geschwistern, die Gute-Nacht-Geschichte im Bett und das Gebet vor dem Einschlafen.
Das waren noch Zeiten! Ohne Sorgen, ohne Beziehungsstress und auch ohne Leistungsdruck im Beruf. Als Kind weiß man noch nichts von Naturkatastrophen, von verhungernden und flüchtenden Menschen und von der Brutalität der Welt. Irgendwie ist es da auch ganz einfach an Gott zu glauben. Eine Nachbarin sagte erst neulich zu mir: „Ja, früher habe ich auch geglaubt. Als Kind bin ich abends beruhigt mit dem Gedanken eingeschlafen, dass Gott ja auf mich aufpasst.“
Dieser Satz ließ mich nicht mehr los: „Ja, früher hab ich auch geglaubt.“ Warum nur früher? Warum heute nicht mehr? Ich merkte der Frau ja an, dass sie sich im Grunde danach sehnte, so unbefangen wie damals auf Gott vertrauen zu können. – Sind es wirklich die Enttäuschungen und Verletzungen unseres Lebens? Oder hat sich vielleicht einfach der Alltag mit seinen Anforderungen in den Vordergrund gedrängt. Irgendwie kommt Gott dabei gar nicht mehr vor. Wir leben, als gäbe es ihn gar nicht, ohne zu Ende geklärt zu haben, ob das so ist. Er scheint einfach nicht mehr zum Leben eines Erwachsenen zu passen. Aber stimmt das denn wirklich?
Auf der wiederentdeckten Kinderbibel war übrigens ein Bild von einem Hirten mit einer Schafherde. Es sollte den Psalm 23 illustrieren. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ heißt es dort. Auch dieser Psalm gehört zu dem, was viele aus ihrer Kindheit oder Jugend noch kennen. David, der Mann, der ihn verfasst hat, ist aber kein Kind, sondern ein Erwachsener. Er musste sich nicht nur in der rauen Alltagsarbeit eines Hirten bewähren. In späteren Jahren war er einer der mächtigsten Könige des Vorderen Orients. Er musste als Politiker entscheiden und als Feldherr kämpfen. Er musste erleben, wie er Opfer schlimmster Intrigen wurde. Sein Leben mit Höhen und Tiefen war wahrhaftig kein Kinderspiel. Er konnte es gestalten und bestehen, weil er wusste: Über mir steht Gott, und mein Leben ist in seiner Hand.
Ich bin überzeugt, es lohnt sich, diesen alten Psalm wieder hervorzuholen und zu bedenken. „Der Herr ist mein Hirte. Mir wird nichts mangeln.“

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Sie liebt mich – sie liebt mich nicht. Sie liebt mich – sie liebt mich nicht. Sicher kennen sie dieses Margeritenorakel, bei dem man die Blütenblätter einzeln abzupft. Ich bin so unsicher. Werde ich wirklich geliebt? Ist es wirklich Liebe, was der andere mir entgegenbringt? Kann der andere mich überhaupt lieben? Bin ich es wert, geliebt zu werden.
Dieser Zweifel ist keineswegs nur auf die Liebe zwischen Menschen beschränkt. Viele können sich auch nicht vorstellen, dass Gott sie lieben könnte, wo er doch allwissend ist. Sie gehen ihm deshalb lieber von vornherein aus dem Weg, um sich nicht schlecht zu fühlen. Oder sie versuchen, es ihm irgendwie recht zu machen, ein guter Mensch zu sein, Geld zu spenden, sich zu engagieren.
Vor kurzem bin ich auf eine Ebay-Auktion gestoßen, die im Mai dieses Jahres stattgefunden hat. Sie hat mir noch mal eine ganz andere Sicht auf Gottes Liebe eröffnet. Ein „Space Patrol Car“, ein altes 17 Zentimeter langes Fantasieauto für Patrouillen im Weltraum, wurde versteigert und fand für sage und schreibe 7.350 Dollar einen neuen Besitzer. Ich fand das Auto ehrlich gesagt nicht besonders schön, und es hatte auch durchaus Gebrauchsspuren. Wahnsinn, dachte ich. So viel Geld für ein altes Spielzeugauto. So was kann sich nur ein reicher Liebhaber leisten.
Liebhaberpreis. Das ist für mich der Schlüssel, um Gottes Liebe zu mir zu verstehen. Es liegt nicht an mir und meinem Wert. Es liegt an Gott. Er sieht in mir etwas Wertvolles und Schönes, das ich womöglich gar nicht wahrnehme. Er sieht in uns, seine eigenen Spuren. Schließlich sind wir seine Geschöpfe. Und deshalb bezahlt er für uns einen Liebhaberpreis. Worin der besteht? In seinem Sohn Jesus. Sagt die Bibel jedenfalls: „So sehr liebt Gott diese Welt, dass er für ihre Erlösung einen Liebhaberpreis zahlt und seinen einzigen Sohn in die Welt schickt und für die Schuld der Menschen sterben lässt.“ (Johannes 3,16)
Solange wir auf uns selbst schauen, kommen wir aus der Spirale des Zweifels nie heraus; ob Gott uns liebt. Aber wenn wir uns den Preis anschauen, den Gott für uns hingelegt hat, dann wird klar: Er liebt mich.

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„Was nicht umstritten ist, ist auch nicht interessant.“, hat Goethe einmal gesagt. Wenn alles ganz einfach wäre, wenn wir Gott beweisen und erklären könnten, wären wir schnell mit ihm fertig.
Gott ist ganz anders, als alles was wir kennen und uns vorstellen können. Gott ist spannend, aber auch umstritten und es gibt tausend Gründe, an seiner Existenz zu zweifeln.
Die Frage ist: Wie genau muss alles bewiesen sein, damit ich glauben kann? Wieviel Zweifel kann ich tolerieren, um mich auf Gott einzulassen?
Kennen Sie Steckwürfel für kleine Kinder? Solch ein Würfel hat verschiedene Ausschnitte wie Kreis, Dreieck und Quadrat. Dazu gibt es entsprechende Figuren, die immer nur genau durch einen der Ausschnitte gesteckt werden können. Kinder lernen auf diese Weise die verschiedenen Formen kennen. Was sie auch lernen ist, dass man nicht alles Beliebige durch die Ausschnitte stecken kann. Der kleine Teddy passt einfach nirgends hindurch.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass wir Menschen mit der Frage nach Gott ähnlich umgehen, wie die Kinder mit ihrem Teddy. Wir haben verschiedene Möglichkeiten etwas zu erkennen und in uns aufzunehmen. Das sind vor allem unser Verstand, die Sinnesorgane und unsere Emotionen. Diese Zugänge sind wie die Ausschnitte beim Steckwürfel. Was nicht durch eine dieser Schablonen passt, lassen wir nicht in uns hinein.
Auch Gott passt da nirgends durch. Er ist zu groß, zu andersartig. Dabei wünschen sich viele, an Gott glauben zu können. An jemand, an den man sich mit allem wenden kann und der Interesse an mir hat. Aber ist das nicht zu schön um wahr zu sein? Kann man sich als denkender Mensch auf etwas einlassen, das man nicht beweisen kann?
Ich bin überzeugt, ich muss Gott gar nicht beweisen und ihn durch die Löcher meines Steckwürfels pressen. Ein kleiner Junge hat mir gezeigt wie es gehen kann: Er machte den Würfel einfach auf - und siehe da, auf einmal passte auch der Teddy hinein.
Sich zu öffnen, das ist der Weg! Die übernatürliche Wirklichkeit Gottes erschließt sich mir nur auf übernatürliche Weise und nicht, indem ich ein logisches Fazit ziehe. Dann erlebe ich, wie Gott sich selbst offenbart, den Schleier lüftet und mir eine Begegnung mit sich schenkt. Dann weiß ich, dass Gott da ist, auch wenn mein Verstand noch viel Fragen hat. Im Alten Testament heißt es einmal: „Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, will ich mich von euch finden lassen (Jeremia. 29,13f).“ Sich für Gott öffnen – damit fängt es an.

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Ob im Himmel wohl Deutsch gesprochen wird und dort unsere typisch deutsche Ordnung herrscht? - Sie müssen wissen, ich bin Pastor einer Gemeinde mit vielen internationalen Besuchern. Unsere Gottesdienste werden ins Spanische und Englische und bei Bedarf auch in weitere Sprachen übersetzt. Da gibt es Japaner und Chinesen ebenso wie Afrikaner oder Latinos. Das ist faszinierend und herausfordernd zugleich.
Die Herausforderung besteht darin, für unsere internationalen Gäste offen zu sein, ohne unsere eigene Identität zu verlieren. Wir wollen eine deutsche Gemeinde sein, die für Deutsche mit ihren spezifischen Lebensfragen attraktiv ist. Aber gleichzeitig möchten wir Menschen aus anderen Ländern eine Heimat bieten.
Das ist aber nicht so einfach, denn alles Fremde verunsichert zunächst einmal. Ist es richtig oder gar besser, wie die anderen leben und glauben? Da können einem schon einmal Zweifel kommen – an den anderen und an uns selbst. Man muss damit umgehen und es ertragen lernen. Aber ohne solche Toleranz geht es nicht.
Ich habe begriffen: Unsere gesamte Gesellschaft ist in den letzten Jahren international geworden. Für uns als Gemeinde bedeutet das: Die Angebote für Ausländer sind nicht ein weiterer Arbeitszweig, vergleichbar der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Senioren. Vielmehr ist das gesamte Gemeindeleben betroffen, auch die klassischen Felder der Kinder und Jugendlichen oder die Frauenarbeit. Überall begegnen uns Menschen aus anderen Ländern. Für uns heißt das, Gemeinde ganz neu zu erfinden. Gemeinde Zwei-Punkt-Null sozusagen.
Unser großer Vorteil ist dabei der gemeinsame Glaube. All diese Menschen wollen ja Christus begegnen oder sind auf der Suche nach Gott. Das ist ein ganz starkes, verbindendes Element. Ja mehr noch: Der Glaube ermöglicht ein Vorschussvertrauen in den anderen.
Mit diesen Erfahrungen im Kopf bekommt der Bericht über die Gründung der ersten christlichen Gemeinde vor 2000 Jahren eine ganz neue Aktualität. Damals fragten sich die Menschen aus aller Herren Länder: „Wie kommt es, dass jeder von uns die Apostel in seiner Muttersprache reden hört?“ (Apostelgeschichte 2,11) Ich denke, weil sich Gott unser Miteinander genau so und nicht anders vorstellt: Wie eine internationale Gemeinschaft die durch ihn verbunden ist.

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Kennen Sie den Film „Die Braut, die sich nicht traut“ mit Julia Roberts? Sie spielt darin Maggie Carpenter, eine Frau, die panische Angst vor der Ehe hat. Schon drei Mal stand sie mit ihrem Auserwählten vor dem Traualtar und jedes Mal bekam sie im letzten Moment kalte Füße und nahm Reißaus. Der Film übertreibt und karikiert natürlich. Doch solche Bindungsängste sind mir als Pastor durchaus schon im Vorfeld von Trauungen begegnet.
Aber auch in anderen Lebensbereichen kenne ich die Angst sich festzulegen und zu binden. Wenn jemand einen Partner für ein schwieriges Projekt sucht, oder wenn ein Freund eine größere Summe Geld leihen möchte. Immer geht es um die Frage, wie weit ich dem anderen vertrauen kann? Dann nagt der Zweifel in mir und lässt mich das Schlimmste befürchten. Und manchmal zögert man dann so lange, bis sich die Angelegenheit von selbst erledigt hat. Auch Eifersucht und Misstrauen haben hier ihre Ursache: Ich wäre mir so gerne völlig sicher, hätte gerne glasklare, unstrittige Beweise. Aber das heißt nichts anderes als: ich hätte den anderen gerne völlig unter Kontrolle. Doch in Beziehungen kann es diese Sicherheit nicht geben. Ich darf mir nichts vormachen: Jeder Mensch, auf den ich mich einlasse, hat auch seine Schattenseiten und je mehr ich ihn kennenlerne, desto deutlicher werde ich sie zu spüren bekommen.
Das bedeutet: Ich muss mit dem Zweifel am anderen leben. Oder ich muss in meinem Leben auf Beziehungen verzichten, was natürlich nicht geht. Mir bleibt nichts anderes, als die Ungewissheit, das Rätselhafte und Problematische am anderen zu ertragen oder, mit einem Fremdwort ausgedrückt, zu tolerieren.
Tolerieren meint natürlich nicht, alles gutheißen, oder mich blauäugig und naiv irgendeinem anderen auszuliefern. Aber ich muss Abstriche von meinem Ideal machen. Ich selbst genüge dem ja nicht einmal! Und der andere muss sich ja auch bei mir auf ein Abenteuer und auf Enttäuschungen einlassen.
Bei Toleranz geht um mehr als nur den Appell: Sei nicht so kleinlich und misstrauisch. Tolerant zu sein meint: sei großzügig und nachsichtig, aber auch nüchtern. Gestalte deine Beziehungen behutsam und vertrauensvoll, trotz aller begründeten Zweifel. Der Apostel Paulus schreibt einmal: „Ertragt einander in Liebe“ (Epheser 4,2). Anders geht es auch gar nicht.

 

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Vor ein paar Wochen sah ich bei Markus Lanz ein Interview mit Peter Plate, einem der beiden Partner des deutschen Erfolgsduos Rosenstolz. Mich hat beeindruckt, wie offen dieser Mann von seinen Panikattacken auf der Bühne gesprochen hat, von dem Widerspruch zwischen der strahlenden Darstellung nach außen und seiner tatsächlichen Schwäche im Innern. Er sagte: „Ich stand auf der Bühne und dachte: Ich bin der große Peter von Rosenstolz – aber eigentlich fühle ich mich ganz klein. …Wie bin ich in diese Rolle hineingeraten? Was ist da mit mir geschehen?“
Zweifel an mir selbst? Normalerweise denken wir, so etwas dürfe nicht sein. Aber solche Verunsicherungen kennt doch wahrscheinlich jeder, auch diejenigen, bei denen wir es gar nicht vermuten würden: Stars auf der Bühne, Politiker im Interview, Chefs, Dozenten, die Schönen und Reichen, die scheinbar alles haben. Ja mehr noch, ich denke, es ist geradezu notwendig, dass wir uns in Frage stellen und darüber nachdenken, wer wir wirklich sind und wie das zusammenpasst, was wir tun.
Angenehm sind sie nicht, diese Zweifel an mir selbst. Wir möchten gerne alles klar wissen und fest im Griff haben. Alles andere verunsichert uns nämlich. Und damit gar kein Zweifel an uns aufkommt, spielen wir uns und anderen den Starken vor. Dabei weiß doch jeder – oder ahnt es zumindest – dass Menschen so nicht sind. Wir alle sind in Wahrheit vielschichtig und widersprüchlich.
Das ist schwer zu ertragen. Aber so und nicht anders sind wir Menschen nach dem Sündenfall – so sagt der Apostel Paulus in der Bibel: „Wir bringen es zwar fertig, uns das Gute vorzunehmen; aber wir sind zu schwach, es auszuführen. Wir tun nicht das Gute, das wir wollen, sondern gerade das Böse, das wir nicht wollen.“ (Römer 7,18-19 GNB)

Wissen Sie, wie man solch eine Abweichung vom eigentlich gewollten in der Technik nennt? – Toleranz. Für einen Schlosserlehrling beträgt die Toleranz bei der Herstellung eines Gesellenstücks den Bruchteil eines Millimeters.
Bei unserem Leben ist die Differenz zwischen dem eigenen Anspruch und der Realität ungleich größer. Sie lässt unser „Werkstück Leben“ so wackelig erscheinen. Aber vielleicht müssen wir es lernen, diese Verunsicherung zu tolerieren? Gott jedenfalls tut genau das. Nicht weil es ihm gleichgültig ist, wie und in welchem Maße wir von seinen Vorgaben abweichen. Im Gegenteil: Er gibt uns Maßstäbe an die Hand, eine Vorlage für die Gestaltung unseres Lebens. Aber er erträgt auch unsere Widersprüchlichkeit und Unzulänglichkeit. Weil er uns liebt.Mir macht das Mut, mit meinen Selbstzweifeln zu leben, sie zu ertragen und mich ihnen zu stellen.

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