Alle Beiträge

Die Texte unserer Sendungen in den SWR-Programmen können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.

Filter
zurücksetzen

Filter

Datum

SWR1

     

SWR2 / SWR Kultur

    

SWR3

  

SWR4

       

Autor*in

 

Archiv

17JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Unkrautrupfen im Garten oder es zwischen den Pflastersteinen rauskratzen. Das ist ja wirklich der letzte Job, trotzdem muss es ab und zu sein, finde ich.

Und genau in dem Moment kommt meine Cousine vorbei und sagt: „Hey, der Löwenzahn hat doch so viel Power, lass ihn stehen!“ Sie liebt alles, was mit Pflanzen zu tun hat, und kennt sich super aus. Deswegen hat sie mir gleich erklärt, was so ein Löwenzahn leistet, damit er durch zwei Pflastersteine durchkommt. Und dass er das nur dank dem „Turgoreffekt“ schafft. Turgor kommt vom lateinischen „turgere“, was so viel heißt wie „prall sein“. Viele Pflanzen können in ihren Zellen einen so hohen Druck aufbauen, dass sie noch durch die engsten Stellen durchkommen und dann auch noch aufrecht ihre Blütenstängel nach oben strecken.

Seit ich das weiß lasse ich den Löwenzahn manchmal ein bisschen länger stehen, freue ich mich am Turgor-Effekt, und weiß genau: so eine Kraft brauche ich auch!

Wenn es mich schier zwischen zwei Streithähnen zerreibt und ich doch versuche ein bisschen Platz zwischen den beiden zu schaffen. Oder wenn in meinem eigenen Kopf eine festgefahrene Meinung scheinbar alles zubetoniert. Wenn mich dann jemand davon überzeugt, dass es anders ist als ich dachte.

Was für ein Gottesgeschenk, dieser Turgor-Effekt! Ich sehe darin Gottes Power, wenn sich das Leben noch durch die schmalsten Ritzen zwängt. Wenn ein Löwenzahn, ein ganzer Mensch oder ein neuer Gedanke sich Platz schafft, und dann aufrecht dasteht und blühen kann.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44612
weiterlesen...
16JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein Friseursalon Wand an Wand mit einer Hauskapelle, unter einem Dach. Zuerst hab ich das unpassend gefunden. Föhnhaube und Zeitschriftentisch neben Glasfenstern und Orgel. Aber je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich: das passt!

Vielleicht liegt das auch an einem älteren Herrn, der in dem Pflegeheim gewohnt hat. Er wurde bis zu seinem Sterben von dem Gedanken gequält, dass Gott ihm nicht alles verzeihen könnte. Und das hat man ihm regelrecht angesehen. Daran war natürlich eine Kirche schuld, die ihm ein Leben lang eingetrichtert hat, dass Gott streng ist und Menschen unter Druck setzt.

 

Aber dann hat der ältere Herr mit dem Seelsorger im Pflegeheim gesprochen. Und der war davon überzeugt, dass Gott alles – aber auch wirklich alles - konsequent verzeihen wird. Dem Mann hat das so geholfen. Er hat endlich verstanden: Ich bin geliebt und gut so, wie ich bin. Er hat einen entspannten Gesichtsausdruck bekommen und wurde von innen heraus schön und strahlend.

 

Seitdem freue ich mich jedes Mal, wenn ich in das Pflegeheim komme, wo Friseursalon und Kapelle direkt nebeneinander liegen.

Ein guter Friseur und Gott, beide wollen ja im Grunde das Gleiche: sie wollen Menschen gut tun und sie schöner machen. Und deshalb passt für mich der Friseursalon wunderbar neben die Kapelle. Denn wenn alles gut läuft, kommen aus beiden Räumen die Menschen schöner raus, als sie reingehen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44611
weiterlesen...
15JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Was für ein wunderschönes lila Blütenmeer! Das Mohnfeld bei uns am Dorfrand ist was ganz besonderes, denn normalerweise kennt man den Mohn ja in rot und nur so vereinzelt am Wegrand.

Blaumohn dagegen blüht lila, und meistens gleich in ganzen Feldern.

Ich bin mit meiner Freundin dorthin spaziert und kaum sind wir dort, kommen noch andere. Ein frisch verliebtes Pärchen macht Selfies, ein Rennradfahrer hält an und staunt einfach nur.

Der Bauer aus unserem Nachbarort pflanzt den seltenen Blaumohn an, für Mohn-Öl oder die klassischen Mohnsamen, die man für Mohnschnecken und -brötchen braucht.

Verrückt, wie dieses Mohnfeld auf mich wirkt. Die lila Farbenpracht beruhigt mich, und es steigt dieses Gefühl in mir auf: „Wie schön, dass wir jetzt grad da sind!“

Meine Freundin meint: „Lang blühen die nicht mehr, schau, die ersten Blütenblätter fallen schon ab!“

Vielleicht macht genau das diesen Moment am Mohnfeld aus:

Du stehst davor und begreifst: diese Blüten sind so empfindlich, sie verblühen bald, und gleichzeitig ist die Frucht mit den Samen so prall gefüllt. In einer Kapsel stecken bis zu tausend Mohnsamen.

Was für ein Bild für das Leben, denn da ist es ja ganz ähnlich: die schönen Momente, in denen alles in dir aufblüht, gehen schnell vorbei. Und was in jedem einzelnen Leben steckt: das sind tausend Möglichkeiten. Tausend Entscheidungen, tausend Gefühle, tausend Chancen mich zu entfalten.

Diese herrlichen lila Mohnfelder! In manchen Gegenden blühen sie noch bis Mitte Juni! Also nichts wie hin, und Mohnfeld und Leben bestaunen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44610
weiterlesen...
14JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Hunderte weiße Baumwollfäden in einer Kirche. Manche sind von der Kirchendecke bis runter auf den Boden gespannt, andere laufen längs durchs Kirchenschiff.

Ich stehe im Freiburger Münster. Wie schön das Sonnenlicht durch die bunten Kirchenfenster reinkommt und mit den weißen langen Fäden zusammenspielt. Es sieht toll aus!

Sofort muss ich an eine Szene aus meiner Jugend denken. Da war ich schüchtern und hatte Angst vor allem, was neu war. Mit Freunden bin ich damals zu einer Jugendfreizeit gefahren und war unglaublich nervös. Ich bin mit einem dicken Kloß im Hals auf der Rückbank gesessen, während die anderen im Auto lustig rumgealbert haben. Und dann hat sich am Horizont die Sonne in den Gewitterwolken gebrochen und wunderschöne Lichtfäden an den Himmel gemalt. Da bin ich mutig geworden und habe begriffen: Ich bin nicht allein. Der Himmel beschützt mich, da gibt es eine Verbindung. Gott ist da.

Daran denke ich, als ich im Freiburger Münster stehe und wieder so ein wunderschönes Lichtspiel sehe. Die Künstlerin Elke Maier nennt ihre Installation „sichtbar-unsichtbar“.

Der Himmel und alle Himmelskraft werden wirklich manchmal sichtbar. In ganz zarten Momenten, wenn Himmel und Erde sich verbinden. Wenn ich meinen verstorbenen Papa ganz nahe fühle, oder wenn mich jemand mit meinen Bedenken versteht, einfach so, und ich dann wieder denken kann: „Es wird wieder gut werden.“

Und manchmal verbinden sich Himmel und Erde, wenn zwei sich lieben und sich gegenseitig einfach nur gut tun.

Der Himmel kann sichtbar werden: mitten im Leben und auch bei den hunderten weißen Baumwollfäden im Freiburger Münster.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44609
weiterlesen...
13JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Wenn ich in den letzten Tagen das Fenster geöffnet habe, dann ist mir manches Mal das Wasser im Mund zusammen gelaufen: Vom leckeren Grillgeruch aus den Nachbargärten… Für mich jedes Mal ein Zeichen dafür, dass es endlich Sommer wird.

Ich liebe es, zu grillen. In unserer Familie gibt es sogar eine Art „Geheimrezept“ für eine besonders leckere Marinade, die schon mein Opa gemacht hat. Und die übrigens nicht nur bei Koteletts, sondern auch für vegetarisches Grillgut hervorragend funktioniert.

Neben dem leckeren Essen finde ich beim sommerlichen Grillen besonders auch so schön, dass alle zusammenkommen. An einem lauschigen Abend noch lange gemeinsam im Garten oder auf der Terrasse sitzen, in mehreren Etappen leckere Köstlichkeiten auf den Grill schmeißen, sich vorab schon den Bauch mit duftigem Brot vollschlagen, erzählen, zusammen WM oder einfach auch nur andächtig still gemeinsam in den sich langsam dunkler färbenden Himmel schauen. –

Essen hält Leib und Seele zusammen – so sagt man. Und bei solchen Grillabenden wird das für mich wieder besonders deutlich. Es geht nicht nur darum, satt zu werden. Es tut gut, miteinander am Tisch zu sitzen, Zeit zu teilen, zu lachen und zuzuhören. Vielleicht ist es das, was die Bibel meint, wenn sie so oft vom gemeinsamen Essen erzählt: Gott begegnet Menschen nicht nur in großen Worten, sondern mitten im Alltag – am Tisch, im Teilen, in der Gemeinschaft. Deshalb freue ich mich auch dieses Jahr wieder besonders auf die sommerlichen Grillabende – und bin dankbar, dass ich dabei immer wieder schmecken und spüren kann, wie gut das Leben ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44582
weiterlesen...
12JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Voller Wut lässt Lina die Tür ins Schloss knallen. Mit hochrotem Kopf schaut sie ihren Vater an – die Wut steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. „Sei doch nicht so wütend“, sagt ihr Vater. „Das steht dir nicht.“ 

Wut ist nicht gerne gesehen. Zumindest nicht bei Mädchen und Frauen. Wütende Frauen irritieren, und gelten schnell als irrational, sogar als „hysterisch“. Das hat eine lange Geschichte und wurde nicht nur uns Frauen viel zu tief eingeprägt.

Eigentlich ist Wut nämlich etwas Gutes, Sinnvolles: Eine Energiequelle, aus der heraus dann der Mut entstehen kann, Dinge zu verändern. Häufiger Auslöser für solch eine Wut, die Kraft hat zu verändern? Ungerechtigkeit! Und die erleben wir Frauen ja leider noch immer und wieder viel zu oft. 

So wie Lina. Ihr fast gleichaltriger Bruder darf abends noch raus, sich mit einem Freund treffen. Wie gerne wäre sie auch noch zu ihrer besten Freundin geradelt! Stattdessen soll sie in der Küche helfen und die kleine Schwester ins Bett bringen… Das nagende Gefühl im Bauch kennt sie schon. „Das ist so ungerecht!“, denkt sie. Traut sich aber nicht, noch mehr zu sagen.

Was würde Jesus dazu sagen? Ich bin sicher: Er wäre wütend! Wut über Ungerechtigkeit – das kommt bei ihm öfter vor, vor allem dann, wenn Menschen Unrecht geschieht. Wenn er zum Beispiel am Sabbat, am Ruhetag, keine Menschen in Not heilen soll, weil das die damals geltenden Regeln so vorsahen. Dann wurde er schon ziemlich deutlich. Voller Wut und auch Traurigkeit darüber, dass Regeln über Barmherzigkeit gestellt werden, heilt und hilft er trotzdem. Und: Er hat zwar meines Wissens nie Türen geknallt, aber durchaus auch mal Tische umgeschmissen… Also, Mädels, lasst uns ruhig auch mal wütend sein! Zumindest dann, wenn wir wieder dieses nagende Gefühl spüren – und denken: Das ist so ungerecht! Dann steht uns das nämlich durchaus gut…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44581
weiterlesen...
11JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Mamaaa!“, ruft der kleine Junge superlaut und aufgeregt auf dem Spielplatz. „Mama, siehst du, was ich kann??“ Und springt auch schon los, von der zweiten Sprosse des Klettergerüstes. Gar nicht hoch ist das, aber für in ihn gerade ein Meilenstein.

Mit wild rudernden Armen und fröhlichem Gequietsche landet er sicher im Sand. „Hast Du gesehen, Mama, hast Du?!“ – Egal ob wir kleine Kinder oder gestandene Erwachsene sind – gesehen zu werden, ist etwas ganz Besonderes. Und so wichtig. Und nicht nur, wenn wir gerade etwas Besonderes machen oder schaffen. Sich nicht gesehen zu fühlen - ein schlimmes Gefühl. Wenn mich jedoch jemand wirklich sieht, dann tut das so gut. Und meint dann auch, dass mich jemand richtig wahrnimmt. Komme ich beschwingten Schrittes daher? Oder hängen meine Schultern, abgespannt und müde? Liegt mir ein fröhliches Lächeln auf dem Gesicht, oder funkeln meine Augen vor Wut? Schaffe ich gerade alles, was mir das Leben aufgibt? –

In einem Segenswort heißt es: „Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.“ Zweimal ist hier die Rede vom Angesicht. Von Gottes Angesicht. Davon, dass er dich ansieht. Gott sieht dich - wirklich und wahrhaftig. Nimmt Dich wahr, mit allem, was du mitbringst, mit allem was du kannst. Und auch, mit allem, was du nicht kannst, oder schaffst. Gott sieht dich. So, wie du bist. Und sein Blick ist liebevoll, und voll Verständnis, und sein Angesicht leuchtet, wenn er dich sieht. Das ist ein echter Segen: Auch wenn ich mich gerade vielleicht nicht gesehen und nicht wahrgenommen fühle. Gott sieht mich und dich. Immer. Und sein Gesicht leuchtet vor Freude. Was für ein Segen!

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44580
weiterlesen...
10JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Ich hab’s aufgegeben…“, sagt er. Und ich staune: Wie er das so sagt, wirkt er erleichtert, fast ein bisschen froh. Viele Jahre hat er sich immer wieder mit seinen Eltern auseinandergesetzt, oft gestritten. Irgendwas hatten sie immer an ihm und seinem Leben auszusetzen: Sein Job war ihnen nicht gut genug. Mach doch mal was Anständiges! Die Freundin passte nicht zu ihm. Was willst du mit der? Dann war es seine Kleidung: Mit solchen Klamotten läufst Du rum? Immer wieder hat er sich verteidigt, gerechtfertigt. Und ist dabei nur auf taube Ohren und Unverständnis gestoßen.

„Und dann hab ich‘s aufgegeben. Bringt ja doch nix.“ Erzählt er mir. „Das war wie ein jahrelanger Kampf gegen Windmühlen.“ Und lächelt tatsächlich, als er das so sagt.

Aufgeben – das ist eigentlich was, was man nicht macht. Oder zumindest nichts, was man sich und anderen so einfach eingesteht. Wer aufgibt, der ist zu schwach oder macht es sich zu leicht. Oder? – Im Gegenteil. Manchmal ist Aufgeben etwas, wofür es viel Mut und Kraft braucht. Wie bei meinem alten Studienfreund. Er hat es sich nicht leicht gemacht. Wirklich viele Jahre hat er darum gekämpft, dass seine Eltern und er sich besser verstehen. Und vor allem akzeptieren, dass das, was für ihn passt, nicht unbedingt das sein muss, was sie selbst gut finden.

Diesen Wunsch aufzugeben – das war super schwer für ihn. Und hat am Ende aber doch vieles leichter gemacht. Spart ihm nun Kraft und Energie und Zeit. Mit seinen Eltern ist es dadurch übrigens auch zumindest ein bisschen einfacher geworden, seitdem er nicht mehr jedes Mal darüber nachdenkt, wie er sich nun am besten verteidigen und für Verständnis werben kann. – Aufgeben ist alles andere als leicht. Aber manchmal halten uns Menschen gefangen und ihre Erwartungen, die wir nicht erfüllen können. „Zur Freiheit hat Christus uns befreit“, heißt es in der Bibel (Galater 5,1). Und vielleicht gehört dazu auch die Freiheit, loszulassen, was nicht mehr zum Leben führt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44579
weiterlesen...
09JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Ein übervoller Terminkalender. Fast jede Minute verplant. Hier ein Treffen mit Freunden. Da ein Konzertbesuch, dann noch schnell zu einer Party, bei der alle wichtigen Menschen aus ihrem Bekanntenkreis auch sein werden… Dann wieder ab in die Arbeitswoche.

Leonie kann ungeplante Zeit nicht gut ab. Es muss immer etwas los sein, und vor allem – muss sie möglichst immer bei allem dabei sein. Noch was Neues, vielleicht besseres ausprobieren. Manchmal wird ihr selbst ganz schwindelig dabei. Da bleibt keine Zeit, um mal durchzuatmen. Um einfach mal auf dem Sofa auszuruhen. Oder nur so einen Kaffee auf dem Balkon in der Sonne zu trinken. Es könnte ja gerade anderswo was Großes, was Besseres passieren. Ohne sie. Manchmal kann sie dann aber all die vielen Treffen, Veranstaltungen, Partys gar nicht mehr richtig genießen. Ist sie in Gedanken doch schon beim nächsten großen Ding…

Für das, was Leonie um- und antreibt, gibt es einen Begriff. Fomo. Fear of missing out. Die Angst, was zu verpassen. Dabei ist ja eigentlich klar, dass man sowieso nicht alles mitnehmen kann. Und immer mal wieder was im Leben verpasst. Immerhin – es gibt mittlerweile auch schon den Gegenbegriff – die Jomo. Joy of missing out, also die Freude daran, auch mal was zu verpassen, nicht mitmachen zu müssen. Bewusst auf Events und Trends zu verzichten. –

Dass es eine gute Idee ist, sich für bestimmte Dinge Zeit zu nehmen, und dass im Zweifel nicht alles auf einmal geht, das wusste schon die Bibel. Denn da heißt es: „Alles hat seine Zeit (…) Weinen, lachen, klagen, tanzen hat seine Zeit; (…) behalten und wegwerfen hat seine Zeit; (…) lieben, hassen hat seine Zeit; Streit und Friede hat seine Zeit.“ (Prediger 3,1-8) – Und damit wird doch eigentlich klar: Hab keine Angst, was zu verpassen! Nicht alles geht, aber das, was für dich wichtig ist, wird seine Stunde finden! (…) Und dann kannst du dich richtig darüber freuen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44578
weiterlesen...
08JUN2026
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

„Nee, die kannst Du nicht anziehen“, sagt Rena zu ihrer Nichte Leni. Die ist fast sechs und will gerade in die viel zu großen Schuhe ihrer Tante schlüpfen. Die sind nämlich irgendwie besonders. Mit einem ganz besonderen Fußbett. Rena hat ein kürzeres Bein und manchmal tun ihr die Füße vom vielen stehen und laufen am Tag auch so weh, da tut das einfach gut. Leni ist fasziniert von den Schuhen. Und wenn jetzt gerade der eine Fuß doch sowieso schon fast drinne ist… Schwupps, hat sie beide an, und läuft los. Naja, es wird eher so ein Schlurfen und Hopsen… mit diesen viel zu großen und besonders gepolsterten Schuhen. Aber Leni hält so schnell nichts auf, sie hüpft ein bisschen und durchquert mehrmals das Zimmer ihrer Tante. Die schaut amüsiert zu.

Dann bleibt Leni vor ihrer Tante stehen – mit einem letzten rutschenden Schlurfer. Und schaut ihre Tante ernst und auch ein bisschen überrascht an. „Also, mit Deinen Schuhen läuft es sich echt anders!“ Sagt sie. „Dabei sieht das bei dir immer so einfach aus!“ – „Bevor du über jemanden urteilst, gehe eine Meile in seinen Schuhen“, so heißt ein alter Spruch. Manchmal sagt man auch: „Lauf doch erstmal in meinen Schuhen.“ Denn wie es sich anfühlt, das Gehen und vor allem das Leben eines anderen, das lässt sich von außen oft nicht sehen, und schon gar nicht fühlen.

Deshalb finde ich, einfach mal in den Schuhen anderer zu laufen, ist eine ziemlich gute Idee. Vielleicht nicht so wortwörtlich wie Leni. Aber zumindest gedanklich in die Schuhe anderer zu schlüpfen, um eine kleine Ahnung dafür zu bekommen, wie schlurfend, oder auch geschmeidig der oder die andere unterwegs ist. Welche Polsterung jemand braucht, um fest stehen zu können, wo vielleicht der Schuh drückt und Spuren oder Blasen hinterlässt. In fremden Schuhen zu laufen, das verbindet. Sorgt für Verständnis für einander. Und bringt uns vielleicht genauso zum Staunen wie Leni: „Bei dir sieht das immer so einfach aus!“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44577
weiterlesen...