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06MAI2026
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Ich bin eigentlich ein Morgenmuffel, früh aufstehen ist nicht meins. Neulich allerdings, im Urlaub, da habe ich mir den Wecker ganz früh gestellt – um den Sonnenaufgang zu sehen.  Bei Sonnenaufgang habe ich mir eine warme Tasse Tee genommen und bin raus auf die Terrasse.

Von hier aus geht mein Blick weit über die Landschaft vor mir. Noch liegen dort die Hügel im Halbdunkel. Oben am Himmel ziehen Wolken, dahinter zaubert die Morgensonne schon rosa Streifen an den Horizont. Ich höre, wie die Vögel anfangen zu zwitschern und die Insekten summen. Ich stehe da und staune. Das rosa-orange Licht wird leuchtender und heller, und ich erkenne immer mehr Details in der Landschaft vor mir.

Es kommt mir fast so vor, als wäre ich bei der Erschaffung der Welt dabei. Als wäre ich der erste Mensch. So stehe ich staunend vor der Welt, die da vor meinen Augen immer klarer aus dem Dunkel der Nacht tritt. Und mir kommen Worte in den Kopf. Worte der Dichterin Mary Oliver:

„In Bäumen, woraus die Nacht noch tropfte, erwachten
einige namenlose Vögel, schüttelten ihre pfeilförmigen Flügel
und sangen ruhig wie Finken, die aus einem Traum sickern.
Die rosafarbene Sonne fiel glasgleich auf die Felder.
[…] Der letzte Nebel löste sich auf,

und unter den Bäumen, jenseits der brüchigen Zeitdrift,
stand ich da wie Adam in seinem einsamen Garten
an jenem ersten Morgen, als er aus dem Schlaf gerüttelt
sich die Augen rieb, lauschte und das Laub beiseite schob
wie Seidenpapier auf einem großen, unglaublichen Geschenk.“[1]

Das frühe Aufstehen hat sich gelohnt. Denn es stimmt: An jedem Morgen ist es so, als ob die Welt neu erschaffen wird. Und jeder neue Tag ist wie ein großes, unglaubliches Geschenk – das ich auspacken darf.

 

 

 

[1] Auszug aus „Morgen in einem neuen Land“. Mary Oliver, Sag mir, was hast du vor mit deinem wilden, kostbaren Leben. Gesammelte Gedichte, Zürich 2023, 426.

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05MAI2026
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Charlotte ist 19 Jahre alt.  Im vergangenen Jahr hat sie ihr Abitur gemacht.

Vor Kurzem erzählt sie mir von der Diagnose, die sie gerade bekommen hat: Sie ist an Leukämie erkrankt. Als ich Charlotte frage, wie es ihr gerade geht, erzählt sie von schlimmen Sätzen, die sie sich von anderen anhören muss. Sätze, die sie belasten.

Ich bin erschüttert: über diese Krebsdiagnose in so jungen Jahren – und über die Kommentare und Ratschläge, die Charlotte sich noch dazu anhören muss – auch von Leuten, die es eigentlich gut mit ihr meinen. Sätze wie:

Das wird schon alles seinen Grund haben.

Vielleicht solltest du Rosenquarz neben dein Bett legen.

Das wird am Vitamin D-Mangel liegen – du musst öfter raus an die frische Luft.

Wahrscheinlich kommt es daher, dass du dir ein Tattoo hast stechen lassen.

Du betest nicht richtig, deshalb beten wir jetzt für dich.

Das sind alles Sätze von Menschen, die es sicherlich gut meinen. Aber für Charlotte sind es furchtbare Sätze. Denn sie belasten sie in einer schlimmen Situation nur noch zusätzlich.

Ich frage mich, wann ich selbst schon mal ohne viel nachzudenken einen solchen wohlgemeinten Satz rausgehauen habe, der alles nur verschlimmert hat. Und ich frage mich, welche Sätze denn wirklich hilfreich sind, wenn jemand krank ist. Jemand hat mal zu mir gesagt: „Ratschläge sind auch Schläge“. Besser also, keine Ratschläge zu erteilen. Ich denke daran, wie Jesus von einem Kranken gerufen wird. Jesus gibt ihm keinen gutgemeinten Rat. Sondern er fragt den Mann einfach: „Was willst du, dass ich für dich tun soll?“[1] Und so frage ich Charlotte, was sie braucht. Hilfe beim Einkaufen wäre gut, sagt sie mir vor ein paar Wochen. Und inzwischen gibt es Menschen aus unserer Kirchengemeinde, die genau das machen: Sie kaufen für Charlotte ein. Sie fragen bei ihr nach: Was brauchst du vom Supermarkt? Und sie bringen die Einkäufe dann bei ihr vorbei. Davon wird Charlotte zwar nicht gesund, aber es hilft ihr in ihrer Krankheit. Viel besser als jeder gutgemeinte Rat

 

 

 

[1] Aus Vers 41, Kapitel 18, Evangelium nach Lukas, Neues Testament.

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04MAI2026
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Neulich im Bus bin ich Sieglinde wieder begegnet. Ich kenne sie aus meiner Kirchengemeinde. Sieglinde ist weit über 80 Jahre alt. Sie erzählt mir, wie gut es für sie ist, dass sie vor 4 Jahren hierher nach Mainz umgezogen ist in die Nähe ihres Sohnes. Und dann erwähnt Sieglinde ihre Schwiegertochter. Da halte ich kurz den Atem an. Denn Schwiegertochter und Schwiegermutter – diese Beziehung ist ja ein bisschen verschrien.

Aber… Sieglinde erzählt von ihrer Schwiegertochter Annegret ganz anders, als ich es erwartet habe. Annegret drängt sich nicht auf mit ihrer Meinung und ihrem Können, macht aber ab und zu einen Vorschlag, wenn sie etwas entdeckt, das ihrer Schwiegermutter helfen oder ihr gefallen könnte. Im vergangenen Jahr zum Beispiel: Da hat die ganze Familie zusammengelegt und Sieglinde zum Geburtstag ein Tablet geschenkt. Ein Tablet! Wo Sieglinde doch mit Computern nichts am Hut hat. Aber… ihre Schwiegertochter hat Sieglinde behutsam und geduldig beigebracht, das Tablet zu benutzen.

Inzwischen hat Sieglinde sogar gelernt, wie sie Fotos und kurze Nachrichten mit den Kindern und Enkeln hin- und herschickt. Die Schwiegertochter meint: Drei Mal am Tag ist es gut, reinzugucken, damit man auf dem Laufenden bleibt. Und Sieglinde erzählt begeistert: „Ich guck da viel öfter rein!“ Denn das Schönste für Sieglinde ist: Jetzt hört sie ganz oft von ihrer Familie und bekommt Bilder aus aller Welt. Das hätte sie ohne ihre Schwiegertochter nicht gekonnt.

Sieglinde und Annegret: Mich erinnern die beiden an zwei andere Frauen, nämlich an Noomi und Rut. Ihre Geschichte steht in der Bibel. Die Schwiegertochter Rut begleitet ihre Schwiegermutter Noomi beim Umzug. Sie verspricht ihr: „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.“[1]  Die beiden wagen zusammen einen Neustart an einem neuen Ort. Schwiegermutter und Schwiegertochter, die sich gegenseitig unterstützen.

Während ich so über Schwiegermütter und Schwiegertöchter nachdenke, merke ich: Das muss keine schwierige Beziehung sein. Das kann auch echte Solidarität unter Frauen sein! Und ich merke, wie dankbar ich für meine eigene Schwiegermutter bin. Das will ich ihr bald mal am Telefon erzählen.

 

[1] Aus Vers 16, Kapitel 1, Buch Rut, Altes Testament.

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02MAI2026
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Ich hatte mal einen Kollegen, dem immer, wenn er sich über etwas so richtig aufregen wollte, regelmäßig die Sprache weg blieb. Er schnappte dann nach Luft, machte den Mund auf und heraus kam……nichts.  Manchmal so ein  „PFFF“  und dann wedelte er mit den Armen und  jedermann war klar: das ist etwas Ernstes. Die hohe Heizkostenrechnung oder die Macke im neuen Auto. Ein empörtes Einatmen,  dann kommt noch ein „PFFF“, und die Luft ist raus. An der Höhe der Rechnung bzw. am Kratzer im Auto wäre ja sowieso nichts zu machen gewesen. Damals habe ich mich über diese Eigenart amüsiert, heute hat sie meine ganze Anerkennung.  „PFFF“ anstelle von Zornausbrüchen oder schlimmer noch: Hasstiraden, wie sie vor allem in den sozialen Netzwerken heute üblich sind, das wäre viel öfter angebracht in unseren lauten Zeiten. Es geht nicht darum, Dinge in sich hinein zu fressen und unverarbeitet zu lassen. Es geht auch nicht darum zu kuschen und anderen das Feld zu überlassen. Es geht darum, einfach mal nichts zu sagen anstatt los zu plärren.  Das würde viele Verletzungen im Miteinander ersparen.  Und vielleicht kämen dann auch die mal zu Wort, die eher für die leisen Töne stehen und trotzdem etwas zu sagen haben. Manchmal ist die kunstvolle Pause das Beste am Hörbuch. Und nie vergesse ich meinen Besuch einer Theatervorstellung. Griechische Tragödie, dreieinhalb Stunden, schwere Kost und ganz viel Text. Am Ende steht die Hauptdarstellerin vorn an der Bühnenrampe. Wortlos. Minutenlang. Zumindest kam es mir so vor. Und sie hat damit ganz viel gesagt. Denn man konnte ihr regelrecht beim Denken zusehen. Erst dann war das Stück zu Ende und ich habe mit ihr geschwitzt, ob dieser wortlosen schauspielerischen Leistung.   „PFFF“ – kann ich da nur sagen.

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01MAI2026
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Finster ist es in ihm drin. Aber für seine Fans strahlt er ein umso helleres Licht aus. Der Countrysänger Hank Williams hat seine große Zeit im Amerika der 50er Jahre. Man nennt ihn respektvoll den  „Shakespeare der Hillbilly Music“. In einem seiner Lieder heißt es:  „Hörst du den einsamen Ruf der Nachtschwalbe?  Sie ist zu traurig zum Fliegen. Der Mitternachtszug pfeift leise. Und ich bin so einsam, dass ich weinen könnte.“ Die Leute, die ihm zuhören sagen:  „Der meint ja mich, der kennt mich, genauso fühl ich mich auch manchmal.“ Er sagte mal, das Geheimnis seines Erfolges könne man mit einem Wort beschreiben: Aufrichtigkeit.  Drei Akkorde und die Wahrheit, mehr braucht man nicht, um einen guten Song zu schreiben. Und das Publikum merkt das und jubelt ihm zu. Wofür er gar nichts kann ist, dass seine Popularität aktuell von der MAGA-Bewegung um Donald Trump ausgenutzt wird, die seine Lieder auf ihren Veranstaltungen spielen. Hank Williams hatte sein Leben lang schlimme Rückenschmerzen. Und er soff. Das wurde so schlimm, dass er schon mal von der Bühne fiel oder Konzerte ganz absagen musste. „Ich hab innere Dämonen, so wie jeder Mensch. Ich bin ein Sünder und ich mache Fehler, aber ich glaube an die Erlösung.“ Er stammte aus eine tief religiösen Gesellschaft. Er glaubte an Jesus und daran, dass der ihn nie im Stich lassen würde. Egal, wie dunkel es in ihm ist, es gibt immer Hoffnung.  Über diesen Glauben  hat er viele Songs geschrieben. Im Refrain von „I saw the light“ heißt es:

 

„Ich hab das Licht gesehen.

Keine Dunkelheit mehr, keine Nacht mehr.

Nun bin ich  glücklich, kein Kummer in Sicht.

Gelobt sei der Herr, ich sah das Licht.“

„I saw the light“ - Egal ob jemand religiös ist oder nicht: dieses Lied bleibt einfach im Kopf hängen.  Es ist fröhlich und flott, aber es geht um Erlösung und um einen Mann, der obwohl es so finster in ihm war, das Licht gesehen hat. 

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30APR2026
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Hollywoodstar Kirk Douglas hatte einen Traum: einmal in einem bestimmten Hochhaus am Central Park in New York eine teure Suite mieten und hinunter auf den Park schauen.  Viele Jahre später  erzählt er davon in einem Interview.  „Und wissen Sie was?  Ich habe mir diesen Traum erfüllt. Und das Komische daran war: Ich sah hinunter auf den Park und wurde traurig. Ich denke das passiert, wenn sich ein Traum erfüllt. Es hinterlässt ein Gefühl von Trauer. Deshalb braucht man schnell einen neuen Traum.“  Warum mir diese Sätze im Gedächtnis geblieben sind?  Vielleicht weil ich, immer wenn ich Schauspielerbiographien lese, denke: das wäre auch was für dich gewesen.  In andere Rollen schlüpfen, auf der Bühne stehen, Menschen im Theater zum Lachen, zum Weinen, zum Nachdenken zu bringen. Aber dann denke ich: o Gott, nie im Leben könnte ich die langen Texte auswendig lernen, das wäre ja nie was geworden. Und aus der Traum. Ja, vor 50 Jahren vielleicht, da wäre das noch gegangen. Aber das ist lange her. Trotzdem: man darf ja träumen, man muss sogar träumen, wie Kirk Douglas sagt. Für die Bibel sind Träume etwas ganz Wichtiges. Wenn man sie denn ernst nimmt und richtig deuten kann. Für die alten Propheten sind die Träume sogar wie ein direkter Draht zu Gott.  Das habe ich bei mir ganz ehrlich so noch nicht bemerkt. Dafür träume ich zumindest im Schlaf viel zu konfus und manchmal wirklich dummes Zeug. Aber trotzdem: wenn ich mal genau hinschaue, merke ich, dass ein klein wenig von meinem heimlichen Lebenstraum doch wahr geworden ist. Ich stehe z, B. mit dem Chor, in dem ich singe, ab und zu vor Publikum. Und ein paar Mal im Jahr darf ich im Radio sprechen, so wie heute Morgen. Na, wenn das keine Bühne ist. Träumen wir also und schauen mal, was daraus wahr werden kann.

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29APR2026
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Als Imkerin liebe ich das Getummel an Insekten in diesen Wochen. In meiner Imkerei eilen die Bienen zu Obstbaumblüten, Hummeln brummen im Tiefflug durch den Garten, die ersten Wespenköniginnen bauen an ihren Nestern. Hornissenköniginnen habe ich noch nicht gesehen. Das ist inzwischen auch ein Reizthema. Neben der einheimischen Hornisse gibt es auch die asiatische Hornisse. Diese führt bei vielen Imkerinnen und Imkern zu einem erhöhten Puls. Der Hintergrund dafür ist, dass sie recht gerne Honigbienen fangen, um sie an den Nachwuchs zu verfüttern. Einheimische Hornissen tun das auch, sind aber im Vergleich weniger geschickt in ihrem Jagdverhalten.

Mich irritiert allerdings in welcher Art und Weise oftmals über die asiatische Hornisse gesprochen wird. Oft wird sie als die Verkörperung des Bösen dargestellt und als müsse sie mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Dafür wird dann gerne auch eine Wortwahl verwendet, als würden wir uns im Krieg befinden.

Ich denke, es tut gut einen Gang zurückzuschalten. Die asiatische Hornisse ist nicht auf eigenen Wunsch hier gelandet. Sie landete hier, weil wir über die ganze Welt hin Waren transportieren. Viele unserer Interessen lassen außer Acht, welche Konsequenzen sie für die Umwelt und Tiere haben. Aber wenn dann etwas durch uns durcheinandergeraten ist, gibt es schnell drastische Gegenmaßnahmen, die ähnlich kopflos anmuten.

Dabei glaube ich als Christin: Diese Schöpfung ist uns anvertraut. In der Bibel findet sich dafür der Begriff „hüten“ – der Mensch hat den Auftrag auf diese Welt aufzupassen.

Das heißt nicht – auch mit Blick auf die asiatische Hornisse: Hände in den Schoss legen. Im Gegenteil: Es braucht ein differenziertes Bild, vor allem eine unaufgeregte Diskussion und ein ausgewogenes Konzept, um ein Miteinander von Mensch und Natur zu ermöglichen.

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28APR2026
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Die aktuelle Nachrichtenlage kann ich nur in dosierter Form ertragen. Oftmals vermisse ich die sachliche Auseinandersetzung zu einem Thema. Den Austausch an Argumenten. Stattdessen schreit man sich an, übertreibt, ist beleidigt usw. Den Streit zwischen dem US-amerikanischen Präsidenten und Papst Leo fand ich allerdings interessant zu verfolgen. Der Papst ließ sich nämlich gar nicht erst auf die Rhetorik des Präsidenten ein. Er stellt niemanden als dumm oder doof dar, lässt sich nicht einschüchtern, sondern bleibt auf die Sache konzentriert: Seinen Einsatz für Frieden. Besonders hängen geblieben ist mir der Satz: „Es gibt einen anderen Weg!“ Natürlich ist die weltpolitische Lage hochkomplex, aber doch sollte es immer unser Anspruch sein, einen anderen Weg als Krieg und Gewalt, als wilde Beschimpfung und Demütigung zu finden.

Das ist sicher kein einfacher oder leichter Weg, der einem einfach so in den Schoß fällt. Und vor allem kann ich als Ottonormalbürgerin da erstmal gar nichts ausrichten mit Blick auf die großen weltpolitischen Themen.

Wenn ich allerdings länger drüber nachdenke, glaube ich: die Aussage des Papstes ist letztlich auch an meine eigene Adresse gerichtet. Wie löse ich meine Konflikte? Wie gehe ich mit Menschen um, die mir tierisch auf den Wecker gehen?

Ein kleines klassisches Beispiel ist eine regelmäßige Verkehrssituation in Trier. Über eine schmale Brücke darf der Verkehr nur einspurig fahren. Ein Verkehrsschild regelt, wer Vorfahrt hat. Manchmal fährt aber jemand einfach los und nimmt mir die Vorfahrt. Dann schimpfe ich wild vor mich hin und schaue das entgegenkommende Auto finster an. Schließlich soll die andere Person ja merken, was ich davon halte. Ich fühle mich ungerecht behandelt und fange an zu fiepen. Dabei ist doch diese kleine Verkehrssituation völlig banal. Ja, meine Güte, dann warte ich halt kurz. Da fällt mir kein Zacken aus der Krone. Ich denke also es lohnt sich, wenn ich bei mir selbst anfange und schaue, wo ich einen anderen Weg wählen kann.

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27APR2026
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Karl Heinz hatte gerade Geburtstag. Er ist 85 Jahre geworden. Beruflich ist er Bestatter. Den Familienbetrieb hat schon vor mehreren Jahren sein Sohn übernommen, aber Karl Heinz ist eigentlich jeden Tag mit dabei.

Neulich stehe ich nach einer Beerdigung noch mit ihm zusammen, als er sagt:

„Das ging jetzt irgendwie so plötzlich! Und schwupps ist man 85 Jahre alt!“

Er sagt es bedauernd und ja – auch traurig. Schließlich weiß er ja, das geht hier nicht ewig so weiter. Wer weiß das besser als ein Bestatter? Selbst wenn es ihm aktuell gut geht, das kann sich täglich ändern. Das trifft auf jeden und jede von uns zu, aber mit höherem Alter steigt leider auch die Wahrscheinlichkeit. Und so wird die eigene Endlichkeit präsenter.

Wenn dieser Gedanke an die eigene Endlichkeit aufblitzt, ist Karl Heinz zum einen dankbar. Dankbar, dass es ihm aktuell gut geht. Das ist nicht selbstverständlich für ihn. Und er schaut zurück auf sein Leben. Er erzählt, wie viel er sein ganzes Leben gearbeitet hat. Eigentlich immer. Ab und an mal ein paar wenige Tage Urlaub. Er kennt es nicht anders, da er den Betrieb von seinem Vater übernommen hat. Und so sind die Jahre dahin gegangen.

Ich frage ihn: „Bereust du es?“ Er schüttelt den Kopf und ergänzt: „Das gehört zum Beruf dazu. Das ist mein Leben.“ Ich kenne ihn nun schon ein Weilchen und habe den Eindruck: Dieses Leben gefällt ihm aber auch genauso wie es ist. Und tatsächlich ergänzt er: „Es ist schön, gebraucht zu werden – Menschen helfen zu können. Und ich brauche das auch – dabei zu sein, eine Aufgabe zu haben.“

Das Gespräch mit Karl Heinz geht mir nicht aus dem Sinn. Der Gedanke an die eigene Endlichkeit kann Traurigkeit auslösen. Aber ich glaube, die Rückschau lässt ihn zufrieden sein mit seinem Leben und auch dankbar.

Mir macht der Gedanke daran, dass die Zeit hier begrenzt ist, deutlich, wie kostbar die Zeit hier miteinander ist. Diese Zeit zu haben ist für mich nicht selbstverständlich, denn ich habe sie von Gott geschenkt bekommen und dafür bin ich dankbar.

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25APR2026
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Meine Familie liebt Fruchtgummis. Und beim Discounter sind gerade alle unsere Lieblingssorten im Angebot. Also stelle ich mich mit zehn Packungen Fruchtgummis in den Händen an der Kasse an. Das ist mir ein bisschen peinlich. Was denken die Leute wohl von mir, wenn ich so viele Süßigkeiten kaufe?

Vor mir in der Schlange steht eine alte Frau. Der graue Mantel über ihren gebeugten Schultern ist ziemlich verschlissen. Sie dreht sich zu mir um, schaut auf die Packungen in meinen Händen und meint „Gehen Sie ruhig vor. Bei mir dauerts länger.“

Der Korb an ihrem Rollator ist vollgepackt bis obenhin. Brot und Käse, Nudeln, Kaffee, ganz unten ein Sechserpack Wasserflaschen. Sie winkt mich vorbei, und auch noch den Mann, der hinter mir steht.

Der sieht mir ein bisschen unheimlich aus. Arme und Hals sind unsauber tätowiert, die Haare strähnig. Und er riecht nach Zigarettenrauch. Er legt seine Sachen hinter meinen Fruchtgummis aufs Band: Energydrinks, Dosenbier und eine Packung Fertig-Currywurst. Na, denke ich, du lebst ja auch nicht gerade gesund.

Da höre ich, wie der Mann die alte Frau anspricht: „Sagen Sie mal, was haben Sie denn da alles eingepackt? Da müssen Sie aber schwer heben, wenn Sie das alles aufs Band legen wollen. Ich helf Ihnen mal, wenn’s recht ist!“ Und das tut er dann auch. Bückt sich und räumt den Einkauf der alten Frau aufs Kassenband.

Ich schäme mich. Und mir fällt ein Vers aus der Bibel ein: Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an. (1. Sam 16,7)

Ich mache mir Sorgen, was die Leute über meine Süßigkeiten denken – und habe selber diesen Mann völlig falsch eingeschätzt. Wegen dem, was ich vor Augen hatte: Seine Tätowierungen, sein ungesunder Einkauf. Aber entscheidend ist doch das Herz eines Menschen. Und das kann viel schöner sein, als man von außen denken würde. Das will ich mir zu Herzen nehmen.

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