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05JUN2026
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Ich gehe oft an einem kleinen Brunnen vorbei, er plätschert im Innenhof eines ehemaligen Klosters. Das Wasser läuft über den Stein, sammelt sich, fließt weiter und wird zu einem kleinen Bach. Ruhig und klar. Heute bleibe ich hier stehen, es tut mir gut, kurz innezuhalten. Der Augenblick ohne Lärm bringt mich zur Ruhe und ich denke an den heutigen Weltumwelttag.
Da höre ich viel von verschmutzten Flüssen, in denen Plastik schwimmt. Von Luft, die krank macht. Von Wäldern, die unter Trockenheit und Hitze leiden. Umweltverschmutzung kann man oft sehen, riechen, messen. Sie hinterlässt fürchterliche Spuren.
Während ich am Brunnen stehe, denke ich aber auch an eine andere Art von Verschmutzung. Eine, die nicht so leicht sichtbar ist. Was täglich in mich hineinfließt: Nachrichten, Bilder, Kommentare, Filme, Meinungen. Manches informiert mich. Manches unterhält mich. Aber manches macht mich unruhig, hart oder misstrauisch. Fake News. Häme. Hassbotschaften. Gewaltbilder. Dauerempörung. Der ständige Vergleich in sozialen Medien. Es ist eine Art von „Innenweltverschmutzung.“
Das alles kann ich nicht einfach außen vorlassen. Es hat Einfluss darauf, wie ich denke, wie ich rede und handle und wie ich andere Menschen wahrnehme. Wenn meine Innenwelt voller Lärm ist, werde ich schneller gereizt. Wenn ich ständig Angstbilder sehe, verliere ich schnell Vertrauen und Mut. Wenn ich mich dauernd mit anderen vergleiche, werde ich unzufrieden mit meinem Leben. Auch „Innenweltverschmutzung“ hinterlässt hässliche Spuren.
Mir fällt dazu ein Satz aus der Bibel ein: „Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.“ (Sprüche 4,23) Für mich heißt das auch: Ich muss darauf achten, was ich in mich hineinlasse. Nicht ängstlich, nicht weltfremd. Aber wach.
Der Brunnen im Innenhof plätschert weiter. Sein Wasser ist klar. So eine Klarheit wünsche ich mir manchmal auch innerlich. Frei von dem, was mich verschmutzt.
Ich glaube: Innenwelt und Umwelt hängen eng miteinander zusammen. Wer innerlich achtsamer wird, geht auch mit der äußeren Welt, mit der Umwelt, achtsamer um. Mit Wasser. Mit Bäumen. Mit Tieren. Mit Menschen.
Der Weltumwelttag ist für mich ein Anlass, besser zu prüfen, was ich in mich aufnehme – nicht nur, was ich esse, sondern auch meine geistige Nahrung.
Einfach sorgsamer auf das zu achten, was mir anvertraut ist. Draußen. Und drinnen.

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03JUN2026
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Ich mag den Frühsommer, wenn Wälder und Wiesen voller Leben sind. Besonders mag ich die weiten Felder mit Gänseblümchen. Jedes einzelne kann für mich etwas vom Leben erzählen.
Da steht ein kleines, noch ganz junges Gänseblümchen im Gras. Die Blütenblätter sind weiß, manche zart rosa überhaucht, die Mitte leuchtet hellgelb. Es wirkt frisch und offen, als hätte es gerade erst das Licht der Welt erblickt.
Wenn ich dieses junge Blümchen anschaue, denke ich an einen Anfang, der noch nicht beladen ist. An das Helle und Unschuldige, das wir alle einmal in uns getragen haben. An diese erste Offenheit, die in Kinderaugen glänzt.
Daneben steht ein zweites Gänseblümchen. Es hält sich noch aufrecht, aber der Wind hat es zerzaust. Einige Blütenblätter fehlen, andere hängen schief. Man sieht ihm an: Da ist schon einiges darüber hinweggefegt. Regen. Kälte. Vielleicht ein Fußtritt. Vielleicht einfach die Zeit.
Bei diesem zweiten Blümchen empfinde ich eher Respekt und Achtung. Es ist, als schaue ich in ein altes Gesicht. Ein Gesicht mit Falten und Müdigkeit. Verwittert und nicht mehr makellos, aber mit einer Würde, die tiefer reicht als äußerliche Schönheit.
Im christlichen Glauben gibt es die Hoffnung, dass das, was mich verletzt und verwundet hat, nicht ausradiert werden muss, damit neues Leben möglich wird. Auch der auferstandene Jesus wird nicht als einer gezeigt, an dem alles Leid spurlos vorübergegangen ist. Seine Wunden bleiben sichtbar. Aber sie bestimmen ihn nicht mehr. Sie stehen nicht im Mittelpunkt.
Für mich ist das die tröstliche Botschaft unseres Glaubens: Gott liebt nicht nur das, was unversehrt ist. Nicht nur, was jung ist und blüht. . Gott sieht auch das Zerzauste. Das Müde. Das, was nicht gelungen ist. Auch das, was Wunden trägt und trotzdem weiterwächst und lebt.
Die beiden Gänseblümchen erinnern mich an diese beiden Seiten. Das eine sagt: Vergiss nicht, dass in dir etwas unschuldig geblieben ist, das heil ist. Etwas Helles. Etwas, das hoffen kann.
Und das andere sagt: Auch deine Spuren gehören zu dir. Deine Wunden nehmen dir nicht deine Würde. Und Deine Narben: hey - die machen Dich liebenswert.

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02JUN2026
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Auf dem Tisch vor mir steht eine weiße Schale mit drei roten Äpfeln. Der erste Apfel ist dunkelrot, fast samtig, mit einem kleinen goldenen Schimmer an der Seite. Der zweite ist heller, lebendiger, übersät mit feinen gelben Punkten. Der dritte hat rote und gelbe Stellen, als würde sich das Morgenlicht in seiner Schale verfangen. Nichts Besonderes.
Was aber … ja, was wäre, wenn es auf der ganzen Welt nur einen einzigen Apfel gäbe? Dann wäre er doch ein Weltwunder, größer als die Pyramiden in Ägypten! Menschen würden von überall her pilgern, um ihn zu sehen. Sie würden still werden vor diesem runden, leuchtenden Wunder. Sie würden tagelang Schlange stehen, nur um ihn einmal berühren zu dürfen. Und wer ihn in der Hand halten dürfte, würde vor Staunen zittern.
Eigentlich ist es doch genauso! Diesen einen Apfel gibt es kein zweites Mal. Den zweiten Apfel auch nicht. Den dritten auch nicht! Nie wieder wird sich dieses Rot genauso mit Gelb mischen. Nie wieder werden diese kleinen Punkte genau an dieser Stelle sitzen. Nie wieder wird ein Apfel genauso gewachsen sein: aus Erde, Regen, Licht, Wind, Blüte, Biene und Zeit. Im ganzen Universum ist jeder dieser Äpfel einmalig in seiner Herrlichkeit. Ich übersehe dieses Wunder nur deshalb so häufig, weil es so verschwenderisch oft vorkommt! Weil Äpfel in Schalen liegen, an Bäumen hängen, im Gras liegen. Genauso ist es mit so vielen anderen Dingen: Brot steht immer auf dem Tisch. Blumen wachsen selbstverständlich am Wegrand. Und Menschen … begegnen uns jeden Tag!
Diese Welt ist nicht beliebig. Die Schöpfung geschieht und sie geschieht jeden Tag. Und sie ist genau so gemeint! Jeder Apfel. Jede Blüte. Jeder Atemzug. Jeder Augenblick. Das gilt auch für uns Menschen. Auch mich gibt es nur dieses eine Mal. Jeden Menschen, der mir heute begegnet ist, gibt es im ganzen Universum nur ein einziges Mal. Auch den, über den ich mich geärgert habe. Auch in ihm leuchtet etwas, das größer ist als mein Ärger.
Ich nehme einen der Äpfel in die Hand. Ganz langsam. Er ist kühl und glatt und liegt rund und angenehm in meiner Hand.
Ich empfinde Dankbarkeit. Achtung. Und eine leise Ahnung, dass diese Welt mehr Liebe in sich trägt, viel mehr, als ich überhaupt erkennen kann.

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01JUN2026
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Ich arbeite in einem großen meditativen Zentrum. Normalerweise ist es bei uns sehr still. Menschen kommen zum Meditieren, zum Schweigen, um Abstand vom Alltag zu gewinnen. In diesen Tagen ist das anders. Bei uns findet eine Familienfreizeit statt. Jetzt sind viele Kinder da. Und mit ihnen eine ganz andere Art von Leben.
Ich beobachte ein Kind in unserem Innenhof. Es sitzt am Brunnen und hat ein Blatt in der Hand. Für mich ist es ein ganz normales Blatt, heruntergeweht von irgendeinem Baum. Für das Kind ist es offenbar etwas Besonderes. Es dreht das Blatt hin und her, betrachtet die Adern, hält es gegen das Licht. Dann läuft es zu einem Erwachsenen und zeigt ihm das Blatt begeistert.
Der Erwachsene ist freundlich, aber beschäftigt. Ein kurzer Blick, ein schnelles Lächeln, ein Halbsatz: „Ja, schön.“ Dann wendet er sich wieder ab. Das Kind bleibt stehen. Mir kommt es so vor, als wäre seine Begeisterung kurz ins Leere gelaufen. Nichts Dramatisches, na klar. Aber mir geht diese Szene nach.
Heute ist Internationaler Kindertag. Da denke ich: Kinder brauchen Essen, Kleidung, ein Bett, Schule, Schutz und Regeln. Aber sie brauchen auch etwas, das man nicht organisieren kann. Sie brauchen Zuwendung. Einen Blick, der sie wirklich sieht. Ein Ohr, das nicht nur nebenbei hört. Einen Erwachsenen, der für einen Moment mitgeht in ihre Welt. Auch dann, wenn es nur um ein Blatt geht, einen Käfer, ein Bild oder eine kleine Sorge.
Eine Szene aus dem Evangelium beschreibt, wie Menschen Kinder zu Jesus bringen. Die Jünger aber wollen sie abweisen. Sie finden offenbar: Dafür ist jetzt keine Zeit - Spielerei. Aber Jesus sieht das ganz anders. Er lässt die Kinder zu sich kommen. Er nimmt sie in den Arm, legt ihnen die Hände auf und segnet sie. Und er sagt sogar: „Wer das Reich Gottes nicht so annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Markus 10,15)
Mich berührt diese Geste. Jesus redet nicht nur über Kinderfreundlichkeit, sondern lebt sie. Er schenkt den Kindern Zeit, Nähe und Schutz. Er macht ihnen Platz. Und er zeigt den Erwachsenen: Schaut hin. Hindert sie nicht. Von Kindern könnt ihr lernen, wie man staunt, vertraut und sich beschenken lässt.
Gesehen werden. Gehört werden. Das brauchen Kinder, damit sie wachsen können und das Leben gelingt. Die tägliche Dosis Menschlichkeit heißt: einander so zu begegnen, dass der andere spürt: Ich bin nicht egal. Ich zähle.

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29MAI2026
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Kennen Sie die Geschichten über Jakob, von dem das Volk der Israeliten abstammen soll? Einmal, so erzählt es die Bibel, musste Jakob an einem Fluss übernachten. Er war auf der Flucht und abends am Fluss Jabbok, es war wohl schon dunkel, da beginnt jemand einen Kampf mit ihm. Die ganze Nacht ringt und kämpft Jakob mit dem Fremden. Und im Morgengrauen stellt sich heraus: Es war Gott, mit dem Jakob gerungen hatte. Und Gott segnet ihn (1.Mose 32,23-32).

Eine seltsame Geschichte, nicht wahr? Schwer zu deuten. Aber diese Tage habe ich eine Erzählung von Elke Heidenreich gelesen, die sie wunderbar erklärt und ins Hier und Jetzt holt. [1] Ich lese sie ihnen vor:

„Einmal war ich in Paris, allein, ich reise oft und gern allein. Ich war ratlos, ich fand, dass mein Leben in die falsche Richtung lief, und ich kriegte es nicht in den Griff. Es war heiß, ich suchte Kühlung in Saint Sulpice, der zweitgrößten Kirche von Paris, im 6. Arrondissement. (…)

Die Antwort auf all meine Zweifel, Sorgen, Fragen war gleich rechts hinter dem Eingang in der ersten Seitenkapelle.  Da gibt es ein gewaltiges, etwa sieben mal fünf Meter großes Wandgemälde von Eugène Delacoix, das heißt „Der Kampf Jakobs mit dem Engel“. (…) Jakob kämpft mit dem Engel eine ganze Nacht lang und sagt: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“

Dieser Jakob von Delacroix ist ein Hüne, ein Zehnkämpfer, stark, gewaltig. Er stemmt sich gegen den Engel mit aller Kraft, und der Engel hält ihn ruhig, fast sieht es aus, als tanze er mit ihm, und wir sehen, ich sah: Er kann noch so sehr kämpfen, der Hüne Jakob, er wird den Engel nicht niederzwingen. Der Engel kämpft gar nicht. Er hält ihn nur fest, gütig, leicht. Und irgendwann wird Jakob die Kraft ausgehen, und dann kann er ruhig werden. Und vielleicht glücklich.

Als ich dieses Bild ansah, fielen alle Angst, aller kämpferische Zorn von mir ab. Nicht mehr kämpfen. Sich halten lassen.“

Sich halten lassen. Welch eine schöne Vorstellung. Wenn ich in irgendwelchen Lebenskrisen stecke, zwischen Ärger, Wut und Zorn. Dann Kraft zu sparen. Nicht aufzugeben. Aber mich auch im Kampf halten zu lassen. Vielleicht leuchtet dann etwas ganz Neues auf. Ein neuer Weg. Eine offene Tür. Ein Licht im Dunkeln. Sich halten lassen.

Jakob wird am Ende der biblischen Geschichte von Gott gesegnet. Im Kampf, in der Anstrengung des Lebens gehalten zu werden und dieses Gehalten werden auch zuzulassen. Ist das nicht eine wunderbare Umschreibung dafür, was „Segen“ bedeutet?

[1] Elke Heidenreich, Zufall, in: Dies., Alles kein Zufall – Kurze Geschichten, Fischer Taschenbuch 2017, S. 232.

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28MAI2026
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In der Familie der Schriftstellerin Elke Heidenreich wurde lange kein Weihnachten gefeiert. In ihrer Kurzgeschichte „Weihnachten“ [1] beschreibt sie die Situation so:

„Als ich noch ein Kind war, kroch schon ab November die Angst vor Weihnachten in mir hoch. (…) „Ich feiere doch nicht den Geburtstag von einem, an den ich nicht glaube“, sagte meine Mutter, und „Wo war er denn im Krieg, der Herr Jesus?“ Später, als ich sehr viel älter und meine Mutter schon tot war“, schreibt Elke Heidenreich weiter, „las ich eine Geschichte von Luise Rinser über einen kleinen Jungen im KZ, der als Bote zwischen den Baracken hin und her geschickt wurde, bis die Nazis ihn erwischten. Sie hängten ihn auf, und alle mussten zusehen und weinten, und ein alter Mann rief verzweifelt: „Wo ist jetzt Gott?“ Und ein anderer zeigte auf diesen gequälten Jungen und sagte: „Dort hängt er.“

Gott. Ohnmächtig am Galgen? Das erinnert mich sofort daran, dass Jesus gekreuzigt wurde. Auch er starb, ohnmächtig, im Gefühl von Gott verlassen worden zu sein. Verzweifelt und einsam. Gott ist ohnmächtig. Hilflos.

Aber warum? – Müsste Gott nicht stark sein und allmächtig? Wenn man „Gott“ sagt, stellt man sich doch Wunder vor, Kraft, Überlegenheit. So wie zum Beispiel die Götter in den alten griechischen Sagen: Eine Wundertat oder manchmal auch nur ein Gedanke und schwupp, haben sie das Leben eines Menschen zum Guten oder häufig auch mal zum Bösen gewandelt. Bei diesen alten Mythen fällt mir aber auch auf: Diese Götter denken vor allem an sich selbst, an ihr eigenes Ansehen, ihre eigene Macht, ihren Stolz. Und die von ihnen geschaffenen Menschen sind ihnen dabei meist ziemlich egal.

Der christliche Gott ist anders. Auch er wird als ganz großartig beschrieben. Als Schöpfer der Welt, allwissend, allmächtig und auch er tut Wunder. Aber dann erscheint er doch auch wieder gebrochen. Er kommt arm, im Stall zur Welt. Wird von den Hirten dort begrüßt, die selbst Ausgeschlossene waren, am Rand der Gesellschaft standen. Und er stirbt am Kreuz. Ohnmächtig. Einsam und hilflos. Die einzige Macht, über die dieser Gott verfügt, ist die Macht der Liebe. Diese Macht ist oft zerbrechlich, zögerlich und schwach: Gott am Kreuz. Der Junge am Galgen.

Unser Gott ist schwach. Aber dadurch eben auch so nah und so voller Liebe zu uns Menschen – und nicht gleichgültig und arrogant, wie es manche antike Göttersagen erzählen. Nein, der christliche Gott kennt Leid, kennt Einsamkeit, kennt Schmerz und kennt den Tod. Und kann uns darum in all dem nahe sein.

 

 

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27MAI2026
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Elke Heidenreich erzählt in ihrem Buch „Alles kein Zufall“ von einer Aktion von zwei Freunden von ihr. Ich lese es ihnen mal vor: 

„Vor Jahren machten zwei befreundete Künstler, ein Musiker und ein Maler, in Köln auf dem Domplatz eine Performance, eine künstlerische Aktion, sie hieß: „Küssen und Schlagen“. Sie küssten sich immer etwa ein, zwei Minuten, dann schlugen sie sich. […] Die Menge sah zunächst fasziniert zu, dann wurden erste Protestrufe laut: „Ihr Schwuchteln!“, (…) „Das sollte verboten werden!“. Schließlich kam es zu Handgreiflichkeiten. Aber nur bei den Küssen, nie bei den Schlägen.“ [1]

Da küssen sich zwei Männer. Und die Menschen drumherum ertragen es nicht. Schlagen dürfen sich die zwei. Das ist vertraut. Aber dass zwei Männer sich lieben, das ruft Widerspruch hervor. Warum?

Ja, auch in der Bibel gibt es Aussagen, die sich gegen homosexuelle Handlungen aussprechen. Und das hat böse Folgen in der Geschichte unserer Kirche gehabt. Aber da muss man genau hingucken: Diese Aussagen haben nämlich historische Gründe hat. Geheiratet hat man damals zum Beispiel vor allem deshalb, weil Mann und Frau aufeinander angewiesen waren. Ihre Kinder mussten sie versorgen, wenn sie alt wurden. Es ging darum, versorgt zu sein, keine Not leiden zu müssen. Mit Liebe hatte das vermutlich selten etwas zu tun. Aber so, und leider ausschließlich so, funktionierte die Gesellschaft damals. Und das hat sich eben auch in manchen biblischen Texten niedergeschlagen.

Für mich sind darum andere Stellen in der Bibel viel, viel wichtiger. Zum Beispiel heißt es im ersten Brief des Johannes: „Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ (1.Joh 3,18). Da schwingt für mich die ganze Botschaft Jesu mit: Er hat sich den Ausgeschlossenen zugewandt, er hat gezeigt, was es heißt, aus vollen Herzen Menschen zu lieben und sie mit Respekt so anzunehmen, so wie sie sind. Gegen diese Grundlinien des Christentums kommen für mich die paar homophoben Stellen in der Bibel nicht an. Sie sind im Vergleich dazu schlicht unwichtig.

„Gott ist die Liebe. Und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. “Wenn ich das höre, dann ist für mich klar: Liebt! Liebt! Voller Respekt füreinander. Aber: Egal wen. Denn wo Liebe ist, da ist Gott. Was kann es Besseres geben?

 

[1] Elke Heidenreich, Alles kein Zufall – Kurze Geschichten, Fischer Taschenbuch 2017, S. 87.

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26MAI2026
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Elke Heidenreich beschreibt in ihrem Buch „Alles kein Zufall“ einen Tag, an dem für sie alles grau scheint. Und sie beschreibt, wie sie aus diesem Grau in Grau gerettet wird. Ich mag diese kleine Geschichte. Ich lese Ihnen mal ein Stück daraus vor[1]:

„Ein besonders grauer Tag. Besonders viel geht schief. Nur Kleinigkeiten, aber es sind ja nicht die ganz großen Katastrophen, woran wir zerbrechen, es sind die Kleinigkeiten. Aus den ganz großen Katastrophen erwächst uns Kraft, wir halten durch, sind tapfer, wie wir es immer gelernt haben. Aber diese grauen tückischen Tage voller kleiner Enttäuschungen und Niederlagen, die zersetzen uns, und hilflos wissen wir nicht, wie wir dem gegensteuern können: dem Gefühl von Verlust, Trauer, Schwäche.“

Was Elke Heidenreich da beschreibt, kenne ich gut. Tage, an denen einfach nichts klappen will. Ich sowieso schon angespannt bin. Und dann der Moment, die Kleinigkeit, die das Fass zum Überlaufen bringen. Ein Moment der Unaufmerksamkeit, ein Glas zersplittert in tausend Scherben auf dem Küchenboden und ich könnte nur noch heulen. Das hat mit dem Glas gar nichts zu tun. Aber es war der Splitter zu viel, die eine kleine Niederlage, an der ich zerbreche.

Ein besonders grauer Tag… Und wie kommt man da wieder raus?

Mir hilft manchmal: Schlafen. Ganz viel schlafen. Oder rausgehen. In den Wald. Übers Feld. Andere brauchen an so einem grauen Tag vielleicht eher Party. Sich austoben. Irgendwie den Frust loswerden, ihn irgendwo lassen und hoffentlich loslassen können. Manchmal hilft mir da auch ein Stoßgebet, ein Seufzer in Richtung Himmel!

Auch Elke Heidenreichs Geschichte endet nicht mit dem Grau in Grau. Auch sie hat einen Tipp. Und auch sie greift auf das Stoßgebet zurück. Hören Sie selbst:

„Hilflos wissen wir nicht, wie wir (…) gegensteuern können (…). Gelegentlich auf das Wasser blicken […] Ein Spaziergang am Rhein hilft [mir] meistens, er fließt und trägt Tristesse mit sich fort in die graue Nordsee. Der Gang zum Rhein aber ist fast zu schwer heute (…). Die Stufen zum Ufer hinunter, heute kaum zu bewältigen. Tränen. Verzweiflung bis zur Atemlosigkeit, die Bitte aus der Kindheit, an wen auch immer: „Gib ein Zeichen, irgendein Zeichen, das ich verstehe!“ Ein Schiff fährt vorbei, ein großes Containerschiff, es kommt aus Holland und kämpft sich Richtung Basel. Es heißt Esperanza. Hoffnung. Ein Zeichen.“

 

[1] Elke Heidenreich, Alles kein Zufall – Kurze Geschichten, Fischer Taschenbuch 2017, S. 68f.

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22MAI2026
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Goethes Faust hat unglaubliche 4612 Verse! Jeden einzelnen dieser Verse druckt der Künstler Philip Görres Buchstabe für Buchstabe auf ungefähr handgroße Tonplatten. Er nimmt kleine Stempel dafür und so entsteht jeden Tag eine neue Platte mit etwa zehn Versen. Die werden dann getrocknet und später im Ofen gebrannt. Etwas mehr als die Hälfte vom Faust hat Philip Görres auf diese Weise schon gedruckt. Über tausend Stunden wird er vermutlich in das Projekt investieren. Er wünscht sich, dass am Ende alle 700 Platten in einer Stadt zu einem Faustplatz verlegt werden. Das soll ein Ort der Begegnung sein. Ein Platz, wo man Literatur nochmal neu wahrnimmt.

Als Künstler schafft Philip Görres da etwas Bleibendes. Ein großes Werk. Und während ich das Projekt im Internet verfolge, frage ich mich: Was bleibt von dem, was ich tue, eigentlich? Nun bin ich mit Anfang 40 vermutlich früh dran, wenn ich über so etwas wie mein Vermächtnis nachdenke. Wahrscheinlich werde ich, so wie die allermeisten Menschen, keine großen sichtbaren Werke schaffen. Aber ich glaube und hoffe, dass vieles von dem, was ich mit meinem Tun bewirke, auch bleibenden Wert hat. Zum Beispiel ist der Mann unserer betagten Nachbarin gestorben. Da war in den letzten Wochen immer wieder Hilfe beim Einkaufen angesagt oder einfach zuzuhören.

Das sind lauter kleine Werke. Und ich glaube, das passt gut zu dem, was Jesus mit Nächstenliebe gemeint hat. Der hat auch keine Bilder gemalt oder Bücher geschrieben. Sondern er hat sich Zeit genommen und ist Menschen unvoreingenommen begegnet. Und mit dem, wie er gesprochen und gehandelt hat, hat er die Welt verändert. Ich glaube, dass es auf diese vielen einzelnen Momente und Schritte ankommt. Dass das, was ich Liebevolles oder Hoffnungsstarkes bewirke, für die Menschen um mich herum in dem Moment ganz konkret wichtig und wertvoll ist.

Natürlich gelingt mir das nicht immer. An manchen Tagen bin ich zu müde oder zu faul, anderen zu helfen. Aber ich glaube fest, dass auch simple Taten viel bewirken können, und das hilft mir, dass ich es immer wieder versuche. Und wie schön, dass neben mir jeden Tag Millionen von Menschen auch gute kleine Werke vollbringen.

Trotzdem faszinieren mich Künstlerinnen und Künstler wie Philip Görres, die an ganz großen Werken arbeiten. Sie sind so kreativ und inspirierend! Und so wie beim Faust-Projekt Buchstabe für Buchstabe was Neues entsteht, zählt jeder Versuch, jeder Mini-Schritt und jede gute Idee, mit der Menschen unsere Welt zum Besseren verändern.

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21MAI2026
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Was passt besser auf einer Beerdigung: klassische Musik oder das Badnerlied?

Wenn ich als Seelsorger bei Angehörigen bin und wir zusammen die Beerdigung vorbereiten, geht es natürlich auch um die Musik. Aber erstmal erzählen mir die Angehörigen vom Leben der verstorbenen Mutter, des Bruders oder der besten Freundin. Was waren die wichtigsten Meilensteine, was waren Hobbys und Eigenheiten? Irgendwann später geht es dann darum, wie die Feier gestaltet werden kann.

Oft wird Musik vorgeschlagen, die der Verstorbene gern gehört hat oder die viel von dem ausdrückt, was ihm oder ihr wichtig war. So auch beim Badnerlied: Als ich zum Trauergespräch gekommen bin, hab ich im Garten gleich eine riesige Badner-Flagge hängen sehen. Da war jemand aus ganzem Herzen mit seiner Heimat verbunden. Und deshalb hat das Badner-Lied dann auch so gut in die Trauerfeier gepasst.

Ein anderes Mal hab ich den Vater eines sechzehnjährigen Mädchens beerdigt. Sie hat für ihren Papa ein Lied ausgesucht, das war laut und wild. Sie hat es in den Tagen nach seinem Tod oft gehört, und das hat ihr in dieser ersten Zeit geholfen. Bei der Trauerfeier haben wir erklärt, warum genau dieses Lied jetzt passt. Denn im ersten Moment war die Musik für viele ungewohnt. Aber als dann alle wussten, was die Tochter mit dem Lied verbindet, da war die Stimmung in der Feier noch viel persönlicher.

Es gab bisher noch keinen Liedvorschlag, bei dem ich gesagt hätte, das geht gar nicht. Nur wenn jemand sagt: „Das war unser Lied. Das lief, als wir uns kennengelernt haben.“ Oder „Zu dieser Musik haben wir bei unserer Hochzeit getanzt.“ Dann erkläre ich, dass zu den schönen Erinnerungen, die man mit diesem Lied verbindet, dann auch die auch schmerzhaften dazukommen können. Ich hab das selbst erlebt.

Bei der Trauerfeier meines Schwiegervaters haben wir mein Lieblings-Osterlied gesungen. Ich mag es immer noch gern, aber jedes Mal, wenn ich es jetzt singe oder höre, denke ich auch an den Tag der Beerdigung und wie traurig wir alle waren.

Musik kann so viel. Deshalb lohnt es sich, dass man sich ganz bewusst entscheidet. Denn Musik kann unsere Seele berühren. Sie kann eine Hoffnungsbotschaft transportieren und trösten. Und sie kann auf ganz innige Weise an Verstorbene erinnern. Wie schön, wenn man sich dann gut verabschieden kann. Und das kann ich mit klassischer Musik erleben, mit ganz moderner Musik oder mit dem Badnerlied.

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