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SWR Kultur Wort zum Tag
Längst gehören die Windräder in deutsche Landschaften. Ob an der See oder im Schwarzwald oder auf den Höhen entlang des Rheintals. Wind ist ein wichtiger Energielieferant geworden. Und im Prinzip ist das ja nicht neu: Ohne frische Luft kein Leben, im großen nicht und nicht im kleinen. Die alten Windmühlen erzählen noch davon, und mit jedem Atemzug machen wir von der Luft Gebrauch. Auf und Abwinde im Segeltörn des Lebens, und immer die Kunst, die eigenen Segel richtig in den Wind zu stellen und Flauten möglichst zu vermeiden.
Warum erinnere ich an solche Wunder der Natur und Technik? Sie helfen mir, das Geschenk des Heiligen Geistes zu würdigen. Jetzt in der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten sind wir Christen besonders dabei, um diese göttliche Energie zu bitten. „Komm, Heiliger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit Deiner Kraft“ heißt es z.B. in einem uralten Lied. In einem anderen wird gesungen: „Atme in uns, Heiliger Geist.“ Christen nehmen also Jesus beim Wort; er selbst ist leider nicht mehr da, so handfest wie Sie und ich; er ist vorausgegangen, aber er hat eine gewaltige Hoffnungsspur hinterlassen, mehr noch: er hat eine unschätzbare Perspektive eröffnet. Heiliger Geist, das meint die Ausstrahlung Jesu, die Kraft in seinem Vermächtnis., ihn selbst. Wie der an Gott glaubte und sich den Mitmenschen zuwandte, wie er Unrecht und Lüge beim Namen nannte und dafür sogar mit seinem Leben bezahlte – unfassbar diese Energie. Es geht also um Frischluftzufuhr der besonderen Art, um jenen frischen Wind, den die Leute damals schon zu spüren bekamen – eben heiligen Geist, einen guten schöpferischen. Komm Schöpfer Geist, hilf uns auf in all der Erschöpfung, lass uns durch- und aufatmen.
Niemand kann sich den Heiligen Geist vorstellen, aber die Sache mit der Windkraft und dem Atem hilft mir ungemein. Das spüre ich bei jedem Durch- und Aufatmen. Frische Luft, guter Geist – welch ein Geschenk. Im schönsten Gebet, das ich kenne, „Komm, herab, o Heiliger Geist“, heißt es in einer der zehn wunderbaren Strophen: „Ohne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn, kann nichts heil sein und gesund.“ Ich kenne Menschen, die das täglich beten. Es schenkt ihnen Kraft in Krisen und Krankheit, es vertieft die Freude am Leben, und den Mut dazu, gerade im Altwerden. Kurzum: es tut unendlich gut.
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Anfang April vor 80 Jahren ist der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer hingerichtet worden, nach fast zwei Jahre Haft „wegen Zersetzung der Wehrkraft“. Dabei kämpfte er nur für die Absetzung der Nazi-Herrschaft und eine gerechtere Welt. „Widerstand und Ergebung“ waren sein Leben, so hat man seine tiefsinnigen Gefängnisschriften überschrieben. Darin findet sich folgendes Gedicht mit der Überschrift „Christen und Heiden“, eine Art Lebenssumme des Christlichen. Dicht wie ein Telegramm sind diese drei Strophen.
„Menschen gehen zu Gott in ihrer Not, / flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot, / um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod. So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.“
Schon dieser Anfang gibt zu denken, denn viele heute gehen nicht mehr zu Gott, in ihrer Not nicht und nicht in ihrem Glück. Am Sprichwort „Not lehrt beten“ ist freilich doch mehr dran, als man denkt. Denn selbst wer an Gott nicht mehr glauben kann oder will, an einen allmächtigen schon gar nicht, braucht Adressaten - für seine Nöte und Bitten und wohl auch für das ebenfalls wichtige „Danke“.
„Menschen gehen zu Gott in Seiner Not, / finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, / sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod, / Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.“
Mit dieser zweiten Strophe kommt überraschend gleich die Wende: nicht unsere Not, sondern Seine. Abschied vom allmächtigen Gott, dem Alles-Könner und Alles-Macher. Von Gottes Ohnmacht ist da die Rede, und dass er oder sie eine Schwäche hat für uns und die Welt: Gott selbst in Not ist. Hier im Rheingau, wo ich lebe, gibt es einen alten Wallfahrtsort „Not Gottes“; da pilgern die Leute zum Schmerzensmann Jesus, er „trägt die Sünden der Welt“ und schafft sie weg. Dieser Gott sucht Mitliebende, Mitarbeitende, Mitleidende. Und dann die dritte Strophe:
„Gott geht zu allen Menschen / in ihrer Not, / sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot, / und vergibt ihnen beiden.“
So übernimmt Gott selbst die Regie, und das im Geben und Vergeben, wie es seine Art ist. Das nennen wir Christen dann Ostern, den Anfang der wahren Welt mitten schon in der noch falschen. Dafür hat Bonhoeffer gelebt, das ist das Geschenk des Christlichen, Grund der Hoffnung für alle. Aus Gottes Vergebung zu leben und sie zu bezeugen, das ist es.
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„Die Furcht vor der Freiheit“ heißt das Buch, vor 80 Jahren auf Deutsch erschienen und immer noch brandaktuell. Geschrieben hatte es der deutsche Psychoanalytiker Erich Fromm. Als Jude musste er vor den Nazis fliehen. Noch während des Weltkrieges damals wollte er genauer verstehen, warum so viele Deutsche dem braunen Verführer namens Hitler gefolgt sind. Und überhaupt: was sind „die Gründe für die totalitäre Angst vor der Freiheit“? Woher diese verbreitete Neigung, andere hochzujubeln oder zu verteufeln? Warum sich hinter anderen verstecken? Erich Fromm analysiert die Ich-Schwäche dahinter, die Angst vor eigener Verantwortung und letztlich die Weigerung, wirklich erwachsen zu werden. Zwar habe der moderne Mensch wahnsinnig viel erreicht, aber irgendwie sei da diese Angst vor der eigenen Courage, die Angst vor einem wirklich eigenständigen Leben.
Drei Fluchttendenzen macht der große Zeitdiagnostiker aus. Zuerst die Flucht ins Autoritäre. Wo man sich selbst hilflos und überfordert fühlt, sind andere willkommen, die Sicherheit versprechen und die angeblich glasklar wissen, wo es langgeht. Erich Fromm findet dahinter sehr viel eigene Unsicherheit; weil man und frau sich selbst nichts zutrauen, kommen sie nicht aus der Deckung, ihnen fehlt die Kraft zur eigenen Meinung.
Zweitens die Flucht ins Destruktive. Man jammert oder flucht über andere, weil man sich selbst nicht gut findet und nicht klarkommt. Da wird dann alles niedergemacht, was den eigenen Wünschen im Wege ist. Erich Fromm hat diese Tendenz zum Zerstörerischen an der Biografie Hitlers veranschaulicht. Wo viel Demütigung und Enttäuschung erlitten wurde, entstehen Ressentiment und Rachsucht. Und letztendlich manifeste Gewalt.
Und drittens die Flucht ins Konformistische: man passt sich an, man möchte nicht auffallen. Die Kunst, Ich zu sagen und Flagge zu zeigen, bleibt ungelernt. Jede wirkliche Veränderung wird so zur Bedrohung, man passt sich lieber an und trottet mit.
Wie es anders ginge, hat Erich Fromm selbst in seinem Bestseller „Die Kunst des Liebens“ beschrieben. Sich lieben zu lassen und ein positives Selbstgefühl zu entwickeln, lautet da die Einladung. Und verbunden damit: die Lust am Anderen, die Fähigkeit zu Beziehung mit ihnen. So wie man um einen anderen Menschen wirbt und freit. Meine Freiheit lebt ja von der Anerkennung deiner Freiheit, und umgekehrt. „Die Kunst des Liebens“ also – darauf kommt es an.
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80 Jahre ist es her, dass die Nazi-Herrschaft endlich zu Ende ging. Ich war sieben Jahre alt, und noch heute höre ich das Geraune der Erwachsenen damals Ende April 1945: „der Führer ist tot“. Seit Beginn dieses Jahres nun häufen sich deshalb die 80-jährigen Gedenktage: die Befreiung von Auschwitz, aber eben auch die Hinrichtung so vieler Kämpfer für ein neues Deutschland: Graf Moltke, Alfred Delp und Anfang April Admiral Canaris, Dietrich Bonhoeffer und so viele andere noch.
Im Vergleich zu damals haben wir gewiss privilegierte Zeiten. Nie sollten wir vergessen, wem wir diese Erfolgsgeschichte namens „freiheitlich demokratische Grundordnung“ verdanken. Aber rosig sieht es derzeit bei uns keineswegs aus: zu groß sind Verteilungsnöte und Verlustängste, zu unklar ob es bergauf oder bergab geht, zu verwirrend die weltpolitischen Verhältnisse. 80 Jahre danach geht erneut das Gespenst des Nationalegoismus um, Hasstiraden und Hetzkampagnen nehmen zu, Schwarz-Weiß-Malerei gefährdet Gespräche und Kompromisse. Wo sind die Kräfte, die zusammenführen und für Zusammenhalt kämpfen, für wirklich gerechte Verhältnisse? Damit nicht wie damals das Recht der Stärkeren wieder das letzte Wort gewinnt und militante Minderheiten die Macht ergreifen?
Vor 80 Jahren, zehn Tage vor seiner Hinrichtung, schrieb der Jesuitenpater Alfred Delp an sein Patenkind: „Ich möchte, dass du verstehst, was ich gewollt habe, wenn wir uns nicht richtig kennen lernen sollten in diesem Leben; das war der Sinn, den ich meinem Leben setzte, besser, der ihm gesetzt wurde: die Rühmung und Anbetung Gottes mehren; helfen, dass die Menschen nach Gottes Ordnung und in Gottes Freiheit leben und Menschen sein können“. Das klingt wie die Quadratur des Kreises: „Ordnung“ und „Freiheit“ zusammen, und das im Vertrauen auf jene gute Schöpfermacht, die alles im Innersten zusammenhält. Aber genau darum ging es damals, in einem neuen Deutschland sollten Mitmenschlichkeit und Menschenrechte das Sagen haben, nicht Eigensucht und Fremdenhass. Christenmenschen wie Delp, Moltke, Bonhoeffer und manch andere sonst gehören zu den geistigen Gründervätern unseres Staates - und das in schwierigsten Zeiten. Sie haben sich eingemischt und nicht lockergelassen. Wie gut, wenn wir solch mutige Leute im Boot haben, in dem Boot, in dem wir alle sitzen.
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Ein frohes Neues Jahr – das wünsche ich Ihnen und mir. Aber wieso eigentlich? Natürlich liegt das Jahr wie ein unbeschriebenes Blatt noch vor uns, und Freude kann man immer brauchen. „Besonders Gesundheit“, fügen manche gleich hinzu und natürlich Erfolg. „Ein frohes Neues Jahr“ - was ist das eigentlich und was sage ich da? Freude kann ich nicht einfach herbeizitieren und herstellen, am Fließband schon gar nicht. „Freu dich doch“ – solch ein Appell bewirkt eher das Gegenteil. Nein, Freude stellt sich ein, wenn ein Anlass da ist, ein Grund. Der Freuden-Wunsch hat mit dem Neuen Jahr zu tun, mit allem, was da auf uns zukommt. Keiner weiß, was es bringt; manchen ist eher mulmig zumute, und Unwägbarkeiten gibt es genug, aber eines ist das beginnende Jahr in jedem Fall: eine Riesenchance, womöglich sogar ein Geschenk. Daran können auch durchwachsene Aussichten nichts ändern. Und noch etwas Erstaunliches: Neujahr bedeutet Anfang. Mag der kalendarische Einschnitt auch etwas zufällig sein, mag das Leben vom letzten Jahr einfach überlaufen ins Neue. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – nicht zufällig ist dieser Gedichtvers von Hermann Hesse so bekannt. Da stecken Hoffnungen drin und eben Wünsche, Anfang klingt wie eine Verheißung, wie eine Initiation: der erste Schultag, der erste Kuss, das erste eigene Gehalt.
„Höre nie auf anzufangen, fange nie an aufzuhören“ – dieser Kalenderspruch passt gut zum heutigen Tag. Das Neue Jahr wird auch Situationen bringen, wo man die Brocken hinschmeißen und aufhören möchte. Selbst heute wird nicht jeder und jede hoffnungsvoll gestimmt sein. Umso wichtiger dieses „höre nie auf anzufangen“. Dahinter kann der Bibelleser den Psalmvers hören, ein Gebet voller Vertrauen: „In deiner Hand sind meine Zeiten“ (Ps 31,16 Böhler)“. Friedrich Wilhelm Schelling, ein großer Philosoph des 19. Jahrhunderts, hat den Satz geprägt: „Gott ist der, der anfangen kann und anfangen lässt“, eben der Schöpfer. In jedem zeitlichen Anfang ist das Wunder der ganzen Schöpfung präsent und aktiv, und die geschieht ständig. Kein Wort könnte ich sagen, wären da nicht schon Luft, Atem und Körper. Keinen Augenblick könnte ich schöpferisch sein, ohne dazu ermächtigt zu werden. Im deutschen Lehnwort Initiative steckt das lateinische „initium“, und das heißt Anfang in der Zeit. Und jedem Anfang wohnt der Zauber inne, der vom Schöpfungsmorgen ausgeht. Wie wunderbar, Initiativen entwickeln zu können und für das beginnende Jahr Prioritäten zu setzen.
Der Papst hat ein Heiliges Jahr der Hoffnung ausgerufen: also keine Illusionen und falsche Versprechen, aber auch nicht Trübsal blasen und resignieren. Nicht zufällig spricht man ja von guter Hoffnung, wenn ein Kind unterwegs ist. Ja, jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. In jeder Initiative steckt nämlich etwas von unserer Geburt und vom Geheimnis unserer Herkunft. Was wusste ich denn von der Welt, als ich noch im Mutterleib war? Welche Überraschung, das Licht der Welt zu erblicken, dieses absolute Neuland! Ob daher der Zauber jeden Anfangens kommt? Die katholische Kirche feiert heute das Fest der Gottesmutter Maria, sie würdigt in Maria den gottempfänglichen Menschen. Der Gott, der uns anfangen lässt, fängt in ihr und mit ihr neu an. Maria am Beginn des Neuen Jahres: eine mütterliche Hoffnungsgestalt, Symbol des gottdurchlässigen und glaubenskreativen Menschen. Alle sind eingeladen, in Gottes Sinne initiativ zu werden und guter Hoffnung zu sein.
Deshalb möchte ich schließen mit dem biblischen Segen, der in der heutigen Liturgie gesprochen wird. Wunderbar macht er den Sonnenaufgang zum Inbild von göttlicher Ermutigung und Treue: „Der lebendige Gott segne und behüte dich. Er lasse sein Angesicht leuchten und sei dir gut. Er wende dir sein Angesicht zu und gewähre dir Glück und Gelingen.“ Also, ein frohes Neues Jahr.
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Fast schade eigentlich, dass heute Abend nicht noch mehr geböllert werden darf. Denn es gibt wahrlich böse Geister genug, die es fürs kommende Jahr abzuwehren gilt. Das ist ja der ursprüngliche Sinn für das Feuerwerk, ein symbolischer Abwehrzauber zum Jahreswechsel. Weg mit dem Bösen aus dem vergehenden Jahr, und vor allem: radikale Abwehr des Bösen vom neuen. Das soll möglichst unbeschwert beginnen und verlaufen. Welch sinnvoller Wunsch. Schön wär’s, kann man da nur sagen. Die Realität sieht anders aus: Was da aus den USA auf uns zukommt, wirft viele Fragen auf. Die Kriege in der Ukraine, im Gaza und sonst gehen leider übergangslos weiter. Wie bei uns die Wahl ausgeht, ist durchaus offen; was dann kommt erst recht. Sollten die gesellschaftlichen Spannungen zunehmen, werden die Extreme sich weiter verschärfen. Manche sprechen sogar von „Zukunftsverlust“, als ginge uns die Zuversicht verloren. Aber Neujahr und Neugier sollten doch zusammengehören.
Natürlich würde ich der üblichen Böllerei nicht nachtrauern; die kostet Millionen und ist ökologisch ein Problem. Durchaus sinnvoll also, sie wenigstens einzuschränken. Aber damit sind ja die Fragen nicht weg, die dahinterstecken: Wie mit dem Bösen fertig werden, das sich aus dem letzten Jahr angesammelt hat? Wie die Zeitenwende schaffen, von der so viel geredet wird? Das Böse wird ja nicht durch ein Strohfeuer abgeschreckt, sondern durch Alternativen zum Besseren und Guten. Machen wir also eine kleine Jahresbilanz: was war in diesem Jahr besonders schön für mich, wo habe ich Glück gehabt und sehe mich überraschend beschenkt, was ist besonders gelungen? Dann wäre ein kleines Feuerwerk des Dankes fällig, vielleicht auch ein richtiges Loblied an die höhere Instanz. Und dann ebenso achtsam: was will ich im neuen Jahr erreichen? Welche Pläne priorisiere ich? Was macht mir Sorgen und wo sehe ich schwarz? Natürlich auch: wo könnte ich entschiedener sein und mich einmischen – mit allen Feuerkörpern des Widerstandes und auch des Kampfes. Solch ein klares Zwischenfazit zum Jahreswechsel - das lässt klarer sehen für die nächsten zwölf Monate. Ein Freund von mir wählt sich für jedes Jahr einen vorbildlichen Menschen zum Jahresbegleiter, sagen wir ruhig eine Heilige oder einen Heiligen, zum alltäglichen Geleit – Franz von Assisi z.B. oder Etty Hillesum, Martin Luther King oder Lieschen Müller. Klare Optionen und konkrete Ziele, und das in bester Begleitung: Ein kleines Feuerwerk der Zuversicht.
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Immer noch klingen Stimmungen und Bilder von Weihnachten in mir nach. Besonders die Geschenkrunde am Heiligen Abend. Wie da Glanz in die Augen und Gesichter kommen kann, dieses sprichwörtliche Strahlen. Auch beim Besuch einsamer Mitmenschen habe ich es wieder erlebt: die lösende Freude, dass doch jemand an sie gedacht hat. Warum kann das nicht das ganze Jahr über so weitergehen? Wie können wir dieses Strahlen oder jedenfalls etwas davon in den grauen Alltag retten und auf die Gesichter zaubern? Wie kann ich selbst ein Mensch mit guter Ausstrahlung sein und werden? Und von wem lasse ich mich anstrahlen? Direkt herstellen können wir das ja nie, Freude stellt sich von selbst ein, wenn entsprechend Schönes geschieht, als Folge und Frucht sozusagen. Freude kommt von innen, als würden verschlossene Türen aufgehen, und der Menschen verändert sich, das Gesicht strahlt. Offenkundig kommt es auf das richtige Schenken an, also auch auf die Kunst, sich beschenken zu lassen. Natürlich gehört auch die Liebe dazu. Dorothee Sölle, die leidenschaftliche Christin, sagte einmal frech und traurig „Liebe findet nur noch im Bett und zu Weihnachten statt“, sonst geht es gnadenlos zu, allzu oft jedenfalls. Kaum eine Spur vom Strahlen das Jahr über. Wie also die Freude hinüberretten und mitnehmen, die da weihnachtlich aufblitzte? Hinein in den grauen Alltag, damit es auch dort öfter zündet?
Einen erstaunlichen Hinweis dazu fand ich in den Tagebüchern von Franz Kafka, wenn er schreibt: „Es ist gut denkbar, dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt, aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie. Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.“ (18.10.1921) Der jüdische Schriftsteller gebraucht biblische Sprache: Von Herrlichkeit ist da die Rede, von Lichtglanz – und diese Herrlichkeit ist ständig abrufbar. Bei jedem Grashalm könnte man ins Staunen und Strahlen kommen, bei jeder hilfsbereiten Geste und jedem aufmerksamen Wort, eigentlich könnte alles Anlass sein zur Freude und auch zum Dank. Wir haben das Weihnachten gefeiert: „Himmel und Erde sind erfüllt von deiner Herrlichkeit“, heißt es in der Liturgie; sogar die Nacht strahlt auf. Gottes Liebe ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Man muss sie rufen, hervorrufen. Und das geht immer, nicht nur zu Weihnachten.
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Vor 60 Jahren ist sie gestorben, aber ihre Ausstrahlung nimmt von Jahr zu Jahr zu. Madeleine Delbrel gehört zu den Glaubenslehrerinnen, die in die Zukunft weisen, Sozialarbeiterin und Mystikerin zugleich. Was besonders beeindruckt, ist ihre handfeste realistische Art. Keine frommen Sprüche, keine Schlagzeilen, schlicht Alltag im Geiste Jesu. So sind auch ihre Schriften entstanden, wahrhaft Vollwertkost für alle, die mehr wollen, als sie sind. Hier nur ein Beispiel aus ihren Meditationen:
„Jeden Morgen, wenn wir aufwachen, begegnen wir als erstes unserem Leib. Diese Begegnung ist nicht immer angenehm; und dieses Zusammensein, das bald freundlich, bald aufgebracht ist, zieht sich durch den ganzen Tag.“ Beim ersten Lesen schon war ich völlig überrascht: so simpel die Beobachtung ist, ich hatte bisher nie daran gedacht. Die erste Begegnung am Tag ist die mit meinem Körper, selbst wenn ich nur unbewusst Gebrauch von ihm machte. Ich habe ja nicht nur einen Körper, ich bin es. Auch dass diese Begegnung nicht unbedingt angenehm ist, kann ich bestätigen. Der berühmte Blick in den Spiegel fällt öfter kritisch aus; es kommt vor, dass ich mich nicht ansehen und ausstehen kann. Jedenfalls ist jeder Morgen eine Einladung, mich mit mir selbst zu befreunden.
Madeleine Delbrel outet sich als Christin, wenn sie entschieden für Leib- und Seelsorge plädiert. Immerhin darf ich mich ja als Gottes Geschöpf verstehen, das genaue Gegenteil eines Missgeschicks oder einer Fehlleistung. Und ich bedarf der Pflege. Gottesglaube und Selbstsorge widersprechen sich nicht. Ich bin vielmehr proaktiv beteiligt an der Bewahrung der Schöpfung, wenn ich pfleglich mit mir selbst umgehe. „Wer sich selbst nichts Gutes tut, wie kann er anderen Gutes tun? Er ist der Grausamste aller Menschen“. So heißt es einmal in der Bibel (Sir 14,5f). Madeleine Delbrel meditiert das sehr konkret: Stimmungen, Unlustgefühle, Schmerzen - „nichts von alledem ist einfach nur etwas Negatives“ , schreibt sie, „es sind im Gegenteil die Bedingungen, unter denen Gott zu uns kommt. Wenn wir so den Willen Gottes in unserem Leib erkennen, müssen wir die kleinste Zelle davon respektvoll behandeln.“
Der tiefste Grund für solche Hochachtung vor dem Körper ist für Madeleine Delbrel klar. Es ist Jesus Christus selbst, der einladend sagt: „Das ist mein Leib, das bin ich für euch und für alle“.
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Elisabeth von Thüringen – eine Frau aus dem 13. Jahrhundert, aber immer noch aktuell und mit Ausstrahlung. Erstaunlich, wie viele noch heute von ihrem Rosenwunder wissen. Dass eine von ganz oben, eine Landgräfin, zu den Ärmsten der Armen herunterkommt und ihnen Hilfe bringt, berührt immer. Dass sie das gegen Widerstände ihrer adeligen Umgebung tut, berührt noch mehr. Das ist ja der Kick an der Geschichte vom Rosenwunder: die Landgräfin hatte ordentlich Brot unter ihrem Gewand versteckt, als sie von der Wartburg abstieg, heimlich und gegen alle Etikette. Als man sie kontrollierte, fanden ihre Gegner aber nur Rosen im vollen Duft. Natürlich eine legendäre Momentaufnahme, aber die goldrichtige Beschreibung dieser außergewöhnlichen Frau.
Nachweislich war Elisabeth fasziniert von Franz von Assisi. Der wollte ja bei den Armen sein, bei den Aussätzigen und Ausgesetzten; besonders bei ihnen fand er Christus. Früh schon hatte die franziskanische Reformbewegung in Thüringen Fuß gefasst, noch heute erzählt die Franziskanerkirche in Erfurt davon. Die junge Landgräfin jedenfalls war begeistert, sie änderte ihren Lebensstil und fing an, sich sozial zu engagieren. Das freilich führte zu Konflikten am Wartburger Hof. Besonders, nachdem Elisabeth ihren geliebten Mann nach nur sechsjähriger Ehe im Kreuzzug verloren hatte und ihr Schwager an die Macht kam. Klar, wer derart hinab steigt von den Oberen hinunter zu den Armen, hat etwas Subversives. Da werden ja soziale Rangordnungen und Gewohnheiten aufgemischt, damals wie heute. All dies klingt mit in der Geschichte von den Rosen. Immer geht es um das Wunder, dass Menschen und Verhältnisse sich ändern zugunsten einer größeren Gerechtigkeit.
Mit 19 Jahre schon war die ungarische Königstochter Elisabeth Witwe geworden; umso mehr folgte sie nun ihrer franziskanischen Berufung. Dass sie ihre Kinder deshalb in die Obhut anderer abgab, wirkt heute eher befremdlich; aber es lässt etwas ahnen von ihrer radikalen, kompromisslosen Art. Man darf dabei auch an neurotische Prägungen denken; sie gehören bisweilen zur Größe eines Menschen, gerade eines heiligen. Das ererbte Geld und alle ihre Kraft steckte Elisabeth in das Spital für Kranke und Arme in Marburg an der Lahn, wo sie 1231 starb, gerade mal 24-jährig, also vor fast 800 Jahren. Seitdem ist sie für viele eine Ikone christlicher Barmherzigkeit und kirchlicher Caritas geworden. In der Tat: ein vorbildlicher Mensch, ein Mitmensch.
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Genau vor 80 Jahren war es: da schmuggelte der Jesuitenpater Alfred Delp folgende Zeilen aus dem Nazi-Gefängnis: „Innerlich habe ich viel mit dem Herrgott zu tun und zu fragen und dranzugeben. Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten: die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.“ Welch ein Satz in dieser Situation, mit gefesselten Händen geschrieben. Kurz zuvor waren drei Gefährten aus dem Widerstand hingerichtet worden, Delp selbst kämpft weiter ums Überleben. Er ringt mit Gott, man ahnt die Gebetskämpfe und Fragen - und doch diese unglaubliche Zuversicht, dieses Weltvertrauen im Namen Gottes, des treuen Schöpfers. „Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen“, selbst in dieser dramatischen Lage.
Dann heißt es weiter in diesem bewegenden Dokument: „Wir aber sind oft blind. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt, an dem sie aus Gott herausströmen. Das gilt für alles Schöne und auch für das Elend…In allem will Gott Begegnung feiern.“ Ich kenne kaum ein anderes Zeugnis, das die Kraft des Osterglaubens derart auf den Punkt bringt. Wie schön dieses Bild vom Brunnenpunkt, wonach letztlich alles aus Gottes Güte hervorsprudelt. Selbst aus dem Bösen kann und will er Gutes schaffen.
Ich dagegen, wie gern picke ich mir aus dem Alltagskuchen die Rosinen heraus und halbiere damit die Wirklichkeit: das Schöne und Gelingende nehme ich gerne an, vermutlich viel zu selbstverständlich noch, aber das Schwere und Unbegreifliche halte ich mir möglichst vom Leib. Dieser Alfred Delp dagegen geht aufs Ganze und stellt sich. Alles nimmt er ins Gebet. Auch im schier Ausweglosen sucht und entdeckt er die Handschrift Gottes. Bis zuletzt übrigens hat Alfred Delp ums Überleben gekämpft und darauf gehofft, dass ihm Todesurteil und Hinrichtung erspart bleiben, leider erfolglos. Gottvertrauen heißt gerade nicht, dass man die Hände in den Schoß legt. Ganz im Gegenteil. Nichts von Schwarzseherei und Gejammer über die böse Welt; stattdessen dieses unbändige Gott- und Weltvertrauen trotz allem. Wer im Sinne Delps zu glauben vermag, rechnet immer mit dem Guten, in Widerstand und Ergebung, voller Vertrauen auf Gottes Gegenwart.
„Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam entgegen“. Wirklich entgegenkommend! Entscheidend ist, es zu probieren.
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