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Mit wenigen Pinselstrichen machte sie aus den Farbklecksen echte Kunstwerke. Die Kinder hatten Farbe auf eine Glasscheibe getropft und anschließend Papier darauf gelegt. Die zerlaufene Farbe erzeugte dann abstrakte Flecken, aus denen die Künstlerin mit ihren kleinen Ergänzungen faszinierende Fantasiewelten entstehen ließ. Die Frau war voller Kreativität und Lebensfreude.
Dabei hätte sie eigentlich allen Grund gehabt, Trübsal zu blasen und ihr Schicksal zu beklagen. Seit einem schweren Verkehrsunfall war sie querschnittsgelähmt und saß im Rollstuhl. Ihr Mann hatte sie verlassen, weil er sich die Ehe anders vorgestellt hatte. Ein echt hartes Schicksal. Und trotzdem: Wenn ich ihr begegnete war sie zuversichtlich und fröhlich. Ich fand, das war alles andere als normal. Sie hatte eine Ausstrahlung und Lebensfreude, die sie nicht nur für Kinder zu einem geschätzten Gegenüber machte. Auch Erwachsene suchten immer wieder das Gespräch mit ihr, um von ihrer Lebenserfahrung zu profitieren. Und von ihrem Glauben.
Die Katastrophe hatte sie ganz neu fragen lassen, wo sie Halt finden und worin jetzt noch der Sinn ihres Lebens bestehen könnte. Jetzt, wo sie ein Pflegefall war und ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte. Bei dieser Suche ist sie Gott begegnet. Sie hat beim Lesen der Bibel entdeckt, dass ihr Wert nicht von ihrer Gesundheit und Leistungsfähigkeit abhängt. Und sie hat trotz der harten Schicksalsschläge glauben können, dass sie eine geliebte Tochter ihres Vaters im Himmel ist.
Mir scheint, dass wir es hier mit einer der zahlreichen paradoxen Wahrheiten zu tun haben, die uns in der Bibel begegnen. Jesus sagt im Matthäusevangelium (Mat 5,4): „Selig sind, die Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.“ Das könnte man als Zynismus missverstehen. Aber es geht um etwas anderes. Solange es uns gut geht, fragen viele von uns nicht nach Gott. Wozu auch? Es geht ja auch prima ohne ihn. Dabei bekommen wir gar nicht mir, dass uns eine ganz wichtige Dimension unseres Lebens entgeht: die persönliche Beziehung zu Gott. Zum Vater im Himmel, mit dem wir alle Facetten unseres Lebens teilen können.
Die Frau, hat mir sinngemäß einmal gesagt, die Erfahrung, Gott kennengelernt zu haben, sei ihr inzwischen wichtiger als ihre Gesundheit. Wenn sie wählen müsste zwischen einem Leben ohne Unfall und einem Leben ohne Gott würde sie immer die Beziehung zu Gott wählen. Puh – Das ist eine gewaltige Aussage. Ich weiß, dass sie auch manche dunkle Stunden hatte, in der sie mit ihrem Schicksal gehadert hat. Und trotzdem war es so, dass sie mit Gottes Hilfe aus den Fragmenten ihres Lebens etwas Wertvolles und Schönes machen konnte. Inzwischen ist sie leider verstorben. Aber der Eindruck, den sie auf mich gemacht hat, ist geblieben.
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Wie viel hatte sie damals – in den Achtzigern – getan, um den Leuten in ihrer Klasse zu gefallen. Wie sie sich anzog, welche Musik sie hörte, was sie cool fand, aber auch wofür sie sich keine Zeit nahm – das alles bestimmte ganz wesentlich die Clique. Wenn sie heute daran zurückdenkt, wird ihr bewusst, dass ihre Mitschüler von damals keinerlei Bedeutung mehr für sie haben. Und doch hatte ihr Einfluss sie bestimmt und geprägt. Der Mann, den sie geheiratet hatte, war einer von ihnen. Aber im Rückblick musste sie feststellen, dass sie überhaupt nicht zueinander passten und nie wirklich eine Chance hatten für eine glückliche Ehe.
Wie konnte sie nur so blind gewesen sein? Als sie ihren Burnout in einer Klinik aufarbeitete, wurde ihr klar, dass das Muster noch viel tiefer saß. Immer wollte sie es allen recht machen und vor allem dazugehören. Ihre Eltern sollten stolz auf sie sein können. Eine gute Mutter wollte sie sein – und eine gute Ehepartnerin. In der Firma passte sie sich den Erwartungen der Kollegen und der Chefin an. Bis es irgendwann nicht mehr weiter ging.
Die Klinik, in die sie kam, war ihr von einer Freundin empfohlen worden. Sie war von engagierten Christen gegründet worden, und das spürte man durchaus. Sie begegnete dort einem Satz, der zunächst ziemlich altertümlich klingt. Es ist ein Satz von Jesus aus dem Matthäusevangelium: „Kommt her zu mir, alle die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir (Mat 11,28-29).“
Entlastung und Befreiung erfahren, indem man sich von Jesus etwas Neues auferlegen lässt? Das klingt wie ein Widerspruch in sich. Und doch handelt es sich um eine der Grundwahrheiten, die das Neue Testament durchziehen. Sie lautet: durch die Bindung an Jesus finden wir Freiheit zum Leben. Jesus fordert auf, sich von ihm zeigen zu lassen, was hilfreich oder schädlich und was richtig oder falsch ist. Wer sich darauf einlässt, verspricht er, wird frei von anderen Antreibern und Mächten, die uns steuern. Das Ganze funktioniert, wenn ich mich tatsächlich immer wieder neu an Jesus orientiere. Das meint das Bild vom „Joch auf sich nehmen“. Natürlich ist jede Beeinflussung von außen Einschränkung und somit ein Joch. Auch die durch Jesus. Aber, gibt es nicht immer etwas oder jemanden, der uns bestimmt? Unsere Freiheit besteht nur darin, dass wir wählen können, wer und was uns prägen soll.
Sich freiwillig an Jesus zu binden, war für diese Frau die Entdeckung ihres Lebens und der Beginn eines heilsamen Weges.
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Um den Job hat den jungen Mann sicher mancher beneidet: Software-Projektmanager bei einem führenden Unternehmen der Branche – anspruchsvoll und technisch auf höchstem Niveau. Krisenfest und sehr gut bezahlt. Aber ihn füllte das nicht aus. Er sah immer weniger Sinn darin, Luxusprodukte für anspruchsvolle und verwöhnte Kunden noch ausgefeilter und extravaganter zu machen.
Deshalb sprach er mit Freunden und Bekannten darüber - auch mit mir – welche Alternativen es wohl geben könnte. Er hat eine gefunden: Heute lebt er mit seiner Familie in Kambodscha und arbeitet für eine christliche Entwicklungshilfeorganisation. Er hilft Aussteigern aus der Prostitution – Frauen wie Männern – einen normalen Beruf zu erlernen und auszuüben. Nur mit einem ausreichenden Einkommen, fällt der Zwang weg, sich aus Armut zu prostituieren.
Dass jemand so etwas tut, ist alles andere als normal. Seine Entscheidung hat mit Jesus zu tun, denn der fordert seine Leute zu manchem auf, das auf den ersten Blick eine Zumutung zu sein scheint. „Geben ist seliger als Nehmen!“ hat er einmal gesagt (Apg 20,35). Das Wort ist zu einem Sprichwort geworden. In der Regel wird der Satz ironisch oder spöttisch verwendet. Dieser junge Mann aber hat Jesus beim Wort genommen und ernst gemacht. Auch seine Frau hat den Entschluss mitgetragen, und ich verstehe die beiden. Denn ob wir glücklich sind und ob unsere Seele satt wird, entscheidet sich nicht an der Position, am Ansehen oder am Gehalt.
Ich habe die beiden übrigens gefragt, ob ich ihre Geschichte so im Radio erzählen dürfte. Der Mann schrieb mir zurück: „Als ich deinen Text gelesen habe, dachte ich: Eigentlich fühlt es sich für uns gar nicht an, als wären wir hauptsächlich Gebende. Wir fühlen uns auch als Beschenkte.“ Genau darum geht es. Es kann mich sehr glücklich machen, wenn ich merke, dass mein Einsatz den anderen vor dem Abgrund bewahrt und dass meine Arbeit ihm hilft mit dem Leben klarzukommen. Wer ausschließlich darauf programmiert ist, seinen Vorteil zu suchen, verliert etwas Wesentliches. Die Gier ist ein erbarmungsloser Antreiber, der unsere innere Gelassenheit und die Freude am Leben zerstört.
Aber wie bekommen wir den Schalter umgelegt? Ich denke: Indem wir einmal ausprobieren, was es mit uns macht, der Weisheit der Bibel zu folgen. Zum Beispiel: Geben, ohne dass wir es müssten. Gerne geben – großzügig geben – sinnvoll geben. Mich selbst geben, meine Zeit, meine Kraft, mein Wissen. Mich investieren, obwohl ich materiell nichts dafür bekomme. Ich bin sicher, dass wir dabei nicht ärmer werden, sondern im Gegenteil reich an neuen, guten Erfahrungen.
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„Ich habe jede freie Minute zum Lernen genutzt. Aber eigentlich war es Wahnsinn, sich der Prüfung zu stellen“, erzählt die junge Studentin. „Ich habe immer wieder gebetet, und schließlich habe ich zu Gott gesagt: Du weißt, ich habe getan war mir möglich war. Mehr geht einfach nicht. Ich überlasse das Ergebnis jetzt dir. Egal was dabei herauskommt.“
Ich kenne diese junge Studentin und weiß, dass sie nicht faul ist. Sie erzählte mir, dass sie eigentlich schon Wochen vorher mit dem Lernen beginnen wollte - aber manchmal stoßen wir an unsere Grenzen, und mehr geht einfach nicht. Ich kenn solche Situationen auch in meinem Leben. Manchmal ist der Kalender so voll und die Projekte sind so dicht getaktet, dass nichts, aber auch gar nichts dazwischen kommen darf. Das ist Stress pur!
Dann muss ich immer wieder an Psalm 23 denken, wo David betet und zu Gott sagt: „Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ – Was für ein Bild: Die Verfolger im Nacken sagt Gott zu ihm: Nun entspann dich erst mal. Bleib eine Weile bei mir, anstatt weiter zu hetzen. Setz dich hin und lass uns miteinander essen, trinken und reden. Ich bin doch bei dir, und ich kümmere mich um deine Sache. – Das ist für mich Leben mit leichtem Gepäck, selbst wenn es ganz dicke kommt.
Keine Frage, wir sind für unser Leben verantwortlich und sollen unser Bestes geben, um ans Ziel zu kommen. Aber das andere gilt auch: Wir stoßen immer wieder an die Grenzen unserer Kapazität und unserer Möglichkeiten. Dann ist es wichtig zu sagen: Genug ist genug! Ich habe alles getan, was mir möglich war. Mehr geht einfach nicht. Wohl gemerkt: Wir reden ja nicht nur über Prüfungen im Studium. Das Leben hält noch ganz andere Prüfungen für uns bereit. Wenn ich die Kinder loslassen muss, weil sie nun ihr eigenes Leben leben wollen. Oder wenn ich entscheiden muss, ob ich der riskanten Operation zustimme oder nicht. Der Psalm 23 erinnert mich dann daran, dass Gott mit mir unterwegs ist und ich mich jetzt ganz ihm anvertrauen kann. Trotz allem.
Übrigens: Morgen ist Sonntag! Für viele ein freier Tag. Gott hat ihn uns bewusst verordnet, damit wir uns bei ihm ausruhen und Abstand vom Alltag gewinnen. Wir können es uns daher leisten, den Sonntag entspannt gemeinsam mit Gott zu feiern.
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Meine Bandscheibe bringt mich fast um. Mein Rücken tut fürchterlich weh. Daher habe ich jetzt dienstags und freitags Krankengymnastik. Dabei lerne ich ein paar Übungen, um meinen Rücken zu stärken und die Wirbelsäule zu entlasten. Das tut echt gut. Leider ist die Behandlungsreihe bald vorbei. Dann muss ich die Übungen aus eigenem Antrieb regelmäßig weiter machen. Das bedeutet: Noch im Halbschlaf mich dehnen, strecken und die Muskeln gezielt anspannen. Und den ganzen Tag über anders aufstehen, mich anders bücken, anders heben und tragen als bisher. Das ist ganz schön nervig, aber es hilft!
So ist das wohl immer im Leben, wenn wir etwas ändern wollen, denn Leben wird nur durch Leben verändert. Durch anderes, neues Leben, und nicht durch bloße Theorie. Ich muss die alten, vorprogrammierten Routinen, durch neue ersetzen. Aber das betrifft ja nicht nur meinen Rücken. Eigentlich will ich mein ganzes Leben von falschen Haltungen und unnötigem Ballast befreien. Es geht um Leben mit leichtem Gepäck. Für mich hat das ganz viel mit meiner Beziehung zu Gott zu tun.
Es gibt ein Phänomen, das die Bibel als „Frucht des Geistes“ bezeichnet. Ich finde, das ein schönes Bild, denn dahinter steckt die Idee, dass Gott im Leben eines Menschen bestimmte Charaktereigenschaften entstehen lässt. Ganz langsam und ganz natürlich, eben wie bei einer Frucht, die am Baum wächst. Dazu gehören Liebe, Freude und Frieden. | Geduld, Freundlichkeit und Güte. | Treue, Bescheidenheit und Selbstbeherrschung – so steht es in der Bibel. Die Vorstellung dahinter ist, dass ein Mensch sich in seinem Alltagsleben kontinuierlich von Gott beeinflussen lässt. Immer wieder neu setze ich ein Stückchen von dem um, was Gott mir klar macht. Auf Dauer hat das große Auswirkungen. Meine Unarten werden vielleicht etwas weniger. Angst, Gleichgültigkeit, Neid, Eitelkeit, Geltungssucht – all die inneren Antreiber. Sie treten zurück und verlieren an Bedeutung.
Wenn ich mit Gott zusammen lebe, verändert sich mein Lebensstil und meine Persönlichkeit bekommt ein neues Profil. Das braucht seine Zeit – so wie die Krankengymnastik. Und wie bei der Krankengymnastik bin ich auch nicht irgendwann damit fertig. Aber ein solches Leben tut mir gut und ich merke, wie es mir hilft, mich im Vielerlei des Alltags zu orientieren und besser zurecht zu kommen.
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Wir haben angefangen unser Haus aufzuräumen! Unglaublich, was sich da alles im Laufe der Jahre in den Schränken, im Keller und auf dem Dachboden angesammelt hat. Das Aufräumen und Aussortieren ist nötig, weil sich die Zeit meiner Berufstätigkeit dem Ende zuneigt. Das bedeutet, dass wir uns in vielerlei Hinsicht neu orientieren werden. Leben mit leichtem Gepäck, lautet dabei unsere Devise. „Fangt ja nicht zu spät mit dem Ausmisten an“, haben uns Freunde gewarnt. „Sonst geht ihr in dem Chaos unter.“ Ich ahne, dass sie Recht haben.
Es geht nämlich nicht nur um die Entsorgung von irgendwelchen Gegenständen. Alles hat schließlich mit meinem Leben zu tun. Ich merke, ich bin dabei, mein Leben aufzuräumen. Aber was aus meiner Vergangenheit hat wirklich bleibende Bedeutung? Und spannender noch: Was ist für unsere Zukunft eigentlich noch hilfreich und wichtig? Die Spielsachen der Kinder erinnern an die teilweise chaotischen, in der verklärten Rückschau aber wunderschönen Jahre, als sie noch bei uns wohnten. Aber das ist vorbei. Da ist eine Kiste mit alter Garderobe von mir. Ich weiß noch genau, in welchem Urlaub ich die schicke Jacke gekauft habe. Viel zu schade zum Wegwerfen eigentlich! Ach ja, und die Kontoauszüge aus den 90er Jahren liegen tatsächlich auch noch da.
Die größte Herausforderung ist übrigens mein Arbeitszimmer. Ich bin ein eifriger Sammler, und so habe ich in mehreren Jahrzehnten zahllose Aktenordner mit Skripten und Zeitschriftenartikeln gefüllt. Welche behalten Bedeutung, und in welche werde ich wohl nie wieder hineinschauen? Noch schwieriger wird es bei meinen Büchern. Bücher wegwerfen geht gar nicht, sagen mir manche. Schon klar, für Bücherfreunde sind sie ein Teil des Lebens. Aber darum geht es ja gerade: das Leben anzuschauen und sich eine Meinung zu bilden, was bleibende Bedeutung hat und was inzwischen zerbröselt und vergangen ist, ohne dass ich es so recht bemerkt habe. Deshalb werde ich mich auch von vielen Büchern trennen. Ich will frei werden, um im Heute zu leben und für die Zukunft offen zu sein. Und das heißt für mich: loslassen – abgeben – reduzieren auf das Wesentliche. Leben mit leichtem Gepäck eben.
„Alles hat seine Zeit“, ist in der Bibel im Buch Prediger zu lesen. Das klingt banal, aber ich will das ernst nehmen. Ich glaube nämlich, dass darin ganz viel von Gottes Weisheit steckt.
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Ich brauche eine neue Brille. Eine Gleitsichtbrille soll es schon sein. Vielleicht mit leichten Kunststoffgläsern, entspiegelt, getönt, gehärtet? Und schick soll sie natürlich auch sein. Aber wenn ich anfange, die Angebote zu vergleichen, wird es echt schwierig. Beim einen sind der Kratzschutz und die Brillenversicherung im Preis enthalten. Der andere bietet mir gleich zwei Brillen zum Preis von einer an. Aber was soll ich damit? Beim Gestell wird es ganz kompliziert. Das eine gefällt mir nicht, das andere ist mir zu teuer. Eine bekannte Nobelmarke. Schon klasse, mit so einer Brille herumzulaufen. Aber die Frage ist immer: Was ist mir wichtig, und was ist mir welchen Preis wert? Die Auseinandersetzung mit so vielen Optionen macht das Leben richtig anstrengend. Das betrifft ja fast alle Aspekte meines Lebens. Dabei möchte ich eigentlich einfach nur leben. Und das mit möglichst leichtem Gepäck.
Es gilt geradezu als Kennzeichen unserer Zeit, der sogenannten Postmoderne, dass alles möglich und irgendwie gleich richtig und gleichwertig ist. Manche sind stolz darauf, total flexibel und ungebunden zu sein. Wie soll ich mich jetzt schon festlegen, ob ich Samstag zur Feier komme, wenn sich bis dahin noch so viele Türen auftun können? Muss man heute so ticken, wenn man mit dem Leben klarkommen will? Für andere sind dagegen Beständigkeit, Planbarkeit und Verlässlichkeit wichtig. Aber ist das nicht spießig und anerzogen? Die einen erzählen stolz, wie sie auf Kosten anderer möglichst viel Profit herausholen. Die anderen geben an der Kasse sogar das Geld zurück, das ihnen die Kassiererin versehentlich zu viel gegeben hat. Das Leben ist ganz schön kompliziert.
Da finde ich es spannend, wenn ich in der Bibel Rahmenbedingungen und Handlungslinien vorfinde. Für mich werden da Werte und Prinzipien erkennbar, die zeitlos gültig sind, weil Gott dahintersteckt. Diese Worte geben mir eine Orientierung, für die ich dankbar bin. Es verliert an Bedeutung, was die andren meinen oder tun. Viel wichtiger ist für mich, wie Gott darüber denkt. Und je nachdem, was dabei herauskommt, mache ich fröhlich mit, oder sage auch einfach mal: „Nein Danke“. Das reicht vom Brillenkauf bis zu meinen politischen Einstellungen. Deshalb schließe ich mich gerne den Worten aus Psalm 119 (V.105) an: „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ Zugegeben, die Sprache ist etwas altmodisch. Die Sache aber finde ich hochaktuell.
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In den Sommerferien haben bei uns drei Studenten übernachtet, die eine Fahrradtour quer durch Deutschland machten. Unser Quartier war für sie geradezu Luxus: Endlich mal wieder ein richtiges Bett und eine warme Dusche. Die meisten Nächte hatten sie nämlich auf Luftmatratzen in Jugendräumen von Kirchengemeinden verbracht. Ein einfaches Frühstück aus dem Rucksack – und dann ging es wieder auf die Straße. Ein bisschen habe ich die jungen Burschen beneidet. Es geht offenbar auch ganz einfach, und man kann trotzdem richtig viel Spaß dabei haben und glücklich sein. Leben mit leichtem Gepäck. Einfach lebendig sein und sich am Leben freuen. – Gibt es das nur bei jungen Leuten, bevor sie sich etablieren? Oder ist das auch eine Möglichkeit, wenn man wie ich schon etliche Jahre älter ist? Meine Frau und ich probieren das gerade aus!
Wir räumen zur Zeit das Haus auf, in dem wir wohnen und trennen uns von ganz vielen Dingen. Dabei merken wir, wie uns das geradezu beflügelt und lebendig macht. Und das Beste ist: Mit vielen Dingen können wir anderen eine Freude machen und etwas Positives bewirken. Manches verschenken wir an Freunde und Bekannte. Manches kommt in die Kleiderkammer für Flüchtlinge. Und wieder anderes bringen wir in den Diakonieladen unserer Stadt, wo es für ein paar Cent oder Euro an Bedürftige verkauft wird. Und ja, vieles gehört auch einfach in die Tonne. Wir könnten manche Dinge durchaus auch im Internet verkaufen und zu Geld machen. Aber ehrlich gesagt ist der Gewinn für uns viel größer, wenn wir Sachen verschenken. Der Gewinn an Freude und Genugtuung nämlich.
Es gibt einen Satz von Jesus, der oft belächelt wird. Er lautet: „Geben ist seliger als Nehmen (Apg 20,35)“. Ich glaube, dass damit eine ganz tiefe Wahrheit und ein enorm hilfreiches Prinzip beschrieben wird. Wer auf Nehmen programmiert ist, bekommt nie genug, ist nie zufrieden, kommt nie zur Ruhe. Wenn ich aber das Grundgefühl habe: Ich gehöre zu denen, die Überfluss haben und abgeben können, gehe ich zufrieden und dankbar durchs Leben. Das ist übrigens keine Frage des Einkommens oder Vermögens, sondern des Charakters und Selbstbildes. Es gibt Menschen, die viele Millionen besitzen und meinen immer noch, die Gesellschaft um Steuern betrügen zu müssen. Ist das nicht erbärmlich und ein echtes Armutszeugnis? Aus meiner Sicht ist das kein Leben, das ich leben möchte. „Geben ist seliger als Nehmen.“ – Eben, ein Leben mit leichtem Gepäck. Das finde ich viel attraktiver. Einfach lebendig sein und Gott für die Dinge danken, die man nutzen und erleben kann. Für meine Frau und mich fühlt sich das jedenfalls echt gut an.
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„Einfach ist mehr!“ Unter diesem Motto wirbt ein großer Discounter seit einigen Wochen. Man brauche keine zehn Sorten Zitronen, sondern einfach nur Zitronen, heißt es da zum Beispiel. Und auch keine Supermärkte, in denen man sich verlaufe. Einfaches, überschaubares Angebot anstelle von verwirrender Vielfalt und Entscheidungsstress – das ist die Botschaft. – Ein Marketingtrick, um die eigene Schlichtheit schön zu reden? – Oder trifft es nicht vielleicht doch auch ein Lebensgefühl unserer Zeit weit jenseits von Zitronen und Spagetti? Ich sehne mich danach, einfach nur lebendig zu sein und mich am Leben zu freuen. Leben mit leichtem Gepäck.
Viele fragen sich: Warum ist alles so kompliziert? Warum sind Frauen so schwierig? Beziehungsweise Männer! Warum scheitern Ehen, obwohl beide Partner das nie gewollt haben? Warum bin ich so kompliziert. Ich verstehe mich ja manchmal selbst nicht. Oder: Wie soll ich als junger Mensch meinen Platz in der immer spezialisierter werdenden Berufswelt finden? Wie kann man noch privat für‘s Alter vorsorgen, wenn selbst die Finanzfachleute keinen Plan von der zukünftigen Entwicklung zu haben scheinen? Mal ganz abgesehen von den großen gesellschaftlichen Themen: Warum können die Kriegsparteien im Nahen Osten sich nicht zusammensetzen und Frieden schließen? Warum kann man nicht einfach alle Flüchtlinge aufnehmen oder einfach die Grenzen dichtmachen? – Fragt man die Fachleute dazu, dann lautet die Antwort oft genug: Weil das nicht so einfach ist! Unsere Welt wird immer komplexer und unüberschaubarer und überfordert mich als Einzelnen oft genug.
Leben mit leichtem Gepäck! – Vielleicht ist das auch die Sehnsucht nach meiner Kindheit, wo ich unbeschwert spielen konnte und die Eltern für das Drumherum sorgten. Falls mir denn eine solche vergönnt war. Aber auch sonst steckt meines Erachtens in uns allen die Sehnsucht nach einem, der sich kümmert, uns schützt und durch den Dschungel der Komplexität und Kompliziertheit navigiert. Die Sehnsucht nach Gott, dem Vater im Himmel. Ich jedenfalls gebe gerne zu, dass ich diese Sehnsucht habe. Jesus sagt einmal: Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen. Und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie?“ (Mat 6,26)?“ – Schon klar, ich bin kein Vogel, sondern ein Mensch, der Verantwortung trägt und Entscheidungen fällen darf und muss. Und trotzdem nimmt es mir den Stress und eröffnet mir Freiräume, wenn ich mich auf die Worte von Jesus einlasse.
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Heute ist Samstag, der wohl beliebteste Tag zum Heiraten. Ich bin mir sicher, dass ich heute mindestens eine Hochzeitsgesellschaft hören werde, die mit lautem Gehupe die Umgebung auf das große Ereignis aufmerksam machen will.
Merkwürdig, die kirchliche Trauung ist für die meisten doch wichtig für ihre Ehe - auch wenn man der Sache mit Gott sonst wohl eher gleichgültig oder gar skeptisch gegenüber steht. „Ja früher habe ich auch geglaubt“, hört man manchmal. „Doch inzwischen habe ich das hinter mir gelassen.“ Aber viele spüren doch, dass die Ehe eine große Aufgabe ist. Das Zusammenleben scheint immer komplizierter zu werden. Angesichts der vielfältigen Herausforderungen ist es sicher kein Fehler, sich für den gemeinsamen Weg himmlischen Beistand zu holen.
Noch besser aber ist es, wirklich ernst zu nehmen und zu nutzen, was uns im Segen zugesprochen wird. Als Brautpaar, aber auch sonst im Leben. Gott ist ja ein Gott unseres Alltags und nicht nur der Hoch-Zeiten. In der Bibel ist uns ein Lied von David, dem Hirten und späteren König von Israel überliefert. Er kennt das ganze Spektrum des Lebens. Den einfachen Berufsalltag, genauso wie die Leitungsverantwortung für ein ganzes Volk. Er kennt Macht und Luxus genauso wie Flucht und Vertreibung. Wie kommt man mit einem solchen Pensum klar, ohne unterzugehen? – Sein wohl bekanntestes Lied, der Psalm 23, klingt für mich wie die Antwort darauf. Er beginnt mit der Grundlage „Der Herr ist mein Hirte.“ Und er endet mit der Perspektive: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ David weiß, dass die Erfolge seines Lebens nicht nur auf seinem eigenen Mist gewachsen sind, sondern zu dem Guten gehören, dass Gott ihm hat gelingen lassen. Er weiß, wie oft er auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen ist. Von dieser Treue Gottes lebt er bis zu seiner letzten Stunde. Kein Wunder, dass er das nicht mehr missen will und deshalb sein Leben lang „im Hause des Herrn bleiben“ will, wie er sich ausdrückt.
Ich meine zu wissen, wovon David redet und wie sich das anfühlt. Für mich war es immer enorm wichtig, solch ein Fundament zu haben, von dem aus ich meine Ehe gestalten oder ganz allgemein das Leben mit seinen vielfältigen Herausforderungen bewältigen kann. Und immer wenn ich die Hochzeitsautos hupen höre, dann denke ich: das wünsche ich den beiden auch. Ja, ich wünsche jedem Menschen, dass der Glaube für sie eine Kraft und Hilfe zum Leben im Hier und Heute wird!
