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Ich hab ja eine Sympathie für Undercover-Christen.
Zum Beispiel Nadja. Sie schreibt auf Instagram Gedichte über soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Richtig gute Texte, die hängen bleiben. Das Besondere ist: Mit Kirche hat sie eigentlich nichts am Hut. Glaube spielt in ihrem Leben keine große Rolle. Und trotzdem denk ich mir: Das, was sie da schreibt, das ist christlicher, als so manche Predigt.
Oder Matze. Ein ehemaliger Kommilitone meiner Frau. Überzeugter Atheist. Aber er gibt einfach kostenlos Nachhilfe. Nicht, weil er an Gott glaubt, sondern einfach, weil er Schülerinnen und Schüler unterstützen will.
In der Bibel steht sinngemäß: Glaube soll nicht zur Show werden. Nicht laut und für andere. Sondern ehrlich und bescheiden. Nicht, um gesehen zu werden, sondern weil es von innen kommt.
Genau daran muss ich bei Nadja und Matze denken. Sie würden sich wahrscheinlich nie christlich nennen. Aber sie tun das, worauf es ankommt. Oder was Christinnen und Christen eben auch wichtig ist: Sie schauen nicht nur auf sich selbst. Sie reden nicht nur darüber, dass sich etwas ändern müsste. Sie machen einfach!
Vielleicht sind mir die beiden gerade deshalb so sympathisch. Und ich nenne Leute wie sie gerne Undercover Christen: Weil sie nicht glauben, aber trotzdem glaubhaft leben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44439Die stärkste Pfarrerin. In aller Bescheidenheit darf ich sagen: Die stärkste Pfarrerin ist meine Kollegin. Meine Pfarrkollegin kam in dieses Alter. Dieses Alter, vor dem alle Welt uns Frauen warnt: Mit 50 fängt das Schwitzen an, die Knochendichte lässt nach. Es wird gesagt, man bzw. hier nur frau werde nun unattraktiv. Meine Pfarrkollegin hat die Herausforderung angenommen und sich ein neues Hobby gesucht: Gewichtheben. Und es hat funktioniert: sie stemmt Gewichte und hat Spaß, sie ist gesund und gut drauf, ihre Knochendichte ist der Hammer – und sie hat Erfolg! Es gibt nicht viele Frauen in ihrem Alter, die Gewichte stemmen, und so eilt sie von Wettkampf zu Wettkampf, von Medaille zu Medaille. Ich sag ja: die stärkste Pfarrerin!
Ich habe sie dann mal gefragt: Hat das Gewichtheben auch etwas mit Deinem Pfarrerinnensein, mit Deinem Glauben zu tun?
Sie hat mir mit einem Spruch aus der Bibel geantwortet. Dort steht: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.” (2.Timotheus 1,7)
„Keine Angst, sagt sie, vor einem neuen Lebensabschnitt. Gott weht uns dieses kühlende Lüftchen, diesen Geist zu. Gott lässt uns mit Besonnenheit und Liebe unser Leben angucken und gibt uns enorme Kraft, das alles zu stemmen!“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44395„Das wird schon wieder.“
Und: „Die Zeit heilt alle Wunden.“
Oder: „So ist das Leben.“
Das sind Sätze, die man so oder anders zu hören bekommt, wenn ein lieber, nahestehender Mensch gestorben ist. Phrasen, die einem in so einer Situation eher hohl vorkommen.
Wobei man auch sagen muss: Unsere Gesellschaft macht es uns nicht leicht, die richtigen Worte der Anteilnahme zu finden. Über Krankheit, Sterben, Tod reden wir kaum. Nur: Dem aus dem Weg zu gehen, ist auch nicht besser. Und so seltsam es klingen mag: Vielleicht ist manchmal Schweigen sogar die beste Lösung. Warum?
In der Bibel wird von einem Mann mit Namen Hiob erzählt. Hiobs Familie stirbt, er verliert all seinen Besitz, er wird krank. Interessant ist, wie seine Freunde reagieren:
„Drei Freunde Hiobs hören von all dem Unglück, das ihn so schlimm getroffen hatte. Sie kamen zu ihm. Sie wollten ihm ihr Mitgefühl zeigen und ihn trösten. Jeder von ihnen zerriss sein Gewand und streute sich Staub auf den Kopf. Dann setzten sie sich zu ihm auf die Erde. Sieben Tage und sieben Nächte saßen sie da und sprachen kein einziges Wort. Denn sie sahen, wie heftig sein Schmerz war.“ (Hiob 2,11ff)
Ich glaube, wir können von Hiobs Freunden eine Menge lernen.
Sie kommen zu ihm.
Sie trauern mit ihm und sind solidarisch.
Sie hocken sich zu Hiob in den Dreck und halten einfach mal den Mund, halten die schreckliche Situation aus. Keine Fragen, keine abgedroschenen Phrasen, keine Ratschläge. Sie nehmen Hiobs Leid ernst und halten ihre eigene Hilflosigkeit aus. Sie schweigen, aber gehen dem Tod nicht aus dem Weg. Vielleicht ist das der größte Trost.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44394
Vatertag ist auch so ein komischer Feiertag. Ich meine, Hallo?!?!: Männerhorden, die mit Bollerwagen durch die Gegend ziehen und sich betrinken an einem Tag, der diese Männer als Väter feiert??? Wobei es ja eigentlich eine gute Idee ist: Menschen – Männer wie Frauen, die sich um ein kleines Lebewesen kümmern, – gehören gefeiert. Mütter und Väter, die Verantwortung übernehmen, gucken, dass ein Kind gut aufwächst, die versuchen, Vorbild zu sein, zu dem das Kind aufgucken kann. Aber an so einem Tag wird halt auch klar: Väter sind halt auch nur Menschen. Und Vater sein ist nicht einfach. Anspruch und Wirklichkeit fallen schon mal auseinander.
Christi Himmelfahrt ist auch so ein komischer Feiertag. Jesus sagt Tschüß, ich bin dann jetzt mal endgültig weg, fahre auf in den Himmel zu Gott. Zu seinen Anhängerinnen und Anhängern sagt er: Habt keine Angst, ich bleibe mit meinem Geist bei euch: Haltet euch einfach daran, wie ich gelebt habe, versucht, die Liebe Gottes in eurem Leben zu leben. Tja, nun aber sind Christinnen und Christen halt auch nur Menschen. Und die Liebe Gottes zu leben ist nicht einfach. Anspruch und Wirklichkeit fallen schon mal auseinander.
Trotzdem ist es gut, diese komischen Feiertage zu feiern: Vatertag, Christi Himmelfahrt. Denn wir bemühen uns und wir versuchen immer wieder, gute Väter (und Mütter) zu sein, unseren Kindern gerecht zu werden, Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen. Und auch Christinnen und Christen bemühen sich, versuchen immer wieder, die Liebe Gottes zu leben, die Liebe Gottes hier auf Erden ganz konkret erfahrbar zu machen. Und das, dass wir als Väter, als Mütter, als Christinnen und Christen uns bemühen und uns immer wieder dran machen – das ändert alles.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44393Was würdest du tun, wenn du wüsstest, wie lang du noch zu leben hast? Diese Frage stellt Nikki Erlick in ihrem Buch The Measure oder zu Deutsch „Die Vorhersage. Eines Frühlingsmorgens wachen in diesem Roman die Menschen auf – in Indien und Tansania und in New York, alte und junge, reiche und arme… – und vor ihnen liegt eine kleine Kiste, in der Kiste ein Bindfaden mit unterschiedlichen Längen. Rasch ist klar, der Länge des Fadens ist die Lebenslänge des Menschen. Wer einen kurzen Faden hat, hat nur noch ein paar Jahre zu leben. Wer einen langen Faden hat, wird im hohen Alter sterben.
Während des Lesens habe ich mir überlegt, wenn ich einen langen Lebensfaden hätte, wäre es ok für mich, wenn mein Partner einen kurzen Lebensfaden hat? würde ich gar Kinder mit ihm haben wollen? Trauer und Leid wären vorprogrammiert.
Und wenn ich einen kurzen Lebensfaden hätte, würde ich wütend nach Schuldigen suchen? Oder die Zeit nutzen, meinen Job kündigen und um die Welt reisen? Oder zuhause bleiben und weitermachen wie bisher?
Spannende Gedanken, spannende Fragen!
Was würde ich tun? Ich habe mich beim Lesen gefragt, was ist mir wichtig im Leben, bin ich zufrieden? Denn ich weiß ja nun nicht, wann ich sterbe. Lebe ich mein Leben?
Auf jeden Fall habe ich an meine Oma gedacht, die mir mit auf den Lebensweg gegeben hat: „Zieh immer saubere Unterwäsche an, man weiß nie, was kommt!“
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à Nikki Erlick, The Measure, 2023, dt: Die Vorhersage, 2024.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44392Sollen wir ein kleines Ratespiel machen?
Also: Was ist wohl DAS wichtigste Thema der Bibel? Also, außer Gott & Co natürlich? Nein, es hat nix mit Sex zu tun. Auch nicht mit Geboten, Beten oder Gottesdienst. Richtig, es ist: Armut.
Daran wie eine Gesellschaft mit armen Menschen umgeht, sieht man, wie menschlich diese Gesellschaft ist. Und Menschlichkeit ist Gott wichtig. Gott führt sein Volk aus Elend und Sklaverei in die Freiheit, Gottes Augenmerk und Schutz gelten besonders armen Menschen, Witwen und Waisenkindern.
Am schönsten drückt das Maria, die Mutter Jesu aus: „Gott hebt seinen starken Arm und fegt die Überheblichen hinweg. Er stürzt die Machthaber vom Thron und hebt die Unbedeutenden empor. Er füllt den Hungernden die Hände mit guten Gaben.“ (Lukas 1,51-53)
Ein aktuelles Thema: der Mangel an Wohnraum bzw. die ungerechte Verteilung von Wohnraum. Das betrifft nicht nur, aber vor allem Menschen mit wenig Geld.
Ich wohne in einer Gegend, in der Familien auf der Suche sind nach ausreichend großen Wohnungen und Häusern. Gleichzeitig gibt es richtig viele Häuser, in denen verwitwete Menschen allein wohnen. Meistens haben sie es sich unten gemütlich eingerichtet, weil die Treppe kommen sie nicht mehr hoch. Vielen fällt es schwer, sich vom Haus zu trennen - man hat sich dieses Haus über Jahre vom Mund abgespart, kennt jede Ecke. Dazu kommen Mühen und Kosten eines Umzugs.
Deshalb: Wir brauchen altersgerechte, kleine Wohnungen, die zentral liegen. Die Stadt könnte beim Umzug helfen. Ich glaube, eigentlich ist genug Platz vorhanden – es braucht nur unkomplizierte Lösungen. Und im besten Fall Lösungen, von denen die beengt lebenden Familien und die allein lebenden Menschen etwas haben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44391Ist das Behörden-Wahnsinn? Meine Freundin Anna ist Pfarrerin der deutschsprachigen evangelischen Kirchengemeinde in Nigeria.
Nun beschloss diese Kirchengemeinde, sich einen Namen zu geben. Bis dato hieß sie ganz einfach: deutschsprachige evangelische Kirchengemeinde von Nigeria. Und so wählte sich die Kirchengemeinde den Namen „Martin-Luther-Kirchengemeinde“. Meine Freundin Anna bat die nigerianischen Behörden also um eine Namensänderung. Ein paar Wochen später bekam sie Antwort: Kein Problem. Man solle lediglich eine eidesstattliche Erklärung von Herrn M. Luther nachreichen, dass er damit einverstanden ist, wenn man seinen Namen benutzt. Meine Freundin Anna schrieb ebenso freundlich an die Behörde zurück: Herr M. Luther sei leider seit nunmehr fast 500 Jahren tot, er würde mit Sicherheit keine Einsprüche mehr erheben. Damit war der behördliche Vorgang beendet.
Meine Freundin Anna und ich aber fanden die Frage berechtigt: Wäre Martin Luther damit einverstanden, dass unzählige Kirchengemeinden und noch mehr Kirchengebäude nach ihm benannt sind?
Martin Luther hat 1517 sein Nein gesprochen gegen die Missstände seiner Kirche. Er war überzeugt, dass Bischöfe und Päpste auch nur Menschen sind, dass jeder Christ vor Gott gleich ist. Heiligenverehrung lehnte er ab – gewiss, Heilige können Vorbilder sein, aber letztendlich sind wir alle nur Menschen. Genauso wie Martin Luther selbst.
Wie ich mir das vorstelle, wäre das Martin Luther vielleicht zu viel, dass so viele Gebäude und Kirchengemeinden nach ihm benannt sind. Vielleicht würde er fordern: Stellt doch das, für was ich mich eingesetzt habe, in den Mittelpunkt: Gnade etwa oder Barmherzigkeit. Oder Frieden. Ich glaube, das wäre ganz im Sinne Martin Luthers.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44390Es geht auch ohne Gott. Also auf jeden Fal geht es im Leben von Jugendlichen ohne Gott – so wird es immer wieder gesagt. Seit Jahren ist davon die Rede, dass Jugendliche kein Interesse mehr an Kirche und Glauben haben.
Und doch entscheiden sich jedes Jahr immer wieder Jugendliche gegen diesen Trend – und gehen zum KonfiKurs. Und dann nach gut einem Jahr KonfiKurs sagen diese Jugendlichen am Tag ihrer Konfirmation: Ja, ich glaube an Gott.
Heute, an diesem Sonntag oder an einem Sonntag davor oder danach wird in vielen evangelischen Kirchengemeinden Konfirmation gefeiert.
Warum? Warum geht es für viele dieser Jugendlichen anscheinend doch nicht ohne Gott?
Ich glaube, weil da ein Sehnen in diesen Jugendlichen ist nach Glück, nach Liebe, nach Frieden. Und weil sie eine Ahnung davon haben, dass es mehr gibt als dieses Leben, etwas, das dieses Leben trägt und Sinn macht. Jedenfalls sagen das meine Konfis: „Frau Pfarrerin, sagen sie, ich stelle mir Gott vor wie einen guten Vater, der unsere Leben in seiner Hand hält.“
Und so sagen meine Konfis nach einem Jahr KonfiKurs heute an ihrer Konfirmation zögernd, fragend, manche auch zweifelnd-, aber doch voller Hoffnung: Ja, ich glaube an Gott.
Ich wünsche allen jungen und alten Konfirmandinnen und Konfirmanden Gottes Segen. Möge Gott Euch behüten auf Eurem Lebensweg.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44389Meine Freundin ist krass – sie ist für mich das Paradebeispiel für den Feminismus. Sie ist stark und steht immer zu ihrer Meinung. Oder sagen wir fast immer. Denn jetzt hat sie mir was gestanden, sie sagt: „Ich packe das nicht immer. Manchmal hab ich einfach keine Lust mehr, die „Anstrengende“ zu sein.“ Ich frage nach und dann packt sie aus: „Weißt du, vor ein paar Tagen war ich echt mies drauf und dann hat mich mein Kollege gefragt, ob ich meine Tage habe. Sofort habe ich mich geärgert, aber gesagt - habe ich nichts.“
Meine Freundin hat in dem Moment keine Energie mehr. Keine Lust mehr, wieder die zu sein, die „die Anstrengende“ ist. Sie ist das nämlich oft, aber langsam hat sie genug davon, dass wieder hinter ihrem Rücken die Augen gerollt werden und alle genervt denken „die schon wieder“.
Heute hätte Sophie Scholl Geburtstag. Sie ist in der Nähe von Heilbronn geboren und hat als junge Frau im Nationalsozialismus Flugblätter gegen das NS-Regime verteilt – gemeinsam mit der „Weißen Rose“. Dafür wurde sie verhaftet und hingerichtet. Sophie hat auch gezweifelt, aber sie hat auch fest an Gott geglaubt. Dass er sie hält, auch dann, wenn es hart auf hart kommt.
Sophie Scholl zeigt: Es kostet Kraft, den Mund aufzumachen – und gleichzeitig kann es anderen viel Kraft geben, wenn man zu dem steht, was man für richtig hält.
Und dann denke ich an meine Freundin. An diesen Moment, in dem sie nichts gesagt hat. Es geht nicht darum, immer mutig und perfekt zu sein. Aber es geht darum, sich nicht zu oft daran zu gewöhnen, den einfacheren Weg zu gehen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44353Manchmal beginnt alles mit einer kleinen Unterbrechung.
Im Judentum gibt es dafür ein schönes Bild: den Schabbat. Ein Tag, der die Arbeitswoche unterbricht – nicht, um uns aufzuhalten, sondern um uns zurückzubringen. Zurück zu uns selbst, zu dem, was wirklich zählt.
Die jüdische Tradition setzt genau hier an. Sie sagt: Halte inne. Nicht erst, wenn du erschöpft bist. Sondern regelmäßig und bewusst.
Der Schabbat ist deshalb mehr als ein Ruhetag. Er ruft uns dazu auf, nicht zu handeln, sondern wahrzunehmen. Dankbar zu sein für das, was ist. Und vielleicht auch zu erkennen, was fehlt.
Ein alter chassidischer Gedanke sagt: „Mehr als wir den Schabbat halten, hält der Schabbat uns.“
Das bedeutet: Diese Pause trägt uns. Sie gibt uns Halt in einer unruhigen Zeit. Sie erinnert uns daran, dass wir mehr sind als das, was wir leisten. Mehr als das, was wir schaffen.
Vielleicht brauchen wir alle solche Momente. Kleine Inseln im Alltag. Augenblicke, in denen wir nicht funktionieren müssen.
Denn manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem großen Schritt nach vorn – sondern mit einem stillen Moment des Innehaltens.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44240

