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SWR3 Worte
Der Jazzsänger Gregory Porter wurde gefragt, was für ihn der Sinn des Lebens ist. Er hat geantwortet:
Wir Menschen besitzen die Fähigkeit, etwas zu empfinden, und wir wollen mit diesen Empfindungen nicht alleine bleiben. Ich glaube daher, dass der Sinn des Lebens ist, dass wir lieben. Es hört sich vielleicht kitschig an, aber die Liebe steht für mich am Anfang und am Ende.
Quelle
Zeitschrift Galore Interviews, hg.v. Michael Lohrmann, Dialog GmbH Dortmund, Ausgabe 40 Galore (04/2020) S.68.
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Der Universalgelehrte Albert Schweitzer war Arzt, Musiker, Tierschützer und vor allem Menschenfreund. Er hat gesagt:
In keiner Weise dürfen wir uns dazu bewegen lassen, die Stimme der Menschlichkeit in uns zum Schweigen bringen zu wollen. Das Mitfühlen mit allen Geschöpfen ist es, was den Menschen erst wirklich zum Menschen macht.
Quelle
https://albert-schweitzer-stiftung.de/ueber-uns/das-sind-wir/albert-schweitzer/zitate#ehrfurcht (aufgerufen am 18.05.2026)
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Worauf man auf keinen Fall länger warten sollte, das weiß der Autor und Theologe Jan Frerichs. Er sagt:
Warte nicht darauf, dass die Dinge besser werden, denn das Leben wird immer kompliziert sein. Lerne, jetzt glücklich zu sein, sonst geht Dir die Zeit aus.
Quelle
https://www.barfuss-und-wild.de/seelenfutter-1902 (aufgerufen am 20.05.2026)
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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wieder mal was gelernt – und zwar als ich im Café einen Tee bestellt habe. Die Bedienung stellt ein kleines Tablett auf den Tisch: heißes Wasser, Teebeutel, Zucker und eine Sanduhr. Aha, hier geht´s nobel zu. Man kann mit der Sanduhr die Teestärke selbst dosieren. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich, dass die Sanduhr ganz speziell ist. Sie läuft nicht von oben nach unten, sondern von unten nach oben – wie wenn die Schwerkraft ausgehebelt wäre. Die beiden Kolben der Sanduhr sind mit einer Flüssigkeit gefüllt. Im unteren sind zusätzlich winzige Plastik-Kügelchen, die an die Oberfläche blubbern, weil sie leichter als die Flüssigkeit sind und nach oben schwimmen.
Ich bin fasziniert von der Technik. Aber auch von der Idee, dass Zeit mal anders vergehen kann als normal. Nicht von oben nach unten – sondern eben andersrum. Urlaub ist für mich so eine Zeit. Und deshalb macht es mir nichts aus, wenn ich im Urlaub auf manche Annehmlichkeiten verzichten muss: zum Beispiel ohne Laptop, ohne meinen Lieblingssessel oder ohne Spül- und Waschmaschine auskommen zu müssen. Dafür habe ich Lust und Zeit für andere Dinge: vielleicht draußen schlafen, oder mal wieder auf eine Schaukel sitzen, seelenruhig alle Geschwindigkeitsbegrenzungen einhalten, Enten füttern, einen Regentag nur vor dem Fernseher verbringen oder im Bett. Mal wieder in einem Tante Emma Laden einkaufen oder neue Eissorten durchprobieren. Für mich macht das den Urlaub zu einer anderen Zeit, zu einer „Anderszeit“.
Anders zu sein als sonst – das hat meistens eine starke Wirkung. Es kann Grenzen verschieben und neue Horizonte eröffnen. Oder es kann zeigen, dass das Übliche, das Alltägliche doch nicht so schlecht ist, wie ich immer wieder mal vermute. Anders sein kann aber auch richtig erfrischen, es kann die Seele neu beleben, es kann mich ein bisschen verändern, manchmal sogar über den Urlaub hinaus. Schade, dass das Anders-sein oft nur für den Urlaub reserviert ist.
Udo Lindenberg hat in einem seiner Songs die wichtigste Textzeile dem österreichisch-ungarischen Autor Ödön von Horvath geklaut. Egal von wem, die Zeile trifft den Nagel auf den Kopf. Sie heißt: „Eigentlich bin ich ganz anders, ich komm nur viel zu selten dazu.“
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Ich kenne ein altes Ehepaar, das sich wunderbar ergänzt. Die Nachbarn sagen: „Sie der Kopf, er der Fuß.“ Wolfgang ist noch körperlich fit. Er macht lange Spaziergänge und arbeitet gerne in seiner Schreinerwerkstatt, die er sich im Keller eingerichtet hat. Leider ist er aber sehr vergesslich und manchmal schon etwas verwirrt. Bei Theresa ist es genau andersrum. Sie ist geistig noch voll da. Füllt Kreuzworträtsel und Sudokus aus, und sie diskutiert gerne mit ihrer Nachbarin über alles Mögliche, was sie in Zeitschriften liest. Aber sie kann sich nur noch mit ihrem Rollstuhl fortbewegen. Und das schränkt sie wahnsinnig ein.
Aber zusammen sind die beiden ein eingespieltes Team. Theresa macht die Kopfarbeit: sie organisiert die Einkaufsliste, ruft Behörden an, lädt Freunde ein, und sie denkt an alle wichtigen Geburtstage. Wolfgang erledigt die Fußarbeit: er geht mit Theresas Liste einkaufen, er deckt den Tisch und holt ihr Sachen aus dem Keller rauf. Und deshalb sagen die Nachbarn immer: „Die Theresa ist der Kopf, und der Wolfgang der Fuß.“
Ich weiß nicht, ob´s die Nachbarn wissen. Aber der Vergleich mit Kopf und Fuß ist ein uraltes Bild aus der Bibel. Der Apostel Paulus hat es benutzt. Er hat seine frisch gegründete Gemeinde in Korinth in einem Brief dazu ermahnt, dass sie eine Einheit bleiben, dass sie zusammenhalten sollen. Dort waren nämlich Streitigkeiten ausgebrochen. Die einen hatten das Geld, die anderen hatten das Sagen. Die einen stammten aus Israel, die anderen aus Griechenland. Und jeder meinte, was Besseres zu sein. Paulus verwendet einen Vergleich. Er schreibt: „Der menschliche Leib besteht aus vielen Gliedern. Der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: Ich brauche euch nicht. Im Gegenteil, gerade die schwächeren Glieder des Leibes sind unentbehrlich. Gott hat den Leib so zusammengefügt, dass alle Glieder füreinander sorgen.“
Ich muss immer wieder staunen, wie anschaulich Paulus schreibt. Klar, jeder soll das einbringen, was er gut kann. Und das in aller Bescheidenheit, ohne sich selbst zu wichtig zu nehmen. Denn bei ganz vielen Dingen ist man wieder auf andere angewiesen.
Paulus hat seinen Vergleich für die christliche Urgemeinde in Korinth geschrieben. Aber ich finde, dieses Prinzip lässt sich genauso gut anwenden auf Schulklassen, Nachbarschaften, oder ganze Staatengemeinschaften: Die Stärken einbringen, und die Schwächen gemeinsam meistern. Und das Prinzip funktioniert natürlich auch im ganz Kleinen. So wie bei Theresa und Wolfgang: Sie der Kopf, er der Fuß.
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Mit meinem Motorrad war ich am Ende der Welt, kein Scherz. Ich war auf Motorradtour quer durch Frankreich. Viele große und kleine Kurven und dazwischen auch mal schnurgerade Alleen entlang riesiger Getreidefelder. Der Vorteil solcher eintöniger Strecken: man kann sich etwas umschauen. Da vorne zum Beispiel, da zweigt ein kleines Sträßchen ab, mal ein bisschen langsamer machen. Da steht ein etwas windschiefer Holzwegweiser, auf dem steht: „Bout du Monde", also „Ende der Welt". Das interessiert mich, also biege ich ab und folge dem Sträßchen.
Es wird immer holpriger. Irgendwann muss ich sogar das Motorrad abstellen und zu Fuß weiter, weil es mich einfach interessiert. Der Pfad mündet in eine Schlucht und wird immer enger. Schließlich endet er vor einer hohen halbkreisförmigen Felswand, aus der unzählige Wassertropfen in einen kleinen See tropfen. Es scheint so, als wäre ich angekommen am „Ende der Welt".
Solche Namen für Wege oder Naturformationen sind in einer Zeit entstanden, als die Menschen noch tatsächlich daran glaubten, dass unsere Welt irgendwo aufhört. Heute wissen wir es besser. Aber auch heute noch gibt es Situationen, da denke ich: Das muss das Ende der Welt sein. Wenn mein Arbeitgeber mich plötzlich für überflüssig hält, wenn ein Freund einen schweren Unfall hat, wenn Familien zerbrechen, weil die Partner es einfach nicht mehr miteinander aushalten. Dann zieht es einem förmlich den Boden unter den Füßen weg. Es ist gut, in solchen Situationen Halt zu finden: In der eigenen Familie oder bei Freunden. Mir hat in solchen Situationen auch mein Glaube weiter geholfen. Ich glaube nicht, dass Gott sich solche „Enden der Welt“ für uns Menschen ausdenkt. Ich bin überzeugt davon, dass er nicht mein Gegenspieler ist, sondern dass er mich unterstützt. Dass es einen Weg aus der Krise gibt, auch wenn ich ihn im Moment noch nicht sehe.
Das ist eine uralte Zuversicht. Schon in der Bibel gibt es einen Psalm, der vor ungefähr 3000 Jahren aufgeschrieben wurde. Da heißt es:
„Mich umfingen die Fesseln des Todes (…)
In meiner Not rief ich zum Herrn. (…)
Er griff aus der Höhe herab und fasste mich, zog mich heraus aus gewaltigen Wassern. (…)
Er führte mich hinaus ins Weite, er befreite mich, denn er hatte an mir Gefallen.“ (Ps 18)
Beseelt von diesem uralten Gebet trete ich den Rückweg an mit der Zuversicht, dass Gott an mir Gefallen hat. Ich steige auf mein Motorrad und fahre hinaus in die französische Weite.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44232Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Schnecken – die einen mögen sie gar nicht, weil sie ihnen den Salat wegfressen. Die anderen lieben sie wegen ihres kunstvollen Schneckenhauses, oder wegen der Langsamkeit, für die sie stehen.
Gleich drei Gütesiegel haben eine gezeichnete Schnecke in ihrem Logo, weil Schnecken für Langsamkeit, Achtsamkeit und Nachhaltigkeit stehen: „Slow Brewing“ zum Beispiel – also „Langsames Brauen“. Das ist ein Gütesiegel dafür, dass das Bier besonders schonend und ohne die übliche Hektik reifen kann. Oder die „Slow Food“-Bewegung, die überzeugt ist: Nur wer langsam isst kann auch genießen. Das Siegel „Citta Slow“ steht für Lebensqualität in Städten, dadurch dass verkehrsberuhigte Zonen und Orte der Stille geschaffen werden, und auf einen nachhaltigen Tourismus geachtet wird.
Schnecken sind das Symbol für Langsamkeit, und wie gerne hätte ich manchmal ein bisschen davon. Fahrrad statt Auto, Feuer statt Heißluftfritteuse, Briefe statt E-Mail. Und dann merke ich auch, dass die Zeit sich einfach nicht zurückdrehen lässt. Aber für ein bisschen Langsamkeit kann man schon sorgen.
Der Freiburger Biologe und Arzt Joachim Bauer ist davon überzeugt, dass man gesünder lebt, wenn man Dinge ruhig angeht. Man sollte nicht sofort nachgeben, wenn sich etwas in den Vordergrund drängt. Zum Beispiel das Handy, das vibriert, das Schnäppchen, das mitgenommen werden möchte oder eine pampige Antwort im Wortgefecht. Wenn man diesen Impulsen schnell nachgibt, spricht er von einem „hedonischen“ Lebensstil. Joachim Bauer weist auf etliche wissenschaftliche Studien hin, die belegen, dass dieser hedonische Lebensstil Herzerkrankungen, Krebs und Demenzleiden begünstigt. Er sagt: „Es ist besser zu bremsen, innezuhalten, abzuwägen und zu überlegen, was im Moment gut ist.“
Eine gute Möglichkeit, das einzuüben, ist es, achtsam zu sein. Es tut gut, sich ab und zu dem jetzigen Moment zu stellen. Seinen Atem spüren, der automatisch kommt und geht. Mit allen Sinnen die Umwelt wahrnehmen. Offen dafür werden, wie schön viele Dinge sind und dafür, dass manche Menschen einfach anders ticken. Sich mit anderen mitfreuen. Die eigene Geschichte und Herkunft kennenlernen. Mal gar nichts tun und einfach nur „sein“.
Hektische Zeiten gibt es in meinem Leben genug. Aber vielleicht gelingt es mir ab und zu, mir ein bisschen was von der Schnecke abzugucken. Mich in Langsamkeit üben und bewusst wahrnehmen, was um mich herum passiert – und natürlich auch in mir selbst.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44231Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Versuchen Sie heute mal so richtig herzlich zu lachen – das befreit und ist gesund. Und deshalb gibt es auch Klinikclowns, Lachclubs, Humortherapie und jede Menge Witze-Channels. Wer so richtig befreit lachen kann, hat mehr vom Leben.
Und wie sieht es mit dem Weinen aus? Babys weinen noch ziemlich hemmungslos. Dabei drücken die Tränen meistens das aus, was sie mit Worten noch nicht ausdrücken können. Zum Beispiel „Ich habe Durst!“ oder „Nimm mich in den Arm!“ Aber je älter die Kinder werden, desto mehr unterdrücken sie das Weinen. Sie orientieren sich an der Welt der Erwachsenen, und da heißt es oft: „Beiß die Zähne zusammen!“.
Viele Erwachsene haben das Weinen fast verlernt. Auch mir fallen nicht mehr viele Gelegenheiten ein, an denen ich richtig geweint habe. Meistens dann, wenn mir die Worte fehlen – und das ist dann wieder ganz ähnlich wie bei den Kleinkindern. Nur fehlen mir als Erwachsenem die Worte viel seltener. Wie oft überspiele ich traurige oder gefühlvolle Situationen mit einem Redeschwall, der alles zudeckt.
Tatsächlich sagt die Wissenschaft: Weinen ist in solchen Situationen genau das richtige. Denn es wirkt schmerzlindernd. Wenn auch der Schmerz nicht einfach verschwindet - aber körperliche und seelische Anspannungen werden abgebaut und verlassen mich quasi über die Augen. Das erleichtert und befreit. Weinen, so heißt es, ist wie ein „Spülgang für die Seele“.
Wenn ich an meine letzten wenigen Erfahrungen denke, als ich so richtig geweint habe, dann kann ich das bestätigen. Ich hatte das Gefühl so traurig zu sein, dass die Trauer einfach raus muss. Für mich ein sehr ungewohntes Gefühl. Mein eigenes Wimmern und Schluchzen hört sich seltsam an, ich habe den Reflex damit aufzuhören, weil es mir peinlich ist, sogar wenn niemand dabei ist. Aber es geht gar nicht und ich lass es einfach laufen. Mal sehen was passiert. Und irgendwann verebbt der Strom und langsam trocknen die Tränen. Und dann fühlt es sich ein bisschen leer an, aber auch leichter. Es ist zwar immer noch traurig, aber es tut nicht mehr so weh.
Gott hat uns Menschen beides geschenkt: das Lachen und das Weinen. Und beides sind geniale Instrumente, wenn ich ihnen freien Lauf lasse: Das Lachen hält gesund, und das Wasser der Tränen reinigt die Seele.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44230Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Wenn eine volle Thermoskanne eine Weile rumsteht, dann kann es vorkommen, dass sie leise zu zischen oder pfeifen beginnt. Schuld daran ist die Luft in der Kanne, die sich aufheizt und damit auch ausdehnt. Wenn die Deckeldichtung nicht 100 Prozent dicht ist, dann dringt die Luft nach draußen. Und dabei entsteht dann dieses leise aber nervende Geräusch.
Bisher habe ich mir immer damit geholfen, dass ich den Deckel kräftig zugedreht habe. Manchmal muss ich ganz schön drehen, um die Kanne zum Schweigen zu bringen. Und meistens hilft es nur für kurze Zeit. Denn irgendwann baut sich der Druck wieder auf und muss natürlich auch wieder raus.
Vor einiger Zeit habe ich eine Freundin dabei beobachtet, wie sie das Problem ganz anders angegangen ist. In meinen Augen viel eleganter: sie hat den Deckel einfach ein bisschen aufgedreht. Die heiße Luft konnte raus, und schon war Ruhe am Kaffeetisch. Und zwar dauerhaft.
Seitdem beobachte ich gerne Menschen, wie sie das Problem mit der zischenden Kanne lösen. Und ich habe rausgekriegt: Es gibt tatsächlich zwei Fraktionen: Einmal die „Zudreher“, also diejenigen, die versuchen dicht zu machen. Ich kann mich auch täuschen, aber ich glaube, wir Männer gehören eher zu dieser Gruppe, die meint mit gutem Willen und viel Kraft die Lösung herbeiführen zu können. Und dann die „Aufdreher“, also diejenigen, die quasi „den Dampf ablassen“ und Platz schaffen und dadurch deeskalierend wirken. Nach meiner Beobachtung eher die Frauen.
Für mich war der Lösungsansatz meiner Freundin ein echtes Aha-Erlebnis. Sofort habe ich die Fraktion gewechselt. Aufdrehen ist irgendwie viel eleganter, gewaltfreier und vor allem nachhaltiger.
Ich hab noch ein bisschen weiter nachgedacht. Aufmachen und den Dampf rauslassen statt zudrehen und Druck entstehen lassen. Diplomatie statt Waffen sozusagen, reden statt kämpfen - das ist auf der großen Bühne der Politik immer die bessere und nachhaltigere Lösung. Aber auch im privaten Umfeld gilt das: Mich öffnen, durchlässig werden, das ist meistens wirksamer und hält länger an als dicht machen und verkrampfen. Genau wie bei der Thermoskanne.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44229SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Ein Geistesblitz aus dem Jahr 1858 ist heute noch super wichtig für die Polizeiarbeit. Das kam so: Der englische Beamte Sir William Herschel sitzt wie jede Woche in der englischen Kolonialverwaltung im indischen Kalkutta und zahlt Löhne an die indischen Angestellten aus. Und wie jede Woche ärgert er sich, dass er an mehr Personen auszahlen muss, als eigentlich beschäftigt sind. Das liegt wohl daran, dass sich manche einfach zwei Mal anstellen. William Herschel kann weder die Unterschriften entziffern noch sich die vielen fremden Gesichter merken.
Irgendwann hat er dann die entscheidende Idee. Er taucht die Finger der Arbeiter in Farbe und drückt einen Abdruck neben die Unterschrift. Eine Idee, die später ganz wichtig wird für den polizeilichen Erkennungsdienst: der Fingerabdruck - bis in alle Einzelheiten ist er ganz individuell, er wird nicht vererbt und bleibt ein Leben lang unveränderbar.
Schon lange bevor William Herschel diesen Geistesblitz hatte, gebraucht der Prophet Jesaja ein ganz ähnliches Bild. Jesaja spricht in der Bibel von einem erstaunlichen Versprechen, das Gott uns macht. Die Menschen beklagen sich bei Gott. Sie haben das Gefühl, er habe sie vergessen und verlassen. Aber Gott antwortet bei Jesaja: „Kann denn eine Frau ihr Kindlein vergessen, eine Mutter ihren leiblichen Sohn? Und selbst wenn sie ihn vergessen würde: ich vergesse dich nicht. Sieh her: Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände.“
Das Gefühl von Gott verlassen zu sein – das gibt es nicht nur in biblischen Zeiten, sondern heute auch noch ganz oft. Vielleicht tut es gut, diesen Zuspruch Gottes wieder einmal zu hören: „Ich habe dich eingezeichnet in meine Hände.“
Ich finde, mit diesem Versprechen geht Gott ein ganz schön hohes Risiko ein. Wenn er mich in seine Hände einzeichnet, dann bin ich ja Teil seines Fingerabdrucks, seiner Identität. Und zwar nicht nur auf Probe, sondern auf ewig. Wenn ich nun Mist baue, dann ist auch dieser Mist Teil des göttlichen Fingerabdrucks. Das ist zum einen ein riesiger Vertrauensvorschuss für jeden Menschen. Und zum anderen solidarisiert sich Gott dadurch mit mir, denn meine Fehler sind auch ein Teil von ihm. Vielleicht kann mich das anspornen, mein Leben so gut wie möglich zu gestalten. Und ich weiß gleichzeitig: Selbst wenn mal was schief geht, Gott betrachtet mich als unauslöschlichen Teil von sich selbst. Damit kann er mich nie fallen lassen oder vergessen. Ich bin eingeschrieben in seine Hand. Als ein kleiner Bogen, als eine Schleife oder ein Wirbel im göttlichen Fingerabdruck.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44235