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SWR3 Gedanken
Das kann doch weg!“ oder „Was brauchst du wirklich?“ so heißen die Ratgeber, die einem helfen wollen, to simplify your life, das Leben zu vereinfachen.
Mit dem Kleiderschrank geht es los: brauche ich die Hose wirklich? Wann habe ich diese Jacke zum letzten Mal angezogen? Es soll ausgemistet, alter Ballast über Bord geworfen werden. Wir kaufen zu viel Zeugs? Wir sind zu viel im Internet? Der Leistungsdruck ist zu hoch? Also bitte: einfach mal runterschalten, das Einfache schätzen lernen, weniger ist mehr.
Nur, so einfach ist das ja nun nicht. Ja, wir wissen, dass es besser für uns und unser Leben wäre, wenn wir bewusst und in aller Ruhe eins nach dem anderen machen, dass wir ganz einfach auch mal Nein sagen sollten, dass wir das, was wir haben, wert schätzen.
Und dass das schwer ist, wissen Christinnen und Christen schon lange. Deswegen gibt es im christlichen Jahresablauf Zeiten der Mäßigung (Fastenzeiten) und daneben Festzeiten, an denen das Leben gefeiert wird.
Zum Beispiel in den Wochen vor Ostern soll ganz bewusst Abstand genommen werden vom eigenen Leben. In diesen Zeiten soll man nichts Süßes und kein Fleisch essen und Alkohol trinken, stattdessen soll man in der Bibel lesen und sich mal in aller Ruhe mit seinem Leben auseinandersetzen. Fastenzeiten sind Auszeiten. Aber das ist eben nur eine Seite der Medaille. Die andere ist: danach wird dann aber auch wieder das Leben gefeiert! Gott gedankt für all das Wunderbare, was er uns schenkt!
Denn das Erstaunliche bei diesen ganzen Fastenregeln ist ja, dass man in dieser Zeit des Verzichts erst wieder lernt zu genießen. Schokolade wird wieder etwas besonderes, überhaupt Essen wird wieder etwas, dass gefeiert wird. Aber auch die Nähe der Menschen, die Liebe, das Gesellige, das Lustige – all das lernt man wieder neu schätzen, wenn man mal eine Zeitlang darauf verzichtet hat. Das ist das Geheimnis.
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Es gibt biblische Worte, die sind sooo schön – und ich mag sie nicht. Wie diese Verse, die alle immer sooo schön finden und die ich bis vor ein paar Jahren überhaupt gar nicht leiden konnte:
Jesus sagt da sooo cool zu seinen Anhängern: „Macht euch keine Sorgen um euer Leben – was ihr essen oder trinken sollt. Oder um euren Körper – was ihr anziehen sollt. Ist das Leben nicht mehr als Essen und Trinken? Und ist der Körper nicht mehr als Kleidung? … Wer von euch kann dadurch, dass er sich Sorgen macht, sein Leben nur um eine Stunde verlängern?“ (Matthäus 6,25-27)
Na, der hat gut reden. Natürlich muss man sich sorgen, um einen guten Schulabschluss, eine gute Ausbildung, eine gute Arbeitsstelle, um die Kinder, die Wohnung, das Haus, um die Gesundheit. Sogar für den Hund habe ich eine Hundehaftpflichtversicherung. Man weiß schließlich nie.
Ja, man weiß schließlich nie – und dann brach bei mir von heute auf morgen alles zusammen: meine Arbeitsstelle wurde unerträglich und ich musste mich entschließen zu wechseln, meine beste Freundin bekam Brustkrebs und fiel buchstäblich aus dem Leben für eine geraume Zeit, meine Schwester ließ sich scheiden und der Kampf um die Kinder begann. Und mir wurde klar: man kann sich sorgen und planen, wie man will, es kommt dann doch anders.
Mich hat durch diese katastrophale Zeit mein Glaube, mein Vertrauen in Gott getragen. Gottvertrauen brauchen wir bei allem, was nicht planbar ist im Leben. Und ich glaube, Jesus ging es in seinen Worten genau darum: trotz allem Gottvertrauen.
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Ich hatte Thorsten schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Zufällig dann vor ein paar Tagen. „Wie geht’s?“ „Was machen die Kinder?“ Und dann fiel mir siedendheiß ein, dass seine Frau doch hochschwanger war. Also ich höfflich nachgefragt. Thorsten antwortet, ja, im Sommer ist sie auf die Welt gekommen, eine kleine Johanna.
Aber plötzlich wird Thorsten ganz still. Es gab Komplikationen bei der Geburt, fängt Thorsten langsam an, sie konnte nicht selbstständig atmen und schlucken auch nicht…
Und dann erzählt Thorsten von Ärztinnen und Ärzten, von Untersuchungen und Diagnosen, von Säuglingsstationen und Kinderkrankenhäusern, von Ängsten und von Hoffnungen, davon, dass er nicht weiß, wie es weitergeht, ob Klein-Johanna weiterlebt oder nicht und was das für sein Leben und das Leben seiner Frau und der beiden anderen Kinder heißt. Thorsten erzählt, dass er abends, nach Feierabend immer zuerst zu ihr fährt, zur zu kleinen Johanna ins zu große Krankenhaus, wie er neben ihrem Bett-Kasten sitzt, mit Maske und allem - und wie er singt, er singt für sie und für sich, jeden Abend dasselbe Lied.
Das Lied hat 1944 der Pfarrer Dietrich Bonhoeffer geschrieben. Die Nazis hatten ihn ins Gefängnis gesteckt und Bonhoeffer wusste nicht, wie es für ihn weitergeht: Würde er die Zeit im Gefängnis überleben? In dieser Situation schreibt Bonhoeffer das Lied.
Das Lied, das Thorsten jeden Abend seiner kleinen Johanna singt:
„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen, und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“
https://www.youtube.com/watch?v=aN7dGz6NH5M
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Vor ein paar Monaten hat Hannah ihre Ausbildung zur Krankenpflegerin angefangen. Sie ist sehr zufrieden und glücklich mit ihrer Berufswahl. Aber vor kurzem ist ihr doch mulmig geworden. Auf ihrer Station ist eine Patientin gestorben. Zusammen mit einer Krankenschwester sollte Hannah die Verstorbene nach unten in die Kühlkammern bringen. Allerdings fiel der Schwester unten auf, sie hat den Schlüssel vergessen, sie also nochmal hoch. Und Hannah stand mutterseelenalleine mit der Toten in einem leeren, kalten Flur. Das war ihr ganz schön unheimlich. Also hat sie das gemacht, was sie von Oma und Opa gelernt hat: sie hat gebetet „Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe…“ Und in der Tat: es hat geholfen, Hannah fühlte sich nicht mehr ganz so allein und hilflos.
Als Hannah mir die Geschichte erzählte, habe ich mir überlegt: was mache ich eigentlich in unheimlichen Situationen? Nun, ich gehöre zu den singenden Menschen… Ich singe wie eine scheppernde Schuhkiste – voll Leidenschaft und voll schief. Aber ich singe immer dann, wenn ich Angst habe oder mir unwohl in einer Situation ist – und wenn ich alleine bin. Ich singe dann immer dieses Lied aus Taizé, ich singe es wie ein Mantra: immer und immer wieder: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Christus meine Zuversicht, auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht…“ Und in der Tat: es hilft immer wieder.
Was auch hilft? Erzählen! Hannah hat die Geschichte Oma und Opa erzählt und sämtlichen Freundinnen und Bekannten. Und jedes Mal ist sie ein bisschen mehr stolz auf sich: Denn ja, sie hatte Angst, aber mit Gottes Hilfe hat sie die Angst überwunden.
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Es war im Sommer vorm Abi. Ein paar Freunde und ich packten Zelte und Schlafsäcke und machten uns auf in Richtung Nordsee. Unser Campingplatz lag direkt am Strand. Das war Freiheit. Pur. In den Dünen ausspannen. Kein Müssen mehr. Herrlich!
Ich weiß nicht mehr, wie wir auf die bescheuerte Idee gekommen sind. Es war dunkel, nachts und ebbe und wir wollten raus, das Meer suchen. Also liefen wir raus – ins Watt. Aber auf einmal spürten wir Wasser unter den Füßen. Und mit dem Wasser kam die Panik. Was ist, wenn das schon die Flut ist? Wie lange würden wir Zeit haben, wieder ans Ufer zu kommen? Wo ist überhaupt das Ufer??? In der Dunkelheit wussten wir nicht mehr, wohin. Aber dann mitten im Dunkeln auf einmal - ein Licht: Ganz in der Nähe unseres Zeltplatzes gab es einen Leuchtturm. Zuverlässig wie ein Uhrwerk warf er seine Lichtzeichen in die Dunkelheit. Was für ein Segen! Wir liefen in Richtung Licht ans rettende Ufer.
Mit meinem Glauben an Gott ist es genauso:
Wenn mir im Alltag das Wasser bis zum Hals steht, dann hilft mir mein Glaube wie dieser Leuchtturm. Ich erinnere mich an Sätze aus der Bibel. Sätze Jesu: „Ich bin bei dir jeden neuen Tag und bis ans Ende der Welt.“ Und ja, das hilft mir, den Kopf oben zu halten, und gibt mir Kraft weiterzumachen.
Oder wenn es auf der Arbeit gerade mal nicht so lustig ist, die Kollegen anstrengend, die Arbeit anstrengend, der Chef anstrengend. Dann leuchtet mein Glaube wie ein Leuchtturm und erinnert mich daran, was wichtig ist. Und dann koche ich erst einmal einen Kaffee, frage meine Kollegin, wie ihr Wochenende war, und dann mache ich eins nach dem anderen.
Der Glaube an Gott ist wie ein Leuchtturm: er gibt mir Halt und Orientierung in meinem Leben.
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Ob man nun an Gott glaubt oder nicht, die Bibel ist voll mit weisen Geschichten und Sprüchen. Klar, die Lebenswelt der Bibel ist von Landwirtschaft geprägt, und ja, die Sprache der Bibel wirkt manchmal etwas alt… aber das macht die Geschichten und Sprüche ja nicht weniger lebensklug. Einmal hat Jesus, so steht es in der Bibel, zu seinen Freunden gesagt: „Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut: der eignet sich nicht für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,62) Jesus wollte damit sagen: wenn ihr mir folgt, dann richtig. Nicht halbherzig. Sondern auf die Sache konzentriert, engagiert und mit ganzem Herzen.
Ich glaube, das gilt fürs Leben überhaupt: Schau nach vorne, nicht zurück! Natürlich ist es wichtig im Leben, auch mal stehen zu bleiben, zu gucken, woher komme ich, wie bin ich bis hierher gekommen. Unsere Vergangenheit prägt uns und erklärt einige Verhaltensmuster. Auch ist es gut, aus vergangenen Fehlern zu lernen.
Aber dann gilt es, wieder nach vorne zu schauen. Nicht in der Vergangenheit steckenzubleiben. Ja, wir erleben alle Schlimmes, verlieren geliebte Menschen und bereuen manches. Und vieles davon lässt sich nicht mehr zurückholen oder ändern. „Hätte ich doch…“ oder „Wäre ich doch nur…“ – das sind Sätze, die im Leben nicht wirklich weiterhelfen. Schau nach vorne, nicht zurück! – will heißen: lebe jetzt. Was auch passiert, es geht weiter, das Leben. Das gibt trotz allem Hoffnung und Zuversicht. Schau nach vorne, nicht zurück!
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Irgendwann ging es nicht mehr so weiter. Ganz langsam, so über die letzten Jahre ist mein Hund alt geworden. Erst die letzten paar Monate ging es wirklich nicht mehr gut. Er blickte mich immer häufiger hilfesuchend an - und ich wusste auch nicht mehr weiter. Ein freundlicher Hundebesitzer gab mir den Rat: Wenn der Hund nicht mehr will, dann merkt man das ziemlich eindeutig. Und ja, in der Tat, denn dann kam dieser Tag und ich wusste, jetzt geht es wirklich nicht mehr so weiter. Ich habe also bei der Tierärztin angerufen und gleich abends sollten wir vorbeikommen.
Ich habe erst einmal tief Luft geholt. Denn ich bin der festen Überzeugung, dass ich nicht Herrin über Leben und Tod bin. Und doch habe ich ja auch eine Verantwortung gegenüber dem, was mir anvertraut ist. Also sind wir beide, mein Hund und ich, abends, ein allerletztes Mal los. Wir haben bestimmt locker die doppelte Zeit gebraucht, um zur Tierärztin zu gehen: er hat an jedem Blümchen geschnuppert, hat mühsam jeden Pfosten markiert, ist ganz langsam, wie er eben noch konnte, neben mir her gegangen. Dann haben wir uns auf dem Boden der Tierarztpraxis niedergelassen. Das Atmen fiel ihm immer schwerer. Ich habe mich bei ihm bedankt für die langen Jahre und die schöne Zeit und ich habe mich entschuldigt, wenn ich ungerecht und gemein zu ihm war. Dann bekam er eine Spritze zum Einschlafen und dann die tödliche Injektion. Am Ende lag er ganz fertig da. Und ich hatte den Eindruck, alles Leiden, alle Schmerzen, alle Atemnot waren auf einmal weg, stattdessen: tiefe Ruhe und Frieden. Ich glaube, dort, wo er jetzt ist, geht es ihm gut. Und mir fiel ein kleiner Satz ganz hinten aus der Bibel ein: Gott „wird jede Träne abwischen von unseren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Weinen und keinen Schmerz.“ (Offenbarung 21,4)
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„Ich glaube, der Hund war‘s!“ Meine Schwester und ich haben da dieses Spiel und ja, wir finden es ziemlich lustig. Wenn eine von uns sich mal wieder über jemanden tierisch ärgert und demjenigen die Schuld an jedem und allem gibt, dann unterbricht die andere und sagt: „Wie ich das so sehe, brauchen wir da einen Schuldigen. Ganz klar, der Hund war es …“ Wir lachen und denken an unseren Hund zurück, mit dem wir beide aufgewachsen sind: in unserer Kindheit war es zur Not immer der Hund! Jedenfalls lachen wir und dann reden wir.
Es tut gut, die Geschichte, über die wir uns gerade ärgern, mal jemandem zu erzählen, meistens klärt sich im Gespräch schon einiges, manchmal wissen wir danach sogar, was tun.
Wir Christinnen und Christen haben ein für uns sehr wichtiges Gebet: das Vaterunser. Darin bitten wir Gott: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“
Hier wird klar: Schuld muss benannt werden. Nur wenn klar ist, was da gerade passiert ist, kann es weitergehen. Ja, und da kann es auch helfen zu sagen, warum wer schuld hat.
Aber hier wird auch klar: wir können alle schuldig werden. Jede und jeder von uns sagt und tut manchmal echt gemeine und böse Dinge. Manchmal ziemlich eindeutig. Manchmal versteckt. Manchmal passiert es auch ganz unbewusst: wie oft habe ich schon etwas gesagt oder getan und meinte es total nett - und es kam total daneben an?!
Insofern können wir nur bitten: Unser Gottvater, bitte vergib uns, wenn wir andere verletzt haben; genauso wie wir versuchen, denen zu vergeben, die uns wehgetan haben.
Und der Hund? Der bleibt unser Joker!
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Schuldige findet man schnell. Schon immer, früher wie heute erfinden Menschen die absurdesten Schuldzuweisungen. Das tun Menschen besonders gerne, wenn sie die Welt nicht mehr verstehen.
An seiner Krankheit ist der Kranke schuld, weil er sich angeblich zu leichtsinnig verhalten hat.
An der Sucht ist der Süchtige schuld, er könnte sich ja schließlich besser im Griff haben.
Und natürlich ist das vergewaltigte Mädchen selbst schuld – bei dem kurzen Rock!
In der Bibel steht, wie Jesus auf diese absurden, ja verletzenden Schuldzuweisungen reagiert. Jesus lässt Schuldzuweisungen nicht nur zerplatzen wie einen Ballon, um zu zeigen, wie hohl sie doch eigentlich sind. Nein, Jesus kehrt sie um! Jesus fragt: „Du siehst den Splitter im Auge deines Gegenübers. Bemerkst du nicht den Balken in deinem eigenen Auge?“ (Matthäus 7,3)
Sein Motto: Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung! Bevor du dir Gedanken über die „Schuld“ der anderen machst - fang bei dir selber an. Wobei man sollte sich auch nur für das schuldig fühlen, was man sich wirklich zuschulden kommen hat lassen. Gesunde Selbsterkenntnis – nicht krankhaftes Schuldgefühl, auch nicht neurotische Skrupel. Niemand soll sich die Schuld an etwas einreden, das er nie getan hat.
Doch so eine Selbsterkenntnis ist gar nicht so einfach. Schuldig zu sein, tut weh. Aber letztendlich tut es gut zu sagen: „Ich bin schuld. Und ich bitte um Entschuldigung!“
Ich bin davon überzeugt, dass jemand, der ehrlich zu sich selbst ist, sich auch selbst eher erträgt, so wie er ist.
→Burkhard Weitz „Soll man sich schuldig fühlen? Wenn Anlass dazu besteht: natürlich! Doch Schuld anzuerkennen, fällt manchem ganz schön schwer“ in: Chrismon 07/08 2020.
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Ich hatte so richtige, im wahrsten Sinne des Wortes: bodenlose Angst. Es war der vorletzte Tag. Wir waren in Orléans losgefahren, fuhren den Radweg an der Loire entlang, wunderschöne Landschaft und ein beeindruckendes Schloss am anderen! Es war nachmittags, bald sollten wir das Ziel erreicht haben. Nur noch diese Brücke über die Loire und dann waren wir da. Aber die Brücke schaukelte im Wind, die Autos fuhren viel zu schnell, viel zu dicht direkt neben uns, der Fahrradweg war viel zu schmal, auf der einen Seite das Brückengeländer, auf der anderen ein hoher Bordstein, zu eng zum schieben und beim Fahren rüttelte der Wind am Fahrrad. Mein Freund fuhr voraus, ganz mit sich und seinem Rad beschäftigt. Und ich fühlte mich hundeelend und allein gelassen! Mir liefen Tränen der Anstrengung, der Anspannung und der Angst die Wangen runter, während ich - ganz langsam - über die Brücke fuhr.
Abends, frisch geduscht, beim Apéritif dachte ich: es ist doch erstaunlich, was für eine innere Kraft man hat. Man denkt, es geht nicht mehr, aber da ist etwas, das einen weitertreibt. Nicht nur auf einer schwankenden Brücke, auch in meinem Leben:
Nach meiner Scheidung dachte ich: tiefer kannste nicht mehr fallen. Aber da war etwas in mir, das sagte: Auf, Kopf hoch, einen Schritt nach dem anderen.
Oder als es auf der Arbeit nicht mehr ging, als es unerträglich wurde, da war sie wieder da, diese Kraft in mir, die mich nach neuen, anderen Möglichkeiten suchen ließ.
Da ich an Gott glaube, glaube ich auch: diese innere Kraft ist Gottes Kraft. „Gott ist meine Kraft und mein Heil!“ (2. Mose 15,2). Ja, genauso fühlt es sich an: Gott gibt mir Kraft und hilft mir, trotz allem weiterzugehen.
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