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Angeblich stirbt sie zuletzt: die Hoffnung. Wie zähes Unkraut wurzelt sie noch in den allerkleinsten Zwischenräumen. Vielfach niedergetrampelt, steht sie doch immer wieder auf. Ein Phänomen! Der Heidelberger Altphilologe Jonas Grethlein hat der Hoffnung sein neuestes Buch gewidmet und eine Geschichte der Zuversicht geschrieben. Sie reicht vom antiken Dichter Homer bis zu den Herausforderungen des heutigen Klimawandels. Ist der Mensch hoffnungslos infiziert von Hoffnung?
Also, ich bezweifle, dass es viele Menschen gibt, die überhaupt keine Hoffnung haben. Ich glaube, dass die Hoffnung wirklich ganz tief in uns verwurzelt ist, dass sie etwas zutiefst Menschliches ist und dass schon sehr viel passieren muss, um den Menschen die Hoffnung auszutreiben.
Mir gefällt diese Vorstellung, dass jeder Mensch als Grundausstattung neben einem Urvertrauen auch eine ordentliche Portion Hoffnung mitbekommen hat. Jonas Grethlein bezeichnet diese Anlage zur Hoffnung als ein Weltverhältnis. Da gibt es die Möglichkeit von etwas Gutem in der Zukunft. Und wir können gar nicht anders: Wir müssen uns in die Zukunft entwerfen. Klingt verlockend. Aber es gibt ja nicht nur optimistisch veranlagte Menschen. Ich jedenfalls kenne eine ganze Menge Pessimisten. Die sehen die Zukunft rabenschwarz. Von offener Zukunft, der Möglichkeit von etwas Gutem und von Hoffnung keine Spur. Doch Jonas Grethlein macht einen Unterschied zwischen Optimismus und Hoffnung:
Also der Optimismus geht davon aus, dass die Zukunft etwas Gutes bringt. Die Hoffnung erwartet die Möglichkeit von etwas Gutem, ist sich aber nicht sicher, ob das Gute wirklich kommt. Das heißt, da sind Sicherheit und Verfügbarkeit der Unterschied.
Also ich würde mich selber als pessimistisch beschreiben, bin aber auch ein ausgesprochen hoffnungsvoller Mensch. Also gerade, wenn man eher das Schlechte erwartet, kann man ganz starke Hoffnungen auf die Zukunft entwickeln.
Konkret: Ich kann auf schönes Wetter hoffen, weil das nicht in meiner Macht steht. Aber ich kann nicht auf ein leckeres Abendessen hoffen, wenn ich nichts dafür eingekauft habe. Auch die Hoffnung selbst ist unverfügbar. Sie steht mir nicht auf Knopfdruck zur Verfügung. Das hat sie mit ihren großen Geschwistern gemeinsam, dem Glauben und der Liebe. Diese drei theologischen Tugenden beziehen ihre Stärke daraus, dass sie sich dem menschlichen Zugriff entziehen.
Es sind Geschenke Gottes an uns Menschen, die können wir nicht aus eigener Kraft herbeizwingen. Wir hoffen auf etwas, was uns nicht verfügbar ist. Wir wissen nicht, ob wir das erlangen können und erlangen werden, worauf wir hoffen.
Damit nähern wir uns dem größten Hoffnungsfest im Kirchenkalender. An Ostern feiern Christen, dass Gott Jesus Christus von den Toten auferweckt hat. Und damit den größtmöglichen Hoffnungshorizont aufgerissen hat, der überhaupt vorstellbar ist: Er verheißt ein ewiges Leben nach dem Tod für alle im Reich Gottes. Jonas Grethlein beschreibt Ostern als eine prägnante Zäsur in der Geschichte der Hoffnung.
Davor hat Hoffnung auch eine ganz große Rolle gespielt. Aber Hoffnung ist meistens auf das Leben im Diesseits bezogen, und wir haben dann am Ende des Alten Testaments in den ganz späten Büchern Erwartungen an ein Leben nach dem Tod. Aber dass Hoffnung sich ganz dezidiert auf das Leben nach dem Tod richtet, das haben wir dann erst mit Paulus.
Der biblische Apostel Paulus beschreibt im ersten Korintherbrief die Auferstehung Jesu von den Toten als Dreh- und Angelpunkt des christlichen Glaubens. Drastisch formuliert er: „Wenn Christus nicht auferweckt wurde, dann hat unsere Verkündigung keinen Sinn. Auch unser Glaube ist dann sinnlos. Ja, wenn die Toten nicht auferweckt werden, dann lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“
Angenommen, mit dem Tod wäre tatsächlich nicht alles zu Ende, es käme tatsächlich noch etwas: Wie sähe es denn aus, dieses ewige Leben? Worauf könnte ich da hoffen? Jonas Grethlein reagiert eher zurückhaltend:
Ja, ich glaube, dass das Leben nach dem Tod, die Auferstehung sich unserer Vorstellungskraft entzieht. Das können wir in unseren begrifflichen Kategorien gar nicht fassen, auch wenn wir uns einer metaphorischen Sprache bedienen. Wir haben aber diese tiefe Sehnsucht in uns, dass das nicht alles war, dass es danach noch etwas gibt. Und ich glaube, dass diese Hoffnung was ganz Wichtiges menschliches Leben ist, dass das etwas ist, was uns auch Kraft im Diesseits geben kann.
Jesus hatte keine Scheu, vom Reich Gottes in sehr lebendigen und anschaulichen Bildern zu sprechen. Einmal vergleicht er es mit einem Senfkorn und sagt: „Wenn das gesät wird, ist es das kleinste unter allen Samenkörnern. Aber wenn es aufgeht, wird es größer als alle Kräuter und treibt große Zweige und wird ein Baum, so dass die Vögel kommen und in seinen Zweigen wohnen.“ Der Baum als Bild für das ewige Leben, das hat auch die Dichterin Ingeborg Bachmann inspiriert. Sie schreibt: „Hinter der Welt wird ein Baum stehen mit Blättern aus Wolken und einer Krone aus Blau. In seine Rinde aus rotem Sonnenband schneidet der Wind unser Herz und kühlt es mit Tau. Hinter der Welt wird ein Baum stehen, eine Frucht in den Wipfeln, mit einer Schale aus Gold … “
Ein poetischer Annäherungsversuch. Von der Kraft der Literatur ist auch Jonas Grethlein fest überzeugt. Wie kommt ein Altphilologe dazu, ein Buch über die Hoffnung zu schreiben?
Zum einen hat mich fasziniert, dass die Hoffnung in der Gegenwart ganz verschieden bewertet wird. Auf der einen Seite haben wir Aktivistinnen wie Greta Thunberg, die die Hoffnung radikal ablehnen und sagen: Wir wollen eure Hoffnung nicht; wir wollen, dass ihr endlich handelt! Auf der anderen Seite haben wir Philosophinnen und Philosophen, die die Hoffnung ganz explizit als eine wichtige Quelle der Kraft identifizieren.
Diese unterschiedliche Einschätzung des Phänomens Hoffnung zieht sich wie ein roter Faden durch die komplette Geschichte der Hoffnung. Für die einen ist sie die Motivationsquelle schlechthin, für die anderen verhindert und lähmt sie das notwendige Engagement für die Welt. Beide Sichtweisen finden sich auch in der Geschichte des Christentums:
Sigmund Freud schreibt das an einer Stelle ganz, ganz plastisch, wenn er sagt, die Menschen werden vertröstet mit der Hoffnung auf einen Großgrundbesitz auf dem Mond, statt ihre Parzelle auf der Erde zu bewirtschaften. Also da wird Hoffnung sehr negativ gesehen. Aber man kann auch Gegenbeispiele anführen. Ein Beispiel, das ich besonders eindrücklich finde, wäre die amerikanische Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren. Martin Luther King und ganz viele seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter waren Christen und haben sich für Bürgerrechte für Schwarze vor allem auf der Grundlage ihrer christlichen Hoffnung eingesetzt. Und da ist die christliche Hoffnung eben nicht lähmend, sondern da ist die christliche Hoffnung beflügelnd. Da hat sie den Menschen Kraft gegeben.
Und schließlich, so sagt Grethlein, kommen auch die radikalsten Kritiker der Hoffnung am Ende nicht ganz ohne Hoffnung aus:
Also ich finde ganz interessant, dass viele Aktivistinnen und Aktivisten, die der Hoffnung jegliche Geltung in der Gegenwart absprechen, trotzdem Hoffnung haben, dass auf der einen Seite Hoffnung abgelehnt wird, auf der anderen Seite der Aktivismus aber natürlich nur durch die Hoffnung möglich ist und gerade von dieser Hoffnung gespeist wird, dass man doch noch etwas verändern kann. Ohne Hoffnung wäre auch kein Aktivismus möglich. Diese Hoffnung ist dann nicht die positiv aufgeladene Utopie, sondern die ist eher der Wunsch, dass sich das Schlimme noch einmal abwenden lässt.
Das könnte ein schönes Schlusswort sein. Aber es gibt ein noch schöneres: die Osterbotschaft von Jonas Grethlein:
Mein Wunsch ist der, dass alle Menschen, die gerade hoffnungslos sind, die sich in tiefer Not befinden, dass die wieder Hoffnung schöpfen und irgendwie Gottes Gnade spüren können, sei es durch ein freundliches Wort, durch einen netten Blick oder auch nur durch einen Sonnenstrahl. Darin kommt zum Ausdruck, dass Ostern wirklich das Fest der Hoffnung ist, dass Ostern uns die Hoffnung auf eine Auferstehung und auf ein ewiges Leben gibt und dass mit dieser großen Hoffnung verbunden auch viele kleine Hoffnungen sind. Kleine Hoffnungen für die Menschheit im Diesseits, kleine Hoffnungen für uns in unseren Familien, unseren Freundeskreisen, kleine Hoffnungen für uns als Individuen.
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Ein Gespräch von Alexander Foitzik mit Prof. Dr. Magnus Striet.
Foitzik:
Zum Karfreitag spreche ich mit Magnus Striet. Er ist Professor für Fundamentaltheologie und Philosophische Anthropologie an der Katholisch Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.
Vor ein paar Jahren haben Sie, Magnus Striet, ein sehr inspirierendes Büchlein veröffentlicht mit dem Titel „Gottes Schweigen: Auferweckungssehnsucht- und Skepsis“. Darin erinnern Sie sich anschaulich, ja liebevoll, welche besonderen Rituale die Kartage, den Karfreitag, bestimmt haben in ihrer Kindheit im Westfälischen Rheine. Sie schreiben, diese Erinnerungen prägen Sie bis heute?
Striet:
Ja, das ist in der Tat so. Die Karfreitagsstimmung war immer von einer eigentümlichen Kargheit geprägt, es war ruhiger als an anderen Tagen, es gab auch ein besonderes, sehr reduziertes Essen. Aber wir Kinder haben das immer sehr geliebt, so dass wir uns in der Tat auf diesen Punkt gefreut haben. In die Karfreitagsliturgie bin ich nie gerne gegangen, weil mir das immer zu dunkel war, und ich auch nie verstanden habe, was das mit diesem Sühnetod auf sich haben soll.
Foitzik:
Der Theologe Magnus Striet schaut heute aber ganz anders auf diese Kartage, den heutigen Karfreitag. Worin sehen Sie die Kernbotschaft des heutigen Festes?
Striet:
Zunächst einmal muss man sagen, dass wir historisch wissen, dass Jesus seinen Tod nicht gewollt hat, sondern am Ende in dieser aufgeheizten Religionskultur, in dieser aufgeheizten Atmosphäre von Jerusalem riskiert hat. Das heißt, er hat eine bestimmte Botschaft mit seinem Tod verbunden, aber er hat die nicht im ausdrücklichen Sinne gewollt. Sondern als sich der Konflikt um seine Person und damit auch um seine Gottesbotschaft zuspitzte, hat er ihn auf sich genommen. Und das ist etwas grundlegend anderes als das, was die Tradition immer behauptet hat.
Foitzik:
Mit dem Karfreitag sind traditionell bestimmte Glaubensaussagen verbunden. Jesus wurde für uns gekreuzigt, erlitt einen stellvertretenden Sühnetod. Jesu Leiden am Kreuz bietet offenbar dem über den Menschen erzürnten Gott Genugtuung. Vielfach haben Sie, Professor Striet, die fatale Wirkungsgeschichte dieser Theologie beschrieben. Lässt sich mit wenigen Sätzen sagen, worin die besondere Problematik dieser Sühnethologie besteht?
Striet:
Man hat sich das so vorgestellt, dass der Mensch im Paradies lebend sich gegen Gott versündigt hatte, sozusagen dass hier eine erste Auflehnung gegen Gott stattgefunden hat, und dass diese erste Auflehnung die Auflehnung Adams, der nun selbst sein wollte wie Gott, schuldhaft anrechenbar auf die ganze Menschheit hinübergegangen sei. Und jetzt hat man die Vorstellung entwickelt, dass Gott für sich selbst ein Sühneopfer braucht, um sich überhaupt mit der Menschheit versöhnen zu dürfen. Darin hat er vermeintlich seine Barmherzigkeit verstanden, da der Mensch als Geschöpf aber seinen Schöpfer immer bereits alle Ehrerbietung schuldete, musste nun ein Gottmensch also der Sohn Gottes her, um das notwendige Sühneopfer am Kreuz zu bringen. Das ist nun überhaupt nicht mehr nachvollziehbar. Denn erstens hat es einen solchen guten Urzustand nie gegeben, das wissen wir aus evolutionstheoretischen Wissensbedingungen. Und zweitens hätte ein Gott, der ein solches Opfer für sich braucht, sich selbst moralisch diskreditiert, und deshalb muss man völlig neu denken.
Foitzik:
Viele von uns Durchschnittsgläubigen können kaum verstehen, wie und von was Jesus uns erlöst haben könnte, indem er diesen grauenvollen Tod erlitten hat. Wie lässt sich heute die erlösende Tat Jesu am Kreuz verständlich beschreiben, ohne eben vom sühnenden Opfer zu sprechen?
Striet:
Wir müssen zur Beantwortung dieser Frage nochmals kurz auf den historischen Jesus zurückzugehen, so viel wir überhaupt über ihn wissen können. Wir wissen ja nur etwas über die frühe Gemeindebildung. Dieser Jesus hat sich vor allem den Menschen zugewandt, die am Rande der Gesellschaft standen, die als Sünder und Sünderinnen diskriminiert waren und ihnen die heilsame Botschaft Gottes zugesagt: „Gott ist mit ihnen“. So dass diese Menschen bereits jetzt aus diesem Glauben heraus leben konnten, und genau für diesen Gott hat Jesus diesen Tod erlitten, ist sozusagen seinen Weg konsequent bis ans Kreuz gegangen, so dass wir in einer modernen Theologie sagen können: Weil Gott so offenbar geworden ist, dass er nichts unversucht gelassen hat, um die Menschen von sich zu überzeugen, braucht es auch keine Zweifel mehr, dass Gott auch in alle Ewigkeit hinein so für den Menschen da sein will. D.h. Gottes Selbst-offenbar-werden als diese Liebe ist unsere Erlösung und das hat nichts mehr mit einem sühnenden Tod am Kreuz zu tun.
Fotizik:
Wenn wir auf die Frömmigkeitsgeschichte zurückblicken, hatte der Karfreitag nicht immer auch noch diese problematische Bedeutung? Dass nämlich mit dem Leiden Jesu auch das Leid und das Leiden der Menschen sozusagen überhöht wurde.
Striet:
In der Tat hat es eine Leidensmystifizierung gegeben, weil man immer das Leiden der einzelnen konkreten Menschen, also unser Leiden, abgeglichen hat mit dem Leiden Christi, das da viel größer sei als das Leiden von uns Menschen, da er ja die Sündhaftigkeit der Menschen auf sich genommen habe. Das hat fatale Auswirkungen gehabt. Ich mache es an einem Beispiel deutlich. Wenn heute Menschen an Depression erkranken, dann wissen wir, wir haben hier tatsächlich ein sozusagen pathologisches medizinisches Problem. In vergangenen Jahrhunderten waren die, die zutiefst melancholisch waren, nochmals als Sünder und Sünderinnen denunziert, weil man Ihnen gesagt hat, dass du die Erlösung von Gott nicht annimmst, ist der Grund dafür, dass du heute diese Melancholie zeigst. Das ging soweit, dass man Menschen die sich selbst suizidiert haben, außerhalb der Friedhofsmauern begraben hat.
Foizik:
Hat da der Karfreitag umgekehrt auch eine Hoffnungsbotschaft für uns, obwohl im Zentrum das Kreuz steht, ein Folterinstrument?
Striet:
Zunächst einmal bleibt auch das Kreuz Jesu ein Kreuz, das nie hätte sein sollen, sowie die vielen anderen Kreuze der Weltgeschichte. Das Hoffnungsvolle des Karfreitags ist, dass dieser Tag natürlich eingebunden ist und bleibt in die sozusagen Liturgie, die ja deutlich vorher schon beginnt. Und man letztlich als gläubiger Christ, gläubige Christin den Karfreitag feiert im Licht der österlichen Erfahrung, von der die ersten Gemeinden gesprochen haben, also dass Gott sich zu dem Gekreuzigten, Auferweckten bekannt hat. Deshalb darf man diese Feiertage auch nie isolieren. Der Karfreitag bleibt das Nicht-sein-sollende im Licht des österlichen Glaubens. Deutet sich aber hier bereits an, dass Gott mit diesem Tag ein Zeichen gesetzt hat, über das hinaus keine größere Liebe mehr denkbar ist unter den Bedingungen der Geschichte, weil dieser Jesus bis ins Letzte sich und damit seinen Gott riskiert hat.
Foitzik:
Der Karfreitag ist, wie Sie gesagt haben, eingebettet in die sogenannten heiligen drei Tage, Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern. Wie wichtig ist es, den Karfreitag als eigenständigen Feiertag zu begehen und nicht nur als Vorspiel vor Ostern?
Striet:
Die Eigenständigkeit des Karfreitags ist aus drei Gründen unbedingt aufrecht zu erhalten. Erstens verstehen wir überhaupt nicht, warum es zu diesem Tod gekommen ist, wenn wir nicht das Leben Jesu mitrechnen, d.h. wir müssen den Karfreitag auf der Linie des Lebens Jesu lesen. Der zweite Punkt: Ich hatte es bereits versucht anzudeuten, der Karfreitag Jesu steht auch für die vielen anderen Karfreitage der Weltgeschichte, und zwar für Karfreitage, die bis heute zu beobachten sind: grauenhafte Kriegssituationen, die Lieblosigkeit und so weiter und so fort, die tagtäglich zwischen Menschen herrscht. Das Scheitern von Menschen - und auch dafür steht der Karfreitag. Der dritte Punkt ist, und der ist mir sehr wichtig. Im 21. Jahrhundert ist der Glaube an einen solchen rettenden Gott natürlich immer auch von einem gewissen Zweifel begleitet. Kann es wirklich sein, dass ein Gott existiert, der sich nach diesen Milliarden Jahren des Universums so Menschen zugewandt zeigt? D.h. in gewisser Weise steht für mich jedenfalls, und ich vermute auch für viele Menschen, die von einem Zweifel begleitet sind, ob dieser Gott überhaupt existiert, der Gott auch für den grundlegenden Zweifel, der in der Moderne den Glauben begleitet.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=41972Ich spreche heute, am ersten Weihnachtstag, mit Dr. Fabian Freiseis. Er arbeitet beim Erzbistum Freiburg und er ist Vizepräsident des Vereins „Kinderhilfe Bethlehem“. Und dieser Verein wiederum ist Träger des Caritas Babyhospitals in Bethlehem. Einer Einrichtung, die ein echter Segen ist für diese gebeutelte Region. Herr Freiseis, wie kam es damals überhaupt dazu, dass dieses Krankenhaus im Westjordanland entstanden ist?
Die Gründungsgeschichte, ist vor allem mit dem Namen Hedwig Vetter, das war eine Schweizer Kinderkrankenschwester, und Dr. Antoine Dabdoub verbunden. Beide haben nach der Staatsgründung Israels gesehen, dass es in Bethlehem eine Anlaufstelle braucht für Kinder und deren Mütter vor allem, aber auch deren Familien. Und sie haben dann eben angefangen, eine Tagesklinik aufzubauen, wo man einfach hingehen konnte, wenn Kinder krank waren. Caritas Deutschland hat 1952 dann den Gründer des späteren Vereins geschickt, Pater Ernst Schnydrig. Das Babyhospital war erstmal eine Babypraxis zum niedrigschwelligen Herangehen, und wurde dann einziges Kinderspital im Westjordanland mit beinahe 50.000 Behandelten.
Nun heißt das Haus ja „Caritas Baby Hospital“, oder kurz „CBH“. Genau genommen ist es aber keine Einrichtung, die der Dachorganisation Caritas gehört. Das klingt ja etwas verwirrend.
Der Deutsche Caritasverband, der Schweizer Caritasverband sind Gründungsorganisationen des Vereins. Und das kommt einfach daher, dass, wie gesagt, Hedwig Vetter aus der Schweiz kam, vom Schweizer Caritasverband, und Pater Ernst Schnydrig war beim Deutschen Caritasverband angestellt. Und so kommt die Nähe zu diesen Mitgliedsorganisationen und auch die Nähe zum Namen Caritas. Und das ist auch, was für die christliche Nächstenliebe in der Region steht. Denn das Hospital liegt nicht nur an der Caritas Road, sondern viele Menschen, auch Muslime, sagen: We go to the caritas.
Gibt es denn über den medizinischen Aspekt hinaus etwas, dass dieses Krankenhaus ganz besonders auszeichnet?
Uns ist es wichtig, dass das CBH in der Gemeinschaft vor Ort lokal verankert ist. Das gesamte Executive Committee, also die ganzen leitenden Angestellten des Hospitals, sind allesamt Palästinenserinnen und Palästinenser, kommen aus Bethlehem oder den Dörfern, Städten in der Nähe von Bethlehem. Das ist schon noch mal eine Besonderheit, dass eben nicht Menschen aus aller Herren Länder oder aus den Geberländern vor Ort das Sagen haben, sondern dass man auch als Vorstand des Trägervereins in intensivem Austausch mit den Verantwortlichen vor Ort nach den besten Lösungen sucht. Das halte ich schon für ein ganz großes Alleinstellungsmerkmal.
Das Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern ist extrem angespannt. Welche Rolle spielt Herkunft oder Religion für die Arbeit im Krankenhaus?
Die Grundlage ist das relativ einfache Recht aller Kinder auf medizinische Versorgung. Das richtet sich nicht an Christen oder Muslime oder Juden, sondern es richtet sich erst mal an Kinder, die verletzlich sind, die zu den vulnerabelsten Gruppen überhaupt gehören. Diese vulnerable Gruppe steht ohne Ansehen der Ethnie, der Herkunft, der Religion im Zentrum der Arbeit. Und das wird auch gelebt im Alltag. Und es gibt einen intensiven Austausch in Zeiten, die besser sind, zwischen israelischen Krankenhäusern und dem Caritas Baby Hospital, weil wir beispielsweise keine Operation am offenen Herzen anbieten, oder ähnlich für schwerwiegende Fälle einfach nicht gerüstet sind. Da steht der Mensch im Mittelpunkt und das Wohl des Menschen, das Wohl des Kindes.
Beeinflussen die politischen Verwerfungen zwischen Israel und der palästinensischen Autonomiebehörde denn auch die Arbeit am Krankenhaus?
Grundsätzlich gilt, dass sich das Caritas Baby Hospital, wenn es jetzt um die Politik geht, politisch neutral verhält. Denn die Kinder kümmern sich nicht drum, auf welcher Seite man steht. Sie brauchen Behandlung. Und in den Krisenzeiten, die wir momentan haben, wird dennoch darauf geachtet und wird alles versucht, dass auch die Überstellung nach Israel funktioniert. Kurz nach den Terrorangriffen vom 7. Oktober und den folgenden Tagen war das nicht möglich. Da waren die Grenzübergänge gesperrt. Das ist aber mittlerweile wieder möglich, auch die Grenze zu übertreten, wenngleich man auch bemerkt, dass es härtere Einschränkungen gibt seitens der israelischen Regierung für diese Grenzpassierung von kranken Kindern.
Wir haben ja schreckliche Bilder aus Gaza gesehen. Auch Krankenhäuser, die völlig zerstört waren. Haben die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in Bethlehem Angst, dass so etwas dort ebenfalls geschehen könnte?
Ja, die Hauptsorge ist, dass die Situation im Westjordanland ein Stück weit in Vergessenheit gerät und dass im Schatten dieses Gazakrieges Fakten geschaffen werden durch die israelische Regierung. Und da gibt es schon große Sorgen, dass es zur Schaffung von Fakten kommt und eine Annexion stattfindet. Es gab ja auch die Situation in den zurückliegenden Monaten, dass es auch sogar Einsätze von Kampfjets gab, die Stellungen angeflogen haben. Die Situation der Mitarbeitenden vor Ort ist schon auch von einer großen Angst geprägt, wenngleich auch dieses neue Hoffnungszeichen, das wir jetzt setzen konnten, mit dem Spatenstich des Neubauprojekts am 4. November auch wiederum so ein Zeichen ist für eine bessere Zukunft für die Menschen in der Region, gerade in diesen Zeiten.
Worum geht es da konkret?
Es gibt im Westjordanland keine Tageschirurgie, wo einfach Routineeingriffe, Mandeloperation, Hernienoperation etc., wo die vorgenommen werden können. Diese Tageschirurgie würde ein Angebot geben, was von den Menschen dringend benötigt wird, um eben gerade auch in diesen Krisenzeiten, wo manchmal auch das Passieren längerer Strecken von Checkpoints nicht möglich ist, um vor Ort eine Möglichkeit zu haben. Die Hoffnung ist, dass das in ungefähr zehn, elf Monaten dann steht, dass dann der Innenausbau beginnen kann. Und dann geht es um die medizinischen Gerätschaften, um die Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, Infektionsschutz usw. und so fort. Dass man dann so Ende 2025, Anfang 26 hoffentlich die ersten Kinder auch dort therapieren kann. Und darauf freuen wir uns sehr.
In der westlichen Kirche feiern wir heute das Weihnachtsfest. Wird auch im Hospital gefeiert?
Weihnachten wird auch im Hospital gefeiert. Wir haben dort indische Schwestern, die auch mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dann einen Weihnachtsbaum schmücken. Es gibt einen Gottesdienst, auch für die Mitarbeitenden, nach Möglichkeit von Patriarch Pizzaballa gefeiert, wo es einfach auch eine enge Beziehung gibt. Und wir sind auch sehr dankbar, dass die indischen Schwestern diesen christlichen Geist im Hospital auch einbringen. Und umgekehrt sind auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr dankbar für diese Präsenz von indischen Schwestern.
Weihnachten ist ja ein Fest, auf dem jedes Jahr viele Hoffnungen ruhen. Auf Frieden, auf eine gute, von Gott gewollte Zukunft. Ich nehme an, das gilt jetzt besonders auch dort in Bethlehem.
Weihnachten ist ein Fest, das uns zurückblicken lässt, aber auch vorausahnen lässt in dieser auch von den Engeln verkündeten Friedens und Hoffnungsbotschaft. Und das wünschen wir als Verein allen Kindern, vor allem der gesamten Region. Es ist gerade keine Freude, als israelisches Kind unter Raketenbeschuss in Sderot zu leben. Es ist keine große Freude, als Kind im Gazastreifen leben zu müssen oder in Bethlehem oder in Hebron. Und da glaube ich, dass es auch an diesem Weihnachtsfest gilt zu beten, sich mit Gott, aber auch mit den Mitmenschen in Verbindung zu bringen und zu fragen: Wie können wir Zivilgesellschaft dort unterstützen, damit eben auch vor Ort in Bethlehem in der Region Friede geschaffen werden kann.
Wenn wir zum Schluss nochmal auf das Caritas Baby Hospital schauen. Was könnte uns diese Einrichtung in Bethlehem vom Geist der Weihnacht erzählen?
Es zeigt einerseits, dass dieser Friede und diese Hoffnung auf Frieden, auch 2000 Jahre später noch zur Veränderung führt. Dort wirkt diese Idee in der Hoffnungslosigkeit und schafft Frieden. Zugleich wird man aber auch sagen dürfen, dass schon auf den weiteren Verlauf dieser Geschichte, die Gott mit uns Menschen durch seine Menschwerdung teilt, dass darauf auch schon verwiesen wird, weil wir eben leben: Es gibt weder Juden noch Griechen, weder Sklaven noch Freie. Die Kinder sind vor dem Angesicht Gottes alle gleich, mit gleicher Würde ausgestattet. Und diese große Vielfalt in der Menschlichkeit, in der Humanität, das ist auch noch mal ein Aspekt, der sich von Weihnachten das ganze Jahr über durchzieht in dem Caritas Baby Hospital als Ort der Menschlichkeit.
Herr Freiseis, ich danke Ihnen für Ihre Zeit.
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St. Martin, der seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat, Bischof Nikolaus, der seine Würde als Heiliger schon bald wieder gegen den profanen Weihnachtsmann verteidigen wird. Oder die Mystikerin Teresa von Avila als erste Frau im offiziellen Status einer Kirchenlehrerin: Diese Heiligen sind auch mir als evangelischer Pfarrerin wohl bekannt. Aber spätestens nach ein paar Dutzend weiterer Namen versiegen meine Kenntnisse. Dabei zählt die katholische Kirche inzwischen nahezu 14000 Heilige, Selige und Märtyrer in ihrem Kalender. Und heute ist ihr Tag: Allerheiligen.
Der katholische Theologe und Musikwissenschaftler Meinrad Walter ist mit vielen Heiligen aufgewachsen. Eine katholische Kindheit mit feierlichen Prozessionen und fröhlichen Patronatsfesten. Heute arbeitet er als Professor an der Hochschule für Musik und im Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg. Er bedauert, dass der Festtag aller Heiligen vom darauffolgenden Allerseelentag mit Totengedenken und Friedhofsbesuchen buchstäblich in den Schatten gestellt wird:
Der 1.11. ist eigentlich ein sehr österlicher Tag, ein herbstliches Fest, was eigentlich sehr hell leuchten soll. Als jemand, der auch Musik macht, sehe ich so die Heiligen quasi in einem Ensemble. Es ist ein großes Ensemble. Manchmal wird es auch in Liedern als Chor beschrieben. Dann singen die Bekennerinnen, und dann singen die Märtyrer, Und dann singen die Heiligen Jungfrauen und was es alles gibt.
In dieser bunt gefächerten Gemeinschaft der Heiligen finden sich Stars und Sternchen und auch große Unbekannte. Da gibt es den Namenspatron des Professors, den Heiligen Meinrad, der das Kloster Einsiedeln in der Schweiz gegründet hat. Oder die Heilige Wiborada, die im elften Jahrhundert als erste Frau von der Kirche heiliggesprochen wurde. Sie hat ihr Leben eingemauert in einen Turm verbracht, ohne Tür, nur mit zwei Fenstern: eins in die Kirche hinein, eins zur Welt hinaus. Heute betreiben ihre Anhängerinnen eine digitale Plattform, auf der man spirituelle Übungen herunterladen kann. Ich frage mich: Fehlt uns etwas in der evangelischen Kirche so ganz ohne Heilige?
Wenn ich in meine katholische Kirche gehe, dann sehe ich den Heiligen Jakobus, weil die liegt im Schwarzwald, an einem Jakobus-Pilgerweg. Dann sehe ich Statuen, dann sehe ich ein ganzes Marienleben mit biblischen Dingen, wo jeder Protestant mitgehen kann. Ich glaube, die evangelische Gefahr ist, dass diese Buntheit ein bisschen verloren geht. Die katholische ist, dass es so bunt, so vielstimmig wird, dass man den Grundton Christus ein bisschen vergessen könnte, das ist dann auch schade.
Auch Evangelische Theologen sagen, wir haben zu wenig Gespür, dass es Menschen gibt, die sind außerordentlich. Bei uns sind alle immer gleich. Und das andere ist so eine Idolisierung: Das ist mein Gott! Also ich glaube, das eine ist so falsch wie das andere. Und das Heilige ist doch so irgendwo in der Mitte, das sind Menschen wie du und ich. Aber sie sind doch besonders begnadet. Im Ulmer Münster ist Johann Sebastian Bach so dargestellt wie die Heiligen und Apostel in katholischen Kirchen, nämlich als Person der Kirchengeschichte auf einem Sockel, quasi mit Orgelpfeifen und so weiter. Ähnlich Paul Gerhardt. Also irgendwie braucht es solche, jetzt nennen wir es mal Identifikationsfiguren, um das Wort Heilige zu vermeiden. Und ich glaube, das ist auch was Gutes. Das sind Personen, die herausragen, die man als Vorbild nehmen kann, die erst mal schlicht eine Präsenz haben.
Identifikationsfiguren, Vorbilder, charismatische Persönlichkeiten: Zu diesen Begriffen fallen mir etliche Personen ein. Bei einem Heiligen argwöhne ich: Es kann doch nicht sein, dass einer in seinem Leben nur Leuchtspuren hinterlassen hat! Und frage mich: Wo hat der wohl seine versteckten Schattenseiten? Ein Vorbild wäre für mich aber gerade ein Mensch, der mir auch zeigt, wie man auf gute Weise zu seinen Fehlern stehen kann. Und ich finde es eine Stärke protestantischer Theologie, dass sie Menschen gerade in ihrer Anfälligkeit zum Scheitern, theologisch gesprochen als Sünder ernst nimmt. „Ich bin kein ausgeklügelt‘ Buch. Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch!“
Politiker müssen die weiße Weste haben, egal, was irgendwo versteckt ist. Also hoffentlich ist es bei den christlichen Heiligen nicht so. Also diese Spannung in der Person, die muss man aushalten. Wenn man die Heiligen betrachtet, dann sind das ja keine so einförmigen Personen. Wenn ich jetzt denke, der Heilige Augustinus, durch welche Irrungen und Wirrungen der seinen Weg gefunden hat, die Heilige Edith Stein, die sagt, ich war überzeugte Atheistin und habe dann irgendwie zum Glauben gefunden. Also diese Dynamik, die darf es schon haben. Aber ich finde ganz schön, dass man sich auch an den Heiligen so ein bisschen reiben und stoßen kann, Dass die nur auf dem Podest stehen und nur alles im hellsten Licht und dann kommt ja der nächste Schritt: und ich als armes Menschlein so vieles im Dunkeln. Das wäre auch nicht gut.
In der Erzdiözese Freiburg steht demnächst eine Seligsprechung an. Dieser Akt kann der erste Schritt auf dem Weg zur späteren Heiligsprechung sein. Selige werden in einer bestimmten Region verehrt; Heilige dann von der ganzen weltweiten Kirche. Am 17. November wird im Freiburger Münster der Priester Max Josef Metzger seliggesprochen. Eine schillernde Persönlichkeit mit vielen verschiedenen Interessen, geboren 1887 im südbadischen Schopfheim. Eine Expertenkommission hat in den letzten Jahren in einem aufwändigen Prozess seine Biografie durchleuchtet und sämtliche seiner Veröffentlichungen gesichtet. Mit ausschlaggebend für den Antrag auf eine Seligsprechung war Metzgers pazifistisches Engagement. Nach seinen Erfahrungen als Seelsorger im 1. Weltkrieg ist der Weltfrieden zu einem seiner großen Lebensziele geworden. Denn …
… es kann nicht sein, dass die Menschen sich bekriegen. Wir müssen alles tun, damit das aufhört. Und das wird natürlich ganz virulent im Nationalsozialismus. Er hat einen Weltfriedensbund gegründet. Er hat evangelische Pastoren zum Friedensgespräch eingeladen, aber er ist natürlich dann auch angeeckt …
… und letztlich sind seine Friedensbemühungen verraten worden. In einem Schauprozess vor dem Volksgerichtshof wird Max Josef Metzger als Hochverräter zum Tod verurteilt und im April 1944 in Berlin hingerichtet. So wird er zum Blutzeugen, der für seinen Glauben mit dem Leben bezahlt.
Für ihn war Christkönig das Fest, was zeigt: Christus allein ist König. Wenn ein Diktator kommt und sagt: Ich bin der Allherrscher, kann das gar nicht sein, denn Christus ist König. Also ein sehr widerständiges Konzept: Ich mache keine Kompromisse mit einem Diktator, das finde ich schon sehr beeindruckend.
Dem Kirchenmusiker Meinrad Walter gefällt noch eine andere Facette im Leben des designierten Seligen: Max Josef Metzger hat nämlich auch volkstümliche Kirchenlieder geschrieben und sie mit Hilfe von befreundeten Komponisten mehrstimmig vertont:
Auch wieder was fast Lutherisches: Die Gemeinde soll doch selber singen. Die Gemeinde soll die Texte der Liturgie singen, nicht nur zuhören, wie andere singen. Das muss man doch hinkriegen. Da braucht man die deutsche Sprache, und der Kirchenchor soll denen endlich mal vorsingen, und dann stimmen die ein und dann lernen die das ganz.
Meinrad Walter ist deshalb auch nicht abgeneigt, den designierten Seligen in seine ganz persönliche Heiligenriege aufzunehmen. Ein Bild dieser illustren Schar hängt über seinem Schreibtisch: Darauf die Heilige Cäcilie, der biblische Psalmendichter und Harfenist David, die Kirchenmusiker Bach und Palestrina. Und daneben nun womöglich bald der selige Max Josef Metzger als Patron der dilettantischen Hobbykomponisten und Amateurmusikerinnen. Ein sehr sympathisches Ensemble!
Foto: Meinrad Walter vor einem musikalischen Heilgenbild von Sieger Köder.
Copyright: Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg
Fronleichnam
Grenzen überwinden
Heute mit Pfarrer Thomas Steiger von der Katholischen Kirche. Guten Morgen!
Es gibt kaum einen Feiertag, der mehr katholisch ist wie Fronleichnam. Aber nur, wenn es ums Äußerliche geht. Da sind Kommunionkinder in weißen Kleidern, Fahnen, eine feierliche Liturgie und das auch noch in der Öffentlichkeit. Allerdings, der Inhalt des Festes, der ist gar nicht so katholisch. Es geht im Kern darum, was ich als Mensch wirklich brauche, um gut leben zu können, dass mich eben nicht satt macht, was ich besitze, dass es aufs Teilen ankommt und ich so nackt, wie ich auf die Welt kam, am Ende wieder sein werde, wenn ich sterbe.
Darüber spreche ich heute in SWRKulturZum Feiertag mit Andrée Gerland. Er ist weder katholisch noch Christ, sondern Humanist. So bezeichnet er seine Einstellung zur Welt. Und er ist beruflich Geschäftsführer der Humanisten Baden-Württembergs. Herr Gerland, danke, dass Sie sich Zeit nehmen für dieses Gespräch heute Morgen. Aber vielleicht erklären Sie uns erst mal, was überhaupt ein Humanist ist und was einen Humanisten auszeichnet.
Andrée Gerland: Sehr gerne und vielen Dank für die Einladung, lieber Herr Steiger. Tatsächlich bezeichnet die Formel Humanist sehr Vieles. Subsumiert unter anderem sowohl den Atheisten als auch den Agnostiker, den Freidenker als auch den Freireligiösen. Es gibt verschiedene Traditionen, die zum Humanismus geführt haben, und die Humanisten zeichnen sich eben dadurch aus, dass sie auch diesen moralischen Boden haben, den sie gerne veräußern. Das heißt also eine Moral, die sich gründet auf die Menschlichkeit, das menschliche Dasein, Toleranz, Gewaltfreiheit und Gewissensfreiheit.
Thomas Steiger: Da haben Sie ja schon ein bisschen was dazu gesagt, was ein Humanisten von einem Christen unterscheidet. Aber auf die Frage, wie das mit Gott ist, sind sie dabei noch nicht gekommen. Wollen Sie da auch noch ein bisschen was dazu sagen, wie Sie dazu stehen?
Gerland: Ja, gerne. Also tatsächlich sind die meisten Humanisten Atheisten auch. Das kommt aus dem Freireligiösen und daher speist sich auch die atheistische Überzeugung der meisten Humanisten. Es ist jedoch so, dass auch unter den Humanisten nicht unbedingt nur Leute wären, die sich zum Religiösen oder zur spirituellen Sphäre definieren. Also da gibt es auch ein weites Spektrum, beispielsweise von Leuten, die auch sagen, sie wissen nicht, was nach dem Tod kommt, nach dem Sterben und die das auch so positioniert haben möchten. Aber der Großteil tatsächlich speist sich aus den Atheisten.
Steiger: Vor einem halben Jahr ungefähr haben Sie ganz direkt mit mir Kontakt aufgenommen. Wie kam das eigentlich dazu?
Gerland: Ja, ganz genau. Es kam dazu, dass wir das Anliegen hatten - und wir haben es tatsächlich immer noch - dass wir in Kirche-im-SWR ein Stück weit mehr präsent sein wollten. Und da haben wir nach einer geeigneten Ansprechperson gesucht. Und wir haben uns ja auch sofort über Hospizarbeit und Trauerarbeit gut unterhalten können.
Steiger: Also ich kann mir natürlich unter Humanismus was vorstellen. Einer, der menschlich ist, der andere freundlich und mit Respekt behandelt. Das würde ich auf der zwischenmenschlichen Ebene so für mich auch in Anspruch nehmen und es zudem auch für eine Einstellung halten, von der ich denke, dass sie ganz gut zu meiner christlichen Haltung passt. Deshalb ging es in unserem Gespräch auch eigentlich gar nicht so sehr darum, dass wir uns voneinander abgegrenzt haben, sondern am Ende sogar darum, wie wir besser an einem Strang ziehen können als Humanisten und als Menschen, die an Gott glauben. Es gibt nämlich durchaus Themen, die uns beide gemeinsam sehr beschäftigen. Wo sehen Sie, Herr Gerland, denn solche gemeinsamen Interessen von Ihnen und mir? Wir können das ruhig auch persönlich nehmen.
Gerland: Ja, gerne. Also tatsächlich ist es so, dass wir erst mal viele Gemeinsamkeiten in der Ausübung von Riten haben. Auch wir haben eine Namensfeier komplementär zur Taufe. Wir haben eine Jugendfeier komplementär zu Kommunion oder Konfirmation eben bei den Protestanten und wir haben auch eine Trauerfeier, eben dann in einem nichtreligiösen und undogmatischem Sinne. Tatsächlich ist es so, das muss ich hier sagen, weil wir uns in Tübingen befinden, finde ich es wichtig, dass man auch immer wieder auf das Paradigma der Ähnlichkeit zurückkommt und nicht immer nur auf das Paradigma der Differenz, dass man sagt: es gibt Vieles, was uns eint, vieles, was uns tatsächlich auch nicht unterscheidet. Und wir sollten unseren Fokus nicht immer darauf stellen, was die Differenz ausmacht, sondern was uns als Ähnlichkeiten auch ausmacht, als Menschen und als Gemeinschaft. Und da sind wir schon bei einem Schlagwort: die Gemeinschaft, dass wir uns darum bemühen, ein Gemeinwohl einer Zivilgesellschaft zu dienen, dass wir da auch uns auf den Menschen fokussieren. Und das machen wir zwar mit unterschiedlichen Möglichkeiten, zum Beispiel bei der Hospizarbeit und der Trauerarbeit. Aber wir haben das gleiche Ansinnen, nämlich den Menschen zu unterstützen, den Menschen irgendwo zu dienen, auch mit einer Formel auf die Menschen zuzugehen, die stark von Liebe geprägt ist.
Steiger: Da sind wir in Tübingen in der Tat natürlich an einem guten Ort, wo das Weltethos-Institut hier platziert ist, das ja im Grunde auch eine ähnliche Stoßrichtung und Denkrichtung verfolgt, was jetzt Zusammenarbeit angeht. Haben Sie auch eine Idee oder schon eine Vorstellung davon, wie so eine Zusammenarbeit konkreter werden könnte, praktischer werden könnte?
Gerland: Ja, also ich stelle mir zum Beispiel etwas vor. Es gibt ja durchaus Bewegungen, auch politische Bewegungen. Das muss man auch konkret sehen und benennen, die eher den Hass in den Vordergrund stellen. Und da geht es darum, dass die Zivilgesellschaft und das unabhängig von einer konfessionellen Verortung, dass sie Flagge zeigt für das, was sie für wichtig hält und darunter, was sie auch steht. Beispielsweise in Stuttgart gibt es das Projekt „Stuttgart Hand in Hand“. Da setzen wir uns für Menschenrechte, Demokratie und Europa ein, jetzt gerade auch vor der Wahl am 9. Juni. Und wir werden am 2. Juni am Marienplatz verschiedene Chöre, aber auch die Zivilgesellschaft ansprechen, dafür zu singen. Und ich finde, das ist eine schöne Gelegenheit. Da geht es nämlich nicht darum, welcher Konfession man angehört, sondern es geht darum, dass man Flagge für die Humanitas, für die Menschlichkeit, für Menschenrechte und Demokratie zeigt und etwas ablehnt, was wir tatsächlich tagtäglich, mit dem wir uns tagtäglich konfrontieren müssen, nämlich den Hass, dass wir das Gegenkonzept vertreten.
Steiger: Unbedingt. Ich bin in der Hinsicht auch sehr froh, dass die katholischen Bischöfe auf der Bundesebene sich sehr klar gegen rechtsradikale und rechtsextreme Positionen abgegrenzt haben und dadurch natürlich auch ein Zeichen setzen wollen für Zusammenhalt in unserer Gesellschaft, der ja in verschiedener Hinsicht bedroht ist. Das gilt sowohl für die größere politische Ebene wie auch für das menschliche Miteinander in den sozialen Medien oder im kleineren gesellschaftlichen Raum. Die Kirchen haben in Stuttgart, natürlich in Tübingen genauso, große Chöre, und ich könnte mir vorstellen, dass sie dabei offene Türen einrennen, wenn sie bei denen nachfragen.
Gerland: Ja.
Steiger: Weil Sie vorhin das Stichwort Hospizarbeit auch angesprochen haben. Also Menschen zu begleiten in ihrem Sterbeprozess auf den Tod zu, dass es dann natürlich schon einen fundamentalen Unterschied gibt. Also Sie legen - und das würde ich für uns hoffentlich auch in Anspruch nehmen für unsere Hospizarbeit in den Kirchen - einen großen Wert darauf, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Aber für uns gibt es natürlich trotzdem darüber hinaus die Dimension, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, dass einer über uns steht, auf den wir durch den Tod zugehen, was unsere Möglichkeiten des Handelns im Sterbeprozess etwas einschränkt. Wie beeinflusst es denn Ihre Einstellung zum Sterben und zum Tod, dass Sie nicht davon ausgehen, dass es einen Gott gibt?
Gerland: Ja, mit der aktuellen Gesetzesnovelle, die sich auch um beispielsweise selbstbestimmtes Sterben handelt, da zeigt sich unsere Positionierung sehr deutlich, indem wir sagen: wir gehen auf den Menschen zu. Und da es bei uns eben diesen dogmatischen Bau nicht gibt, ist es für uns sehr wichtig zu sehen, was denn für den Menschen tatsächlich dem entgegenkommt. Beispielsweise hatte ich vor einigen Monaten ein Telefonat mit einem über 90-jährigen Herrn, der mich darum bat, ob ich ihm Pentobarbital verschaffen könne und ich ihm gesagt habe Das kann ich nicht, das ist auch nicht legal. Und …
Steiger: … Ein Medikament, das zum Sterben führt.
Gerland: Ganz genau richtig und möglichst schmerzfrei. Er hat mir dann seine Situation erläutert, eben Einsamkeit, hohes Alter, Gebrechlichkeit und keine Freunde mehr. Und er meinte dann als Konklusion, er hätte da weniger Rechte als ein Hund. Und das ist traurig, mit anzusehen. Aber tatsächlich, wenn wir solche Bedürfnisse, nach allen Abwägungen, das ist keine leichtfertige, das ist wahrscheinlich die schwierigste Abwägung überhaupt. Wenn so eine Entscheidung da steht, dann müsste man Möglichkeiten finden, dem entgegenzukommen und zu sagen: Ja, wir wollen auch Wege suchen, wo ein Leiden verhindert wird.
Steiger: Also die Frage, wie wir Menschen im Sterben begleiten, wird ja ein bisschen so schematisch unterschieden zwischen aktiver und passiver Sterbehilfe. Das trifft den Punkt meiner Meinung nach nicht immer ganz gut. Wird ja auch in der Theologie, auch in den Kirchen kontrovers diskutiert. Das ist auch gut. Man versucht da schon eine Differenzierung reinzubringen in diese doch schwierige Entscheidungen. Das ist ja für die Ärzte, für die Angehörigen, für die Hospizmenschen, für alle, die Sterbende begleiten, eine schwierige Frage. Für uns als Christen gibt es natürlich diese letzte Reserve, dass der Mensch sein Leben nicht aus eigener Hand hat und auch zuletzt nicht selber in der Hand hat. Aber ich war selber schon beim Sterben von Menschen dabei, von Angehörigen, auch von anderen Menschen und weiß auch, wie sehr manche Menschen sich nach dem Tod sehnen. Ob sie dann sagen, dass sie hoffen, in die Ewigkeit einzugehen oder ob sie sagen, dass ihre Seele eben entschwindet, das ist dann wahrscheinlich manchmal gar nicht die entscheidende Frage. Ich bin froh, dass wir uns vor einem halben Jahr begegnet sind, Herr Gerland, und uns in der Zwischenzeit ein bisschen kennengelernt haben. Da ist sicher noch Manches ausbaufähig, auch was unsere Gemeinsamkeiten und gemeinsamen Punkte angeht. Wir bleiben dran. Ich danke Ihnen sehr für dieses Gespräch heute Morgen und wünsche Ihnen und den Hörerinnen und Hörern am Radio jetzt noch einen guten Tag.
Thomas Steiger aus Tübingen von der Katholischen Kirche.
Gerland: Vielen Dank, Herr Steiger.
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Ein Geist der Verständigung – auch das ist der Heilige Geist, dessen Kommen wir als Christinnen und Christen an Pfingsten feiern. Von einem Sprachenwunder erzählt die Pfingstgeschichte in der Bibel – Menschen unterschiedlicher Muttersprache konnten einander plötzlich verstehen. Wo ist dieser Geist der Verständigung heute zu erfahren – in Kirche und Gesellschaft?
Darüber spreche ich mit Achnasia Manganang – sie stammt aus Indonesien und ist Theologin und Kirchengemeinderätin in der Kirchengemeinde in Stuttgart-Botnang – und mit Stephan Mühlich, er ist Pfarrer in Botnang. Frau Manganang, Herr Mühlich – könnte man sagen, dass bei Ihnen in Botnang jede Woche Pfingsten ist?
Mühlich: Naja, jede Woche Pfingsten, das klingt etwas enthusiastisch, würde ich sagen. Wenn Pfingsten allerdings bedeutet, sich herausfordern zu lassen davon, dass jeder Mensch für jeden Menschen ein Fremder ist mit einer eigenen Muttersprache, die ich gerne lernen will besser zu verstehen, und dass wir zugleich durch Christus alle zu Geschwistern geworden sind in der einen Welt, dann kann tatsächlich jede Woche Pfingsten sein.
Rittberger-Klas: Auch in Botnang – sehen Sie es auch so, Frau Manganang?
Manganang: Ja, in Botnang auch…
Rittberger-Klas: Herr Mühlich, in ihrer Kirchengemeinde scheint es eine besondere Offenheit für internationale Kontakt zu geben – wie ist das entstanden?
Pfarrer sind ja auch Migranten in gewisser Hinsicht. Ich bin zwar in Stuttgart geboren haben eine Frau aus Brandenburg und war als junger Pfarrer zwei Jahre in Italien gewesen in der italienischsprachigen Gemeinde in der Waldenserkirche, das hat mich geprägt. Ich war dann anschließend dreizehn Jahre hier in Württemberg Gemeindepfarrer und neun Jahre im ökumenischen Zentrum auf dem Campus der Universität in Stuttgart-Vaihingen. Und da gibt es ein ökumenisches Haus, also ein gemeinsames evangelisch-katholisches Haus für Studierende, für Hochschulangehörige, und das war immer auch schon ein internationales Haus gewesen. Und Frau Manganang habe ich tatsächlich dort kennengelernt, weil sie mit ihrer indonesischen Gemeinde dort im Ökumenischen Zentrum oft schon gefeiert haben und zu Gast waren. Und dann war sie eine Einheimische, die ich in Botnang wiedergetroffen habe vor fünf Jahren. Und außerdem habe ich dann gesehen in Botnang die Mitarbeiter der Kirchengemeinde, die mir dort begegnet sind: ein iranischer Mesner und Hausmeister, eine Hausmeisterin aus Kasachstan, eine Kantorin aus Russland, eine Instrumentalkreisleiterin aus Japan, eine Organistin aus Südkorea, also ziemlich breit aufgestellt – nicht nur die Indonesier sondern auch die verschiedenen Mitarbeiter, die da einfach dabei sind. Und ich fand immer schon, das sind nicht nur Gastarbeiter für unsere deutsche Gemeinde, sondern das sind welche, die auch mit dazu gehören, und deshalb hat es mir da von Anfang an gut gefallen.
Rittberger-Klas: Eine Kirchengemeinde, in der sich Welten und verschiedene Menschen begegnen… Sie, Frau Manganang, sind in der Botnanger Kirchengemeinde, in der evangelischen Landeskirche engagiert als Kirchengemeinderätin – und treffen sich auch regelmäßig mit anderen Christinnen und Christen aus Indonesien. Sie haben also quasi eine doppelte kirchliche Heimat. Was ist daran spannend, was schätzen Sie daran?
Manganang: Diese doppelte Kirchen-Heimat, also, ja kann man so sagen… Wir bieten das Studenten, die hier studieren, oder allen Indonesiern, die schon lange hier wohnen. Wir wollen dann einfach nur ein Stück Heimat geben, dass wir einmal auf Indonesisch beten, wir singen, wir hören Gottes Wort auf Indonesisch und essen auch unser Essen. Aber am Samstag treffen wir uns, und Sonntag wir gehen dann in die Kirche, wo wir dazugehören, weil bei unseren Mitgliedern sind ja auch ganz viele Denominationen, Evangelische, auch Freikirchen, auch Katholiken. Und dann am Sonntag gehen wir eben in die eigene Kirche hier im Deutschland, wo sie wohnen, damit sie dann gut aktiv und integriert werden. Also, quasi können wir sagen, dass wir eine doppelte kirchliche Heimat hier in Stuttgart haben. Und dann habe ich mich in Botnang richtig engagiert, wo Herr Stefan Mühlich mich dann gefragt als Kirchengemeinderätin. Da bin ich noch mehr integriert.
Mühlich: Ja, das finde ich schon, das gehört eigentlich dazu, dass auch in den Gremien die internationalen Leute vertreten sind. Deswegen hatte ich gleich versucht, das irgendwie hinzubekommen, und dann waren bald die Kirchenwahlen und ich war sehr froh, dass du zugesagt hast und auch, dass es dann bei der Wahl wirklich auch gut geklappt hat. Und das hat auch das Gremium verändert bei uns. Also das ist, finde ich, auch spannend zu sehen, wie auch die Kirchengemeinderäte einer württembergischen Gemeinde sich dadurch verändern.
Rittberger-Klas: Jetzt ist es ja so: Wenn Menschen aus unterschiedlichen Traditionen und Kulturkreisen zusammen leben, feiern und arbeiten, ist immer auch ein Lernprozess. Wo haben Sie voneinander gelernt – und wo gab es vielleicht auch mal Reibungspunkte, wo Sie erstmal gemeinsam ins Laufen kommen mussten?
Mühlich: Also ich finde, es gibt da nichts Besonderes. Ich sag: Das Übliche was es in jeder Familie und Gemeinde gibt, Themen wie Ordnung, Sauberkeit, Zeitvorstellungen… Aber das sind Geschmacksfragen, also das ist eigentlich nichts, was so typisch das Interkulturelle war, sondern das habe ich auch mit Jugendgruppen…
Manganang: Richtig Reibungen, das haben wir nicht, nur dass anders ist, dass es bei uns manchmal sehr laut ist. Und wir sind manchmal nicht richtig strukturiert, spontan. Und manchmal müssen wir dann klarkommen. Und das haben wir dann auch gewusst: Wenn wir deutsche Gäste haben oder einladen, haben wir darauf hingewiesen, dass sie bitte nicht so pünktlich kommen, zum Beispiel.
Rittberger-Klas: Und haben Sie das Gefühl, dass diese besondere geistliche Gemeinschaft, die man auch als Christen hat in der Kirchengemeinde, dass das manchmal auch hilft?
Manganang: Meiner Meinung nach also diese geistliche Verständigung wird wirken, wenn wir dann auch offen dafür sind, dann wirkt er, dieser Heilige Geist der Verständigung. Das sage ich dann immer, wenn neue Studenten zu uns kommen, die noch kein Deutsch sprechen können und die dann nicht zur Kirche gehen wollen, weil sie dann nicht verstehen und so weiter – und dann hab ich gesagt: Nee, da musst du auch hingehen, also Gott wird dann auch zu dir sprechen, mit seinem Heiligen Geist, durch die Musik, alles…
Rittberger-Klas: Durch die Atmosphäre…
Manganang:Ja, also Gott wird dann auch in dein Herzen reinkommen und dann wirst du verstehen.
Mühlich: Und ich denke auch der Heilige Geist funktioniert ja nicht so sehr wie eine Medizin in der Krise, der dann erlebbar ist, wenn wir irgendwie Stress miteinander hatten und dann wird es wieder geheilt oder so. Sondern es ist tatsächlich mehr so das Überraschungselement, dass manchmal Dinge passieren, mit denen man nicht unbedingt gerechnet hat. Und wenn man das zulässt einfach erstmal eine Zeit lang auch so eine Fremdheit auszuhalten und auch was nicht zu verstehen – da gibt es dann auch immer wieder schon Dinge, wo man sagt: Ja, das war jetzt was, wo diese Gemeinschaft auch spürbar geworden ist.
Rittberger-Klas: Der Heilige Geist als Geist der Verständigung – heute am Pfingstmontag wird er in der Stuttgarter Innenstadt auf besondere Weise gefeiert, und zwar mit dem „Tag der weltweiten Kirche“, der vomInternationalen Konvent christlicher Gemeinden in Württemberg gestaltet wird, in dessen Vorstand auch Sie, Frau Manganang, sitzen. Der Tag beginnt mit einem Gottesdienst um 11 Uhr mit der Stuttgarter Stiftskirche, danach wird um die Stiftskirche herum weitergefeiert.
Manganang: Ja, das ist dann der Höhepunkt für unseren internationalen Konvent, dass wir den Pfingstmontagsgottesdienst in der Stiftskirche gestalten können jedes Jahr. Und es werden auch viele verschiedene Sprache auf einmal in diesem Gottesdienst gesprochen und auch gesungen und auch auf viele Themen werden von verschiedenen Gemeinden präsentiert.
Mühlich: Also, ich find‘s immer schön, wenn ich selber auch beim Tag der weltweiten Kirche in der Stiftskirche dabei sein kann, und tatsächlich haben wir in Botnang dieses Jahr Pfingstmontag keinen eigenen Gottesdienst, sondern laden auch dazu ein. Wir haben bisher immer ökumenisch evangelisch-katholisch Gottesdienste gemacht, was auch schön ist, aber in besonderer Weise ist der Tag der weltweiten Kirche nochmal sowas, wo gezeigt wird, wie es eigentlich werden kann, sag ich mal. Und der Konvent der internationalen Gemeinden macht es ein Stück weit vor, weil die sind schon untereinander auch sehr, sehr unterschiedlich – also untereinander sind die mindestens so unterschiedlich wie zwischen den deutschen und den internationalen Gemeinden. Und dass die sich die Mühe machen, so einen Gottesdienst zusammen zu gestalten, zusammen an einem Thema zu arbeiten, die Fremdheit auszuhalten und dann trotzdem wieder zu zeigen: wir sind miteinander christliche Gemeinde – das ist ein ziemliches Vorbild auch für die deutschen Gemeinden.
Rittberger-Klas: Frau Manganang, Herr Mühlich, ich danke Ihnen für das Gespräch – und den Hörerinnen und Hörern wünsche ich einen geistreichen Pfingstmontag. Pfarrerin Karoline Rittberger-Klas, Tübingen, Evangelische Kirche.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=39943Am Fest Christi Himmelfahrt geht der Blick nach oben. Er folgt dem Blick von ein paar Jüngern Jesu, die sich nach dem Bericht des Evangelisten Lukas einige Wochen nach dem ersten Osterfest in der Nähe von Jerusalem ein letztes Mal mit dem auferstandenen Jesus getroffen haben. „Und es geschah, als Jesus sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel“. Mehr ist damals nicht passiert. Ein einziger Satz reicht aus, um das Geschehen zu umreißen. Ein Wimpernschlag nur, und weg war er. Zurück bleiben zwei Handvoll Männer und Frauen, die in den Himmel starren. Auf allen Bildern ist der an diesem Tag von strahlendem Blau.
Szenenwechsel, Perspektivwechsel: Der Russe Juri Gagarin ist der erste Mensch, der in umgekehrter Richtung vom Himmel auf die Erde geblickt hat. Am 12. April 1961 hat er an Bord seiner Raumkapsel "Wostok 1" in 108 Minuten die Erde einmal umrundet. Den Anblick beschreibt er als überwältigend: "Ich sah zum ersten Mal die Kugelgestalt der Erde. Der Anblick des Horizonts war einzigartig. Ein zartblauer Film, der den Globus umgibt. Darüber nur der pechschwarze Himmel, mit den klar sichtbaren Sternen und einer Sonne, die dutzendmal heller scheint als auf der Erde". Tief berührt ist Gagarin von diesem Erlebnis. Leider ist sein ehrfürchtiges Staunen in Vergessenheit geraten. Geblieben ist nur ein berühmt-berüchtigter Spruch, den ein westlicher Journalist ihm in den Mund gelegt hat. Ob Gagarin dort oben Gott gesehen habe, wollte der wissen. Aber was soll man darauf schon antworten? Nein, natürlich nicht.
Dass Gott oben im Himmel wohnt, diese Vorstellung gibt es in vielen Religionen. Für Christinnen und Christen ist sie im Gebet Jesu präsent, das mit diesen Worten beginnt: „Vater unser im Himmel …“ Sie hängt mit alten Weltbildern zusammen und der Vorstellung, dass sich die Welt wie ein Haus aus übereinander geschichteten Stockwerken aufbaut. Und sie hängt zusammen mit der Unsichtbarkeit Gottes, mit seiner Transzendenz. Die Zehn Gebote verbieten mit deutlichen Worten, sich ein Bild von Gott zu machen. Keins aus Holz oder Stein, noch nicht einmal eins aus Gold und auch keins in Gedanken. Denn Gott ist nicht dingfest zu machen, den Menschen nicht verfügbar; er sprengt ihre Vorstellungskraft, ist größer, weiter als all ihre Bilder. „Im Himmel“, das heißt dann auch so viel wie „überall und nirgends.“ Gott ist Luft für mich in einem doppelten Sinn: entweder ich erlebe ihn als lebensnotwendig oder er ist mir gleichgültig.
Nun haben die Weltbilder sich geändert. Die Erde ist vom Zentrum der Welt zu einem Planeten degradiert worden, der um eine von Milliarden Sonnen kreist. Und der Himmel hat sich ausgedehnt in die unendlichen Weiten des Kosmos. Im 20. Jahrhundert ist der Mensch plötzlich in der Lage, den bisher Gott allein vorbehaltenen Blick aus dem Universum auf den Planeten Erde zu werfen. Für die einen hat der wissenschaftliche Fortschritt damit die Idee einer schöpferischen Gotteskraft überflüssig gemacht. Für andere hat er das gläubige Staunen vertieft und Gott nur umso größer und anbetungswürdiger erscheinen lassen. Der Priester und Dichter Ernesto Cardenal aus Nicaragua dichtet im Duktus der biblischen Psalmen: „Lobt den Herrn des Kosmos. Das Weltall ist sein Heiligtum. Mit einem Radius von hunderttausend Millionen Lichtjahren. Lobt ihn, den Herrn der Sterne und der interstellaren Räume. Lobt ihn, den Herrn der Milchstraßen und der Räume zwischen den Milchstraßen.“ Dieses Gebet ist 60 Jahre alt.
Aber auch in einem fast 3000 Jahre alten Gebet finden sich schon ähnliche Gedanken. Der König Salomo hat es gesprochen bei der Einweihung des ersten Jerusalemer Tempels. Denn nachdem die Menschen sicher wohnen im Land, soll endlich auch ihr Gott sesshaft werden, der bisher mit ihnen ein Nomadenleben geführt hat: beweglich wie ein Feuerschein, wie eine Wolkensäule. Nun hat Salomo diesem Gott ein Haus gebaut. Am Tag der Tempelweihe fasst er seinen Dank in wohlfeile Worte und bittet Gott um seinen Segen. Aber mitten in der festlichen Zeremonie beschleichen ihn plötzlich leise Zweifel. Und er spricht sie aus und formuliert sie als Frage: „Sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?“ Dass Gott im Himmel wohnt, heißt nicht, dass er dort oben auf einer Wolke thront. Selbst der unendlich weite Himmel ist ihm als Wohnung zu klein.
Und obwohl Menschen um diese Grundeinsicht wissen, haben alle Religionen ihren Göttern Tempel errichtet. Die jüdische Tradition spricht vorsichtig und mit großer Ehrfurcht von der Schechina, der Anwohnung Gottes auf Erden. Ein Tempel nicht als Wohnung, aber als ein Ort zum Andocken des Göttlichen, ein Altar als Schemel seiner Füße. Nicht Gott braucht ein Haus auf Erden, aber als glaubender Mensch brauche ich neben dem unendlichen auch den begrenzten Raum. Denn im Unendlichen würde ich mich verlieren. Es war schon eine gute salomonische Idee, diesen Tempel zu bauen, und in seinem Gefolge viele Kirchen und Gotteshäuser.
Aber dann kam Gott selbst noch auf eine viel bessere Idee. Er beschloss, sich selbst eine Wohnung zu suchen auf Erden. Und er fand sie in keinem noch so schönen Gebäude, an keiner noch so heiligen Stätte, sondern in einem Menschen. In Jesus Christus kam er zur Welt. „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“, schreibt Johannes am Anfang seines Evangeliums. Mit Jesus kommt der Himmel zur Welt. Und plötzlich hat Gott nicht nur eine Wohnung, eine erste Adresse auf Erden, er hat ein Gesicht, er hat Hände und Füße. Und wer immer Gott sucht, braucht sich nicht mehr in den Weiten des Kosmos zu verlieren, sondern kann diesem Menschen ins Gesicht schauen, seine Worte hören, dem nachfolgen, der Gottes Geschichte in letzter Konsequenz gelebt hat. Was für ein einzigartiges, göttliches Experiment!
Heute schließt sich dieser Kreis, der mit der Inkarnation, mit der Menschwerdung Gottes in dem Kind Jesus an Weihnachten begonnen hat. An Christi Himmelfahrt feiern wir, dass dieser Jesus wieder in den Himmel zurückgekehrt ist, von wo er am Anfang seiner Geschichte gekommen ist. Es ist die Krönung des Ganzen, die Krönung dieses genialen Einfalls Gottes, sich freiwillig zu begrenzen, sich zu entäußern, um ein menschliches Leben zu führen und dabei von der Geburt bis zum Tod nichts auszulassen. Aber es ist wie nach einer langen Reise: Auch wenn ich am Ende wieder in den eigenen vier Wänden angekommen bin, bin ich doch eine andere geworden. Und wenn Jesus an Himmelfahrt wieder in Gottes Unendlichkeit zurückkehrt, aus der er gekommen ist, dann löscht das seine Biografie nicht einfach aus. Dann hat Gott selbst sich verändert. Er ist jetzt ein anderer geworden. Menschlicher, verletzlicher. Ein Gott nicht nur mit Zukunft, sondern ein Gott mit einer Vergangenheit.
Es ist ein schöner Brauch, an Christi Himmelfahrt Gottesdienste draußen unter freiem Himmel zu feiern. Denn da kann der Blick nach oben gehen. Und dem Blick von ein paar Freunden Jesu folgen, die sich nach dem Bericht des Evangelisten Lukas einige Wochen nach dem ersten Osterfest in der Nähe von Jerusalem ein letztes Mal mit dem auferstandenen Jesus getroffen haben. „Und es geschah, als Jesus sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel“. Mehr ist damals nicht passiert. Ein einziger Satz reicht aus, um das Geschehen zu umreißen. Ein Wimpernschlag nur, und weg war er. Zurück bleiben wir Menschen, die aufrecht unter Gottes Himmel stehen. Und hoffentlich ist er auch heute von strahlendem Blau.
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Christopher Hoffmann spricht mit Schriftstellerin Helga Schubert
Christopher Hoffmann:
Ich bin Christopher Hoffmann von der katholischen Kirche. Meine Gesprächspartnerin heute am Osterfest ist die Schriftstellerin Helga Schubert. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg 1940 in Berlin geboren. Sie arbeitete als Psychotherapeutin und freiberufliche Schriftstellerin in der DDR und 2020 erhielt sie den Ingeborg-Bachmann-Preis. Ihre Erzählung „Vom Aufstehen“* hat für mich auch ganz viel mit dem Osterfest zu tun. Und deswegen meine erste Frage, Frau Schubert, Sie sind evangelische Christin – was feiern Sie heute am Fest der Auferstehung, an Ostern?
Helga Schubert:
Ich feiere, dass der ganze Verrat vorbei ist – das ist für mich ein Lebensthema und das Ostern für mich das Symbol ist, dass es weitergeht. Und dass also jede im weitesten Sinne böse Absicht anderen Menschen gegenüber aufgelöst ist durch Ostern. Es ist ein Sieg im weitesten Sinne des Guten und der Hoffnung.
Christopher Hoffmann:
In dem Erzählband „Vom Aufstehen“, da haben Sie auch eine Erzählung mit dem Titel: „Meine Ostergeschichte“. Und da schreiben Sie: „Heute weiß ich. In dieser einen Woche vor Ostersonntag passiert alles, was ich inzwischen vom Leben verstanden habe. Wie schnell sich das Schicksal für einen Menschen ändert. Dass man verraten werden kann. Dass es immer unvermuteten Beistand gibt und einen Ausweg. An diese Hoffnung will ich erinnert werden. Einmal im Jahr.“** Was meinen Sie damit?
Helga Schubert:
Die Ostergeschichte birgt alles - birgt alles an menschlicher Versuchung und an menschlicher Anständigkeit und an Schuld und wie man mit Schuld umgeht, alles. Da kann man auch wirklich das ganze Jahr darüber nachdenken. Ist für mich wirklich die allerwichtigste Geschichte der Bibel. Weil ich auch so viel darüber nachgedacht habe, finde ich auch so viele Beispiele im wirklichen Leben. Also das hat sich gegenseitig beeinflusst.
Christopher Hoffmann:
Sie haben auch eben gesagt: Verrat ist ein Lebensthema bei Ihnen – und Sie schreiben auch: „Dass man verraten werden kann.“ Wie würden Sie das biografisch verorten? Warum ist Ihnen das so ein wichtiges Thema?
Helga Schubert:
Also ich habe selbst erlebt, dass man also wirklich von dem allernächsten Menschen, das ist in diesem Fall meine Mutter gewesen, nicht richtig angenommen wurde. Ich wurde immer verglichen mit verhassten Personen, also zum Beispiel mit ihrer Schwiegermutter, wie ich ihr nun ähnele. Und sie hat mich immer bekämpft. Und ich hab auch das Gefühl gehabt sie hat mich verraten. Also zum Beispiel als ich mich aus der ersten Ehe scheiden wollte, da gab es wirklich Gründe – da hat sie tatsächlich an den Richter geschrieben, an den Familienrichter. Der hat mich hinbestellt in sein Arbeitszimmer, das hat er noch nie erlebt – sie hat gesagt sie sollen mir nicht glauben: In Wirklichkeit wäre ich glücklich verheiratet und sie soll die Ehe nicht scheiden. Und dieser Richter, der hat gesagt: So was hat er noch nie in seinem Leben gehabt.
Christopher Hoffmann:
Wie war das für Sie als Christin in der DDR?
Helga Schubert:
Ich bin ja Jahrgang 1940. Als ich eingeschult wurde, gab es noch richtigen Religionsunterricht in der Schule. Also ich hab noch Zeugnisse richtig vom Religionsunterricht in der Schule. Das war natürlich später überhaupt nicht mehr möglich. Als Christin war es so, dass man erst mal innerhalb der Klasse natürlich mit den Freundinnen befreundet war, mit denen man dann in den Kindergottesdienst ging, das war erst mal das Erste. Und das war für mich eine vollkommen andere Geisteshandlung als die, die in der Schule gepredigt wurde mit Diktatur der Arbeiterklasse und so. Hier ging es immer um Versöhnung und Frieden und so weiter. Vor allem dieser Segen am Ende des Gottesdienstes, das war für mich also das alles vergeben wird und dass einem nicht jemand immerzu was übel nimmt und dass man nicht immerzu mit einer schweigenden Mutter konfrontiert ist, die einem das oder das übel nimmt, die tagelang mit einem nicht gesprochen hat.
Christopher Hoffmann:
Was bedeutet Ihnen ihr Glaube an Gott?
Helga Schubert:
Ich glaube an eine konstruktive Kraft, die hier waltet. Und die unermesslich ist und unerforschlich in ihrer Allmacht auch und in ihrer Dauer. Und das ist etwas, was ich spüre. Und ich weiß, dass ich dazugehöre und das gibt mir sehr viel Geborgenheit und alle anderen, die das nicht wahrhaben wollen, gehören ja auch dazu. Bloß bei mir, denk ich immer, kommt dann noch von da aus auch Wärme, weil ich daran glaube. Und ich will auch gar niemand jetzt missionieren. Das ist etwas, was wahrscheinlich ein Diktaturschaden bei mir ist, aus der DDR: Dass ich eben nichts Pathetisches, niemand überreden will. Dann kann man es wirklich bloß durch eigenes Beispiel machen.
Christopher Hoffmann:
Das tun Sie ja, Sie leben es ja. Frau Schubert, Sie haben das Buch „Der heutige Tag – ein Stundenbuch der Liebe“*** geschrieben. Sie pflegen Ihren Ehemann 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Ein Leben zwischen Büchern und Blasenkatheter-zwischen Prosa und Palliativmedizin…
Helga Schubert:
…ist ganz schön reich. Ist ein reiches Leben. Es kommt ja auch der Pflegedienst- also 24 Stunden minus zweimal zwanzig Minuten. Als ich das Buch schrieb, hab ich es noch allein gemacht , und morgens kam er nur aber jetzt kommt der Pflegedienst zweimal am Tag. Ich freu mich auf die Schwestern und den Pfleger, weil die so die Außensicht bringen und weil die relativieren können, weil sie mir auch Mut machen und weil das normale Leben plötzlich da sitzt und ich versuche immer die irgendwie zu einem Kaffee noch zu überreden-die haben natürlich sehr wenig Zeit. Ich hab mich gestern bei einer Schwester bedankt-ich sagte: ich finde Sie sehr nett. „Ja, Sie sind ja auch nett“, sagte sie da. Das hat mich gefreut.
Christopher Hoffmann:
Ich finde Sie beschreiben eindrücklich wie schwierig es ist jemand für die Pflege auch zu finden. Und vielleicht können Sie uns da auch noch mal schildern, was unternehmen Sie da alles, oder was würden Sie sich wünschen vielmehr auch, dass Pflege einen anderen Stellenwert in unserer Gesellschaft hat-aufgrund Ihrer Erfahrung.
Helga Schubert:
Das ist wirklich ein eigenes Thema. Das ist ein riesengroßes Thema in Bezug auf die Überalterung der Gesellschaft in der wir leben und in Bezug auf den den Zerfall der Kleinfamilien-die Großfamilien sind sowieso zerfallen. Der Pflegeberuf muss mehr anerkannt werden, muss besser bezahlt werden.
Christopher Hoffmann:
Sie haben ja den Untertitel gewählt: „Ein Stundenbuch der Liebe“ - möchten Sie damit auch ausdrücken auch Pflege, auch gelebte Nächstenliebe kann Gebet sein?
Helga Schubert:
Ja, Ja!
Christopher Hoffmann:
Das Stundenbuch ist ja in der katholischen Kirche ein Gebetbuch mit den Tagzeitengebeten.
Helga Schubert:
Ja, ich hab das dann in dem Moment erst als Untertitel genommen, weil mich meine sehr intelligente katholische Lektorin im DTV beruhigte, sie hat gesagt: Stundenbuch bedeutet nicht, dass die Mönche jede Stunde beteten, sondern dass es bloß zu bestimmten Zeiten war es dann vorgeschrieben zu beten, also muss ich auch nicht mir für jede Stunde etwas ausdenken für jede Stunde, was in dem Buch passiert. Denn dann-es sollte durchaus auch was Religiöses sein in diesem Buch, denn ich habe ja auch ein Motto genommen aus Matthäus: „Darum sorge nicht für den morgigen Tag. Denn der morgende Tag wird für das seine sorgen. Es ist genug, dass der heutige Tag seine eigene Plage habe.“ (Mt 6,34). Also das ist durchaus ein Hoffnungssatz und durchaus ganz diesem Stundenbuch geschuldet. Das ist formal angelehnt, bloß nicht so schön illustriert, wie die Mönche es im Mittelalter machten.
Christopher Hoffmann:
Aber ich finde das ganze Buch atmet ja genau diese Zuversicht und diese in aller ohne Pathos geschilderten Sachlichkeit der Pflegesituation, atmet es Hoffnung und atmet es diese Grundzuversicht: Da ist noch jemand der diesen Weg mit mir geht.
Helga Schubert:
Ja, und es geht auch weiter. Auch wenn der Weg, also diese Wegstrecke zu Ende wäre, also so.
Christopher Hoffmann:
Da fällt mir jetzt sofort eine Stelle ein: „Dies ist unsere nächste Lebensaufgabe. Annehmen, Kreatürlich Leben, Wärme auf der Haut. Verlass mich nicht.“*** Wunderbar. Ganz stark, finde ich. Mit ganz wenig Worten alles gesagt!
Helga Schubert:
Eine Passionsgeschichte, die in diesem Fall hoffentlich gut ausgeht, kann ich nur hoffen.
Christopher Hoffmann:
Sie unterhalten sich ja auch mit Ihrem Mann darüber was kommen könnte-auch was nach dem Tod kommen könnte und schreiben: „Er möchte dass ich in der Sonne neben ihm sitze. Beim lieben Gott will er ein gutes Wort für mich einlegen, gleich am Eingang sitzen bleiben, bis ich nachkomme und sagen: Da ist sie.“****
Helga Schubert:
Ja. Haben wir heute früh auch wieder drüber gesprochen. Es geht darum sein eigenes Leben zu relativieren, sein eigenes Leben einzubetten in einen Sinn, in eine Liebe und eine Geborgenheit.
Christopher Hoffmann:
Ganz ganz herzlichen Dank, Frau Schubert, für das Gespräch. Das war die Sendung SWR2 Zum Feiertag. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Ostermontag. Christopher Hoffmann, Koblenz, von der katholischen Kirche.
Literatur:
*Helga Schubert: Vom Aufstehen, in Helga Schubert: Vom Aufstegen, Ungekürzte Ausgabe, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München, S. 213-233.
** Helga Schubert: Meine Ostergeschichte in, Helga Schubert: Vom Aufstehen, Ungekürzte Ausgabe, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München, S.54
***Helga Schubert: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München, S. 188.
****Helga Schubert: Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe, dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München, S. 10.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=39628
Der Karfreitag erinnert an das grausame Ende des Jesus von Nazareth. Die biblischen Evangelien berichten ausführlich darüber, wie er zum Tod verurteilt und gekreuzigt worden ist. Was wie das tragische Scheitern eines charismatischen Menschen aussieht, wird in der Auseinandersetzung zur Keimzelle eines neuen Denkens über Gott. Der Apostel Paulus entdeckt im Kreuzgeschehen sogar den Ursprung tragfähiger Gottesbeziehungen. Von einem Folterinstrument des Römischen Reiches wird das Kreuz zum zentralen Heils- und Lebenszeichen des Christentums.
Mit Jan-Heiner Tück habe ich Ende der 1980-Jahre in Tübingen Griechisch gelernt, um die Texte des Neuen Testaments im Original lesen und verstehen zu können. Heute ist er Professor für Dogmatik an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien. Und er hat ein Buch geschrieben mit dem schlichten Titel „Crux“. Darin geht es um das Kreuz. Das Kreuz in seiner Vielfalt als religiöses Heils- und Lebenszeichen. Und es geht um die Crux, um die Schwierigkeiten, die Christen und andere Zeitgenossen mit diesem Symbol heute haben.
Wir stehen in einem Übergang von christlich homogenen Gesellschaften zu religiös pluralen Gesellschaften. Und auch der Anteil, derer, die bekennend bekenntnislos sind, steigt deutlich an. Das heißt, wir können nicht mehr selbstverständlich voraussetzen, dass alle die Symbolik des Kreuzes anerkennen. Der zweite Punkt ist jetzt die religiöse Sensibilität, die wir im Dialog mit anderen Religionen auch an den Tag legen müssen. Wir haben gelernt, uns mit den Augen der anderen zu sehen. Für Juden ist das Kreuz ein belastetes Symbol. Auch bei Muslimen setzt das Kreuz quasi die Erinnerung an die Kreuzzüge frei.
Dass das Rektorat seiner eigenen Wiener Universität vor ein paar Jahren allerdings verfügt hat, alle noch vorhandenen Kreuze dort von den Wänden abzuhängen und selbst aus den Hörsälen der Theologischen Fakultät entfernen zu lassen, hat Jan-Heiner Tück dann aber doch schockiert:
Das Rektorat ist quasi die Spitze einer weltanschaulich neutralen, also staatlichen Einrichtung. Aber solange die Universität sich im Fächerkanon bekennende Theologien leistet -und ich darf daran erinnern, dass die Universitäten in Europa überhaupt erst durch die Gründungsfakultäten der Theologie entstanden sind - hat es doch guten Sinn, dass diese bekenntnisgebundenen Theologien ihrerseits die Räumlichkeiten, in denen sie aktiv sind, auch markieren. Also kurz: Im Rektoratserlass liegt eine Drift hin zur Stärkung der negativen Religionsfreiheit zulasten der positiven Religionsfreiheit, und sie läuft letztlich auf eine Privilegierung der Religionslosen hinaus.
Der Vorstoß des Rektorats hat schließlich den äußeren Anstoß zur Veröffentlichung seines Buches und zu einer neuen kritischen Auseinandersetzung mit dem Kreuz und seiner Wirkungsgeschichte gegeben. „Gegen die weiße Wand“ nennt Jan-Heiner Tück seinen Versuch, die Sichtbarkeit gelebter Religion im öffentlichen Raum zu stärken, ohne die gebotene Sensibilität für Anders- und Nichtgläubige dabei außer Acht zu lassen. Ausgerechnet ein agnostischer Philosoph ist ihm dabei überraschend zu Hilfe gekommen:
Es gab in Lateinamerika um die Jahrhundertwende einen Vorstoß einer liberalen Regierung, aus den Spitälern die Kreuze zu entfernen, weil das nicht mehr zeitgemäß sei. Und damals hat sich ein agnostischer Philosoph, der sich selbst nicht als bekennend christlich verstanden hat, zu Wort gemeldet und gesagt: Liebe Leute, was macht ihr da? Das Kreuz ist doch immerhin das Symbol der Caritas, der Compassio, also des Mitleidens, des Dienstes für die Kranken, für die Notleidenden. Das wollt ihr abhängen? Seid ihr verrückt? Und ich denke, das könnten wir auch werbend in einer zunehmend säkularen Gesellschaft sagen, die ja doch für die sozialen Dienste, die die Kirchen in der Gesellschaft leisten, meistens sich doch auch Anerkennung bewahrt haben.
Kritik am Kreuz kommt aber nicht nur von Seiten einer säkularen und multireligiösen Gesellschaft, sondern auch aus den eigenen Reihen. Denn auch viele Christinnen und Christen haben ihre liebe Not mit diesem Zeichen. Das Kreuz provoziert. Es zeigt einen unschuldig Leidenden. Es zeigt einen Gefolterten. Es zeigt einen Sterbenden, der nach Gott schreit und zwingt zur Auseinandersetzung mit Themen, die schwer erträglich sind. Was bedeutet das Kreuz dem Christenmenschen Jan-Heiner Tück?
Das Kreuz ist für mich Ausdruck der bis ans Äußerste gehenden Form der Liebe Gottes zu uns. Seine Bereitschaft, an die Seite der Opfer von Unrecht und Gewalt zu treten und hier seine Solidarität zu bekunden und zugleich ein Zeichen, das die Bereitschaft Gottes anzeigt, den schuldig Gewordenen bis in die Dunkelheit der Selbstzentrierung nachzugehen, um ihn dort rettend noch zu erreichen.
Im Kreuz stellt Gott sich also solidarisch und mitleidend auf die Seite der Opfer von Gewalt. Gleichzeitig signalisiert es Gottes Bereitschaft, noch die schlimmsten Verbrecher zu begnadigen. Wenn ich das höre, fallen mir die Debatten um sexualisierte Gewalt in den Kirchen ein. Ich denke an die vielen Betroffenen, die endlich zu Wort kommen und auch gehört werden. Und ich frage mich: Kann das gut gehen? In diesem Zusammenhang einen Gott zu bezeugen, der für Täter und für Betroffene gleichermaßen einsteht?
Wenn man jetzt auf zerrüttete Täter-Opfer-Konstellation schaut, dann bietet das Kreuz natürlich nicht einfach simple Lösungen an. Aber es zeigt doch im Sinne der Einladung Wege aus ausweglosen Situationen an. Insofern einerseits die Entwürdigten hier eine Würdigung finden und sie nicht quasi in der Rivalität um Anerkennung erst darum kämpfen müssen, gewürdigt zu werden. Und auf der anderen Seite werden die Täter nicht fixiert auf die Untaten, die sie begangen haben, sondern die Person des Täters ist mehr als die Summe ihrer Untaten. Das heißt nicht, dass man jetzt quasi den Opfern aufdiktieren wollte: Bitte verzeiht doch euren Peinigern und Übeltätern und seht in ihnen mehr als das, was sie verbrochen haben, aber vielleicht doch den Horizont offen zu halten, dass es da eine Möglichkeit geben könnte, dass das Unmögliche doch Wirklichkeit wird, dass nämlich auch den monströsesten Tätern irgendwann im Lichte des Geistes Jesu Christi begegnet werden kann.
Der Apostel Paulus hat das Kreuz einmal als einen Skandal bezeichnet. Und das wird es wohl auch weiterhin bleiben: Das Symbol einer unmöglichen Möglichkeit, die Unvorstellbares zu denken, zu glauben wagt: Versöhnung. Heilung. Das ist anstößig. Es könnte aber auch, so Jan-Heiner Tück, ein positiver Anstoß sein.
Es gibt die Marginalisierten, es gibt die Verwundeten, die Ausgestoßenen, die unter dem Radar der öffentlichen Aufmerksamkeit sind. Das ist ein erster Anstoß. Ein zweiter ist: das Kreuz ist ein Spiegel unserer Verfehlungen, unserer Schuld, die wir auch gerne verdrängen. Wir sind Meister, Meisterin in der Kunst, es nicht gewesen zu sein, die immer darauf hinausläuft, es andere gewesen sein zu lassen. Und das dritte ist, denke ich: das Kreuz ruft auf zu einer Kultur der Vergebung, den anderen nicht zu fixieren auf die Fehler, die er begangen hat, sondern ihm neue Spielräume zu eröffnen; über die Verfehlungen, die er begangen hat, hinauszugehen und sich als ein anderer zu erweisen. Und viertens ist das Kreuz natürlich das Symbol der Erlösung, der Rettung mit einem österlichen Fluchtpunkt: der Gekreuzigte lebt! Das feiern wir an Ostern. Es gibt eine Perspektive über Welt und Geschichte hinaus, nämlich die Perspektive der rettenden Verwandlung und Vollendung.
Das Buch „Crux“ von Jan-Heiner Tück ist im Herder-Verlag erschienen und zur Lektüre empfohlen von Martina Steinbrecher aus Karlsruhe von der evangelischen Kirche.

Eine Weihnachtskrippe versammelt viele verschiedene Menschen und Tiere. Da ist zunächst einmal das übliche Personal: Maria, Josef, das Jesuskind, Ochs und Esel, Schafe und Kamele. Dann sind da die Hirtinnen und Hirten und die drei Weisen aus einem fernen Land im Osten. In diesem Jahr habe ich noch zwei andere Figuren symbolisch dazu gestellt. Es sind zwei junge Männer aus Eritrea. Sie haben mir in diesem Jahr einen besonderen Weihnachtsmoment geschenkt. Und das kam so:
Ich bin abends nach der Arbeit mit meinem Fahrrad noch zum Supermarkt gefahren und habe eingekauft. Als ich bezahlen will, kann ich meinen Geldbeutel nicht finden, obwohl ich überall suche. Hosentaschen, Manteltaschen, Rucksacktaschen. Nichts. Meine Geldbörse ist wie vom Erdboden verschwunden. Nachdem ich noch zweimal alles abgesucht und sogar den Rucksack ausgeleert habe, wird mir klar: Die Geldbörse ist weg, mit allen Bankkarten, mit Personalausweis, Bargeld und allem Drum und Dran.
„Tief ein- und ausatmen!“, ermahne ich mich selbst. „Sonst flippe ich aus!“
Mehrfach bin ich danach mit dem Fahrrad die Strecke von meinem Büro zum Supermarkt und wieder zurück abgefahren, obwohl es geregnet hat und ich kaum etwas gesehen habe. Aber mein Geldbeutel bleibt verschwunden. Ich versuche mich zu beruhigen: „Es gibt Schlimmeres auf der Welt!“, sage ich mir. Aber der Gedanke tröstet mich nicht. Schließlich entscheide ich mich, erst einmal nach Hause zu fahren und mir einen Kamillentee zu kochen. Einmal durchschnaufen, dann zur Polizei gehen, um den Verlust zu melden. Dann Bankkarten sperren und sich darauf einstellen, dass alles ewig dauern wird, bis ich meine Papiere wieder zusammen habe.
Der Tee zieht noch, als es bei mir an der Tür klingelt. Zwei junge Männer, beide „Person of Color“, also mit dunkler Hautfarbe, grüßen mich freundlich und fragen mich nach meinem Namen. In der Hand halten sie meinen Geldbeutel, den sie irgendwo auf der Straße gefunden haben. Die beiden lachen mich an, und ich hätte sie umarmen können.
Beide erzählen mir stolz, wie sie mit Hilfe meines Personalausweises meine Adresse herausgefunden haben. Für sie sei es eine Ehrensache, extra den Umweg zu mir nach Hause zu machen, um mir den Geldbeutel persönlich zu überreichen. Wir unterhalten uns noch eine Weile. Sie heißen Luam und Jemal und sie kommen aus Eritrea. Von dort sind sie schon vor etlichen Jahren geflohen, da sie aus politischen Gründen verfolgt worden sind. In Deutschland haben sie Sicherheit, Jobs und eine neue Lebensperspektive gefunden. Ich lade sie zu mir auf eine Tasse Tee ein. Aber da winken sie ab. Sie sind schon verplant für den Abend. Ich bedanke mich herzlich, gebe den beiden ein ordentliches Trinkgeld in die Hand, dann ziehen die beiden fröhlich ihrer Wege.
Ich schaue ihnen nach und denke: Luam und Jemal werden auf der Straße vermutlich häufiger von der Polizei kontrolliert als Paul und Ben von nebenan. Und wahrscheinlich hätte auch ich selbst sie eher kritisch beäugt und misstrauisch auf meine Geldbörse aufgepasst. Der Gedanke beschämt mich. Und gleichzeitig - und umso mehr - feiere ich diesen Moment der Freude: Denn diese beiden jungen Männer sind an jenem verregneten Abend für mich definitiv zu meinen persönlichen Weihnachtsboten geworden. Sie haben mich an den Geist von Weihnachten erinnert: An Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit.
Diese Erfahrung zeigt: Jedes Jahr beziehen ganz unterschiedliche Menschen die Weihnachtsbotschaft auf ihr eigenes Leben und werden dadurch selbst zum Teil der Weihnachtsgeschichte. Auf diese Weise kommen zum ursprünglichen Krippenpersonal immer wieder andere Menschen hinzu: Geliebte Menschen, die wichtig sind im Leben und ohne deren Einsatz so ein Weihnachtsfest gar nicht funktionieren würde: Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern nachts auf der Intensivstation. Personal in Bussen und Bahnen, in diakonischen Einrichtungen und Schulen, in der Dienstleistung und in Betrieben. Die Hebamme, die bei der schwangeren Frau ist, wenn sie das Kind gebiert. Sozialarbeitende, die Drogensüchtige oder Wohnungslose unterstützen. Polizei, Feuerwehr und so viele andere, die haupt- oder ehrenamtlich dafür sorgen, dass menschliches Zusammenleben gelingt, und zwar mit Kopf, Herz und Hand.
Und so kommt auch Jesus jedes Jahr in der Heiligen Nacht auf die Welt - mitten hinein ins konkrete Leben.
Damit werden diejenigen, die Weihnachten feiern, zu modernen Hirtinnen und Hirten, die - wie damals - von den Engeln gerufen werden und die Geburt Jesu bezeugen.
In diesem Jahr sind das für mich Luam und Jemal aus Eritrea und für Sie mögen es andere sein, die mit an der Krippe stehen und die Weihnachtsbotschaft in ihr Lebensumfeld bringen. Ihnen allen wird an Weihnachten zugerufen: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkündige euch große Freude. Gott ist Mensch geworden und bringt Licht und Hoffnung in die Welt!“
Diese Weihnachtsbotschaft wird auch in den vielen Krippen weltweit immer wieder neu dargestellt. Und damit kommt die Weihnachtsgeschichte tatsächlich ganz handfest auf die Marktplätze und in die Wohnzimmer der Menschen. Mit Holzfiguren, Krippe und Stroh, Ochs und Esel und dem Stern über dem Stall.
Die Krippendarstellungen spiegeln dabei ganz selbstverständlich das jeweilige soziale Umfeld, die Region und Kultur. Da wird Jesus zum südafrikanischen, mexikanischen oder koreanischen Baby. Das ist nicht nur Folklore, sondern zeigt eindrücklich und konkret: Gott wird an Weihnachten einer von uns, nimmt menschliche Gestalt an, bekommt menschliche Züge, und die sehen dann halt auch so aus wie die Menschen: ganz verschieden.
Deshalb finde ich die Krippendarstellungen in der Advents- und Weihnachtszeit auch so spannend. Es berührt mich, mit wie viel Liebe diese Krippen geschnitzt, bemalt, aufgestellt und mit Figuren gefüllt werden. Erst sind es nur Ochs und Esel und ein paar Hirten auf dem Feld. Maria und Josef kommen am Heiligen Abend dazu und das Jesuskind wird in der Heiligen Nacht dazugelegt. Danach kommen die Hirten und schließlich am 6. Januar die drei Weisen aus einem fernen Land im Osten. Über allem wacht der Stern und die Tiere, die alles im Blick behalten.
In manchen Städten gibt es ganze Krippenwege durch die Innenstädte. Dort werden in der Adventszeit Krippen von ganz verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern aufgestellt. Ich erinnere mich an eine Krippe, die auf einem Rettungsboot voll mit Geflüchteten auf dem Wasser stand, eine andere Krippe hat mitten auf einer Müllhalde gelegen. Es gibt Krippen in Zelten, in Iglus, in einem Hochhaus oder in einer Garage. Diejenigen, die die Krippen bauen, orientieren sich an ihren eigenen Lebensorten.
Es sind aber nicht nur die Orte der Krippen, die von alters her an verschiedene Lebensorte in der ganzen Welt versetzt worden sind.
Es sind auch die Hauptfiguren der Geschichte, die dem eigenen Lebensumfeld angepasst werden. Da gibt es Figuren eingepackt in dicke Mäntel und mit Gesichtern von Inuit, also von den Menschen, die im Norden Kanadas leben. Es gibt Figuren mit asiatischen Gesichtszügen, die Saris und Seidentücher tragen. Es gibt Figuren mit Alltagskleidern, die auch ich tragen könnte: Jeans, Pullover, Sportschuhe in einer Wohnung irgendwo in Europa. Und dann gibt es Figuren, deren Haut schwarz ist und die vor afrikanischen Zelten das neugeborene Kind bestaunen und feiern. Und es gibt dunkelhäutige Menschen vor einem Beduinenzelt oder einer einfachen Unterkunft, wie sie auch heute noch in Bethlehem zu finden sind. Die Gesichtszüge sind verschieden. Aber allen steht die Freude über das neu geborene Kind ins Gesicht geschrieben.
„Ja“, sage ich mir, „so kommt die Weihnachtsbotschaft immer wieder neu in die Welt.“ Indem überall auf der Welt der Stern von Bethlehem in die Leben der Menschen hineinleuchtet und von etwas Besonderem erzählt. Von einem einfachen Kind, das geheimnisvoll und wehrlos zu sein scheint und von dem trotzdem ein intensives Licht und eine besondere Kraft ausgeht.
Die Geschichte erzählt von der Zuversicht, dass nicht Militärmacht und Gewalt, sondern ein friedliches und respektvolles Miteinander, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit wichtig sind im Leben. Egal ob die Weihnachtsboten Hirten aus Bethlehem sind oder Luam und Jemal aus Eritrea, egal ob sie aus Nazareth, Bangkok oder Buenos Aires kommen, egal ob sie schwarz sind oder weiß, jung oder alt, männlich, weiblich oder divers, queer oder hetero. Sie alle werden zu Botinnen und Boten dieser wunderbaren Geschichte von dem Kind in der Krippe.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und uns allen friedliche und gesegnete Weihnachten!
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