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SWR3 Gedanken

08SEP2026
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Was ist das für ein seltsames Verkehrsschild? Groß und schwarz mit drei weißen schrägen Streifen. Wie vor einem Bahnübergang, nur viel größer und schwarz.

Ich bin mit dem Motorrad unterwegs von Baden-Baden hoch in den Schwarzwald. Und dann die Auflösung: „Schweigekilometer für die Verunfallten“ steht da und darunter ein Motorradhandschuh mit Bikergruß: zwei abgespreizte Finger.

Schweigen kenne ich gut als Biker, weil man unter dem Helm nicht redet – mit wem auch. Da hat man Zeit, die Gedanken ziehen zu lassen. Hinter jedem Unfall steckt ein Drama, und Angehörige, die den Menschen vermissen, der da gestorben ist. Ich habe Norman beerdigt, die Urne war in den Farben seines Motorrads lackiert. Und ich denke an Martin, der seinen Unterschenkel verloren hat oder Christoph, der seit seinem Unfall nur mit einem Arm klar kommen muss.

Die Gedanken schweifen zu weiteren Kranken: Thorsten, dessen Niere nicht mehr richtig arbeitet oder Mona, die gerade untersucht wird und das Ergebnis noch nicht kennt. Ich denke auch an Amanda, die einfach umgekippt und gestorben ist, weil ein Blutgerinnsel eine Ader verstopft hat.

Vielleicht ist so ein Schweigekilometer genau das richtige für all diese Dramen – also einfach schweigen. Denn wie will man trösten, was will man erklären, wen verantwortlich machen? OK, auf Gott könnte man es schieben. Aber da ich überzeugt davon bin, dass Gott nichts ferner liegt, als uns leiden zu sehen, ist das keine Option. Deshalb schweige ich und halte es aus, nichts schönreden oder rechtfertigen zu wollen – geht ja auch gar nicht unterm Helm.

Und plötzlich ist der Schweigekilometer schon um, und ich sehe gerade noch das Schild „Gute Fahrt“. Aber das Nachdenken in meiner kleinen Helm-Welt - das geht garantiert weiter.

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SWR Kultur Wort zum Tag

08SEP2026
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Was ist wichtiger - Geld oder Liebe? Diese Frage hat sich mir in St. Tropez gestellt, wo ich mit VW-Bus und Familie unterwegs war.

Wir hatten unsere Handtücher zufällig in der Nähe eines teuren Beach-Clubs ausgelegt. Und während meine Frau ein Buch liest, und die Kinder im Meer nach Steinen tauchen, beobachte ich, wie immer wieder ein paar Leute mit einem motorisierten Schlauchboot von ihren Luxusyachten abgeholt werden und am Steg des Beach-Clubs an Land gehen. Dort trinken sie einen Aperol, essen zu Mittag oder fläzen sich in eine Lounge mit Sonnenschirm. Die kostet in der ersten Reihe 150,- pro Person - das hat meine Frau rausgekriegt. „Kein schlechtes Leben“, denke ich und stelle mir vor, was ich mir alles leisten würde, wenn ich so viel Geld hätte. Geld macht sicher vieles einfacher. Das merkt man vor allem, wenn es knapp ist.

Und dann beobachte ich noch eine Szene, ein paar Handtücher weiter. Da liegen zwei junge, frisch Verliebte am Strand. Sie sind offenbar sehr glücklich. Haben nichts als ein Handtuch und eine Wasserflasche dabei. Sie leben sprichwörtlich von Luft und Liebe - wie ein Gegenentwurf zu den Leuten im Beach-Club. Und sie scheinen nicht unglücklicher zu sein - im Gegenteil. Echte Liebe ist doch eigentlich das höchste der Gefühle. Und ich meine jetzt nicht nur die Liebe zu einer Partnerin, sondern auch zu den Eltern oder zu den eigenen Kindern. Für manche ist auch die Liebe zu Gott etwas ganz Großes.

Später laufen wir am Hafen von St. Tropez entlang. Die haushohen Luxusyachten dort sprengen jeden Rahmen, nicht nur finanziell. Sie sind so riesig, dass sie sogar die Sicht auf die Stadt verdecken. Aber dann entdeckt meine Frau eine Skulptur aus Metall. Ein Männchen, das knapp überm Boden schwebt. In der linken Hand einen schweren Geldsack, der es zu Boden zieht. Und in der Rechten ein Luftballon-Herz, das nach oben zieht. „Geld oder Liebe?“, scheint es zu fragen. Geld kann runterziehen, Liebe nach oben. Während ich die Skulptur betrachte, denke ich: Die passt gut hier her. Denn gerade wer viel Geld hat, sollte ab und zu überlegen, wie wichtig man es nimmt, ob es mich regiert, ob es mich gierig oder oberflächlich macht - runterzieht. Und wer nicht so viel davon hat, darf sich immer wieder bewusst machen, welch wunderbares Geschenk doch die Liebe ist.

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SWR3 Gedanken

07SEP2026
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Ich war bei einer „Wald-Erkundung“ dabei.  Und der Ranger hat die Gruppe einzeln mit kleinen Suchaufträgen in den Wald geschickt. Wir sollten ganz unterschiedliche Sachen suchen: was Rundes, was Eckiges, was Helles, was Dunkles, was Geordnetes oder was Chaotisches. Unsere Schätze haben wir auf einem Tuch gesammelt und bestaunt.

Dann hat der Ranger angekündigt: „So, das war der Grundkurs, jetzt kommt was für Profis.“ Und damit hat er uns neue Aufträge in die Hand gedrückt. Auf meinem stand: „Gehe in den Wald und suche Begeisterung. Mach ein Foto oder Video davon.“

Begeisterung im Wald? Ich war skeptisch. Aber kaum war ich losgezogen, da habe ich vier Schmetterlinge um eine seltsame lila Pflanze flattern sehen. Wenn das keine Begeisterung ist! Und dann habe ich Vögel gehört, die sich ein Frage-Antwort-Match geliefert haben, das es nur so gezwitschert hat. Am Bach über dem Wasser haben im Gegenlicht eine Menge kleiner Mücken getanzt. Und auch wie das Wasser gemurmelt und geplätschert hat war einfach hinreißend. Kurz: Ich habe Begeisterung gefunden – mitten im Wald.

Als wir uns die Ergebnisse unserer Suche angeschaut haben, war die ganze Gruppe ergriffen: Niemand hätte diese Vielfalt im Wald vermutet: Begeisterung, Genügsamkeit, Überfluss, Balance, Endlosigkeit – alles war da. Und ich bin mit zwei Dingen heimgegangen. Erstens war ich total erholt und erfüllt. Und zweitens hat mich der Gedanke nicht losgelassen: Gottes Schöpfung ist so reich, und wenn man aufmerksam draufschaut, dann kann man einfach nur dankbar sein und staunen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

07SEP2026
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Judit ist eine junge Witwe, aber trotzdem schafft sie etwas, das eigentlich unmöglich scheint: Sie bringt den assyrischen Feldherrn Holofernes im Alleingang zu Fall.

Die Geschichte ist nichts für schwache Nerven. Holofernes gilt als skrupellos und grausam. Sein Heer belagert Betulia, ein Bergdorf in Israel. Fällt die kleine Stadt, dann ist der Weg nach Jerusalem frei.

Die Menschen in Betulia haben Angst. Das Wasser wird knapp und die Hoffnung auch. Daher  beschließen die Dorfältesten: „Noch fünf Tage wollen wir durchhalten. Beten und auf ein Wunder warten. Wenn Gott bis dahin nicht eingreift, dann geben wir auf.“

Als Judit davon hört, wird sie wütend. Sie stellt sich vor die Ältesten und sagt mit fester Stimme: „Wer glaubt ihr, dass ihr seid, dass ihr Gott eine Frist setzt? Gott lässt sich nicht unter Druck setzen.“ Doch während sie in die ratlosen Gesichter blickt, merkt sie: Von diesen Leuten wird niemand den ersten Schritt wagen. Also fasst sie selbst einen Entschluss.

Sie kleidet sich festlich, macht sich auf den Weg ins feindliche Lager und gibt vor, überlaufen zu wollen. Die Wachen glauben ihr und Holofernes fühlt sich von ihr angezogen. Er lädt sie zu einem Fest ein, trinkt weit mehr Wein, als er verträgt und schläft schließlich sturzbetrunken vor Judit ein. Da steht Judit plötzlich allein mit ihm in seinem Zelt. Sie zögert nicht. Sie nimmt sein Schwert und tötet ihn damit. Den abgeschlagenen Kopf bringt sie zurück nach Betulia. Als die Assyrer ihn am nächsten Morgen auf der Stadtmauer sehen, geraten sie in Panik. Sie brechen den Feldzug ab und fliehen.

Zum Glück ist das keine historische Begebenheit. Die meisten Fachleute sind sich heute einig, dass Judit wahrscheinlich nie gelebt hat. Ihre Geschichte ist eine Erzählung, die grausam ist, aber Mut machen will, auch wenn die Situation noch so aussichtslos erscheint. Solche Geschichten finden sich im Alten Testament immer wieder. Und die Frage heißt nicht: Ist das wirklich so passiert? Sondern: Welche Wahrheit steckt darin?

Für mich steckt in der Geschichte, dass Beten und Vertrauen zwar wichtig sind. Aber sie ersetzen nicht, dass ich selbst etwas unternehme. Judit will nicht nur beten und auf ein Wunder warten. Sie wird selbst aktiv. Und das ist wohl die eigentliche Botschaft: Gott ist nicht auf Knopfdruck zu haben. Aber oft er hilft denen, die ihr Leben in die Hand nehmen, die Verantwortung übernehmen, die mutig für sich und für andere einstehen. Oder auf eine Kurzformel gebracht: Gott vertrauen und dann loslegen.

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SWR3 Gedanken

06SEP2026
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Was macht man mit alten Tagebüchern, Liebesbriefen oder Kinderbildern. Dokumente, die mir viel bedeuten, die ich aber auch nicht ewig aufbewahren möchte. Ich war bei einem Event, das genau für diese Fälle gemacht war. Es hieß „würdiges Feuer“ und wurde auf dem Vorplatz einer Kapelle mitten in der Natur entzündet.

Mit einem Karton unterm Arm komme ich dort an, und ich bin nicht der einzige. Viele Leute mit Büchern, Ordnern, und Zettelboxen haben sich eingefunden. Ein Pfarrer segnet das „würdige Feuer“ und empfiehlt uns, die liebgewordenen Schriftstücke nochmal zu studieren, bevor wir sie dem Feuer übergeben.

Wir ziehen uns also in die Kapelle zurück und blättern nochmal durch. Ich habe ein Fürbitt-Buch aus meiner Kirche dabei und lese, was die Menschen in den letzten 10 Jahren bewegt hat. Und damit würdige ich es auch. Natascha bittet, dass Gott ihrer Oma beisteht, die sich immer so aufregt. Heiner beklagt, dass seine Frau gestorben ist und Doris bittet um die richtige Entscheidung. In der Bank vor mir blättert ein junger Mann in irgendwelchen alten Briefen, und gegenüber schaut eine Frau einen Ordner mit Kinderbildern durch.

Irgendwann treffen wir uns draußen vor der Feuerschale. Und die, die bereit sind, werfen die Papiere ins Feuer. Manche wollen noch etwas loswerden und sprechen mit dem Pfarrer. Und die Frau mit den Kinderbildern möchte sie jetzt doch nicht verbrennen.

Das „würdige Feuer“ hat mir gezeigt, dass manche Erinnerungsstücke  wirklich wertvoll sind. Kein Fall für die Papiertonne, sondern gut, wenn ich ihnen Raum gebe, und sie würdige. Aber ich darf mir irgendwann auch eingestehen, die Papiere vertrauensvoll dem Feuer zu übergeben. Denn die Erinnerungen – die bleiben ja.

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SWR3 Worte

15AUG2026
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Sich Möglichkeiten auszudenken kann richtig Spaß machen. Der österreichische Schriftsteller Robert Musil nennt das „Möglichkeitssinn“ und sagt über ihn:

 

Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muss geschehen, sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müsste geschehen; und wenn man ihm von irgendetwas erklärt, dass es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein.

 

(…) Der Möglichkeitssinn (…) (ist eine) Fähigkeit (…): das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.

 

Quelle

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften, Rowohlt Verlag, Reinbek, 1978.

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SWR3 Worte

14AUG2026
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Wie man am besten mit Fehlern umgeht zeigt diese Geschichte von Paulo Coelho:

 

Ein afrikanischer Medizinmann führt seinen Schüler durch den Wald. Obwohl er schon betagt ist, geht er behende, während sein Schüler ständig stolpert und stürzt. Der Schüler rappelt sich auf, flucht, spuckt auf den tückischen Boden (…).

 

(Auf dem Heimweg sagt der Schüler:) "Ihr habt mich heute nichts gelehrt" (…).

"Ich habe dich etwas gelehrt (…)", sagt der Medizinmann. "Ich versuche dir beizubringen, wie mit den Fehlern im Leben umzugehen ist."

"Und wie soll ich mit ihnen umgehen?"

"Genauso wie du mit deinen Stürzen umgehen solltest", antwortet der Medizinmann. "Anstatt die Stelle zu verfluchen, an der du stürzt, solltest du versuchen, herauszufinden, was dich zu Fall gebracht hat."

 

Quelle

Paulo Coelho: Der Wanderer, Diogenes-Verlag, Zürich 1998, S. 87f.

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SWR3 Worte

13AUG2026
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Wie behandelt ein Gefängnisarzt seine verurteilten Patienten?

Vittorio Gallese hat in Parma jeden Tag Schwerverbrecher behandelt. Erst Jahre später kann er beschreiben, was damals in ihm vorgegangen ist. Er sagt:

 

Hätte ich von den Tätern nur aus der Presse erfahren, so hätte es wohl auch mir vor ihnen gegraut. Aber hier standen mir keine Fälle gegenüber, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Sie sprachen von ihren Frauen, hatten eine persönliche Geschichte wie ich. (…) Und nicht zuletzt teilten wir eine Umgebung: Sieben Türen schlossen sich hinter mir auf dem Weg (…) in mein Büro; ich wusste genau wie es ist, wenn die Außenwelt weggesperrt ist.

 

Weil ich letztlich mit ihnen lebte, fiel es mir nicht schwer, mich in meine Patienten hineinzuversetzen. Als Arzt wollte ich ihnen helfen, nicht über sie urteilen.

 

Quelle

Stefan Klein: Der Sinn des Gebens, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010, S. 83f

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SWR3 Worte

12AUG2026
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Was der Mond uns über die heutige Sonnenfinsternis lehren kann, davon ist im Abendlied „Der Mond ist aufgegangen“ zu hören. Dort heißt es in der dritten Strophe:

 

Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

 

Quelle

Liedtext: Matthias Claudius 1779

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SWR3 Worte

11AUG2026
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Wie kommt man in den Himmel? Der spirituelle Lehrer Jan Frerichs meint dazu:

 

Im Evangelium geht es nicht darum, wie man in den Himmel kommt, nachdem man gestorben ist, sondern wie man im Himmel lebt, bevor man stirbt.

 

Quelle

https://www.barfuss-und-wild.de/seelenfutter-2649 (aufgerufen am 29.07.2026)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=44989
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