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SWR Kultur Wort zum Tag
Häufig sind es ja gerade die kleinen Dinge, an denen man am meisten zu knabbern hat. Im Autoverkehr geblitzt zu werden, gehört bei mir zu diesen Kleinigkeiten. Nicht schon wieder! Erst ärgere ich mich über den schnellen Lichtblitz und dann mischt sich ein dumpfes Schuldgefühl in den Ärger. Ich fühle mich schlecht, weil ich diesen blöden, unnötigen Fehler gemacht habe. Manchmal löst es auch ein bisschen Scham in mir aus, weil ich ertappt wurde. Also versuche ich besonders darauf zu achten, nicht geblitzt zu werden.
Seit einigen Wochen steht in meiner Straße so ein großes dunkles Teil. Ein mobiler Blitzer. Und er steht ausgerechnet direkt vor der Kirche! Genau genommen wurde er natürlich nicht auf dem Kirchplatz platziert, sondern haarscharf daneben. Jedes Mal beim Vorbeifahren muss ich fast auflachen und gleichzeitig den Kopf schütteln. Oft habe ich schon gedacht: Das gibt`s doch nicht! Ausgerechnet vor der Kirche muss ich befürchten, für den Fehltritt auf dem Gaspedal bestraft zu werden. Frei nach dem Motto: „Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort!“
Diese Behauptung hat mich schon immer ein wenig befremdet. Als Kind habe ich dann überlegt, ob Gott dafür überhaupt Zeit hat bei all den vielen kleinen Fehlern, die die Leute andauernd machen. Und auch heute stoße ich mich an dem Satz. Genau wie an dem Blitzer vor der Kirche. Verstöße durch Geldstrafen zu tilgen, mag auf weltlicher Ebene funktionieren. Dort hat dieses System auch seinen berechtigten Ort. Bei meiner Beziehung zu Gott allerdings stößt das an seine Grenzen. Viel zu lange haben Kirchenmenschen in der Geschichte genau das gemacht: Den Leuten ihre kleinen Sünden aufgeschrieben und angerechnet. Viele andere haben aber als christliche Botschaft entdeckt: Gott ist nachsichtig. Gott verzeiht.
Mit diesem wunderbaren Gedanken bin ich aufgewachsen. Er ist Teil meiner tiefsten Überzeugung. Darum irritiert mich auch ein Blitzer vor der Kirche. Mit diesem Ort verbinde ich Freiheit. Hier erzähle ich Gott von dem, was auf mir lastet. Großes und Kleines. Und ich glaube: Gott vergibt mir und schaut trotz meiner Fehltritte freundlich auf mich.
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Vor meinem Supermarkt stehen mehrere große Steinpoller nebeneinander. Dicke Zylinder mit einer Kugel obendrauf. Als ich letztens Einkaufen war, turnte ein kleines Mädchen in der Abendsonne auf einem dieser Poller herum. Sie muss ungefähr fünf Jahre alt gewesen sein. Ihr Vater stand etwas ungeduldig etwa drei Meter weiter weg vor dem Supermarkt und schien auf die Tochter zu warten.
Als ich vorbeigelaufen bin, hat das Mädchen auf den nächsten Poller gezeigt und laut zu ihrem Vater gerufen: „Guck mal, Papa, gleich spring ich da rüber!“ Sie sah entschlossen aus. Ziemlich laut hat dann aber ihr Vater zurückgerufen: „Nein, lass das mal! Das ein viel zu großer Schritt! Das seh ich doch von hier.“
Wie es letztlich zwischen Vater und Tochter und den Steinpollern ausgegangen ist, weiß ich nicht. Aber die Bemerkung des Vaters ist mir hängengeblieben.
Viel zu große Schritte. Die kenne ich. Oder zumindest ziemlich große Schritte. Das kann viele Entscheidungen betreffen. Erst kürzlich kam dieses Angebot für eine neue Stelle. Das hat mich gelockt, aber natürlich habe ich mich auch gefragt: kann ich die Anforderungen erfüllen? Traue ich mir das zu?
Ich habe mir viele Gedanken gemacht. Hin und her überlegt. Ich habe das Risiko abgewogen. Darum kann ich bei der Supermarktszene den Vater des Mädchens so gut verstehen. Denn: Lebenserfahrung erweitert Risikoabschätzung. Er hat gelernt, was alles schiefgehen kann, wenn der Schritt zu groß ist. Das ist lebenswichtig. Genauso anrührend war allerdings auch, wie das kleine Mädchen nach vorne bis zum nächsten Steinpoller geblickt hat. Furchtlos. Lebenszugewandt. Sie hat sich den Schritt zugetraut.
In der Bibel gibt es einen genialen Spruch. Er heißt: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen!“ Ich verstehe ihn nicht als Aufforderung zum Leichtsinn, das Risiko soll durchaus im Blick bleiben. Für mich als Christin steckt in diesem Satz eine große Kraft. Sie ermutigt mich. Ich glaube: Mit diesem Gott an meiner Seite kann ich es wagen. Auch die großen Schritte.
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Mit einem Geldschein, einem Stoffbeutel und einem handgeschriebenen Zettel in der Hand begann das wöchentliche Abenteuer meiner frühen Kindheit: der Gang zum Bäcker.
Die erste Erinnerung daran habe ich, da muss ich etwa vier Jahre alt gewesen sein. Es waren nur etwa 500 Meter von unserem Haus bis zum Bäcker. Als Kind kam mir das unfassbar weit vor. Den Geldschein habe ich meistens fest umklammert, ich hatte Angst, ihn zu verlieren. Beim Bäcker Brot kaufen, das war mein ganzer Stolz. Meine Eltern trauen mir zu, dass ich das kann – ich bin schon groß. Auf dem Weg habe ich mir immer wieder vorgesagt, was ich holen sollte: ein Roggenbrot, fünf Brötchen, vier Brezeln und zwei Schokocroissants. Beim Bäcker angekommen, stellte ich mich auf Zehenspitzen, legte das Geld und den Einkaufszettel auf den Tresen und versuchte, die Liste aufzusagen. Mein Herz pochte dabei doll. Schließlich wollte ich nichts vergessen und musste der Verkäuferin vertrauen. Denn nachrechnen, ob ich das richtige Wechselgeld bekommen hatte, konnte ich damals noch nicht. Mit der vollen Tasche bin ich dann zurück nach Hause gelaufen. Auf dem Weg habe ich schon mal am ersten warmen Brötchen geknabbert. Meine Brotwege zum Bäcker. Sie haben mir Lebenserfahrung gegeben. Im Rückblick denke ich heute: irgendwie war Gott immer da auf meinen Brotwegen; wenn ich über die große Straße gelaufen bin, das Geld verwaltet habe, mich überwunden habe, mit der Verkäuferin zu sprechen. Da habe ich fest gespürt: ich kann den Weg fröhlich gehen mit leichtem Herzen, ohne Angst.
Längst fühlt sich der Bäckergang nicht mehr so abenteuerlich an wie früher. Meistens bin ich sogar eher genervt, wenn ich die Schlange davor schon von draußen sehe. Drinnen stelle ich dann ernüchtert fest, wie teuer Brot schon wieder geworden ist und gehe kopfschüttelnd nach Hause. Viele meiner Wege fühlen sich schwer an. Gedanken an das, was sie bringen werden, belasten mich. Wird es gut werden für mich?
Wenn ich an meine Brotwege von früher denke, dann glaube ich: auch heute ist Gott dabei auf meinen kleinen und großen Wegen, stärkt mich, traut mir etwas zu. Darum mache ich mich auch heute auf den Weg und suche, was die Seele nährt, was meinen Lebenshunger stillt.
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Wir waren gerade auf dem Weg in die Schweizer Alpen. Endlich hatte ich zwei Tage freigeschaufelt und Platz gemacht für ein bisschen frische Schweizer Bergluft. Die Fahrt dauerte etwa drei Stunden. Zum Glück war ich nur Beifahrerin und konnte die immer schöner werdende Landschaft in mich aufsaugen. Natürlich hab ich auch die ganzen Autobahnschilder gelesen und gedacht: „Den Ort kenne ich; ach ja, da war ich schon mal als Kind.“ Und alle paar Kilometer tauchte ein riesiges digitales Schild auf mit der Aufschrift: „Licht. Auch am Tag.“ Die gesetzliche Vorschrift in der Schweiz verlangt, das Licht am Auto auch tagsüber angeschaltet zu lassen.
Licht auch am Tag. Das bräuchte ich manchmal auch jenseits der Autobahn. Nämlich dann, wenn sich Finsternis in mein Leben schleicht und ausbreitet. Als ich neulich schon wieder umgezogen bin – zum fünften Mal in sechs Jahren - ging es mir tage-, ja wochenlang so. Nachts konnte ich kaum schlafen. Stattdessen habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen, warum ich das bloß gemacht hab. Und tagsüber bin ich durch die Straßen gelaufen, in denen ich mich fremd gefühlt hab. Es gibt diese Tage, an denen auch die schönste Maisonne nicht hell genug leuchtet. Dann herrscht Dunkelheit. Auch am Tag. Was hilft?
Im 18. Jahrhundert gab es eine ganze Generation, die sich verpflichtet sah, Dunkelheit aufzudecken. In der Aufklärung sollte Wissen für alle zugänglich werden und das Licht der Vernunft die selbst verschuldete Dunkelheit vertreiben. Nicht umsonst heißt Aufklärung auf Englisch enlightenment: Erleuchtung. Das Erbe dieser Generation von Lichterkindern prägt uns bis heute in unserem Menschenbild, unseren politischen Systemen und vielem mehr. Im Christentum liegt der Grund für das Erleuchtet-Sein nicht in uns selbst. In der Bibel bezeichnet sich Jesus als Licht der Welt. Wer ihm nachfolgt, wird nicht in der Finsternis bleiben, heißt es dort. Gott bringt Licht ins Dunkel. Auch am Tag.
Das Schweizer Autobahnschild hab ich mittlerweile oft gesehen. Inzwischen muss ich schmunzeln, wenn ich es lese. Fast kommt es mir wie eine Bestärkung meines Glaubens vor. Auf jeden Fall ist es ein schöner Augenblick der Vergewisserung im Vorbeifahren: Jesus Christus. Licht. Auch am Tag.
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Ich habe Angst vor Falten. Mit jedem Geburtstag stelle ich mich näher an den Spiegel und schaue ganz genau hin. Unter den Augen beäuge ich misstrauisch jede Linie. Ich untersuche genau, was sich da auf meiner Stirn abzeichnet. Dann überlege ich, ob diese Linie letztes Jahr auch schon da war oder ob diese Spur da oben neu ist. Es ist zum Stirnrunzeln – aber lieber nicht, das könnte ja noch mehr Falten verursachen.
Vielleicht ist das eine komische Angst. Ich bin gerade erst 29 geworden. Aber in meiner Generation ist das Thema Schönheit ständig präsent. Und was man dafür tun kann, ist längst kein Traum mehr, den sich nur Hollywood-Stars verwirklichen.
Auf Instagram sieht man Menschen, die schier nicht altern. Klar, das liegt auch an den tausend Möglichkeiten der Bildbearbeitung. Aber mittlerweile investieren Frauen und Männer viel in ihr Aussehen. Chirurgische Eingriffe sind da längst keine Ausnahme mehr. Ich kann das verstehen. Schließlich beschäftigt mich das Thema mit den Falten ja auch.
Neu ist das nicht. Seit jeher haben sich Menschen über ihr Aussehen Gedanken gemacht. Und auch frühere Generationen wollten gern an der Jugend festhalten. Die Schauspielerin Simone Thomalla hat letztens in einem Interview gesagt: „Wir wollen alle alt werden, aber keiner will alt sein.“ Ist das einfach nur Eitelkeit? Ich glaube, wenn es um die äußere Schönheit geht, schwingt noch viel mehr mit: Abschied, Vergänglichkeit, Tod – die richtig großen Themen. Unser Leben hier und unser Aussehen sind nun mal vergänglich. Das kann ins Grübeln bringen und auch Angst machen. Schließlich weiß ich nicht, was da noch kommt. Manchmal erleichtert es mich aber auch, um Vergänglichkeit zu wissen. Denn das heißt: all die quälenden Sorgen sind auch zeitlich. Die Schwierigkeiten, die das Leben jeden Tag mit sich bringt, bleiben nicht für immer. Und dann wird auch die Angst vor den Falten zumindest für einen Moment kleiner. Ja, für einen Moment werden sie sogar schön: Denn Falten zeigen: Alles ist zeitlich, auch ich selbst. Das macht mich neugierig auf das, was kommen wird. Als Christin hoffe ich da nämlich auf etwas grundlegend Neues. Wir nennen das oft „Ewigkeit“. Wie die aussieht, ist offen. Wird dann tatsächlich aufhören, was uns hier zu schaffen macht? Auch das Altern? Ich glaube: Gott wird gut machen, was kommt. Und: Die größte Schönheit liegt noch vor uns.
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