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SWR4 Abendgedanken

28JUL2025
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Ein Lehrer steigt im Klassenzimmer vor den Augen seiner Schüler auf einen Tisch. Er rebelliert damit gegen den Drill an dieser Schule und dagegen, einfach alles der Tradition, der Ehre, der Disziplin und der Leistung unterzuordnen. In den Augen dieses Lehrers gibt es weitaus wichtigere Dinge im Leben. Das Wichtigste ist vielleicht zu lernen, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, sich eine eigene Meinung zu bilden, einen eigenen Standpunkt einzunehmen, zu sich selbst zu finden und zu sich stehen. Der Lehrer heißt Mr. Keating und wird dargestellt von dem wunderbaren Schauspieler Robin Williams im Film „Der Club der toten Dichter“.

Als ich diesen Film zum ersten Mal gesehen habe, war ich schwer beeindruckt. Ich war auf der Suche nach mir und nach dem, was ich aus meinem Leben machen wollte. Ich war verliebt in ein Mädchen, das ich täglich auf meinem Schulweg im Zug gesehen habe. Gleichzeitig kämpfte ich mit dem Gedanken, katholischer Priester zu werden und damit auf eine Partnerschaft zu verzichten. Damals hatte ich keine Ahnung davon, dass es andere katholische Kirchen gibt, in denen beide Lebenswege miteinander vereinbar sind. Im Film ermutigt Mr. Keating seine Schüler, alle Vorgaben und alle Erwartungen, die von anderen an sie herangetragen werden, zu vergessen und stattdessen in sich hineinzuhören. Sie sollen lernen auf das zu hören, was ihnen wirklich wichtig ist und dem sollen sie nachgehen. Das Motto von Mr. Keating ist: „Carpe diem!“ „Nutze den Tag!“ Davon beeindruckt fasste ich mir ein Herz und sprach das Mädchen an. Mehr verrate ich nicht.

Nutze den Tag! Mir ist dieser Gedanke im Lauf der Jahre zu einem wichtigen Grundsatz geworden. Ich habe ihn nicht immer bewusst auf dem Schirm. Aber ich stolpere immer wieder über ihn und dann denke ich darüber nach, was mir in dem Moment gerade wirklich wichtig ist. Manchmal ist es einfach nur das Gespräch mit dem Nachbarn am Garagenfenster, für das ich mir Zeit nehme, obwohl ich doch gerade so in Eile war. Manchmal ist es die Zeit, die ich mit meinen Kindern verbringe und für die eine Arbeit, die ich eigentlich erledigen wollte, etwas länger liegen bleibt. Solche kleinen Momente mögen unscheinbar sein, aber sie sind wertvoll und wenn es mir gelingt, so einen Moment richtig zu nutzen, dann fühlt sich das richtig gut an. Ich habe dann so ein Gefühl ganz bei mir zu sein und das macht mich zufrieden. Und wenn mir das heute nicht so richtig gelingen wollte, dann kommt morgen die nächste Chance, die ich nutzen kann.

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SWR4 Abendgedanken

09MAI2025
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Warum?

Warum passieren schreckliche Dinge? Warum müssen Menschen krank werden und leiden? Warum haben andere allem Anschein nach immer Glück? Wo bleibt da die Gerechtigkeit?

Die Frage nach dem Warum ist uralt. Wahrscheinlich steht sie so lange schon im Raum, so lange Menschen über sich und über ihr Leben nachdenken können. Und Fragen verlangen nach Antworten.

Sehr lange wurde die Frage nach dem Warum ungefähr so beantwortet: Glück und Unglück sind die Folgen unseres Handelns. Gott sieht alles und Gott belohnt, oder bestraft.

Ein Sprichwort sagt: Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.

Wenn das so wäre, dann frage ich mich: Gilt das auch für das Unglück?

Mich überzeugt dieses Sprichwort nicht. Und zu denken, dass Gott uns Menschen belohnt, oder bestraft, überzeugt mich auch nicht.

Womit sollte ich es verdient haben, in Deutschland geboren zu sein und hier zu leben. Womit sollte ein Kind verdient haben, im Gazastreifen zur Welt zu kommen, oder in den Slums von Haiti?

Dass Gott es so will, ist für mich keine gute Antwort.

Wenn Gott so ticken würde, möchte ich mit diesem Gott nichts zu tun haben und nach allem, was ich von der Botschaft Jesu verstanden zu haben glaube, wollte er das auch nicht.

Wir können nicht beantworten, warum Menschen leiden. Und ich denke, dass es mir nicht zusteht, das Leid anderer Menschen zu bewerten, oder gar als gottgegeben zu deuten. Ich würde mich damit nur aus der Affäre ziehen, aber dem Menschen gegenüber würde ich damit nicht gerecht werden.

Einer meiner Lehrer an der Theologischen Fakultät in Freiburg hat einmal den Satz gesagt: Wenn es mir nicht gut geht, wenn ich leide, dann wünsche ich mir, dass man mich nicht alleine lässt, sondern dass jemand bei mir bleibt.

Mir hat sich dieser Satz eingeprägt und jedes Mal, wenn ich am Bett eines kranken Menschen sitze, fällt mir dieser Satz wieder ein. Mir sagt dieser Satz: Du hast vielleicht keine Antwort auf die Frage nach dem Warum, aber du hast die Möglichkeit, da zu sein für jemanden und zu bleiben.

Leid ist in meinen Augen nie gerecht. Aber vielleicht werde ich einem Menschen, der leidet, am ehesten gerecht, wenn ich ihm beistehe.

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SWR4 Abendgedanken

08MAI2025
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Heute vor 80 Jahren ging mit der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reiches der zweite Weltkrieg zu Ende. Bedingungslos und angstbestimmt war oftmals der Gehorsam der Menschen, die sich von den Machthabern in diesen Krieg und die unmenschlichen Verbrechen haben treiben lassen. Ich finde, auf solchen Gehorsam kann die Welt gut verzichten.

„Gehorsam“ hat heute einen negativen Beigeschmack. Zu oft in der Geschichte hat er dazu gedient, Machtverhältnisse zu festigen. Menschen sollten kleingehalten und ihr Wille gebrochen werden, sei es in der Gesellschaft, in der Kirche oder in der Familie.

Gott sei Dank sind die meisten Menschen nicht mehr bereit, einfach stillschweigend zu gehorchen, wenn jemand Befehle erteilt. Wir sind schließlich aufgeklärte und selbst denkende Menschen und wir stehen für unsere Meinung und für unsere Bedürfnisse ein. Hat damit der Gehorsam ausgedient? So einfach ist die Sache aus meiner Sicht nicht.

In meinem Alltag bin ich häufig mit Situationen konfrontiert, in denen sehr wohl erwartet wird, dass ich gehorsam bin. Ich kann als Pfarrer nicht einfach Weihnachten an Ostern feiern. Von Kindern wird erwartet, dass sie in der Schule den Lehrkräften gehorchen. Während der Coronapandemie hatten wir uns an Hygieneregeln zu halten. Und ohne Frage muss jede und jeder von uns das Grundgesetz achten.

Gehorsam hat also nicht ausgedient, aber er will neu definiert werden. Wann ist Gehorsam gut und sinnvoll und wann braucht es Widerstand und zivilen Ungehorsam? Auch dafür gibt es leider keine Musterantwort. Wenn ich mir aber klar mache, dass in dem Wort „Gehorsam“ das Wörtchen „hören“ steckt und wenn ich dieses Hören nicht so verstehe, dass stets nur eine spricht und ein anderer hören muss, dann tun sich mir Perspektiven auf.

Letztendlich ist der tiefere Sinn von Gehorsam, dass unser Zusammenleben funktioniert, in der Gesellschaft wie in der Familie. Und das kann nur gelingen, wenn die Bedürfnisse und Wünsche aller Beteiligten gesehen und geachtet werden. Gehorsam ist also keine Einbahnstraße. Es geht nicht darum, dass mächtige über weniger mächtige Menschen willkürlich bestimmen. Nein, es geht darum, miteinander die beste Lösung für alle auszuhandeln. Das ist manchmal umständlich und mühsam. Und es setzt voraus, dass die Beteiligten einander vertrauen. Ich glaube, dass Gehorsam – wenn er in diesem Sinn verstanden und eingefordert wird – einen wertvollen Beitrag für unser Miteinander leisten kann.

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SWR4 Abendgedanken

07MAI2025
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Ich habe dieses Jahr zum ersten Mal an einem Ostermarsch teilgenommen und das mit durchaus gemischten Gefühlen. Die Ostermärsche sind in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entstanden und sie stehen für ein friedliches Miteinander ohne Waffen.

Als junger Erwachsener habe ich den Kriegsdienst verweigert und stattdessen Zivildienst gemacht. Ich habe das damals so entschieden, weil ich die Vorstellung furchtbar fand und auch heute noch furchtbar finde, auf einen anderen Menschen schießen zu müssen, um ihn zu töten. Als Christ fühle ich mich der Botschaft des Friedens verpflichtet. Gott ist der Urheber und die Quelle des Lebens. Gott ist die Mutter, der Vater aller Menschen. Wir Menschen sind untereinander Geschwister. Diese Bilder meines Glaubens wollen ausdrücken, dass wir Menschen, über alle Grenzen hinweg, zueinander gehören. Und es muss andere Wege geben, als mit Waffen aufeinander loszugehen. Mit Waffen beseitigt man keine Konflikte. Mit Waffen beseitigt man Menschen und dagegen sträubt sich in mir alles. Und ich frage mich: Wann wurde jemals schon ein Konflikt mit Waffengewalt gelöst? Wann hätten Waffen schon einmal Frieden begründet?

In der Bibel findet sich der Satz: „Leistet keine Gegenwehr, wenn man euch Böses antut! Wenn jemand dir eine Ohrfeige gibt, dann halte die andere Wange auch noch hin!“ (Mt 5,39) Der Satz will die Spirale von Gewalt und Gegengewalt unterbrechen.

Aber dann sehe ich den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, dass die Ukraine sich gegen die Angriffe zur Wehr setzen darf. Vielleicht muss sie sich sogar zur Wehr setzen, wenn sie ihre Freiheit und ihre Souveränität behalten will. Ich kann für mich persönlich entscheiden, dass ich die andere Wange auch noch hinhalte, aber anderen darf ich das nicht verordnen.

Es ist und bleibt ein Dilemma, in dem ich mich befinde.

Obwohl ich gut verstehen kann, dass die Ukraine sich zur Wehr setzt und dafür Unterstützung braucht, graut es mir, wenn ich sehe, was Menschen sich gegenseitig antun und welches Leid sich durch die gewaltsame Auseinandersetzung in Menschen festsetzt.

Trotz dieser gemischten Gefühle habe ich am Ostermarsch teilgenommen. Vielleicht ist der einzige Weg, die Gewalt zu beenden, dass Menschen, über Grenzen hinweg, auf der Straße deutlich und lautstark zeigen, dass sie diese Gewalt nicht länger wollen. Und dass sie nicht bereit sind, Besitz, Leib und Leben dafür zu geben. Egal für wie gerecht wir einen Krieg erklären mögen, Menschen verlieren dabei. Sie verlieren Gliedmaße, oder ihr Leben. Sie verlieren geliebte Angehörige, oder ihre Heimat. Menschen verlieren. Die Friedensbewegung hat den Satz hervorgebracht: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Wie friedlich wäre das!?

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SWR4 Abendgedanken

06MAI2025
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Neulich habe ich mit meinen Brüdern wegen eines Geburtstagsgeschenks für unsere Mutter übers Handy hin und her geschrieben. Das ist praktisch, weil man ja, egal, wo man gerade ist, eben kurz einen Vorschlag machen, oder eine Antwort schreiben kann. Wir wollten einen gemeinsamen Ausflug planen, um Zeit miteinander zu verbringen. Einige Ideen standen im Raum und jetzt war es an der Zeit, dass wir uns für eine entscheiden.

Und dann kam da diese Nachricht von meinem älteren Bruder, die mich echt irritiert hat. Im ersten Moment habe ich gedacht: Ups, jetzt hat er sich über eine Antwort von mir geärgert. Jetzt ist er pampig. Na super! Was jetzt?

Ich habe mir die Nachricht noch einmal durchgelesen und dabei ist mir aufgefallen, dass da möglicherweise in einem Satz ein Wort fehlen könnte. Mit dem fehlenden Wort würde der Satz ganz anders klingen. Hätten wir doch bloß miteinander gesprochen, dann wäre das nicht passiert und ich müsste nicht spekulieren. Und dann habe ich meinen Bruder angerufen.

Bingo! Ein Wörtchen hatte tatsächlich gefehlt. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

Wir konnten dann schnell auch noch die sachlichen Fragen klären und das Geburtstagsgeschenk war unter Dach und Fach. Es geht doch nichts über einen direkten Kontakt und ein persönliches Gespräch.

Das denke ich übrigens öfter. Ich finde Messenger-Dienste und die gute alte E-Mail sind total hilfreich und sie erleichtern und bereichern ja oft unsere Kommunikation. Und doch komme ich mit diesen technischen Hilfsmitteln immer wieder an meine Grenzen. Wenn ich etwas schreibe, sehe ich nicht, wie mein Gegenüber darauf reagiert und das kann manchmal ganz entscheidend sein. Einen Witz, oder Ironie erkenne ich vielleicht nur aufgrund der Stimme und der Mimik, aber nicht unbedingt in einer getippten Nachricht. Im persönlichen Gespräch höre ich nicht nur, was mein Gegenüber mir sagen will, sondern ich lese im Blick, in den Gesten, in den unausgesprochenen Zwischentönen so viel, was mir hilft, den anderen besser zu verstehen.

Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, beim nächsten Mal, wenn ich mit meinen Brüdern etwas klären will, gleich zum Telefon zu greifen, damit uns nicht wieder ein fehlendes Wörtchen in die Quere kommt.

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SWR4 Abendgedanken

05MAI2025
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Ich bin neu hier und das ist mein erster Abendgedanke. Wie immer, wenn ich etwas Neues anfange, bin ich angespannt. Das kenne ich auch aus anderen Bereichen: Als ich meine neue Pfarrstelle angetreten habe. Oder: Als ich mich einer Work-out Gruppe im Sportverein angeschlossen habe. Ich bin dann etwas angespannt, weil ich ja nicht unbedingt weiß, mit wem ich es zu tun bekomme. Viel hängt davon ab, wie die bestehende Gruppe mich aufnimmt, wie ich mit dem, was ich einbringe, bei den anderen ankomme, ob ich Anschluss finde?

Da gibt es aber noch eine andere Seite.

Nach meinem Realschulabschluss stand ich vor der Frage, wie es nun weitergehen sollte. Und weil ich schon damals Pfarrer werden wollte, habe ich mich entschieden das Abitur zu machen. Ein Neuanfang an einer neuen Schule und der kam mir sehr gelegen. Warum?

Die Abschlussfahrt der Realschulklasse hatte uns damals in den Bayerischen Wald geführt. Vielleicht aus Langeweile haben einige meiner Klassenkameraden in dem kleinen Dorfladen alles Mögliche zusammen geklaut. Die Sache kam ans Licht und ich habe mich damals dafür hergegeben, das Diebesgut entgegenzunehmen, um es gesammelt zurückzugeben.

Das war eine saublöde Situation. Und plötzlich stand der Vorwurf im Raum, ich sei ein Verräter. Von diesem Vorwurf ist bis zum Ende der Realschule etwas an mir hängen geblieben. Das ist bei Vorwürfen wohl meistens so – ganz egal, ob sie stimmen, oder nicht.

Der Neuanfang an einer neuen Schule hat es mir möglich gemacht, Abstand zu der ganzen Sache zu gewinnen. Ich konnte unbelastet in einer neuen Klasse beginnen und diese zweite Chance hat mir gutgetan.

Heute glaube ich, dass ich jeden Tag diese zweite Chance habe und wenn es notwendig ist, auch eine dritte. Jesus hat Menschen nicht danach beurteilt, was sie einmal gemacht und möglicherweise falsch gemacht haben. Jesus hat dem Zöllner Zachäus, der Ehebrecherin, selbst Petrus, der ihn verleugnet hat die zweite Chance zugesprochen und er hat dazu ermutigt, diese Chance zu nutzen. Egal, was in meinem Leben schief geht, oder was danebengegangen sein mag. Nichts und niemand kann etwas daran ändern, dass ich wertvoll und geliebt bin. Mit dieser Zusage im Rücken kann für mich ein Tag gut zu Ende gehen und ein neuer Tag anfangen. Neu anfangen darf ich immer.

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