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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

26MRZ2025
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Auf die Perspektive kommt es an. Daran erinnern mich drei Satzzeichen in einer ganz bestimmten Reihenfolge:
Ein Doppelpunkt. Eine Klammer auf. Und noch ein Doppelpunkt.

Diese drei Satzzeichen standen auf einem Zettel bei meiner letzten Arbeitsstelle. Er hing an der Wand und jedes Mal, wenn ich im Büro war, musste ich draufschauen:
Ein Doppelpunkt. Eine Klammer auf. Und noch ein Doppelpunkt.
Und darunter stand ein Satz auf Englisch: You decide. „Du entscheidest.“

Denn das war der Clou daran: Je nachdem, wie man die Klammer mit den Doppelpunkten kombiniert, sieht man entweder einen traurigen Smiley mit herunterhängenden Mundwinkeln oder aber einen fröhlich-lächelnden Smiley. Es ist eben eine Frage der Perspektive. You decide. Du entscheidest.

Das trifft nicht auf alles zu. Ungerechtigkeit, Hass und Gewalt etwa verändern sich nicht, wenn man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet. Dann bleibt Ungerechtigkeit ungerecht, Hass bleibt menschenverachtend und Gewalt schadet Menschen an Leib und Seele.

Aber da, wo ich Dinge verändern kann, macht es einen Unterschied, mit welcher Haltung und Einstellung ich daran gehe. Wie ich auf meinen Tag blicke, ist eine Frage der Perspektive.

Überlege ich abends, was ich tagsüber erlebt habe, dann liegt es an mir, worauf ich meinen Blick lenke. Schaue ich auf das, was ich nicht geschafft habe, dann gehen die Mundwinkel nach unten.

Nehme ich hingegen wahr, was ich geschafft und worüber ich mich gefreut habe, dann bin ich dankbar für das, was war und ziehe meine Mundwinkel zu einem Lächeln nach oben.

In der Bibel heißt es: „Mehr als alles hüte dein Herz, denn von ihm geht das Leben aus.“ (Sprüche 4,23). Zur Zeit der Bibel hielt man das Herz für den Ort im Menschen, an dem der Verstand sitzt. „Mehr als alles hüte dein Herz“ bedeutet dann auch: Achte auf deine Gedanken. Achte auf das, worauf du deinen Blick lenkst. Denn es hat Einfluss auf dein Leben.

Für mich bedeutet das: Ich nehme all die verschiedenen Gefühle wahr, die ich in meinem Herzen fühle. Aber ich folge nicht jedem Impuls, sondern wäge ab: Schaue ich auf das, was zu kritisieren und zu verbessern ist? Oder möchte ich mich freuen an dem, was gut ist? „You decide – Du entscheidest“

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

25MRZ2025
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„Eigentlich kann ich stolz sein auf das, was ich geschafft habe.“ Dieser Satz ist mir aus einem Gespräch vor einiger Zeit in Erinnerung geblieben. Da war viel Belastendes im Leben meiner Gesprächspartnerin. Manches liegt schon lange zurück. Ihre Kindheit etwa war nicht einfach. Im Gegenteil. Der Vater war oft nicht da und wenn er da war, dann roch man den Alkohol und bekam seine Gewalt zu spüren. Ein sicheres Zuhause, das kannte sie lange nicht. Und auch Geborgenheit, Liebe und Vertrauen hat sie erst viel später richtig erlebt.

Sie hatte keinen unbeschwerten Start ins Leben, wie man es Kindern wünscht. Aber sie hat ihren Weg gefunden. Sie hat sich ein Leben aufgebaut, in dem ihr vieles gelungen ist. Sie hat ein Zuhause, in dem sie sich wohlfühlt. Ihre Arbeit macht ihr Freude. Und sie hat eine eigene Familie gegründet, ist selbst Mutter und hat sich vorgenommen: Bei meinen Kindern mache ich es besser! Nicht alles, aber einiges ist ihr gelungen. Schaut sie auf ihr Leben, sieht sie zuerst all das, was schwierig war oder auch momentan schwierig ist. „Aber eigentlich kann ich stolz sein auf das, was ich geschafft habe.“ fiel es ihr in unserem Gespräch auf.

Mich hat das sehr berührt. Denn ich hatte den Eindruck: Stolz sein, das liegt ihr eigentlich nicht. Denn stolz sind doch eher die anderen. Die, die so richtig was vorweisen können. Die ein großes Haus oder beeindruckend Karriere gemacht haben. Ihr Leben hingegen ist doch ganz normal. Das, was ihr gelungen ist – das ist viel unscheinbarer: Ihren Weg gehen und sich ihr Leben aufbauen, das war nicht selbstverständlich. Sie versucht nun für ihre Kinder da zu sein und liebt sie, egal was ist. All das hat sie geschafft – und noch viel mehr. Und das ist viel wert.

Stolz hat keinen guten Ruf. Er gilt als überheblich, unangebracht und selbstgerecht. Und übermäßiger Stolz ist sicher nichts Erstrebenswertes. Aber sich dann und wann bewusst machen, was nicht selbstverständlich ist, das ist wichtig.

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Denke ich mir dann oft – und weiß: Nicht nur ich habe etwas gut gemacht, auf das ich stolz sein kann. Sondern auch Gott und dafür bin ich dankbar.

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24MRZ2025
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„Das will ich auch!“, sagt Linus. Er sitzt neben mir und eben gerade habe ich ihn gesegnet. Und nun will er das auch: mir einen Segen zusprechen.

Wir feiern Familienkirche - so heißt unser Familiengottesdienst, bei dem wir erst an Stationen gemeinsam etwas entdecken und anschließend alle zusammen feiern. Ich bin mit an der Segensstation. Dort sprechen wir allen, die möchten, einen Segen zu. „Gott spricht: Ich will DICH segnen und du wirst ein Segen sein.“ (Gen 1,12), sagen wir zum Beispiel. Oder: „Gott segne und behüte dich. Gott schenke dir Mut und Kraft für alles, was vor dir liegt. Gott bewahre deine Neugier und deine Fröhlichkeit. Gott sei immer bei dir. So segne dich Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.“ Mit diesen Worten habe ich eben Linus gesegnet. Dabei hat er seine Hand auf meine gelegt und ich habe ihm mit dem Finger ein Kreuz auf seine Handfläche gezeichnet. Und gerade, als ich fertig war, sagt Linus: „Das will ich auch!“ Er hat nicht lange nachdenken oder überlegen müssen, ob er sich traut. Er weiß einfach: „Das will ich auch.“

Nachdem also erst ich den Achtjährigen gesegnet habe, segnet er nun mich. Nun liegt meine Hand auf seiner. Behutsam zeichnet Linus mit einem Finger sanfte Linien in meine Handfläche. Ganz konzentriert ist er bei der Sache. Worte braucht es für diesen Segen keine. Ich spüre Gottes Geistkraft auch so.

Für mich war das ein ganz besonderer Moment, als Linus mich so gesegnet hat. Denn normalerweise bin ich als Pfarrerin ja diejenige, die andere segnet. Dabei ist mir völlig klar: Der Segen kommt nicht von mir selbst. Der kommt immer von Gott. Oft bin nur ich diejenige, die dafür Worte und Gesten findet.
Seit mich Linus so gesegnet hat, denke ich, wir sollten uns öfter segnen. Einfach so, mitten in unserem Alltag. Bevor wir morgens zur Schule oder zur Arbeit aufbrechen. Wenn wir uns für längere Zeit verabschieden oder bevor wir verreisen. Segnen und gesegnet werden tut gut. Und es geht auch ganz einfach - mit Worten, einem Kreuzzeichen oder sanften Linien in der Handfläche.

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23NOV2024
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Seit 20 Jahren gibt es auf dem Mainzer Hauptfriedhof einen Sternengarten. So heißt der Teil des Friedhofs, auf dem Kinder bestattet werden, die noch vor der Geburt gestorben sind. Im Sternengarten haben alle diese Kinder ihren Platz. Hier sind sie begraben. Hier wird an sie erinnert. Auf Sternen stehen ihre Namen. Line. Mikkel. Pauline. Leonas. Und so viele mehr.

Immer wenn ich am Sternengarten vorbeigehe , überkommt mich die Trauer. All diese Kinder sind gestorben, noch ehe ihr eigentliches Leben begonnen hat. Den Schmerz der Eltern kann ich nur erahnen. Wie gut, dass es den Sternengarten gibt, an dem diese Kinder ihren Ort haben. Ein Ort der Erinnerung. Hier steht ihr Name und versichert: Es hat dieses Kind gegeben, auch wenn seine Geburt zugleich der Abschied von ihm war. Es tut uns Menschen gut, wenn wir einen Ort für unsere Trauer haben.

Dem Sternengarten auf dem Mainzer Hauptfriedhof sieht man die Trauer nicht sofort an. Es ist kein grauer und trister Ort. Hier erinnert so vieles an das Leben: Auf vielen Gräbern stehen bunte Windräder und drehen sich. In den Bäumen hängen Windspiele, ihre Klänge wehen mir ins Ohr. Und ich sehe viele bunte Spielsachen und Blumen auf den Gräbern liegen. Da sind Herzen und Engel, es brennen Lichter. Ich spüre: Das hier ist nicht nur ein Ort voller Trauer und Erinnerung. Es ist auch ein Ort voller Liebe. Denn all das Spielzeug, all die Blumen – sie zeigen mir: Diese Kinder wurden geliebt. Und sie werden geliebt, denn sie sind nicht vergessen. Nicht von ihren Eltern und Geschwistern . Und erst recht nicht von Gott.

An diesem Sonntag feiern wir Christen den Ewigkeitssonntag. Wir denken an alle Menschen, die im vergangenen Jahr gestorben sind. In vielen Gottesdiensten werden ihre Namen vorgelesen und Lichter für sie angezündet. Als Zeichen der Erinnerung und als Zeichen unserer Hoffnung. Denn als Christen glauben wir: Der Tod ist nicht das Ende. Unsere Toten sind aufgehoben bei Gott. Er bettet sie in Liebe und Geborgenheit. Und in Gottes Hand ist alles aufgehoben, was war, was ist und bleibt.

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22NOV2024
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Momentan kommt mir oft ein Satz aus der Bibel in den Sinn: „Freut euch, dass ihr Hoffnung habt. Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst. Hört nicht auf zu beten.“ Das schreibt Paulus damals an die ersten Christen in Rom. Und ich finde: Auch für uns heute ist das ein guter Ratschlag.

„Freut euch, dass ihr Hoffnung habt.“ Sagt Paulus. Er fragt nicht, ob wir auf etwas hoffen können. Er sagt auch nicht, dass da vielleicht ein Grund ist, Hoffnung zu haben. Für ihn ist es entschieden: Ihr habt Hoffnung. Also freut euch!

Diese Klarheit gefällt mir. Und die Überzeugung: Da ist Hoffnung in mir. Ich weiß nicht, ob ich das von mir aus so gesagt hätte. Aber vielleicht muss ich es hören und mir bewusst machen, um meine Hoffnung zu spüren. Denn es stimmt: Ich habe Hoffnung. Hoffnung, dass wir Menschen doch noch aus der Geschichte lernen können und frühere Fehler nicht wiederholen. Da ist auch Hoffnung in mir, dass Gott alles zum Guten wenden kann.

„Bleibt standhaft, wenn ihr leiden müsst.“ Ist der zweite Ratschlag. Und auch das spricht mich an. Standhaft bleiben. Nicht sofort aufgeben – auch damit kann ich etwas anfangen. Wenn es mal schwierig wird, dann ist es verlockend, sich wegzuträumen und den Kopf in den Sand zu stecken. Wirklich helfen, tut es nicht. Aber dranbleiben, Verantwortung übernehmen und sich dafür einsetzen, dass die Dinge sich ändern – dem kann ich viel abgewinnen.

Und dann ist da noch der dritte Rat: „Hört nicht auf zu beten.“ Damit hatte ich nicht gerechnet. Aber er gefällt mir. Schließlich ist Beten ja Reden mit Gott. Wenn wir beten, vertrauen wir Gott unsere Gedanken an. Das, was uns bedrückt, das, was uns froh macht und das, wonach wir uns sehnen. Mir tut es gut, mich Gott anzuvertrauen. Manchmal fehlen mir auch die Worte. Gott hört mir trotzdem zu.

Diese drei Ratschläge aus der Bibel sind eine gute Erinnerung. Im Leben habe ich vieles nicht in der Hand. Manches kann ich nicht beeinflussen und ändern. Aber manches schon. Und so übe ich mich in diesen Novembertagen darin: Ich hoffe und ich freue mich. Ich bleibe standhaft. Und ich vertraue mich Gott an. Das tut mir gut.

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21NOV2024
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Wenn jemand neben mir beim Essen laut schmatzt, dann stört es mich normalerweise. Da frage ich mich: Muss das sein? Das macht man doch nicht. Aber neulich, da habe ich mich richtig darüber gefreut, als ich es neben mir schmatzen hörte. Es waren Kinder. Ihr Schmatzen war nicht besonders laut oder absichtlich. Es wirkte wie das Normalste der Welt – Kinder eben. Aber ich war überrascht und ich fand es schön.

Denn es war mitten im Gottesdienst. Wir haben gerade Abendmahl gefeiert und standen in einem großen Kreis zusammen. Gerade hatte ich allen ein Stück Brot ausgeteilt mit den Worten „Brot des Lebens – Christus für dich“. Dass wir beim Abendmahl mehr als nur ein Stückchen Brot essen, daran glauben wir Christen. Es geschieht mehr, als wir sehen können: Gott kommt uns darin ganz nah. Verzeiht unsere Fehler. Heilt unsere Wunden. Begegnet uns in Frieden. Wenn wir miteinander Abendmahl feiern, ist Gott mitten unter uns. Das stärkt an Leib und Seele.

Als ich die Kinder schmatzen hörte, musste ich an einen Satz aus der Bibel denken: „Schmeckt und seht, wie freundlich unser Gott ist.“ Ich glaube, genau das haben die Kinder in dem Moment getan. Sie haben geschmeckt, wie freundlich unser Gott ist. Und sie haben ihre Freude darüber gezeigt. Vielleicht können sie es noch nicht mit dem Kopf verstehen, was wir beim Abendmahl feiern. Aber dass es etwas ist, was unserem Leib und der Seele guttut und uns stärkt – das haben sie erlebt und geschmeckt.

Früher durften Kinder nicht am Abendmahl teilnehmen. Man meinte, dass sie zu klein sind. Dass sie noch nicht verstehen , was wir dort feiern und was es für sie bedeutet. Ich bin froh, dass sich das inzwischen geändert hat. In den meisten Gemeinden und Gottesdiensten sind Kinder und Jugendliche heute genauso zum Abendmahl eingeladen. Denn bei Gott sind alle Menschen willkommen. Gott lädt alle ein. Ganz egal, wie alt wir sind und wie viel wir meinen, von Gott zu verstehen. Für alle gilt die Einladung, die schon in der Bibel steht: „Schmeckt und seht, wie freundlich unser Gott ist.“

Wenn wir Brot und Traubensaft miteinander teilen, kommt Gott uns nah. Wie gut das tun kann, habe ich im Schmatzen der Kinder gehört. Gottes Freundlichkeit kann wohl wie ein Stück frisches knuspriges Brot schmecken.

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11SEP2024
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„Stolpersteine!“ Hinter mir höre ich jemanden rufen. Ich drehe mich um und sehe, wie ein kleines Mädchen seine Mutter zurückzieht. Vor einem Hauseingang hat sie Stolpersteine entdeckt. Gemeinsam beugen Mutter und Tochter sich über die Messingsteine im Boden. Und dann liest die Mutter ihrer circa sechsjährigen Tochter vor, was sie auf den Steinen lesen kann. Einen Moment noch bleiben sie stehen, dann gehen sie weiter, an mir vorüber. Und ich höre, wie sie überlegen: Wie alt waren die Menschen, als sie aus diesem Haus deportiert wurden? Und: Wie lange haben sie danach noch gelebt?

Beim Zuschauen habe ich mich ertappt gefühlt. Ich gehe dort oft an diesem Haus vorbei, aber wahrgenommen habe ich die Steine nicht. Unzählige Male muss ich schon über sie hinweggesehen haben. Ich habe mich gefragt: Warum eigentlich? Stolpersteine sollen ein Hingucker sein. Sie sollen auffallen und uns unterbrechen, uns innehalten lassen. Stolpersteine sollen uns zeigen: Hier haben Menschen gelebt, die von den Nationalsozialisten deportiert und vielfach auch ermordet wurden. Menschen wie Sie und ich. Die Lebensgeschichten dieser Menschen sollten wir nicht vergessen.

Ich denke, ich bin nicht die Einzige, die die Stolpersteine im Alltag oft nicht wahrnimmt. Viele Schicksale geraten in Vergessenheit. Ein Gedanke aus der Bibel tröstet mich: Gott hat die Namen aller Menschen in das Buch des Lebens geschrieben. Kein einziger Name geht verloren oder gerät in Vergessenheit. Gott weiß um jede und jeden Einzelnen. Damals wie heute.

Das Mädchen mit ihrer Mutter hat mich beeindruckt. Mit Nachdruck hat sie ihrer Mutter gezeigt: Hier sind Stolpersteine, hier müssen wir hinsehen. Anscheinend ist es der Mutter – oder auch den Lehrerinnen und Lehrern – gelungen, dem Mädchen gut zu erklären, was es mit den Stolpersteinen auf sich hat. Und wie wichtig sie sind. Ich habe mir vorgenommen: Ich will heute Ausschau halten, nach Stolpersteinen und Lebensgeschichten, die nicht nur bei Gott gut aufgehoben sein sollen. Denn auch ich kann sie erinnern und von ihnen erzählen. Heute. Und an jedem anderen Tag.

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10SEP2024
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Neulich habe ich einen Satz in der Bibel entdeckt, an den ich seitdem immer wieder denken muss. „So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den Herrn, euren Gott, zu suchen.“ Mir gefällt diese klare Aufforderung: Sucht Gott.

Dabei könnte man ja meinen: Christen sollten doch wissen, wo Gott ist. Und wo sie ihm begegnen können. In Kirchen zum Beispiel, oder auch zu Hause, wenn sie beten.
Ich glaube aber, das stimmt so nicht. Denn ich habe schon die Erfahrung gemacht, dass ich nicht weiß, wo ich Gott begegnen kann. Wenn ich sonst das Gefühl hatte, mich Gott anvertrauen zu können, ging es einfach nicht mehr. Wo ich mich Gott sonst nahe wusste, war er für mich plötzlich unerreichbar. Manchmal traf mich das ganz unerwartet. Aber ich glaube: Diese Erfahrungen gehören zum Glauben dazu. Ich kann Gott weder festhalten noch bestimmen, wie ich ihn erlebe und ihm begegne. Mein Glaube ist durch diese Erfahrungen nicht der Gleiche geblieben. Er verändert sich mit mir und mit dem, was ich erlebe. Wie gut, wenn sich da auch die Wege ändern, wie ich Gott begegnen kann. Umso dankbarer bin ich heute für besondere Gottesmomente.

„So richtet nun euer Herz und euren Sinn darauf, den Herrn, euren Gott, zu suchen.“ Noch etwas gefällt mir an dieser Aufforderung: Um Gott zu suchen, braucht es offensichtlich Verschiedenes. Zum einen braucht es meine geschärften Sinne. Und: Es braucht auch mein Herz. Für die Menschen zur Zeit des Alten Testaments war das Herz der Ort, an dem sie den Verstand verortet haben. Um Gott zu suchen, braucht es also auch kluge Gedanken. Ich mag die Idee, über Gott viel nachdenken zu können. Für uns heute steht das Herz für das Gefühl. Liebe fühle ich im Herzen, aber auch Sehnsucht, Trauer oder Einsamkeit. Und ich meine: Auch die Gefühle brauche ich, um etwas von Gott zu erfahren. Denn Gott finde ich nicht allein mit klugen Gedanken und der Glaube ist mehr als eine Anleitung zum richtigen Handeln. Mein Glaube braucht Gefühle. Die der Nähe – und die der Ferne. Damit ich mich immer wieder neu auf die Suche mache nach Gott.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

09SEP2024
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Es gibt bestimmte Momente, da fühle ich mich frei. Beim Fahrradfahren zum Beispiel. Nicht, weil für mich als Radfahrerin keine Verkehrsregeln gelten und ich fahren kann, wie ich will. Mein Gefühl der Freiheit kommt woanders her.

Seit ich denken kann, fahre ich Fahrrad. Auch heute fahre ich zu fast allen Terminen mit dem Rad. Und später, wenn ich Feierabend habe, liebe ich es, noch eine Runde mit dem Fahrrad zu drehen. Ich trete in die Pedale. Der Wind weht mir durch die Haare. Und ich lasse hinter mir, was war. Räumlich nehme ich Abstand mit jedem gefahrenen Meter und auch innerlich gewinne ich Abstand. Was mich am Tag über beschäftigt hat, geht mir noch einmal durch den Kopf. Ich denke an das, was schön war und worüber ich mich gefreut habe. Oft merke ich dann, dass ich dafür dankbar bin. Ich denke auch an das, was weniger schön war. Ich mache meinem Unmut Luft und trete etwas kräftiger in die Pedale. Und mit der Anstrengung verfliegt, was mich vorher noch betrübt hat.

An vielen Abenden fahre ich am Rhein entlang oder über die Felder – da weitet sich mein Blick ganz von allein. Beim Fahrradfahren fällt von mir ab, was heute war. Und dann ist da Platz für neue Gedanken. Sie fliegen mir beim Fahrradfahren zu. Und ich komme dann heim mit neuen Ideen, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Das Fahrradfahren befreit und beflügelt mich.

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Betet ein Mensch in der Bibel zu Gott. Daran muss ich oft denken, wenn ich mit dem Fahrrad unterwegs bin. Denn so erlebe ich es auch. Gott hat mich mit weitem Raum beschenkt. Auf dem Fahrrad fühle ich mich frei und kann den weiten Raum vor mir erkunden. Die Weite und die Freiheit jagen mir keine Angst ein. Ich fühle mich nicht verloren oder einsam. Im Gegenteil: Ich weiß: Ich bin nicht allein. Gott hat meine Füße auf weiten Raum gestellt und ist mit mir auf allen meinen Wegen.

Ich wünsche Ihnen auch solche Freiheitsmomente – beim Fahrradfahren oder wo immer Gott Ihre Füße auf weiten Raum stellt.

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

08SEP2024
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Heute ist ein besonderer Tag. Heute öffnen sich Türen, die sonst verschlossen bleiben. Denn heute, am zweiten Sonntag im September, ist der Tag des offenen Denkmals. Jedes Jahr lädt dieser Tag dazu ein, besondere Gebäude überall in Deutschland zu besichtigen. Hier in Mainz kann man zum Beispiel die neue jüdische Synagoge oder manche Kirche bei einer Führung besser kennenlernen. Aber auch andere Häuser, öffentliche oder private, öffnen ihre Türen. Bei der Gelegenheit habe ich schon etliche Male besondere Orte entdeckt und wurde vom Inneren und der Geschichte der Häuser überrascht.

Dass auch viele Kirchen heute am Tag des offenen Denkmals ihre Türen öffnen, wundert mich nicht. Schon in der Bibel wird gerne gebaut. Natürlich keine Denkmäler, wie wir sie heute kennen. Aber doch so etwas in der Art. Da ist zum Beispiel Noah. Sobald er nach der verheerenden Sintflut wieder festes Land unter den Füßen hat, baut er einen Altar. Oder Jakob. Eines Nachts ringt und kämpft er mit jemandem. Erst später begreift er, dass er mit Gott gerungen hat. Dem Ort seines Kampfes gibt er einen neuen Namen: Pnuël, das heißt: Angesicht Gottes. Denn Jakob sagte: »Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen

und bin am Leben geblieben.« Was ihm passiert ist, sollten alle wissen. Das waren Denkmäler auf ihre Art. Sie zeigen: Hier ist ein besonderer Ort. Hier ist etwas geschehen, das auf keinen Fall in Vergessenheit geraten soll.

Auch dem Tag des offenen Denkmals geht es darum, die Erinnerungen wach zu halten. An Zeiten und Menschen, die unsere Orte geprägt haben. Einzelne Menschen, die unglaublich viel Energie aufgebracht haben, um die Sehenswürdigkeiten von heute zu errichten oder zu bewahren. Manche Denkmäler erinnern auch daran, dass es in unserer Geschichte schwierige Kapitel gibt. Sie weisen uns heute darauf hin, aus der Vergangenheit zu lernen.

Der Tag des offenen Denkmals schärft unseren Blick. Er lädt ein, genauer hinzusehen. Welche besonderen Orte gibt es hier in der Gegend? Und welche Denkmäler habe ich noch gar nicht als solche wahrgenommen?

Wie auch immer Sie den Tag verbringen, ich wünsche Ihnen heute viele offene Türen.

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