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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP
Raphael mag Worte. Das war immer schon so, solange er sich erinnern kann. Schon als Jugendlicher hat er gern Geschichten geschrieben. Nicht dass er in Schulaufsätze immer gute Noten hatte, eher im Gegenteil, aber er traute den Worten zu, dass sie gute Geschichten erzählen können. Noch bevor er so richtig wusste, ob sein Talent auch ein Beruf sein kann, hat er schon für Werbe-Agenturen getextet und eine ziemlich erfolgreiche Kampagne für eine große Firma gewonnen.
Raphael arbeitet inzwischen freiberuflich als Texter. Manchmal fließen ihm die Worte ganz leicht aus den Fingern in die Tastatur seines Laptops, mal muss er länger suchen und an den Sätzen feilen. Wenn er für Homepages, Portfolios oder Werbeflyer textet, dann auf den Punkt. Blabla oder plumpes Verkaufen-Wollen mag er nicht. Dafür sind ihm die Worte zu schade.
In letzter Zeit bemerkt er, dass die Werbe-Aufträge für ihn weniger werden. Firmen, die ihn früher immer gebucht haben, melden sich seltener. Er hat jetzt eine große Konkurrentin: Die KI, künstliche Intelligenz. Die KI schreibt überraschend gute Texte. Das muss sogar Raphael zugeben. Verrückt, was Technik alles kann.
Er hat sich inzwischen mit ihr verbündet, lässt die KI seine Texte korrigieren, gelegentlich auch optimieren. Aber: Er lässt seine Texte nicht schreiben. Dafür sind ihm die Worte zu schade.
Manche feiern die KI wie ein Wunder. Sie kann Texte schreiben, sie löst Aufgaben in Sekunden, für die Menschen Stunden brauchen. Sie könnte auch diesen Radiobeitrag geschrieben haben. Sie macht Forschung möglich in lebensrettenden Bereichen.
Sie schreibt, produziert, aber: Sie mag nicht die Worte wie Raphael. Sie kann optimieren, aber sie kann keine Wunder bewirken.
Es macht einen Unterschied, ob einer, der Geschichten erzählt, Worte und das Leben liebt. Ob eine, die den Frieden erforscht, auch selbst hofft. Ob einer, der Menschen pflegt, um Grenzen weiß. Oder ob eine, die Kinder begleitet, über sich selbst lachen kann. Es macht einen Unterschied, ob wir mögen, was wir tun.
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Mitten auf dem Rasen in einem großen Park steht es, das Karussell. Es hat ein bunt gestreiftes Dach, das aussieht wie ein kleines Zirkuszelt. Als Karusselltiere baumeln außen kleine Pferde. Die Pferde sind aus aufgeschnittenen Autoreifen und aus Lederresten gefertigt, haben einen Sattel aus rotem Stoff und Griffe aus groben Tauen zum Festhalten.
Erst als ich genauer hinsehe, sehe ich Linda. Sie sitzt in der Mitte des Karussells unter dem Zeltdach. Dort tritt sie in die Pedale wie auf einem Fahrrad. Sie strampelt, damit das Karussell sich dreht. Über ihr in der Zeltdach-Mitte hängt eine kleine Glocke. Damit bimmelt sie, um auf sich aufmerksam zu machen. Wenn ein Kind stehen bleibt, springt sie ab und hebt es auf eins der Autoreifen-Pferde. Dann strampelt sie weiter.
Und: Linda singt. Sie singt nicht laut, eher wie für sich selbst, mit so einer sanft-kräftigen Stimme, die das Drehen des Karussells begleitet. Wenn ein Lied zu Ende ist, greift sie in ihre Tasche am Gürtel und holt Seifenblasen raus. Linda pustet sie ins Karussellrund, fast macht sie es heimlich, damit die Kinder gar nicht merken, woher die Seifenblasen kommen.
Linda ist Studentin und hat mit Freunden zusammen das Karussell selbst gebaut. Reich wird sie nicht damit. Es ist kein Studentinnen-Job, mit dem sie ihre Wohnung bezahlen könnte. „Nein“, lacht sie, als ich sie darauf anspreche, „es bringt mir gar nichts. Außer ein bisschen Training der Oberschenkel vielleicht!“
„Es bringt mir gar nichts“, sagt sie und ihre Augen, die vor Freude blitzen, sagen genau das Gegenteil. In diesem Karussell ist so viel Liebe zum Detail und es ist herrlich unperfekt.
Viele Erwachsene wie ich sind stehen geblieben und schauen Linda und den Kindern auf dem Karussell zu. Es gibt Dinge, die machen gute Laune, einfach weil es sie gibt. Weil Linda das einfach macht. Aus Autoreifen werden Karussellpferde. Aus einem Tag im Park wird ein Lächeln darüber, was Menschen einfach für andere Menschen tun.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=42641SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Ich bin zu Besuch bei einer Familie, deren Sohn ich taufen werde. Nebenan im Wohnzimmer hören wir Lilly, die große Schwester des Täuflings. Sie ist fünf und hat Spielbesuch von ihrer Freundin Maya. „Was ist eigentlich deine Lieblings-Superkraft von Jesus?“, fragt Lilly ihre Freundin. Aber bevor, die auf die Frage antworten kann, legt Lilly selbst los: „Ich find super, dass er machen konnte, dass lahme Leute wieder gehen können. Das wäre für meine Uroma gut. Die sagt immer, dass sie immer lahmer wird!“ „Macht doch nix“, sagt Maya, „das ist eben bei Uromas so.“ „Aber meiner Omi gefällt das nicht. Und wenn ihr was nicht gefällt, dann kriegt sie schlechte Laune.“
Die beiden Mädchen kommen jetzt rüber zu uns Erwachsenen, nehmen sich ein Stück Melone vom Teller, Lilly schaut mich an und platzt raus: „Was ist deine Lieblings-Superkraft von Jesus?“
Zum Glück hatte ich durch das heimliche Lauschen vorher etwas Vorsprung zum Nachdenken und antworte: „Dass Jesus Wasser in Wein verwandeln konnte“. Die Erwachsenen lachen, die Kinder sind nicht richtig beeindruckt. Ich erzähle die Geschichte vom Hochzeitsfest, das beinah schiefgegangen ist, weil der Wein ausgegangen war, und von Jesus, der Wasser in Wein verwandelt. Die Kinder sind am Ende enttäuscht: „Da ist ja gar keiner gesund geworden.“
Es stimmt, vom Wunder bei der Hochzeit hängt weder Leben noch Gesundheit ab. Die Brautleute hätten sich blamiert, die Gäste hätten auf dem Trockenen gesessen. Aber daran stirbt man nicht. Fast wirkt es wie ein kleines Luxus-Wunder. Trotzdem war sich Jesus offenbar nicht zu schade dafür. Es ist ein herrlich überflüssiges Wunder.
Häufig erwarten, erflehen wir Wunder in den Grenzbereichen des Lebens, hoffen auf Rettung, Heilung. Wie sollten wir auch nicht? Ich glaube, genau da ist Gott.
Aber dann und wann, dann geschieht das Wunder mitten am Tag. In diesen ganz „normalen“ Situationen, die eigentlich zu klein sind für ein Wunder, denken wir. Wo ich schlicht überfordert bin, weil nichts so läuft wie gedacht. Wo ich – wie Lillys Uroma - schlechter Laune bin, weil ich lahmer bin als ich sein will.
Es gibt auch diese herrlich überflüssigen Wunder, einfach damit das Leben wieder schmeckt.
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„Der ist noch nicht mal aufgestanden! Die haben einfach keinen Anstand mehr!“ Ein älterer Herr ruft das erbost dem Busfahrer zu, als ich ihn aus dem Bus aussteigen sehe. Was passiert ist, lässt sich ahnen, ich sehe eine Gruppe Jugendlicher im Bus weiterfahren. Mir fällt direkt eine Bekannte ein, die umgekehrt neulich erzählt hat, dass im Wartezimmer beim Arzt ein junger Mann für sie aufgestanden ist. Da war ihr erster Gedanke: Hui, jetzt isses soweit, ich seh alt aus.
Wir stehen auf, wenn wir jemanden begrüßen. Aus Respekt und auch wegen der Augenhöhe. Wir stehen auch auf, wenn wir auf einer Bühne Großartiges erlebt haben. Als Charlie Chaplin den Oscar für sein Lebenswerk bekam, gab’s Standing Ovations – 12 Minuten lang.
Für wen würde ich aufstehen? Und jetzt meine ich weder im Bus, in der Straßenbahn oder vor einer Bühne. Für wen stehe ich – innerlich – auf? Der eine mag antworten: „Vor meinen Großeltern stehe ich auf. Mein Großvater hat vier politische Systeme erlebt und war bis zuletzt einer, der nicht im Gestern hing, sondern immer den nächsten Schritt gegangen ist“. Eine andere sagt: „Mein Ausbilder in der Lehre als Schreinerin. Das war ungewöhnlich damals. Sein Betrieb war eigentlich viel zu klein, um mich auszubilden. Ich glaub, er hat’s gemacht, weil er gemerkt hat, dass ich sonst vielleicht hinschmeiße und weiter von mir denke, dass ich eh nix kann.“ „Ich stehe innerlich auf für Menschen“, sagt einer, „die mit einer schwierigen Situation umgegangen sind, von der ich nicht weiß, ob ich das geschafft hätte.“
Und eine ergänzt - sie arbeitet in einem Kindergarten: „Vor diesen kleinen großartigen Menschen stehe ich auf. Nicht weil sie etwas Besonderes leisten. Sondern weil sie so viel schaffen: Das Leben schaffen und das Großwerden. Spielend.“
Geschichten vom Aufstehen erzählen wir in der Osterzeit. Heute am Samstag, wo viele etwas länger liegen bleiben können, stehe ich innerlich auf für diejenigen, die längst hellwach sind. Die von einer Nachtschicht heimkommen. Für alle, die jetzt gerade Sterbende begleiten. Und besonders für die, die mit Ängstlichen heute im Morgengrauen schon gelacht haben. Ich nutze den Samstag, um einen Moment länger beim Kaffee die Füße hochzulegen und innerlich für sie alle aufzustehen.
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Margret sitzt auf einem hellgrauen Sofa als ich komme. Ein riesiges graues Sofa, ganz niedrig. Es wirkt durchgesessen so als hätten schon viele Kinder drauf geturnt und viele Leute drauf Platz genommen. Der Sohn hat mir die Tür aufgemacht. „Ich bleib mal sitzen“, sagt Margret, die eigentlich Margarethe heißt.
Sie war früher Turnerin. In den 50er Jahren. Ein Foto von einer Frauenmannschaft in Turnerinnentrikots hängt an der Wand. Sie sagt: „Holen Sie das mal!“. Dann klopft sie auf den Platz neben sich. Ich sinke neben ihr ins Polster und muss richtig lachen, weil’s echt durchgesessen ist, das Sofa.
Sie nimmt mir das Foto aus der Hand und fängt an zu erzählen - aus dieser Zeit mit all den anderen. Sie erzählt von Salto und FlicFlac. Und während sie erzählt, sehe ich ihre Füße in den dünnen Nylonstrumpfhosen, denn sie hat keine Schuhe an. Es ist als würden sich die Zehen immer wieder leicht vom Boden abheben, vom plüschigen Teppich unter ihren Zehen. Wir sprechen noch ein bisschen weiter und irgendwann sagt sie: So, junge Frau, jetzt helfen Sie mir mal hoch!
Ich muss selbst zweimal Anlauf nehmen, dass ich aus dem Sofa hochkomme. Dann greift sie meine Arme und zieht sich routiniert an mir hoch.
„Ich find immer einen, der mich hochzieht!“ Sagt’s und lässt sich wieder zurückfallen: „Sie finden ja allein zur Tür?“
Es ist eine besondere Sache mit dem Aufstehen. Viele Male mögen wir im Leben darniederliegen. Innerlich und tatsächlich. Bei Margret denke ich mit einem Mal:
Ihre Füße haben nichts vergessen. Und ihre Seele auch nicht.
Kann sein, dass ihr Körper kaum mehr aus dem Sofa hochkommt, aber sie turnt noch. Man sieht es an ihren Füßen. Und sie kommt aus dem FlicFlac in den Stand.
Könnte doch sein, dass diese ganze Sache mit dem leeren Grab und der Auferstehung nur die eine Botschaft hatte: Egal wie sehr uns das Leben manchmal umwirft, nein, natürlich nicht egal, das ist schon das Erste: Es ist nicht egal, ob dich das Leben umgeworfen oder lahm gemacht hat. Aber auch wenn das so ist: Unsere Füße und Herzen und Seelen wissen noch: Leben sollt ihr. Turnen. Und immer einen haben, der euch aus dem Sofa hochzieht. Mit Kraft.
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Wenn Karin übers Aufstehen redet, dann hat das immer einen besonderen Klang. Karin ist querschnittgelähmt seit einem Unfall. Wenn sie morgens aufsteht, dann um sich aus dem Bett in den Rollstuhl zu schwingen. Sie sagt immer „schwingen“, weil das eleganter klingt als hieven. Karin lacht viel. Auch über sich selbst. „Das ist mein Glück, dass mir das Lachen näher liegt als das Schimpfen.“ Karin ist Ende 50. Ich kenne sie von früher und sehe sie nach Jahren auf einem Foto in der Zeitung wieder. Sie ist auf einer Demo von Fridays for Future und an ihrem Rollstuhl hat sie ein Schild: „Aufstehen hat nichts damit zu tun, ob du stehen kannst, sondern ob du Rückgrat hast!“. Für die Demokratie-Demos der letzten Monate hat sie’s wieder rausgeholt. Und ist mit vielen anderen aufgestanden, im Rollstuhl sitzend.
Von Karin habe ich gelernt, dass Menschen, die physisch nicht stehen können, nicht unbedingt bemitleidenswert sind. Sie sind nicht behindert, sie haben eine Behinderung. Mehr noch: Sie werden behindert. Weil von Supermarkt bis Behörde oder Busfahren ihre Bewegungsfreiheit behindert wird.
„Weißt du, alle haben diese Bilder vor Augen, angefangen von der Kinderstory, dass Heidi, die aus den Bergen, ihre Freundin Klara darin unterstützt, dass sie wieder laufen kann. Am Ende läuft Klara. Und das ist das Happy End. Und Jesus, euer Jesus, er heilt andauernd Menschen, so dass sie wieder sehen, laufen, reden. Das nervt.“
Karin liebt Ostern. Sie liebt das Wort „Auferstehung“. Da geht’s um Rückgrat, nicht ums Stehen-Können.
Die ersten Christinnen und Christen haben sich dafür eingesetzt, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. In einer Zeit, in der das politisch nicht nur völlig abwegig, sondern auch gefährlich war.
Karin bringt allen Augenhöhe bei, obwohl sie aus ihrer Position die meisten so schräg von unten ansieht. Manchmal auch angrinst. Und es immer hasst, wenn sich jemand zur ihr runterbeugt. Augenhöhe hat nichts mit Runterbeugen zu tun.
Karin liebt Ostern. Sie liebt Auferstehung. Denn da geht’s um Rückgrat.
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Timo ist kein Frühaufsteher. Noch nie gewesen. Timo ist keiner von denen, die schon mal Kaffee anstellen und dann, während der durchläuft, Brötchen holen.
Schon als Jugendlicher ist er nicht gern aufgestanden. Nach dem Wecker-Piepsen ist er liegen geblieben, hat das Rufen seines Vaters ignoriert: „Aufstehn!“, und hat innerlich angefangen zu rechnen: „Wie viele Minuten kann ich noch im Bett bleiben, damit es zum Anziehen und, na gut, zum Waschen noch reicht, um noch eine Banane auf dem Weg zu essen und den Bus noch zu erreichen.“ Timo kannte seine Zeit genau. Und hat nie den Bus verpasst.
Trotzdem kennt Timo das Morgengrauen. Schon damals ist er manchmal im Morgengrauen aufgewacht. Er weiß noch, dass er immer im ersten Moment erleichtert war beim Blick auf die Uhr: „Ah, zum Glück, ich kann noch liegen bleiben.“ Gleich darauf kamen aber die Gedanken an den Tag. „Ah, die Mathearbeit“. Er kennt dieses Gedankenkarussell im Morgengrauen. Und hat lange gedacht, dass das nur ihm so geht.
Warum ist das so, dass manchmal morgens zwischen Traum und Tag, zwischen Nacht und Morgen Probleme so viel größer sind und der Mut so viel kleiner?
Im Morgengrauen war’s, dass sie ans Grab von Jesus kommen. Sie sind traurig. Wie sollten sie auch nicht? Sie besuchen das Grab von einem Freund im Morgengrauen. Diese Zeit zwischen Traum und Tag, zwischen Nacht und Morgen. Diese Zeit, in der uns manches vom Vortag so schmerzlich einfällt, dass es viel größer wird als gestern. Diese Zeit, in der der Mut klein ist und die Angst groß?
Ins Morgengrauen hinein haben Menschen – oder war’s Gott? – Auferstehung erzählt. Gerade nicht, um einfach zu rufen: „Aufsteh’n!“, als sei das Grauen im Morgengrauen so einfach loszuwerden. Dass Jesus auferstanden ist, ist keine Aufforderung an uns. Es ist der Anfang von jedem Tag, der kommt: Es ist dein Tag und Gott darin.
Trotzdem heißt die Sache mit der Auferstehung zum Glück nicht, dass wir extra früh aufstehen müssten, um das Leben zu atmen. Manchmal ist’s auch schön, wenn schon jemand anderes Kaffee kocht und Brötchen holt, während ich liegenbleibe und mit dem Wecker verhandle.
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Als ich Paulus‘ berühmte Worte zum ersten Mal hörte, wusste ich noch nicht, dass sie von ihm sind. Und auch nicht, dass sie in der Bibel stehen. Sie kamen damals aus dem Mund einer Frau, die in der Wohnung unter meiner Oma wohnte: „Da rede ich mit Engelszungen. Mit Engelszungen! Und was passiert? Nichts!“ Als Kind hatte ich ein bisschen Angst vor ihr, weil sie immer schnell böse wurde und ihre Stimme dann laut war. Noch dazu im Treppenhaus, wo alle Stimmen laut sind. „Mit Engelszungen! Und was passiert? Nichts!“ Es ging darum, dass wir die Schuhe schon an der Haustür unten ausziehen sollen, wenn wir zu Oma und Opa kommen, die oben wohnten. Das machten wir nicht gern, weil die Stufen im Treppenhaus kalt waren. Unsere Oma war auf unserer Seite. Und ich vermute, dass sie daraufhin getan hat, was sie immer tat: Sie hat mit der Nachbarin gesprochen, mit Engelszungen. Vielleicht beim Kaffee oder gar beim Likör. Und sie hat’s hingekriegt.
Später sind mir Engelszungen wieder begegnet und ich habe kapiert, dass sie in der Bibel stehen. „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen reden würde und hätte die Liebe nicht, würden alle meine Worte verhallen“, sagt Paulus sinngemäß im Korintherbrief (1. Kor 13,1).
Miteinander zu reden kann wie ein Schlagabtausch sein. Reicht ja auch manchmal, um Positionen deutlich zu machen. Aber wenn’s um Verständigung geht, also vielleicht darum, etwas ein für allemal aus der Welt zu schaffen. Oder darum, gemeinsam an einem Strang zu ziehen, obwohl die Positionen unterschiedlich sind - um echte Verständigung also -, dann hilft es nicht, nur die eigene Position zu benennen. Auch nicht mit Engelszungen. Es ist nötig, dass ich mich in mein Gegenüber hineinversetze. Hineinversetzen in die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Paulus nennt das Liebe. Menschenliebe, die beinhaltet, andere Sichtweisen wahrzunehmen.
Zwischen meiner Oma und der Nachbarin wurde es nie die große Liebe. Aber was die beiden ausgezeichnet hat: Sie konnten erkennen, wenn die andere ein Herzensanliegen hatte. Und dann auch mal nachgeben. Und Enkel sind immer Herzensanliegen für Omas.
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Nils und Thomas kennen sich seit 30 Jahren. Damals haben sie sich über eine Kontaktanzeige kennen gelernt. Da gab’s noch ganze Seiten voll Kontaktanzeigen. Und die Rubrik „Er sucht ihn“ war kurz, bisschen verschämt in einer Zeitungsecke. Sie liebten sich wirklich, aber nicht auf den ersten Blick, dazu waren sie zu vorsichtig. Zu heiraten hieß für die beiden ein paar Jahre später, dass sie ihre Lebenspartnerschaft haben eintragen lassen. Damals in einem Raum des Ordnungsamts. Nicht auf dem Standesamt. Es war ihnen egal. Den Ringen, die sie ab sofort trugen, sah man das auch nicht an.
Nils liebt an Thomas, dass bei ihm immer das „Glas halb voll ist“. Und Thomas liebt an Nils, dass er sich so richtig von Herzen aufregen kann. Manchmal für ihn mit, wenn ihm mal wieder die Wut im Hals stecken geblieben ist.
Nils nervt an Thomas, dass er immer und überall das Licht anlässt und umgekehrt nervt Thomas, dass Nils es immer ausmacht. Es ist also ein Alltag wie überall. Und Liebe.
Wenn die beiden sich streiten und mal eine Zeit lang Funkstille zwischen ihnen ist, gibt’s immer noch Menschen in ihrem Umfeld, die sagen: War ja klar, zwei Männer sind einfach nicht zum Zusammenleben bestimmt.
Deshalb hatten sie lange Zeit das Gefühl, dass sie’s – zumindest nach außen - eine Spur perfekter hinkriegen müssen als andere Paare.
Heute ist Valentinstag. In vielen evangelischen und katholischen Gemeinden finden heute Abend Gottesdienste und Segnungsfeiern statt. Heute, am Valentinstag, geht’s darum, dass Gott uns als Menschen geschaffen hat, die sich mit anderen in Liebe verbinden. Als Liebende.
Und heute ist ein guter Tag sich an Alltag und kleines und großes Glück zu erinnern, an Sich-Ergänzen und Sich-Auf-die-Palme bringen. Es ist ein Tag für Segen.
Der Segen Gottes hilft übrigens vermutlich nicht, damit Liebe unverwundbar ist. Oder um die Sache mit dem Zusammenleben noch perfekter hinzukriegen. Sondern eher, um sich bewusst zu machen, was für ein Glück es ist, zu lieben und geliebt zu werden.
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Rashid ist Krankenpfleger und hat einen Pflegedienst. Er betreut auch „Oma Lotti“. Rashid folgen auf Instagram fast 700tausend Leute. Und sie alle kennen auch Oma Lotti, eine über 90-jährige weißhaarige Dame. Sie wohnt in einer Wohnung mit hellen Küchenmöbeln. Dort sitzen sie und Rashid in den Videos meistens und trinken Tee. Manchmal bringt er Essen vom Abholservice eines Restaurants mit, manchmal sieht man sie einen Apfel schälen. Einmal hat er Baklava dabei, das Gebäck ist Oma Lotti zu süß – und sie kann es nicht verbergen, dass es ihr nicht schmeckt. Sie ist herrlich ehrlich. Er sagt ihr, dass ihre Haare heute besonders gut aussehen und sie lernt von ihm das Wort „Bad-Hair-Day“ für einen der anderen Tage, wenn ihre Haare vom Liegen hinten ganz platt gedrückt sind. Sie sagt ihm, dass sie seinen Vollbart mag, obwohl sie Männer mit Bärten eigentlich nie mochte.
Sie sind Gefährten auf Zeit, haben einander nicht ausgesucht. Und es hat sich gefügt, dass die beiden füreinander gut sind.
Erstaunlich selten reden sie über das, was Lotti nicht mehr kann, über Krankheiten oder Gebrechlichkeit. Rashid wirkt nie gestresst und sicherlich wird das, nach allem, was wir über die Realität von Pflege wissen, nicht ganz richtig sein. Trotzdem sind die Videos nicht geschönt. Sie sind: fünf Minuten Augenhöhe.
Häufig haben wir im Leben mit Menschen zu tun, die wir uns nicht ausgesucht haben, auf die wir aber irgendwie angewiesen sind. Das ist in der Pflege oder medizinischen Versorgung so, aber auch in Behörden oder in der Schule.
Immer wenn die Augenhöhe verlassen wird, wenn einer von oben herab schaut oder handelt, dann gibt’s diese Schieflage. Das passiert übrigens auch, wenn man’s gut meint.
„Frag mich bloß nicht, wie’s mir geht“, ruft Oma Lotti in einem der Videos Rashid schon an der Tür zu. „Erzähl mir lieber was Schönes!“
„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, stellt die Bibel ganz am Anfang fest. Vielleicht weil wir manchmal die Augen eines anderen in gleicher Höhe brauchen, um das Leben zu meistern.